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loyal-Titelthema der Ausgabe Oktober 2021




Tägliche Gefechte in einem vergessenen Krieg

von André Uzulis

In der Ukraine herrscht seit sieben Jahren Krieg. Die Front zu den Separatistengebieten ist ein Streifen des Todes und der Zerstörung. In den vergangenen zwölf Monaten gab es mehr als 2.400 Gefechte. 59 ukrainische Soldaten sind gefallen. loyal hat sich in einer Kampfzone umgeschaut, die „Kontaktlinie“ genannt wird.

Die Schule von Pisky ist eine Ruine. Wo bis 2014 Kinder tobten, das kyrillische ABC und das Einmaleins lernten, sind heute die Wände eingestürzt oder von Explosionen verkohlt, die Fenster zersplittert. Granaten haben das erste Stockwerk teilweise weggerissen, durch die Decke geht der Blick in den blauen Himmel der Ukraine. Im Lehrmittelraum sind die Eisenschränke umgestürzt und haben sich ineinander verkeilt. In einem Klassenzimmer stehen inmitten des Schutts und Schrotts noch ein paar Stühle und Tische. Auf dem einen Tisch liegt ein verkohltes Schulbuch, auf dem anderen ein hölzerner Abakus. Am Ende des Raumes klafft ein mannshohes Loch in der Wand.

Maksym* steigt durch das Loch in den Raum. Sicheren Schritts bewegt er sich auf dem Boden, der über und über bedeckt ist von einem Chaos aus Ziegelsteinen, Brettern früheren Inventars und Glasscherben. Die Kalaschnikow in den Händen, die schusssichere Weste in ukrainischem Flecktarn über der Brust und den Helm der Spezialkräfte auf dem Kopf, findet er seinen Weg durch die Ruine der Schule, durch Klassenräume, den Speisesaal und Flure. An einem der Gänge liegen auf einer Fensterbank aufgestapelte Sandsäcke. Von hier wurde scharf geschossen. Die Abdrücke der Gewehre sind auf der oberen Reihe der Sandsäcke noch zu erkennen. Ziel der Schützen war ein gegenüberliegender Wohnblock. Auch der eine Ruine. Einschusslöcher überall, tote Fenster. Aus manchen wehen zerschlissene Gardinen.

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In dem Plattenbau nebenan hat das Bataillon, dem Maksym angehört, seinen Gefechtsstand eingerichtet. Die Fenster im Erdgeschoss sind zugemauert, die Hauseingänge mit Sandsäcken und Tarnnetz geschützt. Pisky war 2014 und 2015, als der Krieg in der Ost-Ukraine begann, schwer umkämpft. Der Ort befindet sich westlich des Flughafens von Donezk, der nach zwei Schlachten von prorussischen Milizen erobert worden war. Viel blieb von dem Airport nicht übrig. Von dort aus versuchten die Freischärler am Silvestertag 2014 das nahe gelegene Pisky einzunehmen. Ukrainische Verbände konnten die Stadt halten. Die damaligen Gefechte haben Pisky unbewohnbar gemacht. Von den mehreren Tausend Einwohnern der Gemeinde im einstigen Speckgürtel der Industriemetropole Donezk harren noch ganze elf in der Geisterstadt aus. Praktisch alles ist hier zerstört: die Schule, das Krankenhaus, ein landwirtschaftliches Institut, die Wohnhäuser. Zwischen den Ruinen sind Bäume gewachsen. Der Wind streicht durch die Blätter der Birken und des Ahorns, ansonsten ist es still. Die Natur holt sich die Stadt zurück. Die Spätsommersonne taucht die Reste des Infernos, das sich hier abgespielt hat, in mildes Licht.

Maksym ist 26 Jahre alt und von Beruf Bild- und Tontechniker. Seit viereinhalb Jahren dient er als Soldat im ukrainischen Heer. Er hat sich freiwillig gemeldet, um seine Heimat zu schützen. Dieses Motiv hört man immer wieder im Gespräch mit ukrainischen Soldaten an der Front.

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* loyal nennt aus Sicherheitsgründen nur die Vornamen der Soldaten, die mit uns gesprochen haben

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