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Aktenberge dokumentieren Schicksale des Krieges




In einer ehemaligen Waffen- und Munitionsfabrik in Berlin-Reinickendorf liegen heute 4.300 Tonnen Akten und Karteien. Gelagert in meterlangen, übermannshohen Regalen, die sich durch hallenartige Räume ziehen. Es riecht nach alten Büchern. Wolfgang Remmers greift aus der Zentralkartei mit 18 Millionen Karteikarten ein vergilbtes Stück Papier heraus. Dort steht: August Christian Löhr, geboren am 7. Oktober 1907 in Braunschweig. Am Tag genau 107 Jahre nach Löhrs Geburt sagt Remmers – über die Karteikarte gebeugt: "Um Paris vermisst. Im Juli 1944."

Remmers arbeitet als Abteilungsleiter bei der sogenannten Deutschen Dienststelle. Genauer: Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht (WASt), deren Auftrag auf ein Genfer Abkommen aus dem Jahr 1929 zurückgeht, das alle Staaten verpflichtet, die Schicksale von Soldaten im Kriege zu protokollieren. "Wir haben allein im vergangenen Jahr 43.000 Anfragen erhalten", sagt Remmers. Er möchte zeigen, wie die Deutsche Dienststelle arbeitet. Ein Hamburger hat die Erlaubnis gegeben, dies am Beispiel seines Großvaters August Löhr zu tun.

An der Klärung von Schicksalen hängen Rentenansprüche
Die Zentralkartei, in der Löhrs Wehrmachtsandenken lagert, hält alles fest, was zu einer Person eingegangen ist. Sie ist in der täglichen Arbeit der Deutschen Dienststelle die erste Anlaufstelle. Die Kartei verrät in diesem Fall viel, sagt Remmers. August Löhr diente zuletzt in der 7. Armee und kämpfte in der Schlacht in der Normandie. 1949 hat die Ehefrau des Vermissten eine erste Anfrage gestellt, 1952 wurde er trotz Vermisstenstatus für tot erklärt. "Das hängt in der Regel mit Hinterbliebenden- und Rentenansprüchen der Angehörigen zusammen", erklärt Remmers.

Ehering und Erkennungsmarke identifizierten Toten
1955 dann die eigentliche Totenmeldung. Durch einen französischen Pfarrer konnte anhand der Erkennungsmarke eindeutig geklärt werden, dass August Löhr auf dem Friedhof in Chérisy in Nordfrankreich liegt. Einziges Überbleibsel: Ein Ehering mit der Gravur: "Erika, 31.7.32". Erika, das war seine Frau. Als sie den Aufenthaltsort erfährt, ordnet sie die Überführung nach Hamburg an, die dann 1960 auch stattfindet. Das steht wiederum im Umbettungsprotokoll, auf das die Karteikarte verweist.

100 Millionen Einzelmeldungen in einem Verzeichnis
Doch nicht immer gibt die Karteikarte genug her. "In einem zweiten Schritt ziehen wir das Erkennungsmarkenverzeichnis heran", sagt Remmers. Hier könne man einsehen, in welchen Einheiten jemand gedient hat. Tatsächlich findet Remmers auch hier August Löhr. Sechsmal hat der Unteroffizier den Truppenteil gewechselt – zuletzt zur 2. Kompanie der Kraftfahr-Abteilung 595. "In diesem Verzeichnis kommen etwa 100 Millionen Einzelmeldungen zusammen." Und diese Meldungen sind nicht digitalisiert. "Das heißt, diese müssen noch händisch herausgesucht und ausgewertet werden", sagt Remmers.

Bearbeitung nach Wichtigkeit
Tatsächlich ist die Masse an Material enorm: Neben den genannten 18 Millionen Karteikarten und 100 Millionen Einsatzmeldungen lagern noch fünf Millionen Wehrstammbücher, 150 Millionen Verlustmeldungen, 15 Millionen Meldungen über Kriegsgefangene, viereinhalb Millionen Gräberkarteikarten und einiges mehr in den Räumlichkeiten der Deutschen Dienststelle.

US-amerikanischer Major rettete Unterlagen
Es war ein Jude, der dieses Erbe der gefallenen Wehrmachtssoldaten gerettet hat. Als die Sowjetunion in Ostdeutschland einfiel, ordnete der jüdische US-Major Henry Sternweiler an, die Unterlagen aus Thüringen in den Westen zu bringen. In der Eile wurden jedoch auch Teile zurückgelassen – so die wichtige Gräberkartei, die erst nach dem Mauerfall wieder in den Zugriff der Deutschen Dienststelle kam. Aus Angst, ehemalige Wehrmachtsoffiziere könnten die Dokumente nutzen, um eine zweite Wehrmacht aufzubauen, beschlossen die Alliierten, die Unterlagen zu vernichten. Es war wieder Sternweiler, der gemeinsam mit dem französischen Offizier Armand Klein den alliierten Kontrollrat umstimmte. Und noch immer gäbe es in Deutschland Millionen von Frauen und Müttern, die noch nichts über den Verbleib ihrer Angehörigen wüssten, so Sternweilers Einschätzung.

Dienststelle nicht überflüssig oder überholt
Heute erlebt die Deutsche Dienststelle wieder einen Anstieg der Anfragen. "Viele haben erwartet, dass unsere Dienststelle über die Jahre überflüssig wird", sagt Amtsleiter Söchtig, "doch das Gegenteil trifft zu. Seit einigen Jahren wird das Interesse wieder größer." Das hänge auch mit den derzeitigen Gedenktagen um die Weltkriege zusammen. Auch das Material wird umfangreicher. Die besagte Gräberkartei kam hinzu, seit den 1990er Jahren gibt es außerdem ein Abkommen mit Russland, die Archive über Kriegsgefangene und Gefallene den jeweiligen Dienststellen zugänglich zu machen.

Digitalisierung wird Jahre dauern
Wolfgang Bremmers sitzt derweil in Berlin und betreibt weiter Detektivarbeit. "Uns stehen etwa 250 Mitarbeiter zur Verfügung. Bei den Massen an Dokumenten ist das nicht viel", sagt er. Die Fundstellen der einzelnen Bestände wurden elektronisch in Datenbanken erfasst, um sie schneller zu finden. Auch an weiteren Digitalisierungsmaßnahmen wird gedacht. Aufgrund der großen Menge der Unterlagen wird ein solcher Prozess jedoch Jahre in Anspruch nehmen, so Remmers. Sorgfältige Arbeit stehe dabei immer im Vordergrund. Den Mitarbeitern der Deutschen Dienststelle (WASt) sei immer bewusst, dass hinter jedem beantworteten Antrag ein menschliches Schicksal steht, sagt er.

Akten lassen menschliche Tragödien nur erahnen
Wehrmachtsunteroffizier August Löhr liegt heute auf dem Ehrenfriedhof in Hamburg-Ohlsdorf. Ohne die Deutsche Dienststelle hätte seine Frau Erika wohl nie erfahren, dass ein französischer Pfarrer ihn einst in eine Liste aufnahm. So kommen Bürokratie und bewegende persönliche Schicksale zusammen. Im aktuellen Schreiben der Dienststelle zu August Löhr heißt es abschließend: "Der Sterbefall ist am 7.5.1955 beim Standesamt Hamburg-Uhlenhorst unter der Nummer 635/1955 beurkundet worden." Wo Bürokratie endet, geht die menschliche Tragödie weiter: Der vormals selbstständige Spediteur hinterließ Ehefrau Erika, eine Tochter und drei Söhne. Der Jüngste kam erst im September 1943 auf die Welt, hat seinen Vater nie kennengelernt.


Autor: Dennis Hallac /
Recherche: Andelka Krizanovic

Bild oben: Die Akte gibt Antworten auf Fragen der Angehörigen.
In diesem Fall wird das Schicksal des Wehrmachts-Unteroffiziers
August Christian Löhr beschrieben (Foto: Dennis Hallac).

2. Bild: August Christian Löhr war Unteroffizier der Deutschen
Wehrmacht – fiel 1944 in Frankreich (Foto: privat,
vermutlich 1944 aufgenommen).

3. Bild: Aktenregale in der Deutschen Dienststelle in Berlin
geben Millionen von Schicksalen preis (Foto: Dennis Hallac).

Bild unten: In der Deutschen Dienststelle in Berlin arbeiten rund
250 Mitarbeiter die Schicksale von Wehrmachtssoldaten auf
(Foto: Dennis Hallac).

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