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Aus der aktuellen „loyal“: Ich hatte einen Traum




Anja Krumbholz, 32, hat in der Bundeswehr etwas gesucht, was es in unserer Gesellschaft immer seltener gibt: Tugenden und Werte. Doch sie konnte dies auch dort nicht finden. Stattdessen war sie Teil eines Offizierkorps, in dem Anspruch und Wirklichkeit stark auseinanderklaffen.

Da war er nun, der letzte Tag meines aktiven Diensts als Offizier der Bundeswehr. Ein letztes Mal Uniform, ein letztes Mal militärisch grüßen, ein letztes Mal Teil dieser besonderen Gemeinschaft sein. Dass dieser Tag ein großer Einschnitt in meinem Leben werden würde, war mir klar, und ich dachte, der Abschied würde mir schwerer fallen. Doch ich schied aus meinem Traumberuf mit dem Gefühl, das Richtige zu tun. Die Bundesrepublik hatte mir schon ihre Dankesurkunde überreichen lassen, es fehlte noch die persönliche Verabschiedung bei meinem Disziplinarvorgesetzten. Keine zwei Minuten später war auch das erledigt. "Zu Ihrer Verabschiedung habe ich ja schon alles gesagt. Die Tür steht Ihnen immer offen. Alles Gute." Das war‘s. Und Tschüss! Nun gehören kurze und präzise Ansagen ja zum Militär wie blank geputzte Stiefel. Ein Oberst und Chef des Stabs hat zudem auch eine Menge zu tun. Habe ich also zu viel erwartet nach elf Jahren treuem Dienst für unser Land? Das Beispiel ist ein kleines, möchte man sagen. Und auch ich will das lieblose "Alles Gute" nicht überbewerten. Und doch wusste ich beim Verlassen des Zimmers genau, warum ich meine Dienstzeit von den regulären zwölf auf elf Jahre verkürzt hatte. Ich habe in der Bundeswehr etwas gesucht und nur zu selten gefunden.

Mir ging es um Werte, die in unserer Zeit nicht mehr leicht zu finden sind
Den Wunsch, Soldat zu werden, hegte ich schon seit meiner Jugend. Nach meiner Ausbildung zur Versicherungskauffrau wollte ich etwas Besonderes machen, und die Bundeswehr versprach, dies zu erfüllen. Mein starker Gerechtigkeitssinn bezog sich nicht nur auf mein privates und berufliches Umfeld, sondern durchaus auch auf Geschehnisse auf der ganzen Welt. Die Bundeswehr war für mich damals – und ist es auch heute noch – ein Instrument, um gegen Ungerechtigkeit vorzugehen. Von Beginn an faszinierten mich auch die Technik, der Ausblick auf eine abwechslungsreiche Karriere und das Großgerät des Heeres. Die Panzer, in meinem Fall der Flugabwehrkanonenpanzer "Gepard", die Übungen, an denen ich teilnehmen würde, die Soldaten, die ich irgendwann führen und ausbilden sollte, das alles malte ich mir in den schönsten Farben aus. Ich war verdammt stolz, dabei zu sein. Doch viel mehr noch als das Equipment und die frühe Führungsverantwortung suchte ich das, was sozusagen als Fundament hinter allem steht: Mir ging es um Werte, die in unserer Zeit nicht mehr leicht zu finden sind, um Tugenden wie Ehrlichkeit und den Mut, für seine Überzeugungen geradezustehen und diese gegenüber jedermann zu verteidigen. Um Rückgrat eben. Kurzum: Es ging mir um einen Verhaltenskodex, den das Offizierkorps angeblich mit Freude lebt und vorlebt.

Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit im Wertekanon
Natürlich ist es sehr schwer, die Existenz, oder in diesem Fall die Abwesenheit von gelebten Werten und Normen, zu beweisen. Niemand kann konkret sagen, wie ein Vorgesetzter einen Untergebenen würdig verabschieden soll. Oder wie sich Offizierkameraden auf Lehrgängen gegenseitig unterstützen sollen, ohne dabei selbst Nachteile in Kauf zu nehmen. Freilich ändert sich auch die Zeit und mit ihr manch Sichergeglaubtes. Aber doch zieht sich das Gefühl, dass Anspruch und Wirklichkeit im Wertekanon des deutschen Offizierkorps oft stark auseinanderklaffen, wie ein roter Faden durch meine Dienstzeit.

Ausbilder sprachen gar davon, dass wir "etwas Besseres" seien
Es begann bereits während meiner dreijährigen Offiziersausbildung. Auf jedem Laufbahnlehrgang wurde meinen Kameraden und mir eingeimpft, dass der Offizier etwas ganz Besonderes sei, der, vom Leistungswillen angetrieben, stets vorn stehen will und seinen Untergebenen in Haltung, Auftreten und Pflichterfüllung immer Vorbild sein muss. Einige Vorgesetzte und Ausbilder sprachen gar davon, dass wir "etwas Besseres" seien. Auch ich habe den Offizierberuf selbstverständlich immer als etwas Besonderes angesehen und die regelmäßigen Einschwörungen der ausbildenden Offiziere schienen mir zu bestätigen, dass die Werte, die ich suchte, keineswegs aus veralteter Soldatenliteratur oder aus antiken Filmen stammten. Sie schienen tatsächlich zu existieren, so eindringlich wie sie gepredigt wurden.

Scharfe Trennlinie
Persönlich zog ich allerdings rasch eine scharfe Trennlinie zwischen dem "Besonderen des Berufs" und dem "etwas Besseres" sein. Ein Elitebewusstsein ist im Prinzip nicht falsch, doch fallen wahre Eliten zum einen nur selten dadurch auf, dass sie sich ihren Status gegenseitig beschwören, und zum anderen kam nach meinem Verständnis vor der Elitenzugehörigkeit erst einmal die Leistung. Zurück in der Truppe ließen einige meiner frisch ausgebildeten Mitstreiter dem "verordneten Dünkel" dann auch erkennbar freien Lauf und verhielten sich gegenüber dienstgradniederen Soldaten, Gleichrangigen und Zivilisten in teils erschreckend abfälliger Weise. Das hatte ich freilich nicht unter Offizierstugenden verstanden, und dass man mit solch einer Haltung auch keineswegs das Vertrauen und den Respekt seiner unterstellten Soldaten gewinnt, ist ebenfalls klar.

Lehrgänge boten kaum reale Bedingungen
Das eigentliche Ziel der mehrmonatigen Truppenpraktika aber war es nicht, von den truppenerfahrenen Unteroffizieren wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt zu werden, sondern das zu ergänzen, was an den Schulen nicht zu leisten war: Wir sollten Führungspraxis erwerben. Die Lehrgänge selbst boten dazu kaum reale Bedingungen, weil sich die Fahnenjunker ja nur selbst führten. Das Führen einer homogenen Gruppe ist jedoch keine Kunst, da alle das gleiche Ziel verfolgen, den Lehrgang zu bestehen. Einen renitenten Hauptgefreiten oder einen mauligen Hauptfeldwebel zu führen, muss man hingegen in der Praxis lernen. Die meisten meiner Unteroffiziere und Mannschaften haben es mir jedoch sehr leicht gemacht, sie zu führen.

Wie kann man in einem solchen Umfeld von Kameradschaft sprechen?
Auf den Lehrgängen fiel mir stattdessen etwas anderes auf. Dem Benotungssystem fällt in der Karriere eines Offiziers eine zentrale, wenn nicht sogar alles entscheidende Rolle zu. Schon ein schlechter Abschluss am Anfang der Karriere kann noch Jahre später dazu führen, dass die gewünschte Übernahme zum Berufsoffizier oder die Versetzung auf einen Wunschposten nicht genehmigt wird. Selbstverständlich wissen das die Offizieranwärter genau, und so beginnt unweigerlich eine verbissene Jagd nach den besten Noten, die teilweise auch nicht vor unfairen Mitteln zurückschreckt. Ich erlebte beispielsweise mehrfach, wie Informationen zur Aufgabenstellung des Unterrichts von "Kameraden" bewusst nicht weitergegeben wurden, nur um einen kurzfristigen Vorteil zu erhaschen. Wie kann man in einem solchen Umfeld von Kameradschaft sprechen?

Die heilige Kuh namens "Musterlösung"
In der Folge macht das System die jungen Offiziere zu Einzelkämpfern und nicht zum Teil einer verlässlichen Gemeinschaft. Einzelkämpfer sind aber genau das Gegenteil von dem, was eine funktionsfähige Armee braucht und das Gegenteil von dem, was ich in der Bundeswehr zu finden hoffte. Auch an der Offizierschule des Heeres in Dresden kam ich mit einem Phänomen in Berührung, das ebenfalls kaum zur charakterlichen Formung von jungen Offizieren beitragen kann: einer heiligen Kuh namens "Musterlösung". Jedes taktische Beispiel hatte eine eben solche parat. Nun ist es das eine, anhand eines Musters den Unterricht zu strukturieren, aber etwas völlig anderes, ausschließlich die Musterlösung zuzulassen. Ich erinnere mich gut an eine Diskussion mit meinem Lehrer über den Einsatz von Luftunterstützung (Close Air Support) in einer Klausur. Als taktischem Führer stand mir der zweimalige Einsatz eines Close Air Supports zur Verfügung, um den Feind in dieser fiktiven Situation kampfunfähig zu machen. Ich entschied mich dafür, ihn nicht einzusetzen, da ich der Meinung war, das Ziel auch mit Bodentruppen erreichen zu können. Feuerzucht ist schließlich immer noch eine Grundhaltung im Kampf und in heutigen Einsatzszenarien auch von größter Bedeutung für die politische Führung. Die Folge meiner Entscheidung aber war eine schlechte Benotung. An dieser Stelle zeigt sich wieder die anfangs beschriebene Schwierigkeit, über meine Erfahrungen in der Bundeswehr zu schreiben, denn wer will auch bei diesem Beispiel darüber richten, welche Lösung korrekt war? Um es ganz klar zu sagen: Mein Entschluss kann durchaus falsch gewesen sein. Ich störte mich aber an der Begründung, die ich zu hören bekam, nämlich dass ich die Musterlösung nicht angewendet hätte und, in dem Fall, den Close Air Support nicht eingesetzt habe.

Keine schlechtere Anweisung für selbstständiges Denken
Dass ich nicht die einzige war, die diese Lehrmethode als erstarrt erkannte, bewies ein Satz, den viele Offizieranwärter kennengelernt haben: "Don’t fight the setting!" Zu Deutsch: Hinterfrage nicht die Gegebenheiten! Man kann diese Haltung als klug bezeichnen, weil sie den reibungslosen Durchmarsch durch die Offizierschule ermöglicht. Man kann aber auch zu der Meinung gelangen, dass es für die Entscheidungsfreude und das selbstständige Denken der jungen Offiziere keine schlechtere Anweisung geben kann. Das starre Anwenden von Musterlösungen steht schließlich auch der bewährten Auftragstaktik des deutschen Militärs diametral entgegen.

Ein eigener Kopf sollte gefördert werden und nicht bestraft
Die besonderen Charaktereigenschaften, die für den Beruf des Offiziers notwendig sind, verlangen nach eigenständigem Denken und in manchen Situationen auch nach Widerspruch gegenüber Vorgesetzten. Diese Haltung wird in der Theorie gepredigt. Doch sie muss auch ihren Weg in die Praxis finden. Denn letztlich ist alles, was der Offizier lernt, auf das Gefecht ausgerichtet. Es geht nicht um die gute Außenwirkung seiner Einheit (die, wie jeder weiß, sich leicht mit kosmetischen Eingriffen herstellen lässt), nicht um Sandsackeinsätze an deutschen Flüssen und schon gar nicht um Noten, die einem ein reibungsloses "Durchkommen" durch den Dienstalltag garantieren. Das Offizierkorps steht in Verantwortung für das höchste Gut, das es gibt: das Leben von Untergebenen, von Soldaten, von Menschen. Ein eigener Kopf sollte deshalb gefördert werden und nicht bestraft.

Im Kreis der Offiziere und Staboffiziere machte sich Nervosität breit
Nach der Ausbildung und meinem Studium ging es als Oberleutnant zurück zur Flugabwehrtruppe. Ich freute mich auf ein Ende des Konkurrenzdenkens und auf die Verantwortung, die ich jetzt endlich übernehmen konnte. Doch so sehr ich die Truppe vor meinem Studium hochhielt und mich dort wirklich wohlfühlte, hatte sie sich in der kurzen Zeit meiner Abwesenheit auch verändert. Die Heeresflugabwehr befand sich, wie viele andere Truppengattungen, in einem stetigen Prozess der Verkleinerung, um dann gegen Ende 2012 aufgelöst zu werden. Im Kreis der Offiziere und Staboffiziere machte sich Nervosität breit, da die Aussicht auf Übernahme als Berufssoldat oder eine förderliche Verwendung massiv schwand.

Konkurrenzkampf auch in der Truppe
Nun wurde der Konkurrenzkampf auch in der Truppe mit härteren und manchmal unfairen Mitteln geführt. Anfangs hoffte ich noch, dass sich das legen würde oder mit einer starken Führung ausgeglichen werden könnte. Doch täuschte ich mich. Nach mehrmaligem Hin und Her landete ich schließlich als Einsatzoffizier in einer Batterie, die bereits über keine Panzer mehr verfügte. Was tut man in einem Flugabwehrlehrregiment ohne Hauptwaffensystem? Die Stimmung war schlecht. Die Monate waren geprägt von persönlichen Befindlichkeiten der Soldaten, die stets über den Auftrag gestellt wurden. Wer kann mit wem oder eben nicht? Das war die bestimmende Frage im Regiment, und leider erlebte ich dieses Muster auch immer wieder bei meinen zwei letzten Verwendungen. In den zwei großen Stäben, in denen ich nach dem Verlassen meiner Truppengattung diente, herrschte innerhalb des Offizierkorps keinerlei Zusammenhalt und bei nicht wenigen ein Grad der Resignation, der durch fehlende Führungsverantwortung und mangelnde Entscheidungsbefugnis verursacht wurde. Auch der Mangel an Perspektiven mündete bei vielen Mitstreitern geradezu in einer Art Arbeitsverweigerung. Es ging offensichtlich nur noch darum, die Dienstzeit ohne großen Ärger abzusitzen, weil keine Aussicht auf Förderung mehr erkennbar schien.

"Wir müssen das, was wir tun, wirklich sein"
Mit meiner Vorstellung einer engagierten und couragierten Offiziergemeinschaft vertrug sich das nicht. Dennoch habe ich die Entscheidung, elf Jahre in der Bundeswehr zu dienen, nie bereut. Es gab viele schöne Momente. Ohne die Erfahrungen, die ich sammeln konnte, wäre ich heute nicht der Mensch, der ich bin. Das offene Wort und das Rückgrat bei Meinungsverschiedenheiten werde ich in Zukunft woanders suchen. Der 1989 von der RAF ermordete Bankmanager Alfred Herrhausen hat es so beschrieben: "Wir müssen das, was wir denken auch sagen. Und wir müssen das, was wir sagen, dann auch tun. Und wir müssen das, was wir tun, wirklich sein."
 

Die Gedanken von Hauptmann a.D. d.R. Anja Krumbholz wurden
von Marc Lindemann aufgezeichnet. Wenn Sie ihr schreiben wollen,
dann mailen Sie an loyal-magazin (at) gmx.de. Wir leiten Ihre Mail an sie weiter.

Bilder oben und unten:
Hauptmann Anja Krumbholz hat elf Jahre in der Bundeswehr gedient. Seit
Kurzem lebt sie wieder in ihrer norddeutschen Heimat. (Fotos: privat)

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