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Aus dem Urlaub in die Flüchtlingshilfe




In der alten Prinovis-Druckerei in Itzehoe, wo einst die Magazine "Der Spiegel" und "Stern" gedruckt wurden, unterstützen Mitglieder der örtlichen Reservistenkameradschaft die Helfer der Johanniter Unfall-Hilfe beim Betrieb der Landesunterkunft "Camp Prinovis".

Bereits am Strand von Fuerteventura beschlich Kay Rowedder ein merkwürdiges Gefühl: "Bei den Fernsehbildern wusste ich schon im Urlaub, dass zuhause unsere Hilfe gebraucht wird", berichtet der Vorsitzende der Reservistenkameradschaft (RK) Itzehoe. Und er sollte Recht behalten: Am Samstagvormittag des 25. September nahm er auf dem Gelände der ehemaligen Prinovis-Druckerei an einer ersten Stabsbesprechung teil. 48 Stunden später sollten in den alten Werkshallen die ersten Flüchtlinge untergebracht werden.

Itzehoer Reservisten und RSU-Kameraden Hand in Hand
Zwölf Stunden zuvor hatte der künftige Einrichtungsleiter von "Camp Prinovis" den Auftrag zum Aufbau und Betrieb der Landesunterkunft erhalten: Lars Bessel von der Johanniter Unfall-Hilfe, der ehrenamtlich Landespressereferent des Reservistenverbandes in Schleswig-Holstein und Autor dieses Artikel ist, sagt: "Für mich war die Einbindung der Reservisten vor Ort eine Selbstverständlichkeit." Anders als die Kameraden der Regionalen Sicherungs- und Unterstützungskompanien (RSUKp), die im Zuge einer Reservedienstleistung ebenfalls beim Aufbau der Schlafsäle halfen, packten die Mitglieder der örtlichen Reservistenkameradschaft vollkommen ehrenamtlich mit an. Und dieses Engagement ist von Dauer: Bereits bei Ankunft der ersten Flüchtlingsbusse übernahm Rowedder mit seinen Männern die Einschleusung der Gäste in der Funktion eines Quartiermeisters. Zusammen mit dem Stabsgefreiten der Reserve Markus Petrich und dem Stabsunteroffizier der Reserve Peter Nöhren sowie Helfer Finn-Ole Speck galt es, den ersten Schlafsaal so zu belegen, dass keine Unruhe unter den Neuankömmlingen entstand. Die RSU-Kompanien hatten zuvor 432 Betten in die alte Klebehalle von Prinovis gestellt, aufgeteilt in unterschiedlich großen Boxen für sechs bis zwölf Personen.

Militärische Ausbildung und Netzwerk kamen zugute
Markus Petrich kam dabei die Aufgabe zu, die Gäste sinnvoll "vorzusortieren", aufgeteilt nach Herkunftsländern und Religionen. "Dabei gab es überhaupt keine Probleme", so Petrich, "die Leute waren alle freundlich und geduldig und wir hatten von Anfang an Ruhe in der Halle." "Nicht ganz", weiß Peter Nöhren zu ergänzen, "manchmal saßen Familien heulend in ihrer Box, aber dann haben wir noch eine Plane zusätzlich eingezogen und zum Schluss haben sich alle bedankt." Apropos Planen: Als am dritten Anreisetag bei der anwesenden Landespolizei das Material ausging, half kurzerhand der für Reservistenangelegenheiten zuständige Feldwebel aus Heide aus. Stabsfeldwebel Harald Struve packte seinen Privatwagen bis unters Dach voll mit alten ABC-Ponchos der NVA und brachte sie nach Itzehoe. Im "Camp Prinovis" kommen die Lagerbestände nach über 25 Jahren nun zu ungeahntem Einsatz.

Geplante Veranstaltungen wurden abgesagt
"Unsere militärische Ausbildung und das Netzwerk innerhalb und außerhalb des Reservistenverbandes kommen uns hier zweifelsohne zugute", bilanziert RK-Vorsitzender Rowedder. Gleichzeitig hofft er auf das Verständnis der anderen Kameraden, dass aufgrund dieses außergewöhnlichen Einsatzes ursprünglich geplante Veranstaltungen abgesagt werden mussten. "Aber die holen wir im kommenden Jahr nach", verspricht er. Bis dahin bleibt viel zu tun: Nach zwei Wochen galt es erstmals, die Bettwäsche zu tauschen – bei mittlerweile rund 1.000 Gästen wieder die passende Aufgabe für Menschen mit organisatorischen Fähigkeiten. Ihre ehrenamtlich geleisteten Stunden abends und am Wochenende zu zählen, das haben die Reservisten längst aufgegeben. Peter Nöhren ließ sich zwischenzeitlich sogar nachts um drei Uhr aus dem Bett klingeln, um Neuankömmlingen aus Bayern ein Bett anzubieten. "Als Lohn gibt es ein richtig gutes Gefühl", sagt Markus Petrich zufrieden.

Kameraden im Land wollen die Erfahrungen der Itzehoer nutzen
Der Einrichtungsleiter der Johanniter kommt derweil aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus: "Unser Camp genießt einen sehr guten Ruf im Land. Probleme gab es bislang keine. Ein Grund dafür ist zweifelsohne die umsichtige wie auch die engagierte Arbeit der Reservisten", lobt Lars Bessel. Sie seien innerhalb kürzester Zeit Teil eines Teams geworden, das sich aus unterschiedlichsten Personengruppen zusammensetzt: aus Polizei, Bundeswehr und Johannitern, bis hin zu Küchen-, Reinigungs- sowie Sicherheitspersonal. Und der Einsatz der Itzehoer spricht sich ebenfalls in den eigenen Reihen herum: Weitere Reservistenkameradschaften im Land fragen bereits nach Erfahrungsberichten und Kontakten, um sich auch in anderen Orten ähnlich einbringen zu können. "Die Reservistendienstleistenden der RSU-Kompanien sind vor allem in der Aufbauphase unerlässlich", so Camp-Leiter Bessel, "aber für den laufenden Betrieb brauchen wir unbedingt auch in Zukunft die ehrenamtlichen Kameraden."



(Lars Bessel / red)

Hintergrundinformation
"Camp Prinovis": Platz für bis zu 2.500 Flüchtlinge

Das Camp wurde am 28. September erstmals bezogen und beherbergt derzeit rund 1.000 Flüchtlinge. Geplant ist bis Ende des Jahres eine Verdopplung der Bettenzahl; diese sollen weitgehend in Wohncontainern stehen. Hinzu kommt ein "Puffer" von 500 Betten in den alten Werkshallen. Ursprünglich wurden in der alten Prinovis-Druckerei (vormals verlagsgruppe Gruner & Jahr) unter anderem "Der Spiegel" und der "Stern" gedruckt, bevor das Werk im Frühjahr 2014 geschlossen wurde. Derzeit wird das Areal zu einem "China Logistic Center" umgebaut, dies erfolgt auf drei Vierteln der Fläche auch weiterhin parallel zur Flüchtlingsunterkunft. Verantwortlich für die Landesunterkünfte (LUK) zeichnet in Schleswig-Holstein die Landespolizei. Der laufende Betrieb wird jeweils an eine Hilfsorganisation vergeben, im Fall Prinovis an die Johanniter Unfall-Hilfe.

(red)

Bild oben: Markus Petrich und Finn-Ole Speck (rechts) zeigen
ehrenamtlichen Einsatz in Itzehoe. Sie schleppen
unermüdlich Bettgestelle (Foto: Lars Bessel).

2. Bild: Kay Rowedder (links) und Peter Nöhren bauen die
Zwischenwände mit Sichtschutz auf, die den Asylsuchenden ein
Minimum an Privatsphäre sichern sollen (Foto: Lars Bessel).

3. Bild: Blick von oben auf die kleinen Boxen innerhalb der alten
Druckereihalle. Mehr Privatsphäre gibt es nicht für die
Flüchtlinge in Itzehoe (Foto: Lars Bessel).

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