27.09.2012

PTBS ist heilbar - Reservisten können Hilfestellung leisten

Studie: Jeder zweite PTBS-Erkrankte in Deutschland bleibt mit seinem Leid alleine. Im Gegensatz zu ihren Kameraden in anderen Nato-Staaten scheuen Betroffene hierzulande den Gang zum Arzt. Dabei ist die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) heilbar. Der neue Film "Schutzengel" von und mit Til Schweiger transportiert die Einsatz-Thematik in die Öffentlichkeit - das findet der Beauftragte für PTBS der Bundeswehr, Brigadegeneral Christof Munzlinger, hilfreich. Das Verbandsmagazin Loyal gibt mit der Oktober-Ausgabe ein Themenheft zu PTBS heraus.

Deutsche Soldaten scheinen die Erfahrungen im Einsatz besser verarbeiten zu können als ihre amerikanischen oder britischen Kameraden - zumindest auf den ersten Blick. Ein Vergleich zeigt: In den US-amerikanischen Streitkräften kehren zwischen neun und 20 Prozent der Soldaten mit einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) aus dem Einsatz zurück, bei den Briten sind es vier Prozent. In der Bundeswehr entwickelten nur 2,9 Prozent der in Afghanistan eingesetzten Soldaten eine behandlungsbedürftige PTBS, wie eine Studie der Technischen Universität Dresden ergeben hat. Das Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie hat dafür im Auftrag der Bundeswehr 1.483 Heimkehrer aus allen Teilstreitkräften und Organisationsbereichen der Bundeswehr zeitgleich befragt. Bezogen auf 10.000 Soldaten, die jedes Jahr auf einen durchschnittlich viermonatigen Isaf-Auslandseinsatz gehen, leiden 291 Soldaten in den zwölf Monaten nach Beginn ihres Einsatzes unter einer PTBS, darunter 89 Soldaten, die neu erkranken", fasst Psychologe Hans-Ulrich Wittchen gegenüber dem Wochenmagazin "Der Spiegel" zusammen.

Erkrankung tritt oft erst nach Jahren - also im Reservistenstatus - auf
Die Wissenschaftler befürchten aber eine weitaus höhere Dunkelziffer. Wie die Dresdner Forscher analysierten, sucht nur jeder Zweite, der unter PTBS leidet, professionelle Hilfe. Auch eine weitere Frage stellt sich, die für den Reservistenverband von Bedeutung sein wird: Was passiert, wenn PTBS nicht unmittelbar nach dem Einsatz diagnostiziert wird, sondern erst Jahre später? Dann sind Zeit- und Berufssoldaten möglicherweise längst aus der Bundeswehr ausgeschieden. Und die Möglichkeit, dass ehemalige Einsatzsoldaten auch lange nach der Auslandsverwendung ihre Erlebnisse noch nicht verarbeitet haben, ist durchaus gegeben: In der Dresdner Studie gab jeder Dritte an, Leichen oder Leichenteile gesehen zu haben. 32 Prozent waren mit verletzten und kranken Frauen oder Kindern konfrontiert, ohne ihnen helfen zu können. "Die große Welle kommt erst noch", sind sich viele Experten sicher. Sind die Betroffenen dann im Reservistenstatus, ist der Verband mit im Boot. Der Reservistenverband betreut im Auftrag des Deutschen Bundestages alle Reservisten der Bundeswehr. Da dieses Thema in der Gesellschaft immer stärker wahrgenommen wird - und sicherlich trägt auch der neue Film Til Schweigers "Schutzengel" dazu bei - hat der Verband Ende 2010 eine Arbeitsgruppe PTBS und Familienbetreuung gegründet. Der Beauftragte für posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) des Bundesministeriums der Verteidigung, Brigadegeneral Christof Munzlinger, lobt die Initiativen von Reservisten. "Sie können überall dort unterstützen, wo Hilfe gebraucht wird", sagt er im Interview mit dem Reservistenverband.

Erkennen, auffangen, weitervermitteln
Auch in diesem Zusammenhang ist der Verband ein wichtiger Partner der Bundeswehr. Wenn die Truppe nicht mehr die Hand über ihren Schützling halten kann, weil er inzwischen ausgeschieden ist, liegt es an seinem Umfeld, die Narben auf der Seele zu erkennen. Die Idee: Ein Bewusstsein schaffen, um den Kameraden auffangen und weitervermitteln zu können, sich verantwortlich fühlen für die Einsatzrückkehrer. Als Werkzeug dient eine Infobroschüre, die in den kommenden Wochen in einer Auflage von 50.000 Exemplaren verteilt werden wird. Ferner soll es einen Powerpoint-Vortrag geben, der Haupt- und Ehrenamtliche schulen soll. Die Stoßrichtung: Schon jetzt gut aufstellen und gerüstet sein! Was gerne vergessen wird: Nicht nur Soldaten, bzw. Reservisten mit Afghanistan-Erfahrung erkranken an PTBS, sondern auch Kameraden, die auf dem Balkan gedient haben. Mehr als 250.000 deutsche Soldaten haben sich seit Anfang der 1990er Jahre an Auslandseinsätzen der Bundeswehr beteiligt.

"Schutzengel" startet am heutigen Donnerstag
In der breiten Öffentlichkeit ist die PTBS-Problematik noch immer nicht vorgedrungen. Ein Schritt dorthin ist jedoch der Film "Schutzengel" von und mit Til Schweiger, der am heutigen Donnerstag in den Kinos anläuft. "Auch wenn ich den Film selbst noch nicht gesehen habe, halte ich es für gut, dass auch auf diesem Weg die Einsätze der Bundeswehr und die Thematik Tod und Verwundung als mögliche Folgen ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt werden", sagt Munzlinger.

Zum vollständigen Interview mit Brigadegeneral Christof Munzlinger.

Hier geht es zu einem Vortrag von Prof. Dr. Hans-Ulrich Wittchen von der Technischen Universität Dresden als PDF-Datei.

Zur aktuellen Loyal-Ausgabe, Oktober 2012, gelangen Mitglieder hier. (Achtung: Vor dem Anlicken der Verlinkung in der Community - dem geschlossenen Mitgliederbereich - anmelden!)

(spe) / (kob) / (dest) / (ts)

Symbolbild oben: Die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
greift die Seele der Erkrankten an
(Foto: Gerd Altmann, pixelio.de, Bearbeitung: Ralf Wittern).

Bild Mitte: Brigadegeneral Christof Munzlinger ist Beauftragter
der Bundeswehr für posttraumatische Belastungsstörungen von Soldaten
(Foto: Bundeswehr, Andrea Bienert).

Bild unten: Das Cover der PTBS-Broschüre des Reservistenverbandes.

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