Landesgruppe Baden-Württemberg

Aktuelles

25.02.2017

Beim Kalten Marsch ging der Pokal wieder in die Schweiz

Der militärische Vielseitigkeitswettkampf „Kalter Marsch“ in der und um die Bruchsaler General-Dr. Speidel-Kaserne am Eichelberg erfüllte wieder einmal in besonderem Maße die Erwartungen der Wettkämpfer. Durch seinen Anspruch bestätigte sich aber nicht immer deren jeweilige Selbsteinschätzung.
Die Grundanforderung an die Wettkämpfer beim Wettkampfteil Marsch erscheint eher schlicht: Erreiche innerhalb von vier Stunden einen neun Kilometer Luftlinie entfernten Ort. Anspruchsvoller wird dies erst durch die weiteren Umstände. Nach ausgegebener Lage waren die Wettkämpfer beim Auslandseinsatz gefangen genommen worden und befinden sich nun im Fußmarsch auf dem Weg in ein Gefangenenlager, als sich Gelegenheit zur Flucht ergibt. Da dies eine Stunde nach dem Eintritt völliger Dunkelheit geschah, der momentane Standort unbekannt war und der umliegende Wald eine Orientierung nach Rundumsicht merklich behinderte, wurde die Aufgabe etwas schwieriger und langwieriger. Hauptproblem aber war, dass auf dem weiteren Weg mit Wegsperren und Suchtrupps zu rechnen war, denen tunlichst auszuweichen war. Ein Aufgegriffen werden hätte im Ernstfall zumindest weitere verschärfte Gefangenschaft bedeutet, bewirkte im Wettkampf aber nur Punktverluste.

Marsch der Gefangenen ins Lager

Das zu durchquerende Gelände ist durch drei Bundesstraßen eingefasst und hat eine Fläche von 50 Quadratkilometern, wenn man die zu meidenden Ortschaften abzieht. Es besteht zu einem Drittel aus Wald und einem Drittel aus Äckern, der Rest aus Ortschaften, Wiesen und wenigen Weinbergen. Gewässer bilden keine wirklichen Hindernisse. Auf gut begehbaren Wegen war das Zusammentreffen mit motorisierten Suchtrupps wahrscheinlicher, der Marsch über Äcker aber beschwerlicher. Mit Ausweichen verdoppelte sich die Marschstrecke leicht, bei Orientierungsproblemen auch mehr. Der teilweise stürmische Wind überdeckte zwar die eigenen Marschgeräusche, unbeleuchtete Suchtrupps waren aber dadurch kaum oder erst spät erkennbar. Leichter war das bei motorisierten Suchtrupps, dafür auf Wegen ein Entkommen kaum möglich.
Ein Orientierung nach Sternbildern ließ die Bewölkung nicht zu. Der zeitweise sichtbare Mond war nur hilfreich, um die Marschrichtung leichter beibehalten zu können. Gut vorbereitete Wettkämpfer informierten sich vorab, dass der Halbmond gegen 19 Uhr im Süden und um Mitternacht im Westen stehen wird, bevor er gegen 1 Uhr unter geht.
Dieser Nachtphase waren bei Tag die Wertung an zwanzig Wettkampfstationen vorausgegangen. Vieles vertraute Aufgabenstellungen, aber oftmals mit Zusatzproblemen. So war an der San-Station eine über zwanzig Zentimeter lange und recht tiefe Schnittwunde unübersehbar und der „Verletzte“ wenigstens teilweise ansprechbar. Für eine knapp daneben liegende weibliche Person galt dagegen beides nicht.
Wertung Verwundetentransport mit Trage im Gelände, zum Schluss auch bergauf
Klarer die Situation an der nächsten Station beim Verwundetentransport. Nicht einer der Wettkämpfer war zu tragen, sondern alle vier Wettkämpfer zusammen eine mit 80 kg beschwerte Trage, was den Schwierigkeitsgrad für alle Mannschaften vereinheitlichte. Auf einer Runde über 300 Metern war auch ein schmaler Durchgang im Kriechgang zu bewältigen und die letzte Meter ging es steil bergauf.
An der folgenden Station waren Blindgänger zu finden. Nicht solche unter den Wettkämpfern, sondern UXO (Unexploded Ordnance, nicht explodierte Munition) die längs einer vorgegebenen Wegstrecke zu erkennen und zu bestimmen war.
Sobald ein Wettkämpfer am Ende des doppelten Seilsteges wieder festen Untergrund hat startet auf Zuruf der nächste Wettkämpfer
Der sich daran anschließende doppelte Seilsteg war nicht übermäßig lang oder hoch, ging aber etwas aufwärts. Kleinere Wettkämpfer mussten auf halber Strecke mehr hangeln als gehen oder sich an den beiden Gurten haltend fortbewegen.
Erfolgte die Bewertung bis dahin durch Beobachtung und Stoppuhr, so kam nun das Ausbildungsgerät Duellsimulator, kurz AGDUS, zum Einsatz. Das taktische, laserbasierte Waffentrainingssystem der Bundeswehr lieferte für „Schüsse“ mit der Panzerfaust 3 und der Panzerabwehrwaffe MILAN die Trefferzahlen. Ziel für die Panzerfaust war ein LKW leicht gl Wolf, wobei eine Entfernungsschätzung von 300 Meter zu knapp war, da diese 340 Meter betrug – nach späterer Luftbildauswertung. Das Ziel für die MILAN war im Gelände zwar gut anzusprechen, aber durch Tarnfarbe und 1150 Meter Entfernung mit bloßem Auge weniger gut erkennbar, wohl aber klar mit der Zieloptik.
Weiter ging es auf der Standortschießanlage mit kleinerem Gerät, aber nun scharfem Schuss und der einer Gefechtssituation angemessenen Bekleidung: Gefechtshelm und gewichtiger Splitterschutzweste. Dies ist zwar beschwerlich, doch war klar, dass letztlich nur die unter Gefechtsbedingungen erreichten Schussergebnisse zählen. Weitere Konsequenz war, dass beim Schießen mit der Pistole P8 auf einen ebenso ausgestatteten Angreifer zu schießen war, also nur die „Kopfschüsse“ auf der Scheibe zählen. Weitere Wertungen waren das Schießen mit dem Gewehr G36, dem Maschinengewehr MG3 und für viele erstmalig der Maschinenpistole MP7.
Für viele Wettkämpfer erstmalig: Schießen mit der Maschinenpistole MP7
Weiter mit Handwaffen ging es beim „Waffenmix“. In die zum Waffenreinigen üblichen Teile zerlegt und vermischt abgelegt waren ein Maschinengewehr MG3, die Gewehre G3 und G36 sowie die Pistolen P1 und P8 innerhalb von fünf Minuten funktionsfähig zusammenzusetzen.
Ebenfalls unter Zeitdruck waren in einem Videofilm zwanzig verschiedene militärische Fahrzeuge und deren Hauptbewaffnung zu erkennen, zehn Sekunden für jedes Fahrzeug, keine Zeit für eine nachfolgende Überprüfung. Da dies keine vier Wettkämpfer braucht, hatten die restlichen beiden derweilen aus einem vermischten Haufen aus Flaggen, Kokarden und Fotos von Soldaten diese ihren zwanzig Staaten zuzuordnen.
Sodann war auf der Hindernisbahn wieder Bewegung angesagt, mit Gefechtshelm und Rucksack, aber ohne Splitterschutzweste. An der Eskaladierwand – sprich Holzwand – zeigte sich, dass diese auch mit schwerem Rucksack überwunden werden kann, vorheriges Abnehmen und Hinüberwerfen aber schneller geht. Nach 225 Metern Hindernisbahn waren aus einer Stellung heraus Übungshandgranaten in drei über zwanzig Meter entfernte Stellungen zu werfen, die als konzentrische Ringe mit zwei und vier Metern Durchmesser gekennzeichnet waren. Das war zwar machbar, aber knapp daneben zählte nicht.
Machbar, aber weniger empfehlenswert: Überwinden der Holzwand mit schwerem Rucksack
Eine andere Art von Atemnot bewirkte anfangs die nächste Aufgabe, bei der die in einer Handkarte eingezeichneten taktischen Zeichen zu erklären waren.
Wer zuvor bei Panzerfaust und MILAN die Panzer dazu vermisste, konnte im Halbdunkel des Dachgeschosses seine Kenntnisse einsetzen. Modellbauer lenkten ihre ferngesteuerten Fahrzeugmodelle ins Blickfeld der Wettkämpfer, die mit Doppelfernrohr oder Zieloptik der Panzerfaust das Fahrzeug und dessen Abstand zu bestimmen hatten – maßstäblich gesehen. Als ein übergroßes Panzerfahrzeug überraschend ins Blickfeld kam, war „Mauspanzer“ die erste Vermutung. Es handelte sich aber nicht um ein Modell des Panzerkampfwagen VIII Maus, der 1943 nur als Prototyp mit 188 Tonnen gebaut wurde, sondern nur um ein Modell in anderem Maßstab.  
Auch auf der nächsten Station gab es Überraschungen, als ein Gebäude zu durchsuchen war. Die dort angebrachten Sprengfallen hätten im Ernstfall merkliche Verluste verursacht.
Das Aha-Erlebnis an der nächsten Station war für einige Wettkampftrupps, dass aus zwei kollidierten Fahrzeugen nicht allein ein kleiner Fahrzeugbrand zu löschen und die Fahrer zu retten waren, sondern auch ein auf der Rückbank durch Gepäck verschüttetes Kleinkind. Da die Unfallopfer nur Puppen waren, gaben diese dazu weder Hilfen noch Klagen von sich.
In Gegensatz zur Schießbahn waren die Ziele am AGSHP (Ausbildungsgerät Schießsimulator Handwaffen/Panzerabwehrhandwaffen) schwerer erkennbar und wenn doch erkennbar, dann sehr beweglich. Was mit Gewehr, Maschinengewehr und Panzerfaust zum Stillstand zu bringen war.
Die Station „Kooperation/Geschicklichkeit“ erforderte dies mit einer Aufgabe, die eher von Straßenfesten bekannt ist: „baue einen Kistenturm“. Für die 36 vorhandenen leeren Bierkisten hätte die Hallenhöhe und die Aufhängung der Sicherungsleine nicht gereicht. Hilfstürme mit Helfern darauf wären zwar hilfreich gewesen, waren aber nicht erlaubt, weil zu unsicher. Das Gleichgewicht zu halten war so etwa bis zur zehnten Kiste einigermaßen beherrschbar. Dann aber waren Wettkämpfer mit einem „schlanken Fuß“ im Vorteil, da die offenen Seitenflächen der Bierkisten als Steighilfe für Kampfstiefel eher zu klein waren.
Letzte Aufgabe der Tagesphase war im Motorraum eines LKW leicht gl Wolf drei Gründe für Startprobleme zu finden und abzustellen.
Nicht allein die Ausschreibung des Wettkampfes war international und bundesweit, sondern auch die ersten Plätze nach der Auswertung. In Wiederholung gewann die Mannschaft Commando Kurs aus der Schweiz mit deutlichem Abstand den ersten Platz. Es folgten mit Unterschieden im Nachkommabereich die Mannschaften der Kreisgruppe Kurhessen und die Wolfsjäger aus Berlin. Die beste Mannschaft aus dem Ländle kam von der Reservistenkameradschaft (RK) Weingarten/Baienfurt auf den siebten Platz und erhielt den dafür ausgelobten Wanderpokal. Den Sonderpreis Schießen erhielt die RK Großgeschaidt, dadurch beste der drei Mannschaften aus Mittelfranken. Der Sonderpreis für Hindernisse ging an die RK Marbach.
Die einzige weitere ausländische Mannschaft EUROCORPS CPCOY kam aus Frankreich. Außer aus Bayern, Berlin und Hessen stellten sich auch Mannschaften aus Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Thüringen dem Wettkampf. Die Landesgruppe Baden-Württemberg war mit zwölf Mannschaften aus sechs der neun Kreisgruppen vertreten.
Konnten die Mannschaften aus dem Ländle auch nicht ganz vorn oder immer durch Spitzenleistung glänzen, so ergibt sich für die Planung, Vorbereitung und Durchführung des Wettkampfes Kalter Marsch ein anderes Bild, „denn er zählt zu den besten, wenn nicht der beste und vielseitigste Wettkampf, den es in Deutschland gibt“, meint nicht allein Oberleutnant d.R. Lukas Heil von der RK Marbach und seine Wettkämpfer.

Johann Michael Bruhn

Fotos: Johann Michael Bruhn
 
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