loyal-Titelthema des Monats Oktober 2016




Seit mehreren Monaten ist die Bundeswehr wieder zurück in Kundus. Sie berät dort afghanische Kommandeure im Kampf gegen die Taliban. Ihre Expertise ist dringend nötig, denn in weiten Teilen Nordafghanistans droht die Lage zu eskalieren

Ein zermürbender Krieg

aus Afghanistan von Marco Seliger und Jonas Ratermann (Fotos)Der Bordschütze im Heck des Hubschraubers hat den fiesesten Job. Er kniet hinter seinem Kaliber-50-Maschinengewehr, das Gesäß auf der Hacke des rechten Fußes. Die Waffe ist nach unten auf die Erde gerichtet, er schwenkt sie nach links, nach rechts, wieder nach links. Dann beugt er sich über die Ladeluke, auf der das MG befestigt ist, den Kopf dem tosenden Luftstrom und den Abgasen des Helikopters ausgesetzt. Er blickt in die Tiefe, sucht den Boden nach Bewaffneten ab, die es auf die Maschine abgesehen haben könnten. In eintönigem Braun, durchzogen vom ausgetrockneten Bett eines Flusses, wild zerfressenen Berghängen und messerscharfen Graten, zieht die Erde vorbei. Vom Hubschrauber aus betrachtet sieht sie aus wie die Oberfläche eines fremden Planeten.

Die CH-53 fliegt von Mazar-i-Sharif nach Kundus. Der Flug dauert eine Stunde. Die ganze Zeit muss der Bordschütze hinter seinem Gewehr knien. Je länger der Flug dauert, desto beschwerlicher wird es für ihn. Wäre es nach der Bundesregierung gegangen, würde es diesen Flug allerdings gar nicht geben. Als die Bundeswehr vor drei Jahren aus Kundus abrückte, sollte es ein Abzug ohne Wiederkehr sein. Doch die Eroberung der Stadt durch die Taliban im Herbst vorigen Jahres hat alles geändert. Die Bundeswehr ist zurück und im 200 Kilometer entfernten Mazar-i-Sharif stellt sie sich auf weitere Jahre in Afghanistan ein. Abzug? Davon redet niemand mehr. Es herrscht wieder Krieg in Kundus.

Oberst Axel Hermeling ist Deutschlands Mann in diesem Krieg. Seit gut acht Monaten berät der Mittfünfziger aus Oldenburg mit vier weiteren Offizieren vor Ort die afghanischen Kommandeure. Selten hat Hermeling in dieser Zeit länger als fünf, sechs Stunden geschlafen. Er hat es eilig, vergangene Nacht haben die Afghanen die Straße zwischen Kundus und Khanabad von den Taliban befreit. Das ist ein großer Erfolg. Der Oberst befindet sich auf dem Weg von einem kleinen deutschen Posten innerhalb von „Camp Pamir“ zum afghanischen Kommandostab. „Camp Pamir“ ist ein großes Militärlager der afghanischen Armee, das auf einem Plateau oberhalb von Kundus und unweit des ehemaligen deutschen Feldlagers am Flugplatz liegt. Hermeling will den afghanischen Kommandeur persönlich beglückwünschen. „Gratulation zum Sieg auf Highway 3, General!“, sagt er, als er den stellvertretenden Generalstabschef der afghanischen Armee, Murad Ali Murad, trifft. Der zweithöchste Militär Afghanistans ist extra aus Kabul nach Kundus gekommen, um die Angriffe persönlich zu führen.

Er wird am Hindukusch als Held gefeiert. Als er vor einigen Wochen in Kundus ankam, hat er am Flugplatz eine Rede vor Einwohnern gehalten, die aus Angst vor einer erneuten Rückkehr der Taliban aus der Stadt geflohen waren. „Geht heim“, sagte er, „ich garantiere euch, sie werden nicht noch einmal zurückkommen.“ Die Leute glaubten ihm und gingen nach Hause. Der General kann sehr überzeugend sein, erzählt man in Kundus.

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