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Aus der aktuellen loyal: Die nächste Generation (Teil 2)




Merlyn Aldenhoff und Gideon Hemmstedt wollen Offizier werden. loyal hat sie beim Auswahlverfahren in der Mudra-Kaserne in Köln begleitet. Teil 2 einer zweiteiligen Reihe, an deren Ende es eine gute und eine schlechte Nachricht gibt.

von Julia Egleder

hier Teil 1 lesen

Der zweite Tag des Auswahlverfahrens beginnt früh am Morgen mit einem Aufsatz. Die Bewerber sollen Begriffe voneinander abgrenzen und so zeigen, dass sie sich ausdrücken können. Merlyn Aldenhoff bekommt die Begriffe "Provokation" und "Drohung" zugeteilt.  Für manchen Bewerber ist die Aufgabe eine Herausforderung. "Bei vielen hapert es beispielsweise an der Rechtschreibung", sagt Oberstleutnant Thorsten Orth, der für die Koordination des Assessment Centers zuständig ist. "Das würde man von Abiturienten gar nicht erwarten", meint er und klingt ein wenig verwundert.  

Nach dem Aufsatz folgt ein Intelligenztest. Die Bewerber müssen Zahlenreihen am Computer vervollständigen, Wurzelrechnungen lösen und Begriffe in einen logischen Zusammenhang bringen. Das liegt Merlyn Aldenhoff, er tut sich leicht damit. Anschließend muss er zum Arzt. Sehtest, Hörtest, Blutdruck, Puls – das übliche Programm, das schon viele Offizier-Generationen vor ihm durchlaufen haben. Übergewichtige Bewerber, sagt die Musterungsärztin, gäbe es selten. Sind heute weniger junge Menschen tauglich als früher? Nein, das könne sie so pauschal nicht sagen, antwortet die Ärztin. Manche Bewerberin sei zu leicht, andere hätten einen krummen Rücken oder eine schräg stehende Hüfte. Nichts, was es früher nicht auch schon gegeben habe.  Bei Merlyn Aldenhoff aber hat die Ärztin nichts zu beanstanden. Er bekommt die höchste Tauglichkeitsstufe T1. Damit könnte er auch Kampfpilot oder Gebirgsjäger werden.  

Bevor es mit den Prüfungen weitergeht, holt sich Aldenhoff in der Kantine ein Schnitzel mit Kartoffelsalat und setzt sich zu zwei Bewerberinnen an einen Tisch. Auch die beiden gehen noch zur Schule. Aufgeregt erzählen sie von den Tests und was sie daran leicht und was schwer fanden. Eine der beiden sagt, sie möchte Kampfpilotin werden. Schon ihre Schwester habe diesen Wunsch gehabt, leider aber die strengen Prüfungen nicht geschafft. Jetzt sei sie Offizier bei der Marine und von ihrer Arbeit begeistert. Die andere Bewerberin sagt, sie wolle Medizin studieren und dann in den Sanitätsdienst gehen. Ihr Vater habe ihr das empfohlen.  

Was sagen ihre Schulkameraden zu ihrer Bewerbung bei der Bundeswehr? Die beiden Frauen lächeln verlegen und antworten, die Mitschüler wüssten nichts davon. Ist ihnen die Bewerbung bei der Bundeswehr peinlich? Nein, sagen beide. Vielmehr wäre es peinlich, wenn sie zu Hause zugeben müssten, das Auswahlverfahren nicht bestanden zu haben. Dann stünden sie als Versagerinnen da. Das wollten sie nicht.  

"Als Offizier bei der Bundeswehr tragen Sie in erster Linie Verantwortung – sehr viel und sehr früh. Denn Sie führen Soldatinnen und Soldaten, die Ihnen unterstellt sind, und bilden sie aus."  So heißt es auf der Karriereseite der Bundeswehr im Internet. Verantwortung tragen, Vorbild sein, ein Team führen – das sollen Offiziere können. Um zu sehen, ob sie das Zeug dazu haben, müssen sich Hemmstedt, Aldenhoff und die anderen Bewerber nach dem Mittagessen in einem "Gruppensituationsverfahren" beweisen. Hemmstedt ist mit der Frau, die Kampfjetpilotin werden möchte, und einem anderen jungen Mann zu dritt in einer Gruppe.  

Die drei sollen sich vorstellen, sie wären Reiseleiter bei einer Wattwanderung. Während sie weit draußen vor der Reisegruppe stünden und die Geschichte des Watts erzählten, steige das Wasser. Die Reisegruppe werde unruhig, Kinder weinten. Hemmstedt und die anderen sollen diskutieren, was nun zu tun sei. Jetzt ist Krisenmanagement gefragt. Die junge Frau schlägt vor, die Wanderer zunächst zu beruhigen und ihnen das weitere Vorgehen zu erklären. Sie ist dafür, auf dem geplanten Weg Richtung Ufer zu gehen. Hemmstedt pflichtet bei. Ihm fällt es nicht so leicht, sich in die Situation hineinzudenken und natürlich zu formulieren. Im weiteren Verlauf des Gesprächs gibt die junge Frau die Richtung vor, sie lenkt das Gespräch, macht Vorschläge und fasst Ergebnisse zusammen. Die beiden Männer stimmen ihr lediglich zu oder melden Bedenken an.  

Als Nächstes sollen die drei einen "Ressourcenengpass" lösen. "Stellen Sie sich vor, Sie sind in einem gemeinsamen Strandurlaub und wollen einen Ausflug machen", sagt Hauptmann Sebastian Ritter, der die Gruppenarbeit leitet. "Das Problem ist: Es gibt nicht genug Plätze im Auto. Wer bleibt daheim und steckt zurück?" Nun meldet sich Hemmstedt öfter zu Wort. "Derjenige, der daheim bleibt, könnte doch eine Kompensation von den anderen bekommen", schlägt er vor. "Vielleicht eine Einladung zum Essen?", fragt er in die Runde. Die anderen finden das gut. Doch löst das die Frage noch nicht, wer zu Hause bleibt. Schließlich bietet sich Hemmstedt an und steckt zurück. "Es gibt nicht die eine richtige Lösung für diese Übungen", sagt Sebastian Ritter. Er beobachtet Hemmstedt und die anderen bei der Gruppenarbeit und bewertet die Bewerber. "Wichtig ist, dass sich jeder einbringt, auf die anderen eingeht, seine Meinung vertritt und damit zeigt, dass er zur Führungspersönlichkeit taugt", sagt er.  

Es ist Nachmittag geworden. Merlyn Aldenhoff steht auf dem Gang und wartet, bis er ins Prüfungszimmer gerufen wird. Auf ihn warten Hauptmann Marius Schmitz und Regierungsdirektorin Susanne Milting zum persönlichen Gespräch. Aufgeregt? Aldenhoff zuckt mit den Schultern und lächelt selbstbewusst. "Geht so", sagt er und tritt in den Raum. "Warum wollen Sie zur Bundeswehr?", fragt Susanne Milting. "Ich will an meine Grenzen gehen", antwortet Aldenhoff. "Außerdem finde ich die Disziplin, die in der Bundeswehr herrscht, gut." "Warum finden Sie Disziplin gut?", fragt Susanne Milting. Das Wort sei ja eher negativ besetzt. Aldenhoff antwortet, dass in einer großen Organisation wie der Bundeswehr jeder wissen müsse, was seine Aufgabe sei.  

Er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, antwortet überlegt und gut begründet. Am Schluss des Gesprächs wird er nach seinen Erfahrungen mit Drogen gefragt. "Wann haben Sie den letzten Rausch gehabt?", fragt Susanne Milting. "Haben Sie schon einmal wegen eines Katers einen wichtigen Termin verpasst?" Aldenhoff antwortet, dass er am Wochenende manchmal mit seinen Freunden Bier trinken gehe, aber nur selten einen Rausch hätte. Harte Drogen nehme er nicht.  

Dann ist es vorbei. Schultz und Milting schicken den Bewerber aus dem Raum. Sie wollen sich besprechen und eine Entscheidung treffen. Es dauert nur ein paar Minuten, dann rufen sie Merlyn Aldenhoff wieder ins Zimmer. Sie haben eine gute Nachricht für ihn. "Sie dürfen im Juli als Offizieranwärter bei uns anfangen!", sagt Milting. Die Anspannung fällt ab, Aldenhoff lacht über das ganze Gesicht. "Ich freue mich riesig", sagt er. Er bekommt Feedback zu seiner Bewerbung und den vergangenen Stunden: "Sie haben einen Durchschnitt von 2,7 im letzten Zeugnis, das ist im mittleren Bereich", sagt Milting. Beim Intelligenztest sei er im oberen mittleren Bereich gewesen, bei der Gruppendiskussion hätte er sich ruhig mehr einbringen können. Beim Interview sei er sehr gut auf die Fragen eingegangen. Alles in allem: zum Offizier geeignet.

Für Merlyn Aldenhoff wird ein Traum wahr. Im Juli beginnt die Grundausbildung bei der Luftwaffe in Roth, dann folgt der Offizierlehrgang I und nach einem Jahr dann das Maschinenbau-Studium. So hat er es sich gewünscht. "Besser hätte es nicht laufen können", sagt Aldenhoff.  

Ganz anders sieht es bei Gideon Hemmstedt aus, dem Hauptgefreiten aus Berlin. Niedergeschlagen, mit versteinertem Gesicht und hängenden Schultern kommt er aus dem Besprechungsraum. "Sie haben mich nicht genommen", sagt er kurz. Er habe zu schlechte Abiturnoten, sein Berufswunsch sei nicht realisierbar. So hätten es ihm die Prüfer gesagt. Die Worte kommen zögernd, Hemmstedt möchte nicht weiterreden. Sein Traum ist zerstört. Bei der Bundeswehr kann er jedenfalls kein Psychologe werden. Bis September läuft noch seine Dienstzeit. Was er danach macht, weiß er noch nicht.


Bild oben:
Titelblatt des Magazins loyal im März 2018.
(Foto: Sören Peters)

Zweites Bild:
Ein Bestandteil des Sporttests ist das Radfahren.
Die Bewerber müssen drei Kilometer in sechseinhalb
Minuten schaffen. Das fällt den meisten leicht.
In Merlyn Aldenhoffs Gruppe schaffen das alle.
(Foto: Jonas Ratermann)

Drittes Bild:
Die gesundheitliche Tauglichkeit der Bewerber prüft  die Musterungsärztin.
Wer zu den Gebirgsjägern oder Kampfpilot werden möchte, muss auf
Tauglichkeitsstufe T1 gemustert werden. Viele Bewerber sehen
allerdings zu schlecht oder haben orthopädische Probleme.
(Foto: Jonas Ratermann)

Bild unten:
Sichtliche Freude bei Merlyn Aldenhoff:
Gerade erfährt er, dass er im Juli als Offizieranwärter
bei der Bundeswehr anfangen kann.
(Foto: Jonas Ratermann)

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