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Landesgruppe Berlin

Flüchtlingshilfe




Großes Potential an Hilfe – eingeschränkt genutzt!
 
Seit Monaten unterstützen auch Berliner Reservisten die Flüchtlingshilfe in der Stadt. Als besonders wertvoll erweist sich dort die Arbeit von Soldaten mit Migrationshintergrund.
 
Auch in Dohuk, in der nordirakischen „Autonomen Region Kurdistan“, 40 Kilometer nördlich der Front zu den Milizen des sogenannten „Islamischen Staates „ (ISIS) entfernt, haben den Fahnenjunker d.R. Ana Taha, die Berichte über die Flüchtlingswellen nach Europa und Deutschland erreicht. Seine Mutter, die in der Berliner Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) arbeitet, hatte ihn ferner ermunterte, „die Kameraden als Sprachmittler zu unterstützen“. Kurzentschlossen meldete sich Taha bei der Bundeswehr zur Flüchtlingshilfe, sorgte für eine Vertretung, verzichtete auf sein Gehalt und bezahlte den Flug nach Deutschland aus eigener Tasche. Die Unterstützung durch die Bundeswehr war enorm, seine arabischen Sprachfertigkeiten und sein kulturelles Wissen schienen hochwillkommen. Doch als er Anfang November 2015 seinen Dienst in der Nebenstelle des Berliner „Landesamtes für Gesundheit und Soziales“ (LaGeSo) antrat, wurde er mit etwa anderen 20 Soldaten und Reservisten einem „Bearbeiterteam“ zugeordnet. Wichtige Arbeit,  für einen Mann mit diesem sprachlichen und kulturellen Wissen  jedoch die falsche Verwendung.
 
Aran Taha wurde 1984 in Dohuk geboren. 1994 musste seine Familie, aktive Regimekritiker, fliehen und erhielten schließlich Asyl in Deutschland. Berlin war nun die neue Heimat.  Konsequent legten die Eltern großen Wert auf Sprache und Bildung, denn die Kinder sollten so deutsch wie möglich werden. „Integration muss von innen kommen“, weiß Taha und ist überzeugt: die Eltern müssen dabei aktiv mitspielen.  Er besuchte das Gymnasium, studierte Risikomanagement absolvierte internationale Austauschprogramme. Er spricht Deutsch, Kurdisch,  Arabisch, Englisch, Italienisch und Niederländisch. Selbstverständlich hat Aran Taha 2006 auch seinen neunmonatigen Grundwehr-dienst geleistet, beim Lazarettregiment 31 in Berlin Kladow. 2013 schlug er schließlich die Laufbahn des Reserveoffiziers ein. Nach dem Studium unterschrieb er einen Zwei-Jahres-Vertrag als Dozent für Risikomanagement und Wirtschaftsenglisch an der Privatuniversität in Dohuk, um der elterlichen Heimat etwas „zurück zu geben“, wie er sagt. Einige Monate nach seinem Arbeitsbeginn ist die ISIS in der Region einmarschiert. Jede Nacht hört er die Bombardements, sieht täglich die Gefangenen des IS durch die Stadt ziehen. Viele seiner Studenten sind kurdische Peschmergas, die zwei Wochen studieren und dann wieder für 10 Tage an die Front gehen. „Anfangs hatte ich Angst, hatte mir überlegt nach Berlin zurück zu gehen, habe aber beschlossen, bei meinen Studenten zu bleiben.“ Aran Taha ist daher nicht nur ein Beispiel einer gelungenen Integration, er ist auch Mittler der Kulturen, der darüber hinaus das Elend des Krieges und die Erfahrungen der Kriegsflüchtlinge unmittelbar erlebt.  Bestens geeignet für die Verwendung als Sprachmittler in der Flüchtlingshilfe.
 
„Ich weiß über diese teils suboptimalen Verwendungen Bescheid“, bestätigt Leutnant d.R Patrick Isbena, Angehöriger der RSU-Berlin,  der den 20-Mann starken Zug in der LaGeSo-Außenstelle führt.  Nach seiner Meinung sei das ein bürokratisches Problem: die Bundeswehr kann in der Flüchtlingshilfe nicht aktiv agieren, sondern nur den Anträgen auf Amtshilfe Folge leisten. Wenn diese den Einsatz von Soldaten beispielsweise als „Sprachmittler“ nicht vorsehen, sind der Bundeswehr die Hände gebunden. Dennoch haben Vorgesetzte  und  zivile Kollegen versucht, dieses Problem zu lösen. Nach zwei Wochen fanden sich Möglichkeiten, Taha so einzubinden, dass er seine sprachlichen, geographischen und kulturellen Möglichkeiten optimal für Informationsgewinnung und Datenaufarbeitung eingesetzt werden konnten.
 
Ähnlich erging es auch Obermaat Martin El Helou, seit 2011 aktiver Soldat beim „Marinefliegergeschwader 5“, versetzt zum „Luftwaffenmuseum Gatow“. 1990 als Sohn eines libanesischen  Vaters und einer deutschen Mutter in Berlin geboren, beherrscht auch er die arabische Sprache und kennt die arabische Kultur aus erster Hand. Auch er meldete sich freiwillig, in der Annahme, dass seine Fähigkeiten dringend gebraucht würden, konnte aber erst über Umwegen  einer seinen Fähigkeiten entsprechenden Verwendung zugeordnet werden. Der Mehrgewinn für die Sachbearbeiter war jedoch durch die richtige Verwendung der beiden Soldaten mit Migrationshintergrund enorm; schließlich sind sie in der Lage, arabische Dialekte zu identifizieren, für kulturelle Befindlichkeiten  zu sensibilisieren,  Regionen und Ortschaften richtig zuzuordnen und  alle aufgetretenen Problemfälle in direkte Ansprache mit den Flüchtlingen zu lösen. Auch  das Auftreten in Uniform und ihre selbstverständliche soldatische Loyalität erwies sich schnell als großer Vorteil, weil sie dadurch bei den Betroffenen  wie auch bei den Kollegen großen Respekt genossen.
 
In den Bearbeiterteams sitzen Soldaten, Aktive wie Reservisten, mit zivilen Mitarbeitern in einer Gruppe bis zu acht Personen zusammen. Das Verhältnis ist herzlich, die Zusammenarbeit funktioniert reibungslos. Der Unterschied zwischen Aktiven und Reservisten hebt sich auf. „Für mich ist es egal. Sobald jemand eine deutsche Uniform trägt, sind es für mich Kameraden – egal,  ob  Soldat oder Reservist“, bringt es Obermaat El Helou auf den Punkt.  Auch die zivilen Mitarbeiter haben ihre uniformierten Kollegen schnell zu schätzen gelernt. Die Soldaten hätten oft deutlich weniger Einarbeitungszeit benötigt als zivile „Neuankömmlinge“, berichtet Stabsunteroffizer d.R. Jan-Peter Neuman, der sich ebenfalls über die RSU-Kompanie für drei Wochen bei der Flüchtlingshilfe freiwillig meldete. Darüber hinaus schätzten sie die Disziplin und Loyalität der Soldaten.  Die Bundeswehr wirkt in der Öffentlichkeit, wird als „Unterstützer“ wahr genommen. Ein großer Image-Gewinn. Gerade in Berlin, das bis heute oftmals von einer Bundeswehr-kritischen Haltung geprägt ist.
 
Die Aufgabe des Stabsfeldwebels d.R. war es, in einem Team aus Zivilisten und Soldaten die „Grundausstattung“ für 100 bis 200 Flüchtlinge täglich zu bearbeiten: das Taschengeld zu errechnen und auszugeben, ebenso den „Berlinpass“, aufgenommene Daten mit dem Ausländerzentralregister abzugleichen,  die deutschlandweite Verteilung mit zu organisieren, Verfahren zu eröffnen und Asylanten ihre Akte und Dokumente zu übergeben, die ihnen ein relativ freies Bewegen ermöglichen.  Das den Soldaten entgegengebrachte Vertrauen und eingeräumten Freiheiten war entsprechend groß, so Naumann. Die Flüchtlinge sind, dabei decken sich Neumanns Eindrücke mit denen der anderen Soldaten, zu mindestens 80% Kriegs- und keine Wirtschaftsflüchtlinge sind. Den vielen jungen Männern wurden Geld, Wohnung und Arbeit versprochen, haben teils viel aufgegeben, ihre Familien verlassen und landen nun in Zelten und Hallen. „Für mich war der Einsatz wichtig. Ich würde es  auch anderen empfehlen und mich auch selbst nochmals dafür melden“, so der Stabsunteroffizier d.R. Auch um im Gespräch mit Freunden und Bekannten, die oft beeinflusst von  Ängsten und Vorurteilen seien, mit eigenen Erfahrungen entgegen steuern zu können, so sein Resümee.
 
Hauptfeldwebel d.R. Mike Apelt, ebenfalls von der RSU-Kompanie Berlin, weist hingegen auf ein weiteres Problem hin. „ Die organisatorischen Probleme, vor allem der Stadt, müssen dringend in den Griff bekommen werden“, ermahnt er. „Manchmal hat es bereits Tage geben, an denen man stundenlang nichts zu tun hatte. Diese Zeit kann sinnvoller genutzt werden und trägt darüber hinaus erheblich zur Demotivation der Kameraden bei“. Damit hat er nicht ganz Unrecht, zumal er mit dieser Meinung nicht alleine steht. So positiv also die Zusammenarbeit der Reservisten mit ihren aktiven Kameraden und zivilen Kollegen ist, so wertvoll das öffentliche Auftreten der Bundeswehr gerade in Berlin ist, so wichtig wäre es, organisatorische Arbeitsabläufe zu optimieren und die Fähigkeiten eingesetzter Soldaten individuell besser zu prüfen und abzurufen. Denn nichts ist wichtiger als die hohe Motivationsbereitschaft in der Bundeswehr aufrecht zu erhalten. Trotz allem ist schließlich auch Aran Taha, fest entschlossen, 2016 erneut zurück zu kehren und bei der Flüchtlingshilfe zu unterstützen. „Ich habe gemerkt, dass ich gebraucht werde, aber viel länger bleiben muss“, so Taha.
 
Ralph Erlmeier
 
 
 
Möchte helfen und hat viel zu bieten! – der Deutsch-Kurde Fahnenjunker d.R. Arna Taha.

Kann gerade durch sein Hintergrundwissen viele Probleme lösen – Bootsmann Martin El Helou.

Alles Kameraden – ob Aktive oder Reservisten: Oberstabsgefreiter d.R. Stephan Perleß (3.v.l.) mit seinem Bearbeiterteam.

Eine starke Gemeinschaft – Soldaten und Reservisten im Einsatz für die Flüchtlingshilfe.

Hoch motiviert – Reservisten der „Regionalen Sicherungs- und Unterstützungskompanie Berlin“ im Einsatz für die Flüchtlingshilfe.

Bilder und Bildunterschriften (Ralph Erlmeier)

 
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