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Landesgruppe Berlin

Wir brauchen einen deutschen Islam




Wir brauchen einen deutschen Islam!

 
Das Thema ist viel-diskutiert und hoch politisch. Aber gerade deshalb ist es so wichtig, es sachlich zu beleuchten. Am 8. Oktober stellte sich die Landesgruppe Berlin in einem Seminar der nicht einfachen Aufgabe, sich der Weltreligion Islam zu nähern. Knapp acht Stunden widmeten sich im sicherheitspolitischen Seminar kompetente Referenten in Vorträgen und Diskussionsrunden der Lehre und der Geschichte des Islams ohne jedoch die praktischen Bezüge muslimischer Migration und Integration außen vor zu lassen. Informieren und Aufklären war die Devise, offene Aussprache ohne zu Polemisieren. Am Schluss war sich die Mehrheit der etwa 40 Teilnehmer einig: das kann nur der Auftakt einer Themenreihe gewesen sein!
 
Es gibt nicht den einen Islam!
 
Gleich zu Anfang seines Vortrages ließ Major d.R. Tom Goeller die „Bombe“ platzen. Er sei nicht der Ansicht, dass DER Islam zu Deutschland gehöre. Diese Aussage sei schon alleine deshalb falsch, weil es auch nicht DEN Islam gebe. Es existierten 76 Auslegungen, darunter auch streng fundamentalistische, wie etwa den Salafismus, der selbst in einigen muslimischen Ländern verboten sei. Letztere fußten auf dem Anspruch, der Islam sei nicht nur religiösen, sondern auch gesellschaftlichen und  juristischen Belangen allumfassend bestimmend. Diese Auslegung ist aber mit deutschem Staatsverständnis unvereinbar. „Wie Minister Dr. Scheuble plädiere deshalb auch ich für einen deutschen Islam, mindestens jedoch für einen Euro-Islam!, so der Major d.R..
 
Tom Göller, Jahrgang 1958, lebt in Berlin. Er ist freier Politik-Journalist, Experte für Außen- und Sicherheitspolitik, insbesondere für den Nahen Osten und kommentiert und analysiert für verschiedene TV- und Radiosender. Seit 1999 reiste der Politologe und Geschichtswissenschaftler mehrmals in den Nahen Osten und bezieht deshalb sein Wissen aus „erster Hand“, wie er betont. Informativ und hintergründig führte der Polit-Journalist durch die die Glaubenslehre des Islams, seine Entstehungs- und Kulturgeschichte. Dabei stellte er sowohl die wesentlichen, teils bereits bekannten Aspekte heraus und zeigte zugleich Hintergründe und Zusammenhänge auf, die bis in die aktuelle  Politik und gegenwärtigen Konflikte einfließen.  Genau dies, durch tieferes Verständnis Ursachen und Wirkungen verstehen, versetze in die Möglichkeit, sich auch aktiv an den gesellschaftspolitischen Entwicklungen Deutschlands zu beteiligen, konstatierte der Seminarleiter Oberstleutnant d.R. Ralph Erlmeier vor den etwa 40 Seminarteilnehmern. Der Islam ist ein politisches und gesellschaftliches Faktum in Mitteleuropa und Deutschland, und das nicht erst seit der Flüchtlingskrise.
 
Weltreligion Islam.
 
Weltweit bekennen sich derzeit 1,5 Milliarden Menschen zum Islam, sein Einfluss reicht von Arabien, Asien, Afrika, bis in große Teile Europas. Begründet wurde der Islam um 600 in Arabien durch den Propheten Mohammed. Genau wie die Juden sind die Araber ein semitisches Volk, führen  ebenso ihren Ursprung auf Abraham zurück, sehen sich aber durch die Juden um ihre Erbfolge betrogen. Eine haarspalterische Diskussion, um die „wahren“ Nachkommen Abrahams , die wir bis heute, dreitausend Jahre später, Eins-zu-Eins im Nahostkonflikt wahrnehmen. Da Christen wiederum an die Dreieinigkeit Gottes glauben, warf Mohammed ihnen Vielgötterei vor, ein Argument, das von Muslimen ebenfalls bis heute vorgebracht wird. Damit erhebt Mohammed den Islam nicht nur zur vollendeten Religion, sondern zum Ursprung aller monotheistischen Religionen.  Ein Wechselspiel aus Beziehungen und Brüchen innerhalb der großen Weltreligionen, Zusammenhänge, die auch heute noch von entscheidender Bedeutung sind, wie Tom Göller aufzeigte.
 
Die Lehre Mohameds, der Islam, ist also nicht nur eine religiöse Lehre, sondern gleichzeitig eine Gesellschaftsordnung. Insofern ist der Islam nicht gleich zu setzen mit anderen Religionen. Der Koran, die Grundlage und Stiftungsurkunde, enthält in seinen 112 Suren  zahlreiche Gesetze sowie insgesamt 500 detaillierte Gebote und Verbote für den Alltag; er bildet in vielerlei Hinsicht eine  praxisnahe Grundlagen dafür, wie der Muslim beten soll, wie er fasten soll. Bereits um 613, als Mohamed  zu predigen begann, wendete er sich nicht nur gegen Diebstahl und Verleumdung,, sondern sprach auch von der sozialen Verpflichtung des Eigentums, dem pfleglichen Umgang mit Frauen, kämpfte gegen Wucherzins, Glücksspiel und Alkohol, gegen Ehebruch und Mord an Kindern, die man nicht ernähren zu können glaubte, und für das Körperwaschen nach dem Sex.  Dies alles spiegelt sich im Koran wider, mit seinen Pflichten und Regelungen. Nach islamischer Vorstellung handelt es sich dabei um die Offenbarungen Gottes, oder Allahs, an seinen Propheten Mohammed. Also: Mohammed hat den Koran nicht selbst verfasst. Nach Mohammeds Tod wurden seine Offenbarungen als unabänderlich anerkannt, weshalb seiner Auslegung des Koran nur begrenzt möglich sind. Die wichtigste Konsequenz für einen Muslim aus dem Koran als Wort Gottes ist, dass Gott und nur er – und nicht Mohammed – der eigentliche Gesetzgeber ist, der prinzipiell mit seinen Anweisungen nichts im Leben unbeeinflusst lässt. Dadurch ist für einen gläubigen Moslem eine Trennung von Religion und täglichem Leben nicht möglich. Im Gegenteil zu westlichen Vorstellungen bilden im Islam Religion und Staat ("din wa daula") eine feste Einheit. Hieraus ergibt sich heute wiederum für islamische Fundamentalisten die logische Konsequenz der Wiedereinführung der Scharia, des islamischen Rechts, das infolge der Kolonialisierung der arabischen Welt durch Franzosen und Briten im 19. Jahrhundert weitgehend durch europäisches Recht abgelöst worden war. Mit der Neugründung islamischer Nationalstaaten hat sich indes fast überall ein modernes Zivil- und Strafrecht gegenüber der Scharia durchgesetzt, jedoch ist heute wieder eine Tendenz zur Hinwendung an die Sharia zu beobachten. Der Kernkonflikt westlich geprägter Demokratien und muslimischer Kultur, den es durch Annäherung und angepasste Auslegung, beispielsweise im Rahmen eines deutschen oder Euro-Islams zu überwinden gilt.
 
Spannungen in der muslimischen Welt
 
Bei seinem Tod 632 hatte Mohammeds keinen Nachfolger bestimmt und so fällt die muslimische Gemeinde bald nach seinem Tod auseinander: in Sunniten, die eine Wahlnachfolge und Shiiten, die eine erbliche Nachfolge anstreben.  Später folgen weitere Abspaltungen, die größte Gruppe davon bilden die Alewiten/Aleviten, die sich im 13. Jahrhundert aus den Shiiten entwickelten. Die Auseinandersetzung von Sunniten und Shiiten war und ist grausam und kriegerisch, bis heute stellen sie sich unversöhnlich gegenüber. Zentrum der Shiiten bildet Persien, also der heutige Iran, der Sunniten für viele Jahrhunderte Bagdad, also der heutige Irak. Viele der Krisen und Kriege des Nahen und mittleren Ostens fußten und fußen auf diesem verbissenen, eigentlich religiösen Konflikt: die Iran-Irak-Kriege,  die Feindschaft Irans und Saudi Arabiens bis hin zum Siegeszug und Terror des sunnitisch geprägten sogenannten „Islamischen Staat“, dessen Gründer sich nannte nach dem ersten gewählten Kalifen und Nachfolger Mohammeds nannte: Abu Bakr Abu Bakr al-Baghdadi.
 
Ein weiterer Bruch, der die muslimische Welt bis heute erschüttert, ist die Rivalität der großen muslimischen Völker, der Araber und Türken. Die sunnitischen Herrscher und Amtsnachfolger Mohammeds, die Kalifen, nutzen die Schwäche der damaligen Großmächte Byzanz und Persien aus und in Syrien, Palästina, den Irak und den Iran ein. Im Westen bringen sie den gesamten nordafrikanischen Raum unter ihre Kontrolle. 711 setzen die Araber von da aus nach Spanien über und erobern in einem Handstreich fast die gesamte Iberische Halbinsel. Arabische Siedler ziehen in die eroberten Regionen nach und verankern dort ihre Kultur und ihre Religion. Im 8. Jahrhundert bestimmen die Herrscher des Abbassiden-Geschlechts das neu errichtete Bagdad als Hauptstadt ihres Reiches, das damit auf dem kulturellen wie wirtschaftlichen Höhepunkt ist. Doch schon im 9. Jahrhundert machen sich erste Zerfallserscheinungen bemerkbar, ab dem 11. Jahrhundert fallen andere Völker an fast allen Grenzen in das arabische Reich ein. In  Europa erobern christliche Heere aus dem Norden Spaniens die Iberische Halbinsel und Sizilien bis 1492 zurück und in Nordafrika errichten Berber ein eigenes Reich. Aus Zentralasien fallen türkische Völker ein und bringen binnen kurzer Zeit große Teile des Irans und des Iraks unter ihre Kontrolle.. Doch kein fremdes Volk hinterlässt so einen bleibenden Eindruck wie die Osmanen, die vom 15. Jahrhundert an binnen weniger Jahrzehnte von Anatolien aus fast die gesamte arabische Welt unterjochen. Für mehr als 400 Jahre herrschen nun Türken über die arabischen Völker.
 
Verrat der Europäer
1798 besetzte Napoleon Bonaparte Ägypten. im Zuge der Kolonialisierung teilten in der Folgezeit die  militärisch überlegenen Franzosen, Engländer und Italiener Nordafrika und Teile des Nahen Ostens unter sich auf. Ende des 19. Jahrhunderts ist die arabische Welt unterteilt in einen europäischen und einen osmanischen Einflussbereich. Im ersten Weltkrieg kämpfen die Engländer und ihre Alliierten gegen das Osmanische Reich, dem Verbündeten der Deutschen. Sie erreichen die Unterstützung der Araber gegen die Türken, indem die Engländer ihnen ein eigenes Reich versprechen. Doch Engländer und Franzosen brechen dieses Versprechen und teilen quasi mit einem „Strich in der Wüste“ die Einflusssphären unter sich auf. Ein unheilvolle Entscheidung, die nicht nur das Vertrauen der Araber in die Europäer bis heute nachhaltig zerstört, sondern auch die kulturellen und politischen Konflikte im Nahen und Mittleren Osten bis heute zementiert. Der letzte Kolonialkrieg tobt in Algerien von 1954 bis 1962 mit einer Härte und Grausamkeit seitens Franzosen und Algerier, dass dieser Krieg und seine Folgen bis heute als schlimmster Schandfleck in der französischen Geschichte gilt. Europäische Interessenspolitik, grausame Vernichtungskriege und zudem das Verständnis arabischer Völker, sich bis heute eher einem Stamm oder Clan als einem Nationalstaat verpflichtet zu fühlen haben über das letzte Jahrhundert zu einer Gemengenlage im Verhältnis Europas zu den Muslimen Afrikas und des Nahen und Mittleren Ostens geführt, dessen gewaltige destruktive Erschütterung wir gerade überdeutlich erleben. Sei es in den Kriegen, die an der Peripherie Europas toben, sei es durch die Flut an Flüchtlingen aus muslimischen Ländern oder durch die Jahrzehnte langen Bemühungen erfolgreicher Integration in Mitteleuropa und Deutschland.
Probleme und Chancen muslimischer Migration
Hintergründe verstehen, Zusammenhänge einordnen können. Gilles Duhome, Vorsitzender des Vereins Morus 14 (LOYAL berichtete in 12/2015) führte das Seminar von der Theorie in die Praxis. Seine tägliche Arbeit ist der Umgang und die Integration muslimischer Migranten in einem sozialen Problemkiez in Nord-Nordkölln. Überaus erfolgreich gelingt es dem engagierten Franzosen aus Paris, der seit Anfang der 90er Jahre in Berlin lebt, die Brücke zwischen arabischen Clans und türkischen Großfamilien zur deutschen Lebensrealität und den Erwartungen der Gesellschaft zu schlagen. Wie in einem „Paralleluniversum“ bewegten sich die Jugendlichen mit arabischen und türkischen Wurzeln, mit kaum oder nur sehr wenig Bezug zu den Werten und Ansprüchen der deutschen Gesellschaft. Es sei eine harte Arbeit, ein konsequenter Lernprozess, ein ständiges Fördern und Fordern. Oftmals beginne es mit dem Grundverständnis von Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Anerkenntnis von Pflichten. „Es sind urdeutsche Werte, die diese Menschen und vor allem die Jugendlichen brauchen und die mit aller Klarheit eingefordert werden müssen“, so der eloquente Franzose in seinem kurzweiligen und amüsanten Vortrag. Nicht immer Verständnis und Nachgeben brächte die Menschen in ihrer Integration voran, sondern nachdrückliches Einfordern von Notwendigkeiten. „Das Konzept der Multikulturisten ist gescheitert!,“ zeigt sich Gilles Duhome überzeugt. Sein Erfolg gibt ihm recht. Natürlich seien Muslime in ihrem Verhalten sehr von ihrer Religion und ihrem Kutlurkreis beeinflusst, weiß Duhome. Das beginne mit dem Ramadan und dem Einfluss auf Arbeit, gehe über das  Clandenken, mit der daraus folgenden „Abkapselung“ bis hin zur Stellung der Frau, die mit deutschen Werteverständnis nur wenig gemein hätte. Mit lebensnahen Bezügen und Beispielen untermauerte Duhome den Einfluss der Geschichte auf die aktuellen und alltäglichen Probleme und Krisen. Doch konfrontiert Duhome muslimische Jugendliche mit der Lebenswirklichkeit. Juden und Homosexuelle sind ein selbstverständlicher Teil des Integrationskonzeptes a la Morus 14! Durch positive Erfahrungen Vorurteile zu hinterfragen und zu erschüttern, das ist die Idee dahinter. Durch Vorbilder, wie etwas Polizisten oder Soldaten mit Migrationshintergrund könne man den Willen zur Integration und die Anstrengungen zur eigenen Karriere ungemein förder, gibt sich der Mann aus Paris überzeugt. Für ihn seien gerade die große Anzahl syrischer Männer, die nun als Flüchtlinge nach Deutschland kämen, ein ungeheurere „Schatz“. Fundierte Ausbildung, ein hoher Grad an Integrationswillen und  fähigkeit würde die übergroße Anzahl auszeichnen. Deutschland wird froh sein, dass diese jungen syrischen Männer gekommen sind, ist Duhome überzeugt. Gerne würde er für einem Folgeseminar zum Thema Islam syrische Migranten mit nehmen und so auch deutsche Vorurteile abbauen helfen. Damit stößt der pfiffige Überzeugunstäter eine Tür auf, denen die übergroße Mehrheit der Teilnehmer folgen wird. Dieses Seminar kann nicht das einzige bleiben, das sich intensiv mit dem Thema Muslime, Migration und Integration auseinander setzt. Es muss der Anfang einer ganzen Serie werden!
Ralph Erlmeier


 
Interessierte Zuhörerschaft! Informativ und hintergründig waren die Ausführungen Majors d.R. Tom Goellers.

Interessierte Zuhörerschaft! Informativ und hintergründig waren die Ausführungen Majors d.R. Tom Goellers.

In angeregter Diskussion: Referent Major d.R. Tom Goeller und Brigadegeneral a.D. Dr. Klaus Wittmann.

Eloquent und amüsant: der soziale „Überzeugungstäter“ Gilles Duheme.

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