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20-jähriger Marsch Richtung Wunder: Eine Garnisonsstadt




Torgelow ist eine Stadt am nordöstlichsten Zipfel Deutschlands. Bekannt ist sie eigentlich nur als Brigadestandort und dafür, dass vor einem Jahr die Reservistenmeisterschaft dort ausgetragen wurde. Wie sie es seit der Wende aber schafft, sämtliche ihrer weniger blühenden Nachbarn in Mecklenburg-Vorpommern zu überflügeln, das vom Armutsatlas als "Armenhaus Deutschlands" betitelt wird, wissen die wenigsten.

Torgelow ist von vier Kasernen umgeben. An die 3.000 Mann sind hier stationiert, ein Drittel der Planstellen entfallen auf Reservisten – nicht viele Städte in Deutschland können sich rühmen, Brigadestandort zu sein – Torgelow kann. Das ehemalige Industriedorf hat seine ländlichen Nachbarn in den letzten 20 Jahren seit der Wende jedoch auch noch in Vielem anderem überrundet: Die Stadt hat ein komplett neues Gesicht bekommen und innerhalb der letzten sechs Jahre rund 1.000 neue Arbeitsstellen geschaffen – die Arbeitslosenquote ist von 30 auf 16 Prozent gesunken. Viele mögen sich fragen: "Wie machen die das nur?"

Nun, sie haben "eine Lichtgestalt"
Ralf Gottschalk ist seit nunmehr 20 Jahren Bürgermeister (Bürgerbündnis). Er ist 1955 in Torgelow geboren und auch aufgewachsen. Als Ingenieur hat er in einer der zahlreichen Eisengießereien gearbeitet. Er kennt die Wurzeln der Stadt, die in der Industrie liegen – weil es auch seine eigenen sind. "Vielleicht hatte ich den Vorteil, dass ich aus der pragmatischen Ingenieurswissenschaft gekommen bin", bemerkt er bescheiden. "Daher bin ich an viele Probleme der Verwaltung wohl eher praktisch und hemdsärmelig herangegangen." Es war 1990, als ihm das Amt des Bürgermeisters angetragen wurde und er sich auf das "Abenteuer" einließ. Heute lehnt er sich bei der Erinnerung lächelnd zurück. "Es hätte auch schiefgehen können", bemerkt er. Aber das ist es nicht. Selbst im fernen Bonn wird er von Reservisten, die ihn in Aktion erlebt haben, als "Torgelows Lichtgestalt" bezeichnet – allein für seine langjährigen Verdienste um den Reservistenverband ist er mit dem Ehrenabzeichen in Gold ausgezeichnet worden. Und seine Kompetenz scheint sich in alle Richtungen zu erstrecken, denn die Anfänge seiner Stadt nach der Wende waren nicht sehr vielversprechend.

Drei provisorische Asphaltstraßen, die unter Panzerketten bröckelten
So hatte Torgelow 1990 ausgesehen: "Städtebaulich waren wir ein großes Dorf ohne Infrastruktur", sinnt Gottschalk zurück. "Mit zwei bis drei provisorischen Asphaltstraßen, die sich mit den Panzern der Nationalen Volksarmee (NVA), die über sie hinwegrollten, nicht so recht vertrugen. Es gab kein Stadtzentrum, kein Kulturzentrum – nichts als ein paar veraltete Industriebetriebe und fünfgeschossige Plattenbauten. Vor uns lag eine riesige Aufgabe und eine Chance – wir konnten eine Stadt komplett neu entwickeln", erinnert er sich. Doch zunächst einmal schwanden zahllose Arbeitsplätze: Die alten Gießereien wurden aufgelöst und in den ersten fünf Jahren nach der Wende verlor ein Drittel der Stadtbevölkerung ihren Arbeitsplatz. 3.000 Menschen zogen in der Folge weg. Der durchschnittliche Stadtbürger ist seither 47 Jahre alt und bekommt noch weniger Kinder, als es im restlichen Deutschland ohnehin üblich ist.

Arbeit gab es seither zuhauf
Doch Gottschalk und die Torgelower ließen sich nicht entmutigen. Zu tun gab es an allen Fronten. Neue Straßen mussten angelegt werden, ein Kanalnetz, ein Rathaus musste her. Alte Gießereien mussten einem neuen Zweck zugeführt werden. "Wir haben so ziemlich jede Förderung genutzt, die zu haben war", sagt Gottschalk im Rückblick. "Es fanden sich jedoch auch viele private Investoren ein." Das Haus an der Schleuse, das einzige Soldatenheim, das nach der Wende noch gebaut wurde, hatte sogar vier: Die Bundeswehr, die evangelische Kirche, das Land Mecklenburg-Vorpommern und die Stadt Torgelow.

Doch sie waren schon immer spröde Pragmatiker
Torgelow war von jeher eine Eisengießerstadt, in der man sich die Hände schmutzig gemacht hat mit einer schweren und gefährlichen Arbeit. Um alles musste man sich hier mehr bemühen, als anderswo. Das hat die Leute pragmatisch gemacht und spröder als woanders. "Wir fallen unseren Gästen nicht gleich um den Hals", sagt Gottschalk, "aber wir nehmen sie freundlich auf." Freundschaft wird hier zögerlich angeboten – dann aber ist sie fest – so fest wie das Material, mit dem früher hier gearbeitet wurde. "Bis heute zählt ein Handschlag hier mehr, als ein Vertrag", sagt auch Thomas Sigusch, Leiter des Hauses an der Schleuse.

Und heute …
"Heute ist Torgelow eine Stadt mit einem neuen Gesicht, die auch überregional wahrgenommen wird", sagt Gottschalk nicht ohne Stolz. "Wir haben aus einem Industriedorf einen Brigadestandort gemacht." Dies sieht auch der stellvertretende Kommandeur der Ferdinand-von-Schill-Kaserne so: "Für alle Belange der Bundeswehr hat der Bürgermeister das hellhörigste Ohr", bestätigt Oberstleutnant Jürgen Büscheck.

"Wir sind mit der Bundeswehr verbunden"
Torgelow verbindet mit der Bundeswehr – und somit mit den Reservisten – "eine langjährige intensive und selbstverständliche Beziehung", wie Gottschalk sagt. Daher ist Torgelow auch von den Reformplänen der Bundeswehr – der geplanten Schrumpfung um ein Viertel – betroffen. Aus diesem Grund sucht der Bürgermeister der 9.400 Seelenstadt auch das Gespräch zu Politikern auf Landesebene, so oft er nur kann, um für den Standort Torgelow zu werben. "Es wird etwas passieren. Aber ich hoffe, dass wir mit all den guten Kriterien, die allseits bekannt sind, nur mit wenigen Veränderungen zurechtkommen müssen", sagt er und bemüht sich um Zuversicht. Bei der letzten Reform 2000, als eine Kaserne mit 1.200 Mann aufgelöst wurde, gab es immerhin einen Leerstand von rund 100 Wohnungen im Ort.

"Soldaten sind unsere wichtigsten Botschafter"
Gottschalk gibt zu, dass die Bundeswehr ein finanzieller Faktor für die Stadt ist: Die Soldaten bringen Geld mit – aber nicht nur: "Es ist genauso wichtig, dass immer wieder neue Leute hierherkommen, ihre Familien und Ansichten mit hierherbringen, sich einbringen – und dass sie, wenn sie irgendwann gehen, Botschafter für uns in ganz Deutschland sind. Denn den meisten gefällt es hier bei uns."

Wünsche für das neue Jahr?
Wenn Ralf Gottschalk sich etwas für das neue Jahr wünschen dürfte, was wäre das dann? "Weniger Bürokratie und mehr politische Kultur und Bildung", fällt ihm spontan ein. "Und auch, dass wir die Bundeswehr weiterhin als wesentlichen Faktor hier bei uns erleben. Außerdem Gesundheit und persönliche Stabilität für alle", fügt er pragmatisch hinzu.

Nachdenklich erzählt er, ein brasilianischer Amtskollege habe einmal gesagt, wir Deutschen würden nach unserem Wirtschaftswunder versuchen, immer wieder die 100 Prozent zu erreichen – aber 100 Prozent machten auf Dauer krank: die Finanzen, die Menschen und das Miteinander sowieso. "Ich weiß aber auch nicht, wie man bei 95 Prozent aufhört", gibt Gottschalk zu. "Ich will 100 Prozent und am besten noch mehr, vollkommen klar." Und darum wird Torgelow es auch weiterhin schaffen – mehr als jeder andere in der Region. Vollkommen klar.
 

Eva Jakubowski

Bild 1: Alljährlicher Weihnachtsmarkt
in Torgelow (Foto: Uli Blume)

Bild 2: Bürgermeister Ralf Gottschalk
blickt auf sein Werk (Foto: Eva Jakubowski)

Bild 3: Das Haus an der Schleuse
(Foto: Thomas Sigusch)

Bild 4: Thomas Sigusch, Leiter des Soldatenheims
Haus an der Schleuse (Foto: Eva Jakubowski)

Bild 5: Weihnachtsmarkt Torgelow
mit Bimmelbahn (Foto: Uli Blume)

Bild 6: Torgelower Teich
im Winter (Foto: Uli Blume)

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