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Afghanistan: aus kundigen Augen betrachtet




Was einmal als zivile Hilfsmaßnahmen der Bundeswehr und der Reserve in Afghanistan begonnen hat, gipfelt mittlerweile nur allzu oft in einem militärischen Kampfeinsatz mit Todesopfern. Die afghanische Bevölkerung aber ist von der deutschen Hilfe heute enttäuschter, als je zuvor. Susanne Koelbl, Auslandsreporterin des Wochenmagazins Der Spiegel und Expertin für Afghanistan, schildert ihre Erfahrungen in dem Kriegsgebiet und ihre Sicht von der Arbeit deutscher Soldaten. Sie spricht von der Motivation für ihr Buch "Krieg am Hindukusch: Menschen und Mächte in Afghanistan" und erklärt, warum sie deutsche Auslandseinsätze so genau beobachtet.

Susanne Koelbl war in diesem Jahr dreimal in Afghanistan – in den vergangenen Jahren hingegen oft bis zu zehnmal in zwölf Monaten. Damit hat kaum jemand sonst dieses Land so häufig bereist und journalistisch so intensiv erforscht wie sie.

Vorsicht statt Furcht
Die Lage in Afghanistan hat sich über die Jahre stark zugespitzt, dennoch fürchtet sie auf ihren Reisen nicht um ihr Leben. "Eine Grundspannung ist immer vorhanden. Man bewegt sich vorsichtig, man passt sich den Verhältnissen an, ich habe aber keine Todesangst." Berufsbedingt bewegt sich Susanne Koelbl häufig in Sphären, wo es zu Konflikten kommen kann. Oft hat sie schon Gefechte beobachtet, war auch schon unter Beschuss. "Doch ich habe nie die Gefahr gesucht. Man muss einfach auf sich schnell verändernde Situationen reagieren. Es gibt fast immer Warnungen im Vorfeld, wann es Zeit ist, den Ort des Geschehens zu verlassen", erklärt sie ihre Haltung zur Gefahr.

Afghanen und Taliban als Gegenüber
Dass es für eine westliche Frau dort anders ist als für einen Mann, glaubt sie nicht. "Diejenigen, die uns als Feinde betrachten, achten nicht darauf, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt. Afghanen, das ist zumindest meine Erfahrung, akzeptieren so gut wie immer auch Frauen als Ausübende ihres Berufs. "In all der Zeit gab es gerade einmal zwei Weigerungen, sich mit mir zu unterhalten, weil ich eine Frau bin", so Koelbl. Was die Taliban angeht, versteht Susanne Koelbl das Weltbild dieser Extremisten als sehr geschlossen: "Sie besitzen ein in allen Schichten ideologisch beinahe gleiches Gedankengut. Lediglich die Vorstellungen über den Raum, in dem sie wirken wollen, sind unterschiedlich. Die einen wollen ein regional begrenztes Gebiet dominieren, die anderen haben das Ziel, die ganze Welt zum Kalifat zu machen – was wir selbstverständlich als Angriff auf unsere Freiheit und Lebensweise betrachten müssen."

Soldaten als Begleiter
Susanne Koelbl schreibt seit über 15 Jahren über militärische Einsätze, darum hat sie auch oft deutsche Soldaten oft begleitet. Hat sie sich in dieser Zeit beschützter gefühlt, als sonst? "Manchmal ist das so, aber nicht unbedingt. Das Militär bildet auch immer ein gut erkennbares Ziel. Oft ist man als Einzelperson weniger auffällig und beweglicher. Dennoch gibt es auch Situationen, in denen man sich durch robusteres Auftreten mit dem Militär im Rücken geschützter fühlt." Sie hat Soldaten meist als Profis erlebt. "Auf der Ebene von Zugführern und Kompaniechefs gibt es fast ausschließlich hochmotivierte, erfahrene Soldaten, die ihren Lebenssinn darin sehen, sich einzusetzen – wovor ich durchaus großen Respekt habe", so Koelbl. Sicher gebe es einen Unterschied zwischen Soldaten, die in Vollzeit militärisch tätig seien und darin ihre Berufung sehen, und Reservisten, die den Einsatz als temporäres Ereignis sehen. "Dennoch bilden die Reservisten, da sie Spezialisten auf vielen Gebieten sind, zum Beispiel Techniker oder Informatiker, einen unverzichtbaren Teil der Kompanie, da sie spezifische und neue Qualitäten mit einbringen."

Tiefpunkt in Afghanistan
Als bisherigen Höhepunkt der negativen Entwicklungen in Afghanistan sieht Susanne Koelbl das Jahr 2009. "Die Lage ist damals immer bedrohlicher geworden. Vor allem in Kundus waren viel zu wenige Soldaten vor Ort und Teile der Ausrüstung waren  nicht geeignet. Es gab viel zu wenig Hubschrauber und Aufklärungsmittel. Außerdem fehlte in Deutschland das passende Verständnis für die Situation, weil die eskalierende Lage politisch nicht vermittelt wurde. Erst zum Jahreswechsel 2010 setzte ein Lernprozess ein und es kam zu Anpassungen." Ihrer Meinung nach, ist ohnehin die Rechtfertigung für den Einsatz kritisch zu sehen: "Vieles hätte man aus heutiger Sicht klüger anfangen können., aber das sagt sich natürlich im Rückblick auch leicht. Deutschland befindet sich eben auch in einem Bündnis mit anderen Staaten und am Ende werden hier auch größere Ideen und Werte, verteidigt, als Teil der westlichen Allianz."

Gründe für afghanische Enttäuschung
Einer aktuellen Umfrage zufolge, befürworten heute 40% der im Nordosten ansässigen Afghanen Anschläge auf deutsche Soldaten – die gleichen Afghanen, die vor ein paar Jahren noch den deutschen Einsatz begrüßt hatten. Dies überrascht Susanne Koelbl jedoch nicht. "Wenn eine Region von den Taliban infiltriert und dominiert wird, wenn diese Gruppe dort die Gerichtsbarkeit ersetzt, ihre Regeln zum Gesetz für die Gesellschaft wird, dann adaptiert die Bevölkerung, was ihnen vorgegeben wird. Sie muss sich auf eine Seite schlagen, das ist eine Frage der Überlebensstrategie. Es ist auch unserem eigenen Unvermögen geschuldet, dass wir den Menschen dort weder Sicherheit noch Gerechtigkeit geboten haben und auch jetzt nicht bieten können."

Ihr Buch soll aufklären
2009 ist ihr zweites Buch "Krieg am Hindukusch" erschienen, das sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Olaf Ihlau geschrieben hat. Das Werk ist eine aktualisierte fortgeschriebene Fassung des Vorgängers "Geliebtes, dunkles Land". Beide  Bücher sollen den Konflikt in Afghanistan begreifbar machen, die Geschichte des Landes erzählen, über Schlüsselfiguren die aktuelle Entwicklung nachzeichnen und die Sicht aller Beteiligten und ihre Interessen darstellen. "Das Land und seine eigenwilligen Menschen soll dem Leser näher gebracht und verstehbar werden", so Koelbl zu ihrer Motivation, es zu schreiben.

Krieg und Identität
Warum jedoch hat sie ausgerechnet die Entwicklung in Afghanistan mit so großer Intensität verfolgt? Wäre es auch bei jedem anderen Land im Kriegszustand genauso gewesen? "In der Tat", darauf Susanne Koelbl. "Deutschland musste sich nach dem Fall der Mauer als souveränes Land neu erfinden. Mich beschäftigte die Frage, was es für uns und unsere Indentität bedeutet, wenn wir uns militärisch wieder international beteiligen. Es hat mich bereits ab 1993 in Bosnien und auch im Kosovo interessiert. Ich will Transparenz schaffen, denn man muss wissen, woran man sich beteiligt. Am Ende darf es keinen großen Graben zwischen dem Verständnis der Soldaten und dem Verständnis der deutschen Bevölkerung geben, was den Kriegseinsatz betrifft."
 

Eva Jakubowski

Bild 1: Susanne Koelbl in Kandahar (Foto: Knut Mueller)

Bild 2: Susanne Koelbl (Foto: Herlinde Koelbl)

Bild 3: Susanne Koelbl mit Bundeswehrkommando (Foto: Knut Mueller)

Bild 1 und 3 werden freundlicherweise von Knut Mueller zur Verfügung gestellt.
Er begleitet S. Koelbl seit vielen Jahren auf ihren Reportagen
und gilt als einer der erfahrendsten und besten Kriegsfotografen Deutschlands.
Auf
www.knut-mueller-afghanistan.de ist ein Afghanistan-Pakistan-Vortrag beschrieben,
den K. Mueller auch auf sicherheitspolitischen Seminaren des Reservistenverbands hält.

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