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Loyal-Titelthema des Monats Oktober 2010




Mitten im Unruhedistrikt Chahar Darreh hat die Bundeswehr eine Polizeistation und zwei Höhen besetzt. Scharmützel mit den Rebellen gehören hier zum Alltag. Der permanente Abnutzungskampf hat in ein Patt geführt, das in diesem Herbst durch eine Offensive aufgelöst werden soll. Unterwegs mit einer Fallschirmjägerkompanie.

Vom Kriege

Von Marco Seliger

Als die Nacht hereinbricht, startet Hauptmann Michael L. (Name aus Sicherheitsgründen gekürzt) einen neuen Schachzug im Krieg gegen die Aufständischen. „Diesmal sollen sie kein Glück haben, diesmal nicht“, sagt er bei der Befehlsausgabe nach dem Abendessen. Die Männer am Tisch vor ihm nicken. Sie vertrauen dem „Chef“, der mit seinen 31 Jahren eine gewaltige Verantwortung zu tragen hat. 150 Fallschirmjäger stehen unter seinem Befehl, er will sie alle gesund zurück nach Hause bringen und muss doch zugleich einen unsichtbaren, hartnäckigen und skrupellosen Gegner bekämpfen. Er ist der Boss auf Deutschlands letztem Vorposten in Afghanistan, und als er sein Vorhaben erläutert hat, verpflichtet der Kompaniechef die Teileinheitsführer zur Verschwiegenheit. Er will keine Aufregung in der Truppe. Die Mission ist gefährlich.

Am südwestlichen Stadtrand von Kunduz hinter der Brücke über den gleichnamigen Fluss beginnt Chahar Darreh. Seit zwei Jahren herrschen in dem Distrikt die Taliban. Die Bundeswehr hat sich dort zunächst zeitweilig, dann dauerhaft festgesetzt. Das „Polizeihauptquartier“ in der öden und ärmlichen Ortschaft gleichen Namens dient 150 Soldaten sowie zwei Dutzend afghanischen Polizisten als Vorposten inmitten des Feindgebiets. 500 Meter westlich liegt Khalazai Khurd, eine Ansammlung von Gehöften, umgeben von zweieinhalb Meter hohen und einen guten halben Meter starken Lehm- und Steinmauern. Hier befinden sich die ersten befestigten Stellungen der Taliban, die in den vergangenen Monaten den westlichen Belagerungsring um Kunduz immer enger gezogen haben. Die Waffen der Fallschirmjäger auf dem Wachturm der Polizeistation sind nach Khalazai Khurd ausgerichtet, hier steht Feuerkraft gegen Hinterlist und keine der beiden Seiten vermag die Auseinandersetzung derzeit für sich entscheiden. Doch mit dem Patt in Chahar Darreh soll es bald vorbei sein. Nachdem sie in den zurückliegenden fünf Monaten gemeinsam mit afghanischen Sicherheitskräften die Aufständischen aus dem nördlichen Teil der Provinz Baghlan vertrieben haben, bereiten die deutschen Soldaten jetzt eine Offensive in den Aufstandsgebieten um Kunduz vor.

Der Tag in Chahar Darreh beginnt mit schlechten Nachrichten. Am Stadtrand von Kunduz haben die „Insurgents“ (engl. Aufständische) einen Posten überrannt und acht afghanische Grenzpolizisten im Schlaf hingerichtet. „Ihr Vorgehen wird rücksichtsloser und brutaler“, sagt ein Sicherheitsoffizier. „Die scheuen vor nichts zurück.“ Eine Ermahnung an die Fallschirmjäger, aufmerksam zu bleiben. Sie haben mit einer verstärkten Kompanie in der Polizeistation Posten bezogen und liefern sich mit den Aufständischen regelmäßig Scharmützel. Jederzeit kann unter einem ihrer Fahrzeuge eine Bombe explodieren. Die Infanteristen bilden das Herzstück eines 650 Mann starken Gefechtsverbands der Bundeswehr, der am 1. August dieses Jahres in Kunduz aufgestellt wurde und Deutschland den Weg aus dem Schlammassel am Hindukusch ebnen soll. Der Auftrag der Soldaten lautet, einheimische Sicherheitskräfte zu trainieren, gemeinsam mit ihnen die Aufständischen zu vertreiben und deren Rückkehr in die Ortschaften zu verhindern. Von 2014 an, so haben es der afghanische Präsident Hamid Karzai und die Bundesregierung angekündigt, sollen die Afghanen selbst für die Sicherheit in ihrem Land sorgen und die Bundeswehrsoldaten abziehen können.