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loyal-Ausgabe Mai 2022




Kein Rückgrat

von Severin Pleyer

Am Morgengrauen des 24. Februar näherten sich Hubschrauber der russischen Armee vom Typ Mi-8 MTV-5M mit Elite-Fallschirmjägern des Kommandos VDV (Vozdushno-Desantniye Voyska) dem Flughafen Hostomel im Nordwesten von Kiew. Eskortiert wurden sie von einer Gruppe KA-52 „Hokum“-Kampfhubschrauber. Diese sollten eine mögliche Gegenwehr der ukrainischen Streitkräfte bei der Landung unterbinden. Was wie eine Bilderbuch-Luftlandeaktion während einer Übung begann, wurde in nur wenigen Stunden die größte Niederlage der Elitetruppe der russischen Streitkräfte. Gleich zu Beginn schossen die Ukrainer mit leichten schultergestützten Boden-Luft-Raketen eine größere Zahl der russischen Transporthubschrauber sowie einen der modernen Kampfhubschrauber ab. Erst durch die aus Norden nachgeführten mechanisierten Kräfte des 331. Luftlandegarderegiments konnte nach zwei Tagen andauernder Kämpfe der Flughafen gesichert werden.

Der Angriff auf Hostomel gilt als Beispiel für eine der missglückten russischen Operationen in diesem Krieg. Er zeigt sinnbildlich, wie es tatsächlich um die russische Armee steht. Der Westen hatte diese Truppe professioneller eingeschätzt. Tatsächlich aber wird sie vor allem vom fanatischen Willen zur Vernichtung getrieben. Militärische Erfolge, die diesen Namen verdienen, blieben vielfach aus. Der Krieg, der nur einige Tage dauern sollten, zieht sich in die Länge. Und immer stärker offenbaren sich die eklatanten Schwächen der russischen Armee. Weniger gefährlich wird sie mit zunehmender Dauer allerdings nicht, nur grausamer. Die Militäraktion in Hostomel jedenfalls legte die Probleme der russischen Streitkräfte auf allen Ebenen offen: Es hapert bei den Hauptwaffensystemen, bei der Logistik, vor allem aber bei der Menschenführung. Die verkorkste Luftlandung ist zum Sinnbild des Vorgehens russischer Streitkräfte in der ersten Kriegsphase in der Ukraine geworden: schlecht ausgebildet, schlecht koordiniert mit anderen Kräften, das Fehlen einer zentral steuernden, operativen Führung.

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Grundlage des taktischen Vorgehens der Russen sind die sogenannten Battalion Tactical Groups (BTGs), denen eine Idee aus den 1990er-Jahren zugrunde liegt. Sie wurden 2012 eingeführt, um Kampfkraft aus Brigaden zu generieren, indem „Soldaten auf Zeit“ in einer Gruppierung von Bataillonsgröße konzentriert wurden. Eine BTG ist zumeist ein Panzer- oder Infanteriebataillon, das mit zusätzlichen Panzern oder Infanterie sowie mit Artillerie, Luftverteidigung, Möglichkeiten elektronischer Kriegsführung und anderen Kampfunterstützungsmitteln verstärkt ist. Jedoch dient das Konzept der Battalion Tactical Groups hauptsächlich als Verwaltungsstruktur. Als neue Kampfformation ist es nur begrenzt geeignet, wie das Beispiel aus Hostomel zeigt. Vor allem das Gefecht der verbundenen Waffen stellt für die russischen Truppen ein erhebliches Problem dar. So konnte eine Koordination der Luftnahunterstützung sowie die Vernetzung mit anderen Truppenteilen nicht beobachtet werden. Dies führte unter anderem zum Verlust zahlreicher Truppenteile in den ersten Tagen des Krieges – eine nachhaltige Schwächung der russischen Streitkräfte war die Folge. Somit musste rascher als erwartet auf operative personelle Reserven in Form von Reservisten und Wehrpflichtigen zurückgegriffen werden.

Eigenen Angaben zufolge umfasst die russische Armee rund eine Million aktive Soldaten in allen Teilstreitkräften. Beim Heer dienen etwa 250.000 Mann. Zu ihnen zählen auch Logistik- und Unterstützungstruppen. Die Landstreitkräfte stellen ohne Reservisten nur einen kleineren Anteil der gesamten Armee. Die Luft- und Weltraumkräfte sind seit 2015 mit der Luftwaffe und den Luftverteidigungskräften in einer Teilstreitkraft zusammengelegt worden. Dieser Teil von Putins Truppe umfasst etwa 430.000 Soldaten – der mit Abstand größte Teil der gesamten Streitkräfte. Die russische Marine, die zu einem Symbol globaler russischer Machtprojektion geworden war, zählt etwa 160.000 Soldaten. Trotz neuer Fähigkeiten bei der Landzielbekämpfung hat die Marine bislang allerdings nur sehr begrenzt in den Krieg in der Ukraine eingegriffen. Ihr Schwarzmeer-Flaggschiff „Moskwa“ wurde von der Ukraine versenkt.

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