loyal-Titelthema des Monats Januar 2019




Thomas K. aus Worms ist der erste Deutsche, der bei den Taliban in Afghanistan war. Nun stand er in Düsseldorf vor Gericht. Selten hat ein Islamist so tiefe Einblicke in das Leben bei einer terroristischen Organisation gegeben

„Ich bin kein Staatsfeind“

von Marco Seliger

Die amerikanischen und afghanischen Elitesoldaten staunten nicht schlecht. Als sie in der Nacht des 28. Februar 2018 in einem Dorf in Südafghanistan einen Taliban-Kämpfer gefangen nahmen, begrüßte sie der Mann mit dem Satz, er sei Deutscher. Die hagere, fast schon zerbrechlich wirkende Gestalt saß auf dem Boden einer Hütte, trug eine landestypische Hose und ein knielanges Hemd, auf dem geschorenen Kopf einen schwarzen Turban und im Gesicht einen rotbraunen, langen Bart. Bald darauf berichteten afghanische und ausländische Medien von einem „deutschen Taliban“, der als militärischer Berater und als „bedeutende Figur“ in der Hierarchie der Islamisten weit oben angesiedelt gewesen sei. Er solle für „zahlreiche Angriffe auf afghanische Sicherheitskräfte“ verantwortlich sein.

Sieben Monate später steht Thomas K. aus Worms in Deutschland vor Gericht. Im Lauf der acht Prozesstage wird deutlich, dass die Rede vom einflussreichen und gefährlichen „deutschen Taliban“ schwer übertrieben war. Thomas K. ist allenfalls einer, der auszog, den „Heiligen Krieg“ zu führen, dazu aber nicht taugte. Dennoch wiegen seine Taten schwer. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm vor, mehr als fünf Jahre lang Mitglied in der terroristischen Vereinigung „Taliban“ gewesen zu sein und gemeinschaftlichen versuchten Mord begangen zu haben. Zu Beginn des Prozesses am Oberlandesgericht Düsseldorf sagte Thomas K., die Anschuldigungen der Bundesanwaltschaft seien teilweise falsch. Er habe nur seine Pflicht als guter Moslem erfüllen und den „kleinen Dschihad“ führen wollen. Er habe aber niemanden getötet und dies auch nicht vorgehabt.

Thomas K., der im verschlissenen Jogginganzug vor Gericht auftrat, erschien in seiner höflichen, fast naiv wirkenden Art nicht wie ein radikaler Islamist. Die Verhandlungstage waren meist auf vier, fünf Stunden begrenzt, da er ihnen aufgrund psychischer Probleme nicht länger folgen konnte. Schon vor Thomas K. hat es in Deutschland mehrere Prozesse gegen islamistische Extremisten gegeben. Sie waren meist aus Syrien zurückgekehrt, wo sie sich dem „Islamischen Staat“ angeschlossen hatten. In diesen Verhandlungen haben die Beschuldigten meist geschwiegen. Thomas K. aber hat geredet. Dabei machte er den Eindruck eines Menschen, für den der „Heilige Krieg“ eine große Enttäuschung war. Die Taliban, berichtete Thomas K. während der Verhandlung, hätten ihn für zu schwach gehalten, um ihn gegen „die Ungläubigen“ kämpfen zu lassen. Nicht mal als Selbstmordattentäter wollten sie ihn, weil er nicht Auto fahren konnte. Lediglich ein Propagandavideo habe er gedreht. Darin feuert er eine Granate auf einen Stützpunkt der afghanischen Armee. Das tue ihm heute furchtbar leid.

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