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Atomwaffen: So war es im Sonderwaffenbataillon

Oberstleutnant d.R. Jörg Schiller diente in den 1980er Jahren in einem Sonderwaffenbataillon der Bundeswehr. Dessen Auftrag: eine amerikanische Einrichtung bewachen, in der atomare Sprengköpfe gelagert waren. Schiller plädiert heute für eine glaubwürdige Abschreckung, bei der die konventionellen Streitkräfte und die Reserve eine wesentliche Rolle spielen. Seine Argumente für diesen Ansatz stammen von seinen Erfahrungen im Sonderwaffenbataillon.

Symbolbild: Erdbunker und Wachturm des ehemaligen Sondermunitionslagers Engratshofen.

Foto: Wikipedia/Thomas Springer/gemeinfrei

kernwaffennukleare teilhabe

Die nukleare Teilhabe in Deutschland ist ein überholtes Konzept. Das sagt Rolf Mützenich. Der Fraktionsvorsitzende der Sozialdemokraten hält die Logik hinter der Nuklearstrategie der NATO für veraltet. Oberstleutnant d.R. Jörg Schiller diente in den 1980er Jahren im Transportbataillon Sonderwaffen 320 im hessischen Herborn. Der Vorsitzende der Landesgruppe Brandenburg des Reservistenverbandes war in dieser Zeit nah dran an atomaren Sprengköpfen für Kurzstreckenwaffen des US-Heeres. Zur Frage, wie sinnvoll Abschreckung mit nuklearen Waffen und damit die nukleare Teilhabe ist, hat er eine klare Meinung.

Drei Tage 24 Stunden lang Dienst. Immer abwechselnd zwei Stunden Wache, zwei Stunden Schlaf. Danach sieben Tage Rufbereitschaft. Das alles drei Wochen lang, bis es endlich einmal eine Woche Urlaub gab. So sah der Alltag für die Soldaten im Sonderwaffenbataillon in Herborn aus. „Ich habe nach zwei Jahren dort drei Jahre gebraucht, um mich wieder mit der Bundeswehr anzufreunden“, sagt Oberstleutnant d.R. Jörg Schiller zum enorm belastenden Dienst zur Zeit des Kalten Krieges. Aber rückwirkend verkläre sich einiges. Das Bataillon bestand aus drei Kompanien. Offiziell war es ein Logistikbataillon. Drei Viertel der Soldaten kamen jedoch aus der Grenadier- und Fallschirmjägertruppe. Sie waren an allen Handfeuerwaffen der Bundeswehr ausgebildet. Man benötigte Fähigkeiten wie Konvoi fahren oder den Jagdkampf. Das Sonderwaffenbataillon hatte eine besondere Aufgabe. Es hatte den Auftrag, die Sprengköpfe der amerikanischen Streitkräfte zu bewachen und zu transportieren. Bei gewissen Eskalationsstufen wurden deutsche Fahrzeuge mit diesen amerikanischen Sprengköpfen beladen und an bestimmte Punkte transportiert. Dort wurden sie dezentral gelagert und wären innerhalb kurzer Zeit einsatzfähig gewesen. Nur die amerikanischen Kommandeure haben bei solchen Verlege-Übungen gewusst, ob bei den einzelnen Transporten echte atomare Sprengköpfe oder nur Attrappen im Spiel waren. Wie viele Atomwaffen die Amerikaner in ihrer Einrichtung in Herborn gelagert hatten, war ebenfalls streng geheim. „Die haben sich nicht in die Karten schauen lassen“, sagt Oberstleutnant d.R. Jörg Schiller.

Basen waren US-amerikanisches Territorium

Die atomaren Sprengköpfe lagerten nicht auf bundesdeutschem Gebiet, sondern immer auf Basen, die amerikanisches Hoheitsgebiet waren, erläutert Oberstleutnant Schiller. Um das amerikanische Lager befand sich ein Hochsicherheitszaun, der schon zum amerikanischen Boden gehörte. Davor gab es drei Zäune mit entsprechenden Sicherheitsstreifen. Diese mussten die Soldaten des Sonderwaffenbataillons bewachen. Es gab mehrere Sicherheitsbereiche mit verschiedenen Eskalationsstufen.

Oberstleutnant d.R. Jörg Schiller. (Foto: Archiv/VdRBw/privat)

In Herborn hatte die US-Armee die Kurzstreckenraketen Lance und Sergeant stationiert. Das deutsche Heer verfügte damals über Raketenartilleriebataillone, die dazu befähigt waren, diese Munition zu verschießen. Allerdings hätte der Einsatz von atomaren Sprengköpfen vorausgesetzt, dass die Follow-On-Forces-Taktik der NATO im Kalten Krieg nicht funktioniert hätte. Dann, bei einem ungehinderten Vordringen der Warschauer-Pakt-Streitkräfte, sah die NATO-Taktik die Möglichkeit vor, einen atomaren Sperrriegel zu schießen. In einem solchen Szenario wären die Lance-Kurzstreckenraketen oder atomare Landminen zum Einsatz gekommen, schildert Jörg Schiller. Man hoffte, dass ein nuklear verseuchter Raum für gepanzerte Kräfte unpassierbar gewesen wäre. Die sowjetische Strategie habe vorgesehen, innerhalb weniger Tage den Hafen von Rotterdam und die spanische Küste zu erreichen, berichtet Schiller. „Wir haben gelernt, dass das Gebiet um einen Ground Zero über Jahre nicht betretbar sein würde. Aber im sowjetischen System war es vorgesehen gewesen, dass es Einheiten mit einer Lebenserwartung von fünf bis sechs Tagen gab.“ Nachdem er sich während seines Politikstudiums näher mit dem Thema auseinandergesetzt hat, ist sich der Oberstleutnant d.R. heute sicher: Die sowjetischen Truppen hätten bei einer Kernwaffenexplosion weiter ihre Streitkräfte zu Fuß oder mit Fahrzeugen durch einen nuklear verseuchten Raum geschoben.

„Es gibt immer einen Verrückten“

Aus Schillers Sicht habe die nukleare Abschreckung daher ihren Sinn verloren. „Es gibt immer einen Verrückten, dem Menschenleben egal sind und der auf den Knopf drücken kann. Je weniger Atomwaffen in der Welt sind, desto besser.“ Anstatt auf die nukleare Teilhabe zu setzen, plädiert Jörg Schiller für eine andere Form der glaubwürdigen Abschreckung. „Sich hinter einem atomaren Schutzschild zu verstecken und die konventionellen Streitkräfte vernachlässigen, halte ich für einen falschen Weg“, sagt der Vorsitzende der Landesgruppe Brandenburg des Reservistenverbandes.

Seiner Meinung nach müsse die Politik befähigt werden, ein Instrument in der Hand zu haben, mit dem sie auch arbeiten könne. Das wäre ein gut ausgebildetes und gut ausgestattetes Militär. Zudem dürfe die Politik sich nicht scheuen, eine gut ausgerüstete und ausgebildete Bundeswehr in robuste Einsätze zu schicken. Dass glaubwürdige Abschreckung mit konventionellen Streitkräften sinnvoll sei, dafür sei das Engagement der Bundeswehr in Litauen ein gutes Beispiel, sagt Schiller.

Konventionelle Streitkräfte stärken

Dazu sei es allerdings notwendig, die konventionellen Streitkräfte wieder stärker aufzubauen. Die Bundeswehr hat sich zum Ziel gesetzt, die Streitkräfte auf 203.000 aktive Soldatinnen und Soldaten aufzustocken. Aus dem Eckpunktepapier der Bundeswehr geht hervor, dass diese Zielgröße auch die Freiwillig Wehrdienstleistenden und die Reservistendienstleistenden umfasst. Zum Vergleich: 1990 lag der Personalbestand der Bundeswehr bei etwas mehr als 458.000 Soldaten. „Man kann das stehende Heer klein halten, aber für eine glaubhafte Abschreckung, braucht man eine Reserve, die schnell aufwächst und gut ausgebildet ist“, argumentiert Oberstleutnant d.R. Jörg Schiller. Wenn er aus der Sicht der Reserve einen Wunsch in der Politik frei hätte, wäre dies, die Aussetzung der Wehrpflicht wieder zurückzunehmen. Damit wäre die Möglichkeit gegeben, besser und gezielter Reservistinnen und Reservisten auszubilden und einsatzfähig zu halten. Ein wesentlicher Baustein für glaubwürdige Abschreckung.

Ob Rolf Mützenich ähnliche Schlüsse zieht, ist nicht überliefert. Sicher ist: Bei dem Thema, wie glaubwürdige Abschreckung aussehen soll, spielt nicht nur die Frage nach der nuklearen Teilhabe, sondern auch die Frage nach einer aufwuchsfähigen Reserve eine wesentliche Rolle.

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