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Aus der Truppe

In eisigen Gefilden – Gebirgsjäger üben wieder in Norwegen




Maschinengewehr auf Lafette beim Schießen auf lange Distanzen

Auch der „berühmt-berüchtigte“ Eissprung ist Bestandteil bei Eiskristall 2022

Kälte und Einsamkeit wird anhand dieser Aufnahmen spürbar und lässt die Schwere des Auftrages erahnen

Der Übungsplatz Ravatn in Nordnorwegen

Brigadegeneral Keller (re.) bei der Einweisung in die Schießübung

Alles Gute im neuen Dienstgrad

Bad Reichenhall, 23. Februar 2022 In eisigen Gefilden – Gebirgsjäger üben wieder in Norwegen

66° 33‘ Nord – Der Polarkreis. Eine magische geografische Linie, die das Nordland Skandinaviens von der Arktis trennt. In diesen Gefilden übte vom 2. bis 25. Februar 2022 die 4. Kompanie sowie die 1. Kompanie des Gebirgsjägerbataillon 231 den Einsatz im Norden Europas. Unterstützt wurden sie vom Versorgungsoffizier (S4) des Gebirgsjägerbataillons 232 sowie der 3. Kompanie des Versorgungsbataillons 8, vom Gebirgspionierbataillon 8, Sanitätssoldaten aus Bischofswiesen, Mittenwald und Füssen und dem Hochgebirgsjägerzug des Gebirgsjägerbataillons 233.

Seit 2017 ist dies, auf Grund von NATO Vereinbarungen, schon fast normal zu nennen. Doch wer im Hochwinter jenseits des Polarkreises übt, der lässt sich auf witterungstechnische Unbilden, schnelle Wetterumschwünge, eisige Kälte und vieles mehr ein.

Der Übungsplatz Ravatn liegt nahe der kleinen Ortschaft Overbygd, circa 40 Kilometer westlich der Stadt Bardufoss. Dort ist die Brigade NORD, die einzige Heeresbrigade der Norwegischen Armee stationiert. Der Übungsplatz Ravatn wird von Bergen mit einer Höhe bis zu 1.430 Metern umschlossen. Flüsse, Seen und weite Höhenrücken wechseln sich ab und durchschneiden die Landschaft. Die Bodenbewachsung ist der Arktis angepasst und als karg zu bezeichnen. Wenn es hier stürmt, dann sorgen unter anderem die eisigen Fallwinde für erhebliche Temperaturunterschiede.

Maschinengewehr auf Lafette beim Schießen auf lange Distanzen

Das zehrt an den Kräften. Doch im Gegensatz zu den „altvorderen Zeiten“ der 70er bis 90er Jahre des letzten Jahrhunderts, sind die Gebirgsjäger in Bezug auf die Bekleidung besser ausgerüstet, insbesondere wenn es gilt, in extremen klimatischen Bedingungen ihren Auftrag durchzuführen.

Bekleidung „Arktiksatz“

In diesem Bekleidungssatz finden sich alle Teile modernen Bekleidungsmanagement wieder, die in Teilen an Expeditionsausrüstungen erinnern lässt. Zum Beispiel der überschwere Stiefel, der in 3 Lagen so konzipiert ist, dass es kaum mehr zu kalten Füssen kommen kann. In sinnvoller Ergänzung zur normalen Uniform sind wattierte Jacken und Hosen, DER Kältedämmer überhaupt. Schlusspunkt setzt der moderne und atmungsaktive Schneetarnanzug, der mit vielen Taschen und Öffnungen immer wieder aufs Neue mit zweckmäßigen Innovationen überrascht und den Soldaten nach kurzer Distanz in der Landschaft optisch verschwinden lässt.

Mützen – Handschuhe – Socken, vielfach aus Merinowolle (60% Anteil) und vieles mehr wurden auf die extremen Bedingungen im hohen Norden Europas abgestimmt und damit dem Soldaten ein Paket an die Hand gegeben, das sich so mancher Veteran aus alter Zeit gewünscht hätte.

Doch was macht der Soldat, wenn er bei aller akribischer Vorbereitung durch eine tauende Eisschicht bricht und in das fast null Grad kalte Wasser fällt. Auch hier haben die Gebirgsjäger einen Ausbildungsschritt entwickelt, der als „Eissprung“ mittlerweile allen Insidern bekannt ist.

Brigadegeneral Keller (re.) bei der Einweisung in die Schießübung

Der Eissprung

Nachdem der Soldat sich nur noch mit dem Feldanzug bekleidet dem zugefrorenen See näherte, wurde er von einem Kameraden durch Bewegungsübungen auf „Touren“ gebracht. Das zuvor mit einer Kettenmotorsäge ausgesägte Loch (4x4m) schimmerte dunkelgrau im Zwielicht der scheidenden Polarnacht. Das Adrenalin schoss endgültig durch den Körper, als das Sicherungsseil des professionellen Ausbilderteams angebracht wurde und der Leitende sagte: “…ein kleiner Schritt für dich und ein großer für wen auch immer!“

Dann war es soweit. Der Soldat sprang hinein – tausend Nadeln scheinen den Körper zu durchbohren. Es galt den ungeheuren Kälteschock zu überwinden – einen klaren Kopf zu behalten und mit den Skistöcken den eisigen Rand zu überwinden. Das Sicherheitspersonal war stets hochkonzentriert und half mit leichtem Zug am Sicherungsseil.

Doch sobald der Soldat wieder Boden unter den Füssen hatte, mancher Soldat atmete heftig und schnell, griff der „Hauptfeind“ den Körper an – Es war der stetige, in Böen scharfe Wind, der das Werk der Kälte nun vollenden wollte.

Blitzschnell lief der Soldat in den Pulverschnee, wälzte sich darin (einem panierten Schnitzel gleich) und isolierte somit seinen Körper solange bis er am Fahrzeug angekommen war, weiter betreut wurde und sich dann umziehen konnte.

Keiner ist dieser Herausforderung gewichen und jeder Soldat war mit Eifer dabei.

Besonders hervorzuheben war die extravagante Beförderung des Feldwebel Lukas Drees, dessen neue Dienstgradabzeichen mit nordischer Kälte getauft wurden.

Der lange Weg zur Perfektion

Es ist ein langer Weg zur Perfektion. Das wurde beim Gruppengefechtsschießen mit Ski auf dem Hochplateau der Schießbahnen deutlich. Erstmals waren junge Soldaten der 4. Kompanie auf Skiern dem „Gegner“ auf der Spur und wurden in einen Feuerkampf verwickelt. Allein die Koordination der Bewegungen und die dabei anfallende Bedienung der Ausrüstung ließen fast das Schießen an sich in den Hintergrund geraten. Doch mit ruhiger Hand und klaren Ausbildungsschritten wurden die jungen Gebirgsjäger Schritt für Schritt an diese komplexen Bewegungsabläufe herangeführt.

Alles Gute im neuen Dienstgrad

Die hohe Motivation aller Soldaten zeigte sich in der Selbstkritik, die durch den Leitenden eingefordert wurde. An dieser wurde nicht gespart und so mancher Soldat erahnte den langen und mühsamen Weg einer Gruppe, sicher und erfolgreich im Feuerkampf zu bestehen. „Gebirgsjäger gibt es nicht von der Stange, sie wachsen langsam und das dauert. Und dieses Wachstum endet nie…“, bemerkte ein älterer Stabsfeldwebel und Reservist, der viele Jahrzehnte im Außendienst sich selbst und andere wachsen sah.

Unter diesen doch extremen Bedingungen ist ein hohes Maß an Improvisation gefragt. Allein die Frage – wie kann ich mein Maschinengewehr MG 5 auf Lafette schnell bewegen und doch treffsicher den Gegner niederhalten –  zeigte sich im Aufbau auf einer Universaltrage UT 2000.

Mit kleinen Holzstämmen wurde die Lafette festgezurrt und das Schulschießen konnte unter Aufsicht des Kompaniechefs der 4. Kompanie, Major Dominique Feihl, beginnen. Trotz böigem Wind wurde mit Dauer des Schießens die Trefferlage immer besser. Auch hier zeigte es sich, das die ruhige Art auszubilden, einen kooperativen Führungsstil zu praktizieren, der Schlüssel zum Erfolg ist.

Das Vertrauen der Soldaten in die Ausrüstung stieg sehr schnell, und die Handhabung derselben fast schon zu einem Kinderspiel zu werden schein – wenn die Kälte nicht wäre.

Ein guter methodischer Kniff war dabei, dass alle mit Leuchtspur-Munition schossen und somit ihr eigenes Feuer mit beobachten konnten. Immer und immer wieder wurden die einzelnen Gruppen auf verschiedenen Ausbildungs- und Schießstationen gefordert und bald stellten sich die ersten Erfolge ein.

 

Hoher Besuch bei seinen Jagern

Wenn Teile der Gebirgsjägerbrigade 23 „BAYERN“ sich in extremen Gefilden bewegen und üben, so ist der Brigadekommandeur, Brigadegeneral Maik Keller, nicht weit und blieb für 5 Tage vor Ort. Nach erfolgter Einweisung durch die Bataillonsführung und den Kompaniechefs in Ausbildung und Vorhaben, verschaffte sich Brigadegeneral Keller einen Überblick im norwegischen Übungslager Ravatn. Dazu dienten auch persönliche Gespräche, um vorhandene Probleme anzusprechen und Lösungen zu erarbeiten.

Für den Besuch, auf den weit außerhalb liegenden Schießbahnen, hatte der Wettergott ein „Schmankerl“ für alle bereitgehalten. Die Sonne, zwar flach über dem Horizont stehend, schien in voller Pracht und Norwegen zeigte sich in seiner herben Schönheit.

Schnell war Brigadegeneral Keller in das Schießen eingewiesen und er konnte sich von der hohen Motivation der jungen Soldaten der 4. Kompanie überzeugen. Die meisten sind erst seit gut einem Jahr Soldat. Auch für sie waren dies völlig neue Eindrücke.

Major Feihl bemerkte, dass die Sonne eine Woche zuvor nicht über den Horizont kam, doch dann ging es Tag für Tag immer schneller. Trotz beißender Kälte schien auch im Norden Europas der Frühling nicht mehr weit. Neben der allgemeinen Dienstaufsicht ließ es sich der Brigadekommandeur nicht nehmen am Eissprung teilzunehmen und aus dem Biwak heraus die Truppe mit Skiern und Skipulk zu begleiten.

Eisige Kälte

Zartes Sonnenlicht berührte gegen 7 Uhr die Berge rings um das Lager Ravatn. Es war windstill. Dabei ließ sich ein Phänomen beobachten, was wir in unseren Gefilden kaum mehr kennen. Bei minus 24 Grad quetschte die eisige Kälte Reste von Feuchtigkeit aus der Luft und es kam zu scheinbar leichtem Schneefall.

Ein Blick in den morgendlichen Himmel zeigte dabei aber keine Wolke. Da die schützende Wolkendecke fehlte, drang die Kälte in jede Pore der Haut. Ist man nicht geschützt und kommt auch noch Wind hinzu, wird es gefährlich. Erfrierungen können dann die Extremitäten nachhaltig schädigen. Wie sich der Soldat dagegen zu schützen hat, wird in immer wiederkehrenden Biwaks trainiert.

Wahrnehmung und Wertschätzung

Wie beim „Eissprung“ ist jeder Soldat dabei. Sogar die 1.Kompanie, die mit Masse Unterstützungsleistungen für die „Kämpfer“ Tag für Tag erbringt, hat sich dieser Herausforderung gestellt. Der Kompaniechef, Major Falko Heyne, sprach seinen, aus der Kältekammer zurückgekehrten Soldaten, seine hohe Anerkennung aus. „Seit den Tagen hier oben haben wir keine Krankmeldungen zu verzeichnen“, sagte er zu seinen Soldaten, die zum heißen Tee nach durchgestandener Nacht weit unter minus 25 Grad zusammensaßen. „Dies zeigt mir deutlich eure hohe Motivation. Keiner hat sich gedrückt. Dies war und ist auch nicht so zu erwarten gewesen. Sie haben sich und uns allen bewiesen, was sie zu leisten im Stande sind. Ich bin sehr stolz auf sie!“

Doch die kleine Verschnaufpause währte nicht lange, denn der Dienst in den Funktionen musste weitergehen und so lichteten sich, nach verdienter Erholungsphase und Abgabe des Gerätes, die Reihen und jeder Soldat ging seiner angestammten Tätigkeit der Unterstützung und Versorgung wieder nach, als ob nichts gewesen wäre.

Doch nur kurz währt die Ruhe – weiter geht‘s

Die Tage in Norwegen flogen nur so vorbei. Biwak – Skimarsch – Schießen, Ausbildungsstationen – eine nach der Anderen. Es gab kaum Stillstand. Eine hohe Belastung nicht nur für die jungen Soldaten, auch die Ausbilder und Führer vor Ort waren gefordert und gingen mit ihnen so manches Mal über ihre Leistungsgrenze. Die graue, fast schon trist zu nennende Landschaft mit ihrer Kälte und ungeheuren Weite faszinierte immer wieder aufs Neue und drückte dennoch nicht die Stimmung.

Beförderung ist Ansporn für mehr

Wenn der Brigadekommandeur zur Dienstaufsicht vor Ort ist, gibt es oft auch einen erfreulichen Anlass.

Nach seinem Schießdurchgang wurde Feldwebel Patrik Schiedhelm zum Oberfeldwebel befördert. Eine gelungene Überraschung, die man ihm ohne weiteres auch ansah, zumal der Brigadekommandeur diese Beförderung vornahm.

Bei bis zu minus 24 Grad und strammem Wind in der Tundra der Arktis die jungen Kameraden des Gebirgsjägerbataillons 231 zu beobachten, wie sie an ihrem Können feilen, war beeindruckend. Die umgebende archaische Landschaft förderte das Gefühl der Ausgesetztheit umso mehr. Jeder dort oben hatte seine persönliche Grenze oft mehrmals überschreiten müssen. Die Stimmung in der Truppe blieb, trotz Eiseskälte, immer gut und die hohe Motivation aller ließ so manchen Fehler leichter ansprechen und abstellen.

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