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25 Jahre IMM – Reservisten erinnern sich




Drei Buchstaben – viele Nationen: Der Internationale Mönchengladbacher Militärwettkampf, kurz IMM, der Kreisgruppe Krefeld/Mönchengladbach des Reservistenverbandes besteht allen weltpolitischen Veränderungen zum Trotz seit mehr als zwei Jahrzehnten.
Der frühere Bundesverteidigungsminister Dr. Manfred Wörner empfing auch als NATO-Generalsekretär Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre traditionell Wettkämpferinnen und Wettkämpfer des IMM. Die Besuche in Brüssel gingen stets locker und fröhlich vonstatten. Hier zu sehen: Wörner mit zwei britischen Soldatinnen.1984 hatte eine kleine Gruppe freiwilliger Mönchengladbacher Bundeswehr-Reservisten um den heutigen Kreisvorsitzenden Helmut Michelis die Idee zu dieser Völker verbindenden Veranstaltung. Am ersten IMM, zu dem zehn bis 15 Mannschaften erwartet wurden, nahmen – nach einer ungewöhnlichen Werbe-Tournee der Organisatoren durch die damals am Niederrhein noch zahlreicheren Kasernen – gleich 32 Trupps aus sechs Nationen teil. Eine Mediensensation war das erste reine Frauen-Team (vier britische Fernmelde-Soldatinnen aus Krefeld), das jemals bei einer solchen Veranstaltung startete – sogar die ZDF-Nachrichten "heute" berichteten in einem ungewöhnlich langen Beitrag im Hauptnachrichtenblock darüber.
Verteidigungsminister Dr. Manfred Wörner sah abends zuhause den Fernsehbericht und lud Sieger und Organisatoren auf die Hardthöhe ein. Der Kontakt zu ihm hielt über Jahre: Weitere Empfänge, später in Brüssel als NATO-Generalsekretär, folgten. Umso betroffener waren die IMM-Organisatoren vom frühen Tode Wörners. Der stolze 25. IMM fand im Juni 2008 gemeinsam mit dem NATO-Musikfest statt. Ein besonderer Höhepunkt war die Hindernisbahn im Stadion von Borussia Mönchengladbach und das gemeinsame Antreten mit den Musikkapellen zum Abschlussfeierwerk – 18.000 Zuschauer waren begeistert.
"Werbetour, Solidaritätsstreik und bittere Tränen – drei Begriffe, die nun gar nicht zum Internationalen Mönchengladbacher Militärwettkampf passen wollen. Doch in einem Vierteljahrhundert kann viel passieren. Erinnerungen des Leitenden, manchmal auch Leidenden, Helmut Michelis in Sachen IMM – mal ernst, mal augenzwinkernd: 
"Eigentlich könnten wir ja mal…" sind die ersten fünf Worte in der IMM-Geschichte. Ausgesprochen hatte ich sie im Frühjahr 1984 in unserer Geschäftsstelle. Als alljährlicher begeisterter Teilnehmer an den Wettbewerben der "Militärpatrouille", des damaligen Militärwettkampfs für die Bundeswehr-Reserve, hatte ich die Idee, für die zahlreichen Alliierten im Großraum Mönchengladbach und unsere ausländischen Partner (wie die Dünkirchener Freunde) eine ähnliche Veranstaltung auf internationaler Ebene auf die Beine zu stellen.
Das Schlauchboot-Rennen gegen die unerbittliche Stoppuhr ist eine der traditionellen Disziplinen des "Internationalen Mönchengladbacher Militärwettkampfs", der im Juni 2009 zum 26. Mal veranstaltet wird.Peter Tönnesen, der Kreisorganisationsleiter des Reservistenverbandes, reagierte angesichts dieses noch unkonkreten Gedankens blitzschnell, begeisterte die Mitglieder Dieter Schmitz und Horst Mergenmeier für den Plan und nagelte mich zu meiner Verblüffung wenige Tage später ganz konkret fest: "Sie können jetzt loslegen. Ich habe da zwei engagierte Kameraden für Sie, die Ihnen helfen können. Machen Sie doch bitte mal ein Gesamtkonzept. Die Bundeswehr findet das bestimmt gut."
Die fand es tatsächlich gut und ließ uns machen. Der Name IMM war schnell gefunden, er beschrieb, worum es gehen sollte und band unsere Heimatstadt Mönchengladbach mit ein. Was folgte, war Pionierarbeit: Aufgaben ausdenken, die Deutsche und Ausländer unter den selben Bedingungen absolvieren können, Adressen sammeln, eine erste Einladungsbroschüre mit Schreibmaschine tippen und mit Zeichnungen illustrieren. Das war schon ein Hauch von Schülerzeitung.
Irgendwie passte das erste Grußwort meines früheren "Direx" vom Stiftischen Humanistischen Gymnasium dazu: Schulleiter Theodor Bolzenius war inzwischen zum Oberbürgermeister gewählt worden und erster IMM-Schirmherr. Computer, Internet und Handys hätten wir damals übrigens schon sehr gut gebrauchen können: Jeder Brief an Promis musste bei einem Fehler neu getippt werden; das Porto verschlang Unsummen. Es folgte eine private Werbetour mit dem Auto zu sämtlichen Kasernen am Niederrhein – mit einem Super-Echo vor allem bei Briten, Belgiern und Amerikanern.
Der bewegendste Moment war im September 1990 sicherlich der Besuch der letzten Delegation in der Geschichte der Nationalen Volksarmee der DDR. Im Vorfeld war ich als IMM-Leitender abgesetzt worden, weil ich gegen (noch) gültige Befehle verstoßen hatte, die den Kontakt zu Dienststellen des Warschauer Paktes nicht erlaubten. Ich sah mich indes als "unschuldig" an, hatte ich die Briefe an das Verteidigungsministerium Ost doch zuvor mit unserem Verteidigungsministerium West abgesprochen. Darauf trat mein Team kollektiv in "Streik": Wenn ich nicht mehr mitmachen dürfte, hätten die anderen Organisatoren leider auch keine Zeit mehr. Der Protest wirkte: Nach einigem Hickhack wurde ich wieder eingesetzt.

Just, als ich beim Test der Hindernisbahn in einer Kiesgrube in einem Schlammloch stecken geblieben war und aussah wie frisch aus der Suhle, traf ein aufgeregter Melder ein und rief: "Sie sind da!" Sie, das war eine vierköpfige Delegation, allesamt knallharte SED-Kader, die auch kein Westfernsehen empfangen durften und wollten. Sie rückten in dem Bewusstsein an, im Westen zahlreiche Lagerfeuer mit Arbeitslosen am Straßenrand zu sehen. Stattdessen half ein freundlicher ADAC-Mann nahe Hannover den DDR-Offizieren bei einer Panne und wollte kein Geld dafür. Der Delegationsleiter, ein Oberst Dr. K., hatte seine in Düsseldorf lebende Schwester seit Ende der 50-er Jahre nicht mehr gesehen – eine verminte Mauer mit scharf schießender Grenztruppe stand dazwischen.
Ein harter Militärwettkampf mit Schießen, Marsch und Hindernisbahn - reine Männersache? Weit gefehlt: Seit der Gründung 1984 nehmen alljährlich auch etliche Frauen- und gemischte Teams am "Internationalen Mönchengladbacher Militärwettkampf" teil. Und sie haben ihren Spaß, wie Stabsunteroffizier Silke Gessinger beweist, die sich hier auf der kräftezehrenden Hindernisbahn am Rollenseil gleich "todesmutig" in die Tiefe stürzen wird.Die NVA-Offiziere schauten verwirrt auf das selbstverständliche Miteinander von uns deutschen mit britischen Reservisten, die uns damals beim IMM unterstützten. Ein weiblicher britischer Sergeant, Kathy Holmes, saß bei mir auf dem Schreibtisch, als ich mit den NVA-Leuten in mein provisorisches Büro kam, und diskutierte mit unserem Organisationspersonal offen und leidenschaftlich über den ihrer Meinung nach falsch geplanten Ablauf an einer Station – in brillantem Deutsch.
Die DDR-Offiziere dachten allen Ernstes, dass ihnen ein Theaterstück vorgespielt würde; echte Kontakte mit Bündnispartnern waren im Warschauer Pakt nämlich bis auf Schauveranstaltungen strikt untersagt. Dann stieß zu allem Überfluss noch der Befehlshaber des Territorialkommandos Nord dazu. Generalmajor Hans Hoster begrüßte als ranghoher Inbegriff des so genannten "Klassenfeindes" die Gäste freundlich, ja, führte sie sogar höchst persönlich durch das NATO-Hauptquartier in Rheindahlen.
Für die Ost-Offiziere zerbrach unerbittlich ihr künstliches Weltbild in viele tausend Scherben. Auf dem Hof der Bundeswehr-Liegenschaft am Rheindahlener Kreisel bekannte ein Oberstleutnant-Ost unter Tränen, er sei jahrzehntelang dem Irrglauben erlegen, etwas Sinnvolles und Richtiges zu tun. Doch die NVA sei eine Armee gegen das Volk gewesen. Erst in Mönchengladbach habe er eine wahre Volksarmee kennengelernt. Dann verschenkte der Offizier an die Umstehenden seine Orden und stieg in den grauen Lada, der mittlerweile widerstandslos am Heck mit einem schwarz-rot-goldenen Reservistenverbands-Aufkleber verziert worden war. Der Fahrer, ein Feldwebel, trug nicht einmal mehr seine Uniform. Die hatte er kurz zuvor gegen harte D-Mark einem unserer Reservisten verkauft.
Wochen später war Deutschland vereint. Von den vier, für uns außerirdisch wirkenden Besuchern haben wir nie mehr etwas gehört. Der gefährliche Kalte Krieg zwischen Ost und West war Geschichte, Unrechtssysteme brachen wie Kartenhäuser zusammen. Kurze Zeit später nahm ich an einem Lehrgang der Bundeswehr-Schule für die Abwehr atomarer, biologischer und chemischer Waffen in Sonthofen teil. Dort hatte man die Angriffspläne des Warschauer Paktes inzwischen aufgearbeitet – unvorstellbar, welcher Zerstörungsmaschinerie speziell wir in Westdeutschland ausgesetzt gewesen wären. Die Angriffsziele standen exakt fest, waren durch die Lkw staatlicher Ost-Transportunternehmen wie Deutrans mit militärischer Besatzung sorgfältig ausgekundschaftet, das Besatzungsgeld war allen Ernstes schon geprägt beziehungsweise gedruckt, Deutschland-West auf dem Papier in genaue Besatzungsbezirke eingeteilt.
Die Bundeswehr hat, Seite an Seite mit ihren Alliierten, diesen apokalyptischen Dritten Weltkrieg mit verhindert. Als ich im Rahmen der Oldtimer-Rallye "2000 km" erstmals unter dem Brandenburger Tor in Berlin hindurchgehen konnte und mir ein fliegender Händler Uniformteile der NVA und der Sowjetarmee anbot, da spätestens wusste der Reservist Michelis, dass sich diese Welt grundlegend gewandelt hatte. Beim IMM Nummer 22 gingen erstmals auch Polen an den Start, was keinen mehr besonders aufhorchen ließ – eine Normalität im vereinten Europa, wie sie erfreulicher nicht sein kann.
Als freundliche Botschafter Deutschlands waren wir 1991 eingesetzt: Wir waren eingeladen zur ersten "UK NCO Military Skills Competition" nach Manchester, die nach Vorbild des IMM aufgebaut war. Wegen der alliierten Verärgerung über die deutsche Nicht-Teilnahme am Golfkrieg genoss die britische Einladung an uns IMM-Reservisten plötzlich in Bonn höchste Priorität. So stellte uns die Luftwaffe sogar einen zweimotorigen Transporter vom Typ Antonow An-26 aus Beständen der ehemaligen NVA der DDR zur Verfügung, der kurzfristig zur Transportstaffel 24 Dresden gehörte. Schon die Anreise geriet damals zum Abenteuer: Die erste Maschine landete zwar auf dem Jabo-Flugplatz Pferdsfeld im Hunsrück, durfte aber wegen eines Defekts an der Navigationsanlage nicht mehr eingesetzt werden.
Wer dabei war, wird den langen Beifall der 18.000 Zuschauer wohl so schnell nicht vergessen: Beim 25. NATO-Musikfest im Mönchengladbacher Borussia-Park traten die Wettkämpfer und Funktioner des IMM gemeinsam mit den Musikkorps der Nationen und dem Wachbataillon BMVg an. Ein prächtiges Feuerwerk krönte die eindrucksvolle Veranstaltung.Doch, schier unglaublich, eine zweite Antonow wurde vom Lufttransportkommando über Funk herbeigeholt – mit etlicher Verspätung konnte am Abend der Flug beginnen. Wir bestaunten im Innern der grauen Röhre die ausschließlich russischen Beschriftungen. Die Briten bestaunten später auf dem Manchester-International-Airport das absolut untypische Flugzeug eines NATO-Verbündeten neben den großen Concordes und Jumbo-Jets. Das Eis war schnell gebrochen im kargen Camp des traditionsreichen Truppenübungsplatzes Holcombe Moor.
Der Wettkampf war typisch britisch, nämlich knallhart: So wurde ein 800-Meter-Verwundetentragen-Rennen mit Gepäck und unter ABC-Schutzmaske quer durch einen verschlammten Bach bis hinauf auf eine Anhöhe gefordert. Der Krypton-Factor-Assault-Course steht sogar im Reiseführer: Ursprünglich für eine Fernsehserie à la  "Spiel ohne Grenzen" errichtet, dient er jetzt der militärischen Fitness. Er durfte erst betreten werden, als ein Mitglied der legendären Spezialtruppe SAS mit dem sandfarbenen Barett als Stationsleitender eingetroffen war.
Am meisten Sorgen habe ich mir darüber gemacht, dass wir gewinnen könnten. Denn das wäre für das deutsche Image damals nicht allzu gut gewesen. Aber unser Spitzen-Team legte zwar auf dem Krypton-Factor-Assault-Course eine "fernsehreife" Zeit vor, belegte dann aber bei dieser offiziellen britischen Meisterschaft als beste Bundeswehr-Gruppe Platz sechs. Die deutsch-britische Freundschaft war damit gerettet, zumal sich unsere anderen Teams – es sah aus wie geplant – quer durch die britische Siegerliste verteilten. Der befürchtete Vorwurf "Im Wettkampf die großen Macker, im Gefecht feige gedrückt" wäre also nicht haltbar gewesen. Tatsächlich haben wir unseren heimlichen Auftrag voll erfüllt. Im Reservisten-Magazin Loyal stand nachher: "In der Disziplin Völkerverständigung belegten alle deutschen Teams den ersten Platz."
Text: Helmut Michelis
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