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Wenn Regierungen Krieg führen wollen, engagieren sie mitunter PR-Agenturen, um die öffentliche Meinung zu manipulieren. Manchmal fliegt deren Rolle auf. Doch dann ist die Schlacht längst geschlagen.

Von Lorenz Hemicker

Der Zweite Golfkrieg beginnt mit einer Lüge. Einige Wochen nach der irakischen Annexion des Emirats Kuwait sitzt ein Mädchen namens Nayirah am 14. Oktober 1990 vor dem Menschenrechtsausschuss des US-Repräsentantenhauses. Mit tränenerstickter Stimme spricht die 15-Jährige von ihren Erlebnissen während ihres Dienstes in einem Krankenhaus der besetzten Hauptstadt. "Ich habe gesehen", sagt sie, "wie die irakischen Soldaten die Säuglinge aus den Brutkästen nahmen, die Brutkästen mitnahmen und die Kinder auf dem kalten Boden liegen ließen, wo sie starben." Der Ko-Vorsitzende des Ausschusses, John Porter, stellt anschließend sichtlich betroffen fest, dass er nie zuvor ein solches "Zeugnis von Unmenschlichkeit, Brutalität und Sadismus" gehört habe. Die freien Staaten der Welt müssten sich nun vereinen und alles Nötige tun, um die Menschen Kuwaits zu befreien. In der PR-Agentur Hill & Knowlton knallen in diesem Moment die Sektkorken.

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Die Worte des Mädchens wirken. Sie gehen um die Welt. Sie sorgen für Entsetzen und Fassungslosigkeit. Zweifel an den Darstellungen des Mädchens werden nicht publik, keine Zeitung, kein Sender hinterfragt die Aussagen. US-Präsident George H.W. Bush und die Menschenrechtsorganisation Amnesty International werden Nayirah in den folgenden Monaten immer wieder zitieren. Sie ist die angebliche Kronzeugin der Brutalität des irakischen Regimes, das nicht nur ein wehrloses Nachbarland überfällt, sondern dessen Soldaten auch Babys sterben lassen. Das Mädchen wiederholt seine Geschichte einige Zeit später vor dem UN-Sicherheitsrat, der bald darauf seinen Segen für die größte Militäraktion seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erteilt. Im Januar 1991 vertreiben die Amerikaner und ihre Verbündeten die irakischen Truppen aus Kuwait. Die Brutkastengeschichte, finanziert von der staatlichen kuwaitischen Lobbyorganisation "Citizens for a Free Kuwait", hat gezündet und Hill & Knowlton zehn Millionen US-Dollar eingebracht. Zehn Millionen Dollar, bezahlt für eine Propagandalüge, auf die alle Medien und große Teile der Weltöffentlichkeit hereingefallen sind. Die Brutkasten-Geschichte dient fortan der US-Regierung und der westlichen Koalition als griffige, innenpolitische Legitimation des Waffengangs gegen im Irak.

Die "New York Times" enttarnt Nayirah im Januar 1992 als Nijirah al Sabah, die Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA, Saud Nasir al Sabah. Zwei Krankenschwestern aus Kuwait bezeugen der amerikanischen Zeitung, dass das Mädchen zu keinem Zeitpunkt in der vor dem Ausschuss beschriebenen Entbindungsstation gewesen sei, genauso wenig wie die von ihr bezichtigten irakischen Soldaten. Welche Grausamkeiten Saddams Truppen auch immer während der Besetzung Kuwaits begangen haben – die von Nayirah behaupteten gehörten nicht dazu. Das Mädchen, fanden die Reporter heraus, hat dem Menschenrechtsausschuss ein Ammenmärchen aufgetischt, zubereitet von Hill & Knowlton, aber auch von John Lantos, dem zweiten Vorsitzenden des Ausschusses, höchst selbst. Dieser Politiker hat es mit einer dreisten Inszenierung geschafft, eine Mehrheit in der zweifelnden amerikanischen Politik und Öffentlichkeit für den extrem umstrittenen Waffengang zu schaffen. Dass die Operation "Wüstensturm" auf einer Lüge basierte, interessierte hinterher allerdings kaum noch jemanden. Amerika hatte sein Vietnamtrauma überwunden und endlich wieder einen großen Krieg gewonnen. Da waren dunkle Details der Vorgeschichte nur noch unerwünscht.

Im Krieg ist die Wahrheit immer das erste Opfer
Spätestens seit dem Ende der 60er Jahre ist die Lüge ein Geschäft, an dem PR-Agenturen in Kriegszeiten kräftig verdienen. Angeheuerte Firmen wie Hill & Knowlton, die auch eine Dependance in Frankfurt am Main unterhalten, betreiben Lobbying in den Hauptstädten der Welt. Sie formulieren politische Programme, entwerfen internationale Resolutionen und verkaufen Kampagnen, um, je nach Bedarf, Zustimmung für Krieg oder Frieden zu generieren. Hinweise auf ihre Arbeit finden sich selten so offensichtlich wie bei der Brutkastenlüge. Keine Regierung gibt gern Auskunft über Aufträge an PR-Agenturen, die für ihre Kriege werben.

Dass systematische Erkenntnisse überhaupt existieren, verdankt die Welt einem 75 Jahre alten amerikanischen Gesetz. Als das Deutsche Reich vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs seine Propagandaaktivitäten in den USA verstärkte, verabschiedete der Kongress 1938 den Foreign Administration Registration Act (FARA). Seitdem erfassen die Vereinigten Staaten systematisch sämtliche Aktivitäten ausländischer Lobbyorganisationen auf ihrem Boden, und auch inländische PR-Agenturen müssen ihre Informationsarbeit für ausländische Organisationen offenlegen. So lässt sich heute in den Datenbanken nachvollziehen, welche Summen Hill & Knowlton von "Citizens for a Free Kuwait" erhalten hat und wie umfangreich die Anstrengungen waren, um die Brutkastenlüge in die Welt zu setzen.

In den Monaten rund um Nayirahs Aufritt vor dem Kongress kümmerte sich Hill & Knowlton maßgeblich um das Medienprogramm der Organisation in den USA und um die strategische Planung der öffentlichen Aktivitäten. Die PR-Macher mobilisierten ihre Netzwerke für den Krieg. Sie wollten die öffentliche Meinung von allen Seiten beeinflussen. Hill & Knowlton rief die Graswurzelbewegung "Americans for a Free Kuwait" ins Leben, arrangierte Treffen mit Kongressmitgliedern und Gespräche mit Regierungsmitgliedern. Die Agentur versorgte Journalisten mit Informationen und veröffentlichte sogar selbst gedrehte Videos. Kurz: Sie tat alles, um Amerikas Kriegsmaschinerie für die Schlacht gegen Saddam anzuwerfen.

Hill & Knowlton ist kein Einzelfall
Bis heute finden sich in der FARA-Datenbank zahlreiche Hinweise darauf, wie kriegsunwillige Gesellschaften mithilfe von PR-Agenturen manipuliert wurden. Der Zerfall Jugoslawiens in den 90er Jahren steht beispielhaft dafür. Die deutschen Sozialwissenschaftler Jörg Becker und Mira Beham haben das Engagement US-amerikanischer PR-Firmen auf dem Balkan zwischen 1991 und 2002 anhand der Daten des Justizministeriums in Washington untersucht. Ihre Analyse ergab, dass in jener Zeit 31 US-amerikanische PR-Agenturen und neun PR-Einzelagenten für sämtliche Kriegs- und Konfliktparteien tätig waren. Ihre Arbeit schlug sich laut den Ergebnissen der beiden Forscher in mindestens 157 einzelnen Beraterverträgen nieder, darunter renommierte Agenturen wie die Washington World Group, Ruder Finn, Jefferson Waterman International und Burson-Marsteller. Wahrheitsliebe zählte dabei für die Feindbildner häufig ebenso wenig zum Berufsverständnis wie bei ihren Kollegen von Hill & Knowlton.

Hauptarbeit: Informationen in Umlauf bringen
"Es ist nicht unsere Aufgabe, Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen", wird James Harff, der auf dem Höhepunkt der Balkankriege die globale Öffentlichkeitsarbeit der PR-Agentur Ruder Finn steuerte, vom deutschen Forscher Jörg Becker zitiert. Seine Arbeit bestand darin, Informationen "auszustreuen" und "so schnell wie möglich in Umlauf zu bringen", sofern sie mit der eigenen Sache in Einklang standen. "Uns ist klar, dass nur zählt, was einmal behauptet wurde", zitiert Becker PR-Profi Harff. "Dementis sind dagegen völlig unwirksam."

Harff, der als ehemaliger Journalist und Stabschef von mehreren Kongressabgeordneten in Washington bestens verdrahtet war, führte in den Jahren 1991 bis 1997 umfangreiche PR-Kampagnen für die Regierungen Bosnien-Herzegowinas und Kroatiens sowie für die Führung der Kosovo-Albaner. Als seinen größten Erfolg bezeichnete Harff einst, dass es ihm gelungen sei, im Bosnienkrieg "die Juden auf unsere Seite zu ziehen". Als 1992 der Bürgerkrieg in Bosnien-Herzegowina ausbrach, setzte Harffs Agentur die Serben mit den Nazis, die muslimischen Bosnier mit den europäischen Juden und das Vorgehen der Serben gegen die Bosnier mit dem Holocaust gleich. Als im Dezember 1992 drei der größten jüdischen Organisationen in den USA eine ganzseitige Protestanzeige in der "New York Times" veröffentlichten, änderte die amerikanische Presse ihren Sprachgebrauch. Von da an wurden nur noch emotional aufgeladene Begriffe benutzt. Immer wieder arbeiteten die US-Medien in den Folgejahren mit denselben Metaphern: Die Serben waren die Nazis, die Barbaren, die anderen, ob Bosniaken oder Kosovo-Albaner, die Opfer. Harff und seine Agentur hatten gute Arbeit geleistet.

Die Kriege in den Folgejahren änderten sich, die Muster blieben gleich
Gegner wurden stigmatisiert, die Gesellschaften polarisiert, notfalls mit Halbwahrheiten und Lügen. So erwiesen sich 2003 auch Amerikas wichtigste Gründe, abermals in den Irakkrieg  zu ziehen, als unhaltbar. Saddam Hussein verfügte entgegen der Behauptungen weder über Massenvernichtungswaffen, noch hatte er Uran im Niger gekauft oder mobile Biowaffenlabors im Einsatz. Als Vater dieser "grauen Propaganda", wie sie Gernot Erler in seinem Buch "Die Kriegsverkäufer" über die US-Propaganda zwischen 1917 und 2005 nennt, sieht der Autor die Agentur "Rendon Group", die auch die PR-Arbeit der US-Regierung während des Afghanistanfeldzuges 2001 übernahm.

Während die Arbeit US-amerikanischer PR-Firmen aufgrund des mehr als 75 Jahre alten Foreign Administration Registration Acts zumindest ansatzweise nachzuvollziehen ist, lässt sich das Wirken von Agenturen anderer Länder kaum rekonstruieren. Im Georgienkrieg 2008 übernahm die Brüsseler Firma Aspect Consulting für geschätzte 500.000 Euro die PR-Arbeit der georgischen Regierung. Nahezu stündlich verschickte Aspect während des Fünf-Tage-Krieges im August 2008 Presseinformationen in die Redaktionen westlicher Medien. Die Schlagzeilen dieser Mitteilungen bedienten die bewährten Deutungsmuster aus der Zeit der Balkankriege: "Russland attackiert nach wie vor die Zivilbevölkerung", "intensives" Bombardement der Hauptstadt Tiflis, europäische "Energiezufuhr" durch russische Bomben gefährdet oder russische "Besetzung Georgiens". Viele Informationen waren frei erfunden, etwa dass russische Jets Tiflis bombardieren würden oder russische Truppen die Stadt Gori eingenommen hätten. Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst, doch eine öffentliche Lüge wird es erst dann, wenn Leitmedien die Informationen ungeprüft, unreflektiert und unkritisch weiter verbreiten.

Über die Arbeit deutscher PR-Agenturen als Meinungsmacher für kriegswillige Regierungen ist derweil wenig bekannt. Aus Berliner Branchenkreisen ist zu hören, das Geschäft werde vor allem von der angelsächsischen Konkurrenz in Washington, London und Brüssel betrieben. Doch auch in Deutschland wurde die Öffentlichkeit in der Vergangenheit bereits bewusst getäuscht. Während des Kosovokriegs sprach Verteidigungsminister Rudolf Scharping von einem "Hufeisenplan", nach dem die Serben die Kosovo-Albaner nach Albanien zu vertreiben versuchten und deren Siedlungsgebiet "ethnisch säubern" wollten. Einen Beweis dafür gibt es bis heute nicht. Forscher Jörg Becker vermutet, dass Kriegsmarketing in Deutschland bislang die Ausnahme sei. Er mahnt aber dennoch zur Wachsamkeit: "Solange wir hierzulande keine Transparenz wie in Amerika haben, können wir über die Arbeit deutscher PR-Agenturen nur mutmaßen."

Brustkastenlüge bei Wikipedia

Erstes, zweites und drittes Bild:
Szenen aus dem Zweiten Golfkrieg.
(Fotos: public domain)

Bild unten:
Der ehemalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping
sprache wärend des Kosovokrieges von einem "Hufeisenplan".
(Foto: Bundeswehr/Modes via flickr.com)

 

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