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loyal-Ausgabe April 2022




Putins langer Weg in den Krieg

von André Uzulis

Der Westen wollte mehr als 20 Jahre nicht sehen, mit wem er es bei Wladimir Putin zu tun hat. Dabei hat der keine Zweifel daran ge-lassen, dass er ein neues russisches Imperium will. Ihm war und ist jedes Mittel dafür recht. Der Krieg gegen das Nachbarland Ukraine zeigt: NATO und EU haben es mit einem unberechenbar gewordenen Gewaltherrscher zu tun, dessen Streitkräfte nicht nur Russlands Nachbarländer bedrohen, sondern ganz Europa. Wie konnte es dazu kommen?

Ich bin der reichste Mensch – an Gefühlen“, soll der russische Diktator Wladimir Wladimirowitsch Putin einmal gesagt haben. Wenn dem so ist, dann stellt sich die Frage, was er gerade fühlt, angesichts dessen, was er in der Ukraine anrichtet. Sieht er die Bilder des Leids von Frauen und Kindern, die Flüchtlinge, die zerstörten Wohnblöcke? Am 24. Februar hat Putin das Nachbarland überfallen. Seitdem tobt dort der erste flächendeckende Angriffskrieg in Europa seit mehr als 80 Jahren. Putin hat konsequent auf diesen Terror hingearbeitet, den der Westen zu Recht als eine Zeitenwende deutet. Das brutale Vorgehen Russlands verändert die geostrategische Situation grundlegend.

Die Ukraine ist das Kernland einer Region, die der amerikanische Historiker Timothy Snyder in seinem tiefgründigen gleichnamigen Buch als „Bloodlands“, Blutland, bezeichnet hat. In der Tat: Wohl nirgends auf der Welt ist in den vergangenen hundert Jahren soviel Blut vergossen worden wie zwischen dem Finnischen Meerbusen und dem Schwarzem Meer, wie zwischen Kattowitz und Charkiw. Das Baltikum, Polen, Weißrussland, die Ukraine: Es ist das Schlachthaus Europas. Hier hat Josef Stalin zu Beginn der 1930er-Jahre 5,5 Millionen Menschen verhungern lassen, die meisten von ihnen Ukrainer, indem er ihnen das Getreide raubte, um es für die forcierte Industrialisierung der Sowjetunion auf dem Weltmarkt zu verkaufen. Dieses Holodomor genannte erste große Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts ist in Deutschland kaum bekannt. Nur wenig später folgte 1937/38 Stalins „Großer Terror“, bei dem 700.000 Andersdenkende hingerichtet wurden.

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Hier, in den „Bloodlands“, hat dann Hitler seinen völkischen Wahnsinn in Auschwitz und anderen Vernichtungslagern auf die Spitze getrieben. Zeitgleich starben an der Ostfront und in ihrem Hinterland 20 Millionen Soldaten und Zivilisten in einem ideologischen Krieg, den es in dieser Form noch nicht gegeben hatte: einem Vernichtungskrieg. An nur zwei Tagen erschossen SS-Angehörige, unterstützt von der Wehrmacht, in der Schlucht von Babyn Jar bei Kyjiw am 29. und 30. September 1941 mehr als 33.000 Juden – das größte Einzelmassaker im Zweiten Weltkrieg. Und jetzt herrschen mitten in diesen „Bloodlands“, auf dieser blutgetränkten Erde, wieder Krieg und Tod. Weil es ein einziger Mann so will, weil Wladimir Putin die Größe Russlands wiederherstellen will.

Erst vor einem halben Jahr erschien in loyal eine Titelgeschichte über den „vergessenen Krieg“ in der Ukraine. loyal war direkt an der Front im Donbass zwischen der freien Ukraine und den von Moskau gesteuerten „Volksrepubliken“ Luhansk und Donezk. Wir berichteten vom gefährlichen Alltag der ukrainischen Soldaten, die in den Schützengräben voller Patriotismus für die Freiheit ihres Volkes eintraten. Was mag aus dem Gefreiten Maksym, dem Stabsunteroffizier Andrii, dem Oberleutnant Myhailo geworden sein, die loyal damals interviewte? Was mit dem Historiker Igor Kozlowskyi, der in seiner Heimatstadt Donezk 700 Tage lang unschuldig in einem Foltergefängnis von Separatisten festgehalten wurde und den wir in Kyjiw trafen? Er gab loyal bereitwillig Auskunft über seine Leidenszeit. Was geht in diesem Mann heute vor im Angesicht der russischen Truppen? Wir wissen es nicht. Es gibt keinen Kontakt mehr zu unseren Gesprächspartnern aus der Oktober-Ausgabe letzten Jahres.

Seit 2014 gibt es jene Front in der Ostukraine, und Tausende sind dort ums Leben gekommen. In Kyjiw erinnert eine Gedenkmauer an die seit der völkerrechtswidrigen Abtrennung dieser Gebiete und der auf der Krim gefallenen ukrainischen Soldaten. Wie lange wird sie noch stehen, diese Stein gewordene Anklage gegen die russische Aggression, sollte Kyjiw fallen? Jeden Tag ertönte im Verteidigungsministerium eine Glocke, gab es Salutschüsse für die Toten. Heute gibt es niemanden mehr, der Plaketten an der Gedenkmauer anbringt, niemanden, der die Glocke schlägt, niemanden, der Salut schießt. In der Ukraine stehen alle wehrfähigen Männer in einem verzweifelten Kampf gegen übermächtige russische Invasoren, die das Land mit einer Orgie an Gewalt überziehen.

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