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Afghanistan: Auftrag eines deutschen Soldaten




Wie ein Stabsoffizier seinen Einsatz am Hindukusch erlebt und wie er seinen Auftrag sieht. Er sagt: "Wir dürfen sie auf keinen Fall allein lassen!"

Camp Mike Spann – ein Stützpunkt in Afghanistan: Freitag, ein heißer Tag im August. Das Thermometer klettert in dem Land am Hindukusch bisweilen auf knapp 50 Grad. Im Camp, rund 30 Kilometer westlich von Mäsar-i Scharif, ist im Hintergrund die idyllische Kulisse des Marmal-Gebirges zu sehen. Dort wurden im April dieses Jahres vier gefallene deutsche Soldaten mit einem Gedenkappell in die Heimat verabschiedet. Was blieb, sind vier an einer Mauer angebrachte Gedenktafeln.

Oberst Ralf K*. ist der einzige deutsche Offizier in einem reinen US-amerikanischen Kommando, dem Regional Support Command North (RSCN). Gerade bereitet er einen weiteren Trip in den Nordosten des Landes vor. Er ist viel unterwegs in den neun nördlichen Provinzen Afghanistans. Auch heute, am Freitag, der hierzulande als Ruhetag begangen wird – wenn auch nicht von Oberst Ralf K. und seinen amerikanischen Kollegen. Mit großen Aufwendungen planen sie in dieser Region, die Grundlagen für Ausbildung und die Schaffung von positiven Entwicklungen. Oberste Priorität hat dabei, alle afghanischen Sicherheitskräfte zu unterstützen und zu stabilisieren. Das Ziel ist die Übergabe des Landes in Eigenverantwortung.

Das RSCN gehört zu einem der zwei großen Kommandostränge des Isaf-Führungsstabs, dem Nato Training Mission Afghanistan (NTMA). Geführt wird es von US-Generalleutnant William B. Caldwell. Die zwei deutschen Dienststellen im Camp werden von Reservisten unterstützt, die bis zu 10 Prozent der Personalstärke ausmachen.

Oberst Ralf K. sagt zum Auftrag: "Wir stellen die notwendige Infrastruktur und alle erforderlichen Ausbildungseinrichtungen zur Verfügung. Wir unterstützen das Ausbildungsprogramm für die Afghan National Security Forces (ANSF) – die afghanischen Sicherheitskräfte, bestehend aus Armee und Polizei – und koordinieren erforderliche Dienstleistungen. Außerdem sind wir für die Steuerung und Umsetzung der NTMA-Weisungen in den nördlichen Provinzen zuständig. Damit wird die Professionalisierung der ANSF sichergestellt und die Grundlage einer afghanisch geführten Sicherheitsstruktur geschaffen". Die größte Herausforderung seiner Aufgabe liege darin, vorgegebene Zeitpläne für die Fertigstellung von Infrastrukturen einzuhalten. Und darüber hinaus, Ausrüstung für die sich fortsetzende Ausbildung bereitzustellen. K. ist ein aktiver Stabsoffizier der Bundeswehr und leitet in Deutschland eine Kommandobehörde der Streitkräftebasis. In Afghanistan wird er noch bis Ende November eingesetzt.

Freie Wahlen in Afghanistan ermöglicht
In diesem August fanden am Hindukusch Parlamentswahlen statt bei denen es wie erwartet zu zahlreichen Terroranschlägen kam. Die Koalitionskräfte der Nato-geführten Isaf-Mission sicherten diese Wahlen ab. Die Wahlen mussten gelingen. Wären sie gescheitert, wäre die Gesamtstrategie ins Wanken geraten. Oberst K. und das gesamte RSCN haben nach Kräften daran mitgearbeitet – Hand in Hand mit der afghanischen Polizei und der Nationalarmee des Landes. "Das sah hier natürlich etwas anders aus, als zu Hause in der Tagesschau", sagt Oberst K. "Die Anzahl der Gefechte und Zwischenfälle hat von Tag zu Tag zugenommen. Denn die Taliban, die sogenannten Insurgents (Aufständische), haben kein Interesse an einem demokratischen System."

Das alles liegt jedoch inzwischen hinter den Soldaten. Trotz Anschlägen mit mehreren Toten haben viele Wähler sich nicht vom Urnengang abhalten lassen, sie wollten die Demokratisierung ihres Landes aktiv unterstützen. Auch viele Frauen sind gekommen, um ihre lange unterdrückten Rechte wahrzunehmen. Doch wegen Betrugs bei der Parlamentswahl hat die Wahlkommission inzwischen fast ein Viertel der abgegebenen Stimmen für ungültig erklärt. Wegen der vielen Beschwerden über Unregelmäßigkeiten wird es bis zum endgültigen Ergebnis immer noch dauern – seit dem 20. Oktober gibt es lediglich ein vorläufiges Endergebnis. So lange bleiben die Machtverhältnisse noch unklar. So lange drohen Anschläge zum Zwecke der Einschüchterung. Wie fühlen sich da die Soldaten der Isaf? Oberst K.: "Für jeden bedeutet Sicherheit etwas anderes. Und die Zeiten sind weiß Gott nicht sicher. Ich kann aber sagen, dass wir hervorragend ausgebildet und auf alle zu erwartenden Situationen vorbereitet sind. Dennoch darf nichts zur Routine werden: Kein Konvoi ist wie der vorige, kein Lächeln und keine noch so große Gastfreundschaft dürfen darüber hinwegtäuschen, dass es erbitterte Gegner eines neuen, zukunftsorientierten Afghanistans gibt. Diese können überall und jederzeit gezielte Einzelschläge gegen uns führen. Und genau das bewirkt das Gefühl von Unsicherheit: Was kommt von wo? Wann und wie? Aus welcher Richtung? Durch wen?"

Das Sicherheitsgefühl innerhalb der Feldlager sei hingegen allgemein gut. "Draußen im Konvoi, auf Patrouille fühlt sich das aber ganz anders an", sagt K. Neulich erst gerieten Soldaten seines Kommandos in einen Hinterhalt. Sie konnten sich herauskämpfen, haben jedoch einen Kameraden verloren – zwei weitere wurden verwundet. "So etwas steht man nur gemeinsam durch. Ohne feste Kameradschaft; ohne das Wissen, dass jeder auf den anderen achtet, ginge das nicht. Es ist die höchste Form der Verlässlichkeit, die man sich nur vorstellen kann."

"Medien betreiben einseitige Stimmungsmache"
Soll man bei all den Widrigkeiten weichen? "Gerade wegen der bereits gebrachten Opfer und aller Anstrengungen dürfen die Investitionen nicht verloren sein!", sagt der deutsche Stabsoffizier. "Es wäre fatal, wenn die Alliierten keinen weiteren Willen mehr aufbrächten, diesem Land eine Chance zu ermöglichen, auf eigenen Beinen zu stehen. Sie dürfen nicht in eine noch gefährlichere Schieflage geraten, als es ohnehin schon der Fall ist."

Ralf K. wehrt sich gegen einseitige Stimmungsmache in den Medien. Er steht zu seinem Auftrag, und damit hinter der afghanischen Bevölkerung. "Wir können es schaffen. Wir sollten um der weit überwiegenden Mehrheit der Afghanen willen hier bleiben und sie noch eine Zeit lang unterstützen. Ohne selbsttragende nachhaltige Abwehrmöglichkeiten würde sich sonst ein noch grausameres Regime einrichten, das aus vormaligen Niederlagen gelernt hat. Die Menschen hier haben es aber nicht verdient, dass wir sie erneut rückwärtsgewandten, glaubensfanatisierten ethnischen Säuberungswellen aussetzen. Wir dürfen sie auf keinen Fall allein lassen."


Barbara Damm

* Aus Sicherheitsgründen ist der
Name des Einsatzsoldaten gekürzt.


Bild oben: Deutsche und Amerikaner
tauschen Informationen aus (Foto: Isaf)

Bild Mitte: Oberst Ralf K. (Foto: Isaf)

Bild unten: Ralf K. (rechts) bespricht sich mit
einem deutschen Brigadegeneral (Foto: Isaf)

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