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Gegen den Strom

 
Bis zur Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands galt in den Jahrzehnten der „Wehrpflicht“ West-Berlin als Eldorado der Wehrdienstflüchtlinge. Doch kaum bekannt: es gab auch tausende junger Männer aus West-Berlin, die freiwillig ihren Dienst bei der Bundeswehr leisteten, oftmals sich für Jahre verpflichteten. Einer von ihnen war Stabsfeldwebel d.R. Thorsten David.
 
Geboren und aufgewachsen ist Thorsten David, Jahrgang 1951, in Berlin Spandau, genauer gesagt in Ost-Staaken. Auch Staaken wurde in den Jahren der deutschen Teilung geteilt und von der Mauer durchzogen. So kam es, dass Ost-Staaken für über 40 Jahre in West-Berlin lag und  sich West-Staaken auf dem Gebiet Ostdeutschlands befand. Dennoch wollte David, dessen Elternhaus nur 80 Meter hinter der Berliner Mauer stand, Zeit seines Lebens Soldat werden. Sein Vater befürwortete diese Entscheidung, bestand aber darauf zuvor einen Beruf zu erlernen. Nach seiner Lehre als Gas- und Wasserinstallateur, entschloss er sich 1969 bei der Bundeswehr zu bewerben.
 
Ein nicht allzu leichtes Unterfangen. Denn aufgrund des nach dem II. Weltkrieg geltenden „Vier-Mächte-Status“ war in der geteilten Stadt der Bundeswehr jegliche Aktivitäten verboten. Deshalb verlegten Tausende junger Männer aus der Bundesrepublik vor dem Erhalt ihres Einberufungsbescheides ihren ersten Wohnsitz nach West-Berlin und entzogen sich so der Wehrpflicht. Diese bundeswehrkritische Haltung ist bis heute in manchen Bezirken der Hauptstadt noch prägend und begründete West-Berlins Ruf als Hauptstadt der Wehrdienstverweigerer. Thorsten David musste sich also mit seinem Wunsch, in der Bundeswehr freiwillig zu dienen, an die Freiwilligenannahmestelle Hannover wenden und erhielt Wochen später von dort einen „privaten“ anonymen Brief: seine Bewerbungsunterlagen. Nach bestandenem Musterung und Eignungstest war es schließlich am 1. April 1970 so weit: er wurde als „Unteroffiziersanwärter“ zur Ausbildungskompanie 9/6 in Bad Segeberg einberufen.
 
Mit etwa 8 bis 10 weiteren West-Berliner „freiwilligen Rekruten“ flog er nach Hannover und  mit Bahn und Bus weiter nach Bad Segeberg. In seiner Kompanie war er schließlich der einzige aus West-Berlin. Nach einer Spezialgrundausbildung bei der 4. Kompanie des Versorgungsbataillons 186 in Neumünster, wurde er danach wieder nach Bad Segeberg zurück versetzt.  War er in seiner Kompanie in Bad Segeberg noch der einzige „Freiwillige“ aus West-Berlin, so traf er in Neumünster auf weitere:  der Kompaniefeldwebel und drei Zugführer waren der Rest einer Kompanie, die komplett aus „Freiwilligen“ Berlinern bestand. Früher, so berichtete man ihm, wären pro Quartal ein bis zwei Sondermaschinen mit Soldaten aus West-Berlin nach Hannover geflogen. Was „nobel“ klingt, war deutsch-deutsche Realität. Bis zur Unterzeichnung des Verkehrsvertrages zwischen der BRD und DDR am 26. Mai 1972 war den Bundeswehrsoldaten die Benutzung der Transitwege nach West-Berlin verboten. Doch für Soldaten aus West-Berlin gab es in der Bundeswehr keine Privilegien: nur zwei Mal im Jahr erstattete man David 50% der Flugkosten nach Berlin – wie jedem anderen Soldaten auch.
 
Nach einem Jahr wechselte der zuständige Sachbearbeiter in Kiel. Dem Nachfolger viel auf, dass ein Soldat monatlich nach West-Berlin flog. Grund genug im „Kalten Krieg“ misstrauisch zu werden. Der Bearbeiter meldete den Vorgang dem MAD – ab da stand er unter Bewachung. Kurz vor Weihnachten 1972 trat der Verkehrsvertrag in Kraft. Von da an fuhr der Berliner Soldat die 311 km im Auto – über die B 5, nur Landstraße, Höchstgeschwindigkeit 80 Stundenkilometer. Bis zu 9 Stunden hatte diese Odyssee gedauert. „Anfangs ging mir ganz schön die Muffe“, berichtet der Stabsfeldwebel d.R. „Alles, was an die Bundeswehr erinnert, habe ich in der Kaserne gelassen, vom Taschentuch bis Truppenausweis“. Ende Januar 1973 musst er am Kontrollpunkt Horst / Lauenburg eine Stunde auf DDR-Seite warten. Angeblich waren die Papiere vom Laufband gefallen, das die Dokumente transportierte. Dem Bundeswehrsoldaten war mulmig. Als er sah, dass zwei Hamburger auf die Toilette gingen, eilte er hinterher. Er gab sich als Soldat zu erkennen und bat die Beiden, seinen Vater in West-Berlin zu informieren, dass er fest gehalten würde. Als David schließlich weiterfahren konnte, erwarteten ihn am Kontrollpunkt Heerstraße bereits die Polizei und die britische Militärpolizei. Er wurde vernommen. Am nächsten Tag ein weiteres Mal bei der Polizei in Tempelhof, am Montag erwartete ihn bereits der MAD-Sachbearbeiter in seiner Kaserne.
 
Nach diesem Vorfall  genoss der Unteroffizier erstaunlicherweise ungewöhnliche Privilegien. An Feiertagen oder bei Ferienverkehr, wenn die Kontrollpunkte überfüllt waren, wurde er bevorzugt abgefertigt, hatte kaum Wartezeiten. Einige Jahre lang hatten auch immer die gleichen „Genossen“ Dienst am Kontrollpunkt, man kannte sich vom sehen. 1974 war David für fünf Monate auf dem Feldwebellehrgang in Sonthofen. Als er danach wieder von  Bad Segeberg nach West-Berlin fuhr, fragte ihn ein „bekannter“ Unterfeldwebel der Grenztruppen, ob er den Lehrgang bestanden hätte, und wenn ja, wann er befördert werden würde. David blieb die Spucke weg. Der Grund: auch der Unterfeldwebel hatte seinen Lehrgang bestanden. Die beiden wetteten, wer zuerst befördert werden würde. Der ostdeutsche „Grenzer“ gewann. Das musste beim nächsten Mal gefeiert werden: kurzer Hand wurde der Kontrollpunkt für eine halbe Stunde geschlossen und ein Bier gemeinsam getrunken.
 
Als einige Zeit später in Bad Segeberg der Bataillonskommandant wechselte, stand dies in allen Zeitungen der Region. An der Grenze hielt Feldwebel David ein Major der Grenztruppe auf. Als er ihm die Papiere abgenommen hatte, sagte er zu ihm: „Dann bestellen Sie ihrem neuen Kommandeur einen schönen Gruß“. „Von wem bitte Herr Major“. „Erstens, heißt das bei uns Genosse Major,“ war die Antwort, „ und zweitens: das geht Sie gar nichts an!“. Der Feldwebel meldete dem Stab den Vorfall, anschließend musste er zum Kommandeur. Dort beschrieb er den Major und bestellte seinen Gruß. Es stellte sich heraus, dass beide Offiziere verwandt waren, jedoch aufgrund ihres militärischen Ranges keinen Kontakt haben durften. Interessantes Detail: in der DDR wurde alles gelesen, selbst  die „Segeberger Zeitung“.
 
Als Soldat aus West-Berlin hatte David weder Vor- noch Nachteile. Weder in der Bundeswehr, noch im Transitverkehr. „Man hat mich nie auf meine Tätigkeit in der Bundeswehr angesprochen“, betont der Stabsfeldwebel d.R. Bis zu seinem Dienstzeitende am 30. April 1978, durchlief er weitere Stationen des Stabsdienstes und wurde schließlich zum Rechnungsführer umgeschult, der er dann bis  zum Schluss geblieben ist. An seine Zeit in der Bundeswehr hat David nur die besten Erinnerungen. Am prägendsten waren die Kameradschaft und der Korpsgeist des Stammpersonals in der Ausbildungskompanie.
 
13 Jahre später, erst nach dem Fall der Mauer, stieß Thorsten David zur gerade neu gegründeten Berliner Landesgruppe des Reservistenverbandes. Als die Bundeswehr 1994, nach Abzug der Allierten, nach Berlin kam, wurde er wiederum als Rechnungsführer beordert und knüpfte damit nahtlos an seine Bundeswehrzeit an. 1999 – nach dem Durchlaufen mehrerer Beorderungsstellen – konnte er schließlich am „Kompanie-Feldwebel“-Lehrgang teilnehmen. „Spieß zu sein, war Thorsten David quasi auf den Leib geschrieben. Bis 2015,  trug der die „gelbe Kordel“ sowohl bei seiner beorderten Kompanie wie auch bei fast allen Veranstaltungen der Berliner Reservisten. Sein Anspruch „Kameradschaft ist nicht nur ein Wort!“ war nicht nur dahin gesagt, sondern durch ihn gelebt. Auch wenn er manchmal damit aneckte. „Mein großes Vorbild“, so Thorsten David, „war Hauptfeldwebel Paul Gentzow. „Er hat vorgelebt, wie ein Kompaniefeldwebel sein muss, das hat mich geprägt – bis heute“.
 
Thorsten David, Ralph Erlmeier
 
Ein militärisches Leben in Bildern:

Bild 1: So sah die AGA anno 1970 aus!  – Erste Hilfe –Ausbildung in olivgrün!

Bild 2:Die Spezialgrundausbildung 1970 in der  Ausbildungskompanie 9_6 Bad Segeberg, 3.Zg,3.Grp

Bild 3: Wahre Kameraden – Ehrenspalier zur Hochzeit 1974.

Bild 4: Hat ihn bis heute geprägt: Hauptfeldwebel Paul Gentzow (mitte), Thorsten David (damals Feldwebel, l.) und Stabsdienstunteroffizier Franz-Josef Henke (r.).

Bild 5: Als Rechnungsführer im Geschäftszimmer der Ausbildungskompanie 9_6 (1975).

Bild 6: „Spieß“ ist sein Leben – Als Kompanieveldwebel der Stabskompanie des Standortkommandos  Berlin 2002

Bild 7: Die erste Wehrübung beim Feldjägerbataillon 350 (2005)

Bild 8: So wie man Thorsten David kennt – als Spieß auf dem Truppenübungsplatz Lehnin.

Bild 9: Beliebt und mittendrin – Stabesfeldwebel d.R. Thorsten David.

Bild 10: Der Mann mit der gelben Kordel – Das letzte Mal?! – Der Spieß vor seiner Truppe!

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