07.04.2011

Jeder Zweite bleibt allein mit seinem Leid

Rund 100 Soldaten pro Kontingent kehren nach ihrem Einsatz mit einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) nach Deutschland zurück. Das sind - je nach Einsatzdauer - im Jahr zwischen 200 und 300 Frauen und Männer. Doch die Dunkelziffer ist weitaus größer, wie eine aktuelle Studie des Instituts für Klinische Psychologie der Technischen Universität Dresden zeigt.

Diese Dunkelziffer liegt bei rund 50 Prozent. Das bedeutet: Zu den 300 gemeldeten Fällen im Jahr 2009 kommen noch einmal 150 hinzu - 150 Alpträume und Flashbacks, 150 Schweißausbrüche, 150 Mal Verschlossenheit und Alleinsein mit dem Leid.

"Die Ergebnisse dieser Dunkelzifferstudie sind ein weiterer Beleg dafür, wie dringend notwendig intensive Maßnahmen zur Verbesserung der Behandlung und Betreuung von den an PTBS erkrankten Soldatinnen und Soldaten ist", sagt die sicherheitspolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Elke Hoff. "Deshalb muss die Bundesregierung nun eine zügige Umsetzung der durch den Bundestag einmütig beschlossenen Verbesserung der Einsatzversorgung sicherstellen. Dazu gehören unter anderem eine Absenkung des Schädigungsgrades von 50 auf 30 Prozent, eine Reduzierung der Bürokratie und das Einbeziehen der Familien in die Behandlung." Die Bundeswehr müsse dieser Aufgabe nach vielen Jahren als Einsatzarmee und zahlreichen Aufforderungen durch den Bundestag endlich nachkommen. "Insbesondere müssen auch Anträge auf Wehrdienstbeschädigung vom Dienstherrn schneller und nachvollziehbarer bearbeitet und beschieden werden", so Hoff.

Von geringer Quote nicht täuschen lassen
Neben den expliziten Traumata stellt die Dunkelzifferstudie einen weiteren Zusammenhang zwischen Einsatz und weiteren psychischen Leiden her: Soldaten, die einen Auslandseinsatz absolviert haben, weisen einen erhöhten Wert bestimmter Angstsymptome und Erschöpfungsmerkmale auf. Zwar kämen die deutschen Soldaten mit einer PTBS-Quote von rund zwei Prozent im Vergleich mit ihren britischen und amerikanischen Kameraden "gut" weg. Dennoch, so die Studie, dürfe dies "nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Einsätze nahezu ausnahmslos mit einem hohen Ausmaß von Belastungen verbunden sind." Rund 50 Prozent der untersuchten Soldaten hätten im Einsatz ein traumatische Erfahrungen gemacht, jeder Siebte gar drei oder mehr.

Angesichts dieser Zahlen spricht sich Burkhart Ehrlich, der für PTBS zuständige Vizepräsident des Reservistenverbandes, für die bestmögliche medizinische und psychologische Versorgung aus: "Ich befürchte sogar, dass die Dunkelziffer bei den Reservisten höher ist als bei den Aktiven, die ja direkt im Anschluss an den Einsatz von den entsprechenden Stellen bei der Bundeswehr betreut werden. Im zivilen Umfeld stellen sie jedoch erst nach einer Weile fest, dass etwas nicht stimmt", so Ehrlich. "Da wollen wir tätig werden mit den Spezialisten in unserer Arbeitsgruppe."

Grundlage der Studie war eine nach relevanten Merkmalen (unter anderem Einsatzort, Truppenteil, Dienstgrad) geschichtete Zufallsauswahl von 10.485 Isaf-Soldaten des 20. und 21. Kontingents des Jahres 2009.

"Ich konnte keine Kinder mehr sehen"
Das Deutschlandradio hat am Mittwoch in seiner Sendung "Ortszeit" einen Beitrag zur aktuellen PTBS-Statistik ausgestrahlt. Darin kommt ein 33 Jahre alter Marinesoldat zu Wort, der nach einem Flugzeugabsturz Kinderleichen bergen musste. "Ich konnte danach keine Kinder mehr sehen", sagt Alexander Friedrich, "ich wurde aggressiv. Meine Freundin hat mich zur Behandlung überredet."

Oberstarzt Dr. Peter Zimmermann, Leiter des Trauma-Zentrums des Bundeswehrkrankenhauses Berlin sagt: "Es gibt zu PTBS immer noch Inseln der Unwissenheit, wo alte Männerbilder aufrecht erhalten werden. Man(n) muss hart sein, darf keine Gefühle zeigen. Das finden wir nach wie vor in der Bundeswehr."
 
In dem knapp achtminütigen Beitrag kommen auch der US-amerikanische Botschafter Philip D. Murphy und der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages Hellmut Königshaus zu Wort. Sie alle waren Gast beim PTBS-Benefizabend des Reservistenverbandes am vergangenen Sonntag in Berlin. Auch die Bundestagsabgeordnete Karin Strenz MdB (CDU) berichtet auf der Startseite ihrer Homepage über den PTBS-Infotag.

Hier den Radiobeitrag anhören

Auch Radio Andernach berichtete:

Beitrag 1

Beitrag 2

Die komplette Studie zum Nachlesen
Sören Peters / Detlef Struckhof

Symbolfoto oben: Rund 300 Soldaten kehren pro Jahr
mit PTBS aus dem Einsatz zurück. Dazu kommen noch einmal
rund 150, die sich nicht in Behandlung begeben
(Foto: Gerd Altmann/pixelio.de)

Bild Mitte: Burkhart Ehrlich, für PTBS zuständiger
Vizepräsident des Reservistenverbandes (Foto: VdRBw)

Bild unten: Oberstarzt Dr. Peter Zimmermann,
Leiter des Trauma-Zentrums des BWK Berlin
(Foto: Reservistenverband)

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