loyal-Titelthema des Monats Dezember 2018




Russland hat den Donbass als Geisel genommen, um die Westannäherung der Ukraine zu torpedieren. Eine Reise ins Kriegsgebiet am Asowschen Meer zeigt, dass dieser Plan nicht aufgeht.

Stellungskrieg in Mariupol

Text und Fotos: von Marco Seliger aus der Ukraine

Ilja tritt das Gaspedal des Rettungswagens durch. „Kopf runter, sie schießen auf alles, was sich hier bewegt“, brüllt er in den Lärm des aufheulenden Motors hinein. Ilja (Zum Schutz des Soldaten wird hier nur der Voname genannt) beugt sich über das Lenkrad und blickt nach rechts aus dem Seitenfenster. „Wenn sie feuern, dann aus dieser Richtung.“ Er deutet mit dem Kopf in die Richtung des Separatistengebiets. Der Rettungswagen rast die Straße entlang und schlingert über den brüchigen Beton, um aus dem Schussfeld der prorussischen Scharfschützen zu kommen. Erst als er das Ortsschild von Schirokino einen Kilometer hinter sich gelassen hat, nimmt Ilja den Fuß vom Gas. Er bremst, steigt aus, läuft um den Wagen herum und deutet dann auf die Hintertür. „Glück gehabt“, sagt er und zeigt auf ein frisches Einschussloch im Blech. Nur ein Stück weiter und die Kugel hätte die Fahrerkabine getroffen.

Ilja stammt aus Kiew. Er meldet sich seit dem Frühjahr 2014 immer wieder für einige Wochen pro Jahr freiwillig als Rettungssanitäter an die ostukrainische Front. Ilja trägt eine Armeeuniform und hat sein Haar mit einem Tuch bedeckt. Gemeinsam mit seinem Freund Slawa schafft er verwundete Soldaten der Regierungsseite sowie verletzte Zivilisten in das zehn Kilometer von der ostukrainischen Front entfernte Militärhospital nach Mariupol. Eigentlich dürften die beiden nichts zu tun haben, da es seit Februar 2015 einen Waffenstillstand zwischen der Regierung in Kiew und den von Russland unterstützten Rebellen im Donbass gibt. Doch das Minsker Abkommen, das beide Seiten unter Vermittlung Deutschlands und Frankreichs unterschrieben haben, um die Kampfhandlungen zu beenden, existiert nur auf dem Papier. Immer wieder sterben Menschen an Schusswunden sowie durch Granatsplitter und Minenexplosionen. Ilja und Slawa werden gebraucht.

Mehr als viereinhalb Jahre nach seinem Ausbruch ist der Krieg in der Ostukraine festgefahren. Beide Seiten liegen sich an manchen Stellen der fast 500 Kilometer langen Frontlinie nur wenige hundert Meter entfernt gegenüber und beschießen sich mit Artillerie, Mörsern und Handfeuerwaffen. Gebietsgewinne erzielen sie so gut wie keine. Offiziell kämpfen die ukrainische Regierung und die „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk gegeneinander. Inoffiziell aber steht Russland auf Seiten der selbst ernannten und von keinem Staat der Welt anerkannten Separatisten-„Republiken“ und führt einen Krieg gegen das Nachbarland Ukraine. Aufgrund des russischen Verhaltens richtet sich die Nato 29 Jahre nach dem Ende des Ost-West-Konflikts wieder auf die Verteidigung ihres Bündnisgebiets aus. Wie zu Zeiten des Kalten Kriegs übt sie in Großmanövern die Abwehr eines konventionellen Angriffs aus dem Osten, zuletzt in Norwegen. Warum all das notwendig ist, das zeigt sich zum Beispiel in Schirokino.

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