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Aus der aktuellen loyal: Hilflose Helfer




Tausende Einheimische haben für die Bundeswehr in Afghanistan gearbeitet. Dadurch wurden sie zur Zielscheibe der Taliban. Diejenigen, die es nach Deutschland geschafft haben, kämpfen jetzt mit den Behörden.

Es ist eng und muffig in der Wohnung von Abdul W. Die Räume sind klein, die Möbel vom Sperrmüll. In einer Ecke im Wohnzimmer hat Schimmel angesetzt. Draußen blättert der Putz von der Fassade des Mehrfamilienhauses, der Garten ist verwahrlost. In dem Wohnblock in einer südhessischen Kleinstadt leben nur Flüchtlinge, die meisten von ihnen aus Pakistan oder Afghanistan. Abdul W. ist mit seiner Familie im Februar hier eingezogen.

Den Wohnzimmertisch hat seine Frau für Besucher eingedeckt: Es gibt Nüsse und Apfelkuchen aus der Bäckerei. Den Kaffee brüht der Hausherr selbst auf. Er würde gern in eine größere, schimmelfreie Wohnung ziehen, sagt Abdul W. Doch das sei "difficult", wie so vieles in Deutschland. Dennoch sei er dankbar, hier zu sein: "Ich kann nachts wieder ruhig schlafen. Wir sind endlich in Sicherheit!"

Dabei hat es Abdul W. in seiner Heimat Afghanistan zunächst besser gehabt als viele seiner Landsleute in dem kriegszerrütteten Land. Seit seiner Jugend liebt er Sprachen, lernte neben der Muttersprache Dari auch noch Paschtu und Englisch. Sprachkenntnisse, nach denen die Isaf-Kräfte händeringend suchten. Mit 17 heuerte Abdul W. bei der Bundeswehr als Sprachmittler an. Er vermittelte zwischen Soldaten und Dorfältesten, erkundigte sich, wo die Taliban Unterschlupf finden und wo sie neue Anschläge planen. Im Jahr 2006 war die Provinz Kunduz noch relativ ruhig, die deutschen Soldaten trafen auf aufgeschlossene Dorfbewohner, verteilten auch mal Fußbälle und Süßigkeiten an die Kinder. Abdul W. verdiente gut: Mit bis zu 900 US-Dollar im Monat gehörte er zu den Spitzenverdienern. In Afghanistan liegt der Durchschnittslohn bei 700 Dollar – im Jahr. Abdul W. sorgte für seine Frau, seinen Vater und seine Geschwister. Er konnte sich ein großes Haus leisten. Er hatte es geschafft. Auf seine Isaf-Dankesurkunden ist er heute noch stolz.

Wie Abdul W. arbeiteten in Afghanistan Tausende sogenannter Ortskräfte mit den ausländischen Militärs und internationalen Organisationen zusammen: als Sprachmittler, Fahrer, Reinigungskräfte, Wachpersonal oder Mitarbeiter in der Entwicklungshilfe. Im Jahr 2012 unterstützten 3.200 Afghanen die Deutschen bei ihren Bemühungen um Befriedung und Wiederaufbau. Die meisten waren für die Bundeswehr tätig.

Mit ihrer Arbeit machten sie sich aber auch Feinde: Als "Söldner" und "Schergen der ausländischen Invasoren" werden die afghanischen Helfer von den Taliban beschimpft. 2008 schlug die Stimmung auch im bis dahin ruhigen Norden Afghanistans um. Immer öfter stießen deutsche Soldaten auf Sprengfallen und Hinterhalte der Taliban. Immer mehr Selbstmordattentäter sprengten sich in den großen Städten in die Luft. Ihre Botschaft: Die radikal-islamischen Stammeskrieger können überall zuschlagen, niemand ist sicher. Viele Dorfbewohner trauten sich nicht mehr, mit den Soldaten zu sprechen.  Ihr Vertrauen in den Schutz durch die Isaf-Truppen schwand. Das hatte auch für Abdul W. Folgen.

Im Mai 2012 kam er mit der Bundeswehr in ein Dorf, das unter Beobachtung der Taliban stand. Noch während die Soldaten mit dem Dorfältesten sprachen, klingelte dessen Handy. Am anderen Ende meldeten sich die Taliban mit der Forderung, die Bundeswehr solle sofort verschwinden. Als die Soldaten sich weigerten, eröffneten die Taliban das Feuer. Einer von ihnen wurde im Gefecht von deutschen Soldaten getötet. Später fand Abdul W. heraus, dass es sich bei dem Toten um den Sohn des Metzgers in seinem Heimatdorf handelte. Daheim mieden ihn seitdem die Nachbarn, wenn sie ihn auf der Straße trafen. Dann folgten die ersten Drohbriefe und Telefonanrufe der Taliban: Abdul W., der "German Son", der Sohn der Deutschen, habe den Ausländern geholfen, Taliban zu töten. Dafür solle er jetzt büßen. Fortan fürchtete Abdul W. um sein Leben.

Er war nicht der Einzige, der sich zu diesem Zeitpunkt sorgte. Im Juni 2014 appellierten die Sprachmittler und afghanischen Wachleute von Camp Marmal, dem Feldlager bei Mazar-i-Sharif, in einem offenen Brief an das deutsche Volk: "Lasst uns nicht allein und liefert uns und unsere Familien nicht den Taliban aus!" Ein grausiger Mordfall schürte diese Angst: Wenige Monate zuvor, im November 2013, wurde der Bundeswehr-Übersetzer Dschawad Wafa tot im Kofferraum eines Autos aufgefunden. Deutsche Behörden hatten Wafa bereits die Ausreise nach Deutschland genehmigt.

Je mehr sich der Isaf-Einsatz dem Ende zuneigte, desto größer wurde die Unsicherheit der Ortskräfte über ihre Zukunft. Die Bundesregierung ließ die Nöte der Helfer nicht kalt. Wer bedroht werde, könne dies der Bundeswehr anzeigen, hieß es. Doch dabei gibt es einen entscheidenden Knackpunkt: Der Betroffene muss eine konkrete Gefahr beweisen können. Gerade das ist schwierig. "Bedrohungen werden ja nicht als Einschreiben per Post zugestellt", sagt der Bundestagsabgeordnete Gerold Reichenbach (SPD). Sie erfolgten oft mündlich.

Bis heute kann der Großteil der Helfer der Bundeswehr eine Bedrohung nicht nachweisen. Von 1.582 Afghanen, die eine Gefährdung angezeigt hatten, wurden bisher nur rund 600 als tatsächlich bedroht eingestuft. Die Mehrheit muss in Afghanistan bleiben und weiter um ihr Leben fürchten. Die Menschenrechtsorganisation "Pro Asyl" kritisiert, dass Ablehnungen nicht begründet und der dazugehörige Kriterienkatalog für eine Gefährdung unter Verschluss gehalten würde.

Abdul W. dagegen hatte Glück. Er stellte den Antrag auf eine Aufnahme in der Bundesrepublik. Sein Vorgesetzter bei der Bundeswehr bestätigte seine Gefährdung, der Militärische Abschirmdienst prüfte die Beweise. Zwei Monate dauerte es, bis Abdul W. die Zusage bekam, fünf weitere, bis er das Visum von der Deutschen Botschaft in Kabul erhielt. Als er mit seiner Familie endlich in einem Flugzeug Richtung Deutschland saß, atmete er auf.

Am Frankfurter Flughafen wurde die Familie von einem Mitarbeiter der örtlichen Ausländerbehörde abgeholt. Die Wohnung, die ihnen zugewiesen wurde, war so gut wie unmöbliert. "Nur vier Betten. Nicht einmal Besteck", erinnert sich Abdul W. Kurz nach dem Einzug quoll der Postkasten über: Jobcenter, Ausländeramt und Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) schickten Bescheide und Formulare. Das Finanzamt erteilte eine Steuer-Identifikationsnummer, die GEZ verlangte Gebühren. In seinem ganzen Leben habe er noch nie so viel Post bekommen wie in seinen ersten Wochen in Deutschland, sagt Abdul W. "Das hat mich wahnsinnig gemacht."

Nicht zu wissen, was in den Formularen steht, sei für ihn das Schlimmste gewesen. Der nächste Deutschkurs, an dem er teilnehmen konnte, startete erst im September. Doch bis Abdul W. Deutsch konnte, warteten die Behörden nicht: Er musste selbst einen Aufenthaltstitel beantragen und eine Krankenversicherung abschließen. "Viele ehemalige afghanische Ortskräfte sind in Deutschland auf sich allein gestellt", sagt Marcus Grotian, Vorsitzender des Patenschaftsnetzwerks Afghanische Ortskräfte, ein gemeinnütziger Verein, gegründet vor allem von Soldaten und Polizisten, die in Afghanistan eingesetzt worden sind. "Sie können nicht glauben, dass sie von uns Deutschen so allein gelassen werden." Immer wieder höre Grotian den Satz: "Wir haben euch doch geholfen."

Und Deutschland hilft ja auch. Anders als "normale" Flüchtlinge aus Afghanistan muss Abdul W. keine Angst vor Abschiebung haben. Er hat eine Aufenthaltserlaubnis für zwei Jahre, die verlängert werden kann. Auch arbeiten darf Abdul W. Und doch fehlt den meisten ehemaligen Helfern das Wesentliche für die Integration in Deutschland: Sprachkenntnisse, ein Job und oft auch eine Wohnung. Sie werden mit "normalen" Flüchtlingen in überfüllten Sammelunterkünften untergebracht, was dem Versprechen der Bundesregierung gegenüber den Ortskräften entgegensteht. Sie hat ihnen einen speziellen Status zugesagt.

Die Bundeswehr ist für die Integration ihrer ehemaligen Helfer eigentlich nicht zuständig. Doch im Frühjahr 2015 rief Generalinspekteur Volker Wieker ein Patenschaftsprogramm ins Leben. Daraufhin meldeten sich mehr als 300 Soldaten, Reservisten und Ungediente. Sie wollten die afghanischen Helfer bei ihrem Neustart ehrenamtlich unterstützen. 128 Patenschaften hat die Bundeswehr bislang vermittelt. Doch nicht in jedem Ort gibt es einen Paten. Mehr als 80 Afghanen warten noch auf eine Vermittlung, und es werden immer mehr.

Auch Abdul W. bat die Bundeswehr um Patenhilfe. Kurz danach stand Oberstleutnant Frank S. vor seiner Tür. Frank S. war zweimal in Afghanistan im Einsatz und oft mit Dolmetschern auf Patrouille. "Ohne Übersetzer hätten wir uns dort viel schwerer zurechtgefunden", sagt er. Jetzt einem von ihnen in Deutschland zu helfen, sei eine Selbstverständlichkeit. Frank S. übernahm den Briefverkehr mit den Behörden und war entsetzt. "Ich habe mich als Muttersprachler teilweise selbst erst einmal einlesen müssen, bevor ich verstanden habe, was die Behörden wollen." Denn das sei oft widersprüchlich: Vom Jobcenter wurde Abdul W. zum Bewerbertraining eingeladen, noch bevor er einen Sprachkurs absolviert hatte. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) schickte ihm einen Ablehnungsbescheid für einen Integrationskurs. Wenig später schickte die gleiche Behörde eine Zusage. Bis heute empört Pate Frank S. das Verhalten der Behörden. Was mit den Ortskräften gemacht werde, sei ein Skandal, sagt der Oberstleutnant.

Abdul W. will jetzt so schnell wie möglich Deutsch lernen und arbeiten. Doch noch ist er auf Sozialleistungen angewiesen, etwa 364 Euro im Monat, wie jeder Arbeitssuchende. Am liebsten würde er aber sein Studium fortsetzen. Das hat er kurz vor der Ausreise nach Deutschland abgebrochen. Doch wie er an einen Studienplatz in Deutschland kommen soll, weiß er nicht. Für eine geförderte Ausbildung ist er mit 27 zu alt. Das haben ihm Mitarbeiter des Jobcenters gesagt. Er fürchtet, als Hilfskraft in einem Supermarkt zu landen.

Abdul W. und seine Familie fühlen sich in dem kleinen Ort in Südhessen isoliert. Kontakt zu Einheimischen habe seine Familie kaum, berichtet er. Ohne seinen Paten wäre er aufgeschmissen. Abdul W. ist nachdenklich geworden. Seine Frau hat bereits geäußert, zurück nach Afghanistan zu wollen, trotz der Lebensgefahr. Dort hätten sie wenigstens Familie und Freunde, sagt sie. Und keinen Papierkrieg mit verständnislosen Behörden zu führen. Abdul W. versucht sie zu beruhigen. Er hofft auf eine gemeinsame Zukunft in Deutschland. Noch jedenfalls. Andere ehemalige Helfer der Bundeswehr haben die Hoffnung bereits aufgegeben. Ein Pate und Reservist hat loyal berichtet, dass der von ihm betreute ehemalige Sprachmittler frustriert und enttäuscht wieder nach Afghanistan zurückgekehrt ist.

Bundeswehr und Reservisten helfen 
Das "Patenschaftsprogramm der Bundeswehr für afghanische Ortskräfte" wurde im Januar 2015 von Generalinspekteur Volker Wieker ins Leben gerufen. Pate werden können Soldaten, Reservisten und Ungediente. Voraussetzung: interkulturelle Kompetenz, Bereitschaft für ehrenamtliches Engagement außerhalb der Dienstzeit. Gute Englischkenntnisse sind hilfreich.  Tätigkeiten: Begleitung der Ortskräfte bei ihrer Eingewöhnung in Deutschland, Behördengänge, Schriftverkehr mit Behörden oder Unterstützung im Alltag. Grundsätzlich werden die Inhalte und Dauer der Patenschaft von Paten und Ortskräften selbst bestimmt. 

Kontakt bei der Bundeswehr: BwPatenschaftOrtskraefte@bundeswehr.org  

Kontakt beim Reservistenverband: Karoline von Plüskow,
E-Mail: Verbandsarbeit.Berlin@reservistenverband.de
Telefon +49 (0) 30 40 99 865-93 

Weitere Informationen auch auf bundeswehr.de sowie unter patenschaftsnetzwerk.de


Text: Andelka Krizanovic
Fotos: Jonas Ratermann
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