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Zwei Soldaten ziehen in den Krieg. Was sie dort erleben, zerstört schleichend ihre Existenz. In Deutschland finden sie nicht die Hilfe, die sie bräuchten. Sie sehen nur noch einen Ausweg: Selbstmord.

Wenn es regnet, lässt Michael Anders die Rollläden herunter und dreht die Musik auf. Das Geräusch von plätscherndem Wasser erinnert ihn an Flüsse, in denen aufgedunsene Leichen treiben. Den Müll aus der Wohnung muss seine Lebensgefährtin zur Abfalltonne bringen. Der Geruch stürzt ihn in Panik, er hat verweste, von Kugeln durchsiebte Körper aus Müllhalden geborgen. Gebratenes Fleisch gibt es in seiner Wohnung schon lange nicht mehr. Für ihn ist der Duft aus der Pfanne ein quälender Gestank, der die Erinnerung an verkohlte Menschen hervorruft. Michael Anders war Fahrer eines Leopard 2-Panzers und einer der ersten deutschen Soldaten, die 1999 in das Kosovo einmarschiert sind. Jahrelang konnte er seine Erlebnisse verdrängen. Nun zerstören sie ihn.

Plötzlich kommt die Angst vor dem Tod
Steven Drechler* liegt auf seinem Sofa, bleischwer und unfähig, einen Schritt nach draußen zu tun. Er starrt in die Dunkelheit, die Fensterläden verriegelt, die Gardinen dicht geschlossen. Wenn er nicht grübelt, spielt er auf seinem Computer „Call of duty“ und erledigt das, wofür er gedrillt wurde: den Feind töten. Der ist dabei genauso imaginär wie in Afghanistan, aber immerhin vergräbt er keine realen Bomben in den Straßen, über die Drechsler mit seinem "Dingo" fahren muss. Es ist im März 2011, als sie sechs Kanister Sprengstoff an einer Stelle ausgraben, die Drechsler in den Stunden zuvor wieder und wieder passiert hat. Plötzlich, auf dieser Straße in Afghanistan, bekommt er Angst zu sterben. Sie lähmt seine Gedanken, seinen Schritt, seine Hände. Er hält sich für einen Versager. Schämt sich – bis heute. Damals ist er Fallschirmjäger und stolz darauf. Jetzt will er sich nur noch in seinem Zimmer vergraben. Einfach verschwinden, nichts mehr sehen, hören, sagen. Die Düsterkeit in seinem Kopf, sie beginnt kurz nach der Rückkehr aus dem Einsatz im Sommer vor vier Jahren. Seitdem peinigt sie ihn, schubweise, mal eine Woche lang, mal zwei Monate. Immer wieder.   

[Hier geht's zur Übersichtsseite für Psycho-Sziale Kameradenhilfe]

Zu einem anderen Menschen gemacht
Anfang August 1999, nach knapp acht Monaten auf dem Balkan, kehrt Michael Anders nach Augustdorf zurück. Im Gepäck hat er seine Erinnerungen und eine Menge Fotos. Sie zeigen Leichen, immer wieder Leichen. Bald darauf endet seine Dienstzeit in der 3. Kompanie des Panzerbataillons 214. Er verkauft seine Möbel, räumt sein Konto leer, schultert den Rucksack und fliegt nach Paraguay. Anders steigt aus, so wie das viele Deutsche in Südamerika tun. Ein Jahr verschwindet er, weg, ganz weit weg von dem Ort, der ihn zu einem anderen Menschen gemacht hat. Das weiß er zu diesem Zeitpunkt nur noch nicht. Seine Seele hat bereits einen Knacks, doch der wird vom aufregenden Leben am anderen Ende der Welt überlagert. Anders ist Mitte 20, es muss für ihn doch noch etwas anderes geben als Tod und Sterben.

"Geh zum Arzt, irgendwas stimmt mit dir nicht"
Steven Drechsler schleppt sich durch die übrigen Einsatzmonate in Afghanistan. Es ist Frühjahr. Er funktioniert, übertüncht die Angst vor den Kameraden mit eiserner Selbstdisziplin. Sie sind gemeinsam rein, sie gehen auch gemeinsam raus. Das haben sie sich geschworen. Zurück in Lebach ist es sein Gruppenführer, dem seine Veränderung zuerst auffällt. "Geh zum Arzt, irgendwas stimmt mit dir nicht", sagt er. Drechsler wird in eine psychiatrische Ambulanz eingewiesen. In den Bundeswehrkrankenhäusern ist kein Platz für ihn, die Stationen für Soldaten mit Seelenleiden sind überfüllt. In der Tagesklinik in Lebach wollen die Ärzte mit ihm über seine Kindheit reden, nicht über den Krieg. Er fühlt sich nicht ernst genommen und geht nach ein paar Sitzungen nicht mehr hin. Der Truppenarzt schreibt ihn zwei Wochen krank, damit er erst mal runterkommen kann, wie er Drechler erklärt.  

Bevor Michael Anders bei der Bundeswehr anfing, hat er Verpackungsmittelmechaniker gelernt. Nach seiner Rückkehr aus Paraguay steigt er wieder in seinen Beruf ein. Er ist erfolgreich und arbeitet sich zum Vorarbeiter hoch. In Bielefeld führt er ein normales Leben: Er heiratet, wird Vater, die Ehe geht zu Bruch, nichts Besonderes, keine Auffälligkeiten, jedenfalls nicht nach außen. Seine Erinnerungen an das Kosovo, die Bilder, er hat sie in einem Fotoalbum mit buntem Einband abgelegt, so eins, in dem andere Menschen die Aufnahmen ihrer Hochzeit oder Kinder aufbewahren. Er lernt eine neue Frau kennen, sie wird schwanger, sie mieten ein Haus in Bad Salzuflen. Er wechselt den Job und ist jetzt Betriebsleiter in einem Unternehmen für Stanztechnik. Ein Aufstieg. Er ist Vorgesetzter von 100 Mitarbeitern, ein Macher, der starke Mann, der für Frau und Kind sorgt, auf den seine Familie stolz sein kann. Die schwangere Lebensgefährtin packt die letzten Umzugskartons, da ruft er an und sagt: "Ich bin jetzt bei meiner Mutter, und die fährt mich in eine Klinik, denn sonst bringe ich mich sofort um."

Mikrokosmos der Verlierer der neuen deutschen Sicherheitspolitik
Steven Drechsler soll sich erholen, abschalten, auf andere Gedanken kommen. So hat es ihm der Arzt gesagt. Doch er gräbt sich zu Hause ein und starrt an die Wände seiner Wohnung. Er ist Fallschirmjäger geworden, weil er Bewegung brauchte, Action und Beschäftigung, und weil er schon als Kind den Wunsch hatte, so lange und so weit wie möglich von zu Hause fort zu sein. Als er knapp zwei Jahre zuvor in Lebach anfängt, als sie ihn drillen, anbrüllen, lehren und fordern, ist er glücklich. Er ist einer von ihnen, Fallschirmjäger, Teil einer Elite. So sieht er das damals. Jetzt schafft er es nicht mal mehr aus seiner Wohnung. Ist ohne Antrieb, ohne Kraft, ohne Mut. Nur die Scham, in Afghanistan versagt zu haben, die ist geblieben. Trost bietet der Alkohol. Reichlich Bier und Schnaps und hin und wieder eine Pizza, dafür reicht die Kraft noch. Freunde hat Steven Drechsler nur noch bei Facebook. Dort sammeln sich die Einsatzveteranen der Bundeswehr, abgekapselt vom Rest der Gesellschaft, vom Rest der Bundeswehr. Ein Mikrokosmos der Verlierer der neuen deutschen Sicherheitspolitik. Drechsler ist jetzt einer von ihnen.

Diagnose: Posttraumatische Belastungsstörung
Michael Anders wird in eine psychiatrische Klinik in Gütersloh eingewiesen. Er kommt für ein paar Tage auf die geschlossene Station. Als ihn seine Lebensgefährtin besucht, fällt er in ihre Arme. Er schluchzt, er weint, es bricht aus ihm heraus. Der Krieg liegt 13 Jahre zurück und ist doch präsenter denn je. Sie wusste nicht, was er erlebt hat. Er hat es nie erzählt. Sie hat ihn nie gefragt. Jetzt erfährt sie es und sagt: "Ich bin so stolz, dass du diesen Schritt gegangen bist." Sein neuer Arbeitgeber sieht das nicht so: Kündigung, und zwar fristlos. Die Probezeit ist noch nicht abgelaufen. Anders fleht die Ärzte an, sie mögen dafür sorgen, dass die Bilder und die Albträume verschwinden. Doch das können sie nicht. Am letzten Tag in der Psychiatrie erhält er ein Schreiben mit der Diagnose: Posttraumatische Belastungsstörung. Er sei zwar vorerst stabil, erklären ihm die Psychologen, doch er benötige baldige und langfristige Hilfe durch Experten für Kriegstraumatisierungen. Davon gibt es in Deutschland nur wenige. Die meisten arbeiten bei der Bundeswehr. Seine Partnerin schaltet einen Anwalt ein. Er heißt Peter Brunnert und arbeitet bei der Kanzlei Stracke, Bubenzer und Kollegen in Bielefeld. Er soll herausfinden, welche Ansprüche Michael Anders an die Bundeswehr hat.

Keine Vorwürfe und keine Disziplinarstrafe
In Lebach gilt Steven Drechsler als unerlaubt abwesend. Die zwei Wochen sind längst herum, der Kompaniechef benachrichtigt die Feldjäger. Die Militärpolizisten zeigen Verständnis für Drechsler. "Kamerad", sagen sie, als sie ihn in seiner Wohnung in Hagen antreffen, und helfen ihm, seine Klamotten zu packen. Sie bringen ihn nicht wie einen Straftäter nach Lebach, sondern behandeln ihn wie einen von ihnen. Als er davon erzählt, sagt er, "Schreiben Sie das bitte unbedingt dazu. Ich bin denen bis heute dafür dankbar". Auch in seiner Kompanie gibt es keine Vorwürfe und keine Disziplinarstrafe. Der Einsatz liegt jetzt ein halbes Jahr zurück, es ist Januar 2012. Drechsler hat noch anderthalb Jahre abzuleisten. Er bittet seinen Chef um Vertrauen. Um Zeit. Er will wieder in den Dienst einsteigen, wünscht sich Alltag, Normalität. Doch es ist nichts mehr normal. Er ist nicht mehr normal. Dann wechselt der Kompaniechef. Der Neue macht Druck, er will eine Kompanie mit funktionierenden Soldaten. Drechsler meldet sich krank. Kranksein – das ist seine neue Normalität.

Auch Michael Anders ist krank. Er nimmt Drogen, um zu vergessen, zu verdrängen. Seine Ausraster häufen sich. Er wirft mit einem Sägeblatt nach seiner Partnerin, als sie gemeinsam an einer Küchenplatte arbeiten. Dann verschwindet er, keiner weiß, wo er ist. Kehrt einige Tage später zurück, sagt "Entschuldigung", bis zum nächsten Anfall. Er brüllt, knallt Türen und schließt sich über Wochen ein. Entspannt ist er nur, wenn er high ist. Dann ist der Krieg weit weg und mit ihm die Albträume. Peter Brunnert sichtet derweil Dutzende Fotos aus dem Kosovo, und wenn Michael Anders in der Lage dazu ist, erzählt er dem Anwalt die erschütternden Einzelheiten zu jedem Bild. Brunnert legt die Fotos einem seitenlangen Schreiben an die nordrhein-westfälischen Sozialbehörden bei. Er stellt für Anders einen Antrag auf "Versorgung nach dem Soldatenversorgungsgesetz". Die Bilder sollen beweisen, dass Anders im Kosovo traumatisiert wurde und dabei helfen, die Anerkennung einer Wehrdienstbeschädigung (WDB) zu erreichen. Dann bekäme Anders eine Grundrente vom Staat. Der Antrag geht im April 2012 beim zuständigen Versorgungsamt in Münster ein. Es beginnt ein zermürbender, mehr als zweijähriger Bearbeitungsprozess.

Bedarf ist ungleich größer als Kapazität
Endlich haben sie im Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz einen Platz. Steven Drechsler beginnt eine Therapie in der FU 6, der Station für psychisch kranke Soldaten. Knapp 100 von ihnen kann die Bundeswehr in ihren vier Kliniken in Koblenz, Hamburg, Berlin und Ulm gleichzeitig behandeln. Der Bedarf ist ungleich größer. Die Ärzte verabreichen Drechsler Antidepressiva und Beruhigungsmittel und reden mit ihm. Allerdings nicht über die Bombe in Baghlan, sondern über seine Zeit in der Kinderpsychiatrie kurz nach der Trennung seiner Eltern. Steven Drechsler war damals zehn Jahre alt. Die Diagnose lautete: Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Die Bundeswehr wusste davon, Drechsler hatte es einem Psychologen bei der obligatorischen Befragung vor dem Abflug nach Afghanistan erzählt.

"Vielen Dank für treue Dienste"
In Koblenz aber machen es die Ärzte zum Hauptthema ihrer Therapie. So berichtet es Drechsler. Ob es stimmt, lässt sich nicht überprüfen. Auf entsprechende Nachfragen von loyal verweist die Bundeswehr auf die ärztliche Schweigepflicht. Nach einigen Wochen geht es Drechsler besser. Er meldet sich wieder zum Dienst. Doch die Blicke, die ihm aus vertrauten Gesichtern begegnen, haben sich verändert. Die Kameradschaft bröckelt, er wird geschnitten. Er stört. Das macht ihn noch verzweifelter. Wieder lässt er sich krankschreiben, vergräbt sich zu Hause und begibt sich schließlich erneut in Behandlung. Den Ärzten in Koblenz schildert er Suizidabsichten. Bald darauf steht der Personalfeldwebel seiner Kompanie in der Tür des Krankenzimmers. Nach vier Jahren, am 30. September 2013, endet Drechsler Armeezeit: "Vielen Dank für treue Dienste."

Schwarz auf weiß
Das Versorgungsamt übergibt den Fall von Michael Anders an die Wehrbereichsverwaltung (WBV) in Düsseldorf. Die WBV leitet ein Wehrdienstbeschädigungsverfahren ein und informiert ihn, dass sich seine Dauer leider nicht vorausbestimmen lasse. Er könne aber zu einer zügigen Bearbeitung beitragen, indem er Vordrucke baldmöglichst ausgefüllt zurücksende und alle Anfragen von Dienststellen unverzüglich und umfassend beantworte. Das Schreiben ist vom Juli 2012. Rechtsanwalt Peter Brunnert legt seiner Antwort an die WBV erneut Fotos und den Befund der psychiatrischen Klinik Gütersloh bei. Darin steht schwarz auf weiß, dass Anders aufgrund eines Kriegseinsatzes im Kosovo psychisch krank ist.

Die Bundeswehr ist also in der Bringschuld. Es gibt inzwischen mehrere Gesetze, die Ansprüche von Soldaten regeln, die im Auslandseinsatz verwundet worden sind. Bei einem entsprechenden Antrag nach Einsatzweiterverwendungsgesetz müsste die Bundeswehr das Verfahren innerhalb von zwölf bis 18 Monaten abschließen. Anders könnte nach erfolgreichem WDB-Verfahren für eine gewisse Zeit wieder eingestellt werden, bekäme Wehrsold und könnte sich finanziell abgesichert um seine Therapie bei Fachärzten der Bundeswehr kümmern. Doch sein Anwalt hat einen Antrag auf "Versorgung nach dem Soldatenversorgungsgesetz" gestellt. Da geht es nur um eine Grundrente, nicht um eine Wiedereinstellung in die Bundeswehr, nicht um eine Therapie bei Militärpsychologen. In keinem ihrer Schreiben an Michael Anders weist die Bundeswehr auf die Möglichkeit hin, einen Antrag nach Einsatzweiterverwendungsgesetz zu stellen. Kein Mitarbeiter ruft ihn oder seinen Anwalt an, um einen fürsorglichen Hinweis zu geben. Stattdessen versucht die WBV mehr als ein halbes Jahr lang, seine damaligen Vorgesetzten im Kosovo ausfindig zu machen. Sie sollen bezeugen, was Anders mit Fotos längst belegt hat: dass er im Krieg war.  

Ministerium streitet Zuständigkeit ab
loyal wollte vom Verteidigungsministerium wissen, warum die Wehrbereichsverwaltung Michael Anders und seinen Anwalt nicht darauf hingewiesen hat, dass ein Antrag nach Einsatzweiterverwendungsgesetz sehr viel Erfolg versprechender gewesen wäre und – vor allem – dass Anders psychologische Hilfe in der Bundeswehr finden kann. In seiner Antwort streitet das Ministerium eine Zuständigkeit ab und schiebt die Schuld dem Anwalt zu. Im Fall einer anwaltlichen Vertretung des Antragstellers, heißt es, könne "regelmäßig davon ausgegangen werden, dass der Mandant in seinem Anliegen vollumfänglich rechtlich beraten wird". Im Klartext: Selbst schuld, wenn sie es nicht wussten. Geradezu verhöhnend klingt es, was das Ministerium ergänzend dazu schreibt: Soldaten würden vor den Einsätzen über die "materiell-rechtliche Absicherung" in Kenntnis gesetzt,  eine Broschüre informiere über Ansprüche nach dem Einsatzweiterverwendungsgesetz. Soll heißen: Anders hätte das alles wissen müssen. Doch als er 1999 ins Kosovo marschierte, gab es das Gesetz noch gar nicht.

Ärzte diagnostizieren eine "mittelschwere depressive Episode"
Zwei Wochen nachdem ihm seine Entlassungsurkunde ausgehändigt worden ist, verlässt Steven Drechsler im Oktober 2013 das Bundeswehrkrankenhaus Koblenz. Die Ärzte diagnostizieren eine "mittelschwere depressive Episode" und "Züge einer Borderline-Krankheit". Die Ursache liege in seiner Kindheit, heißt es. Von einer Einsatzschädigung steht nichts in den Unterlagen, die sie ihm aushändigen. Drechsler fällt ins Nichts. Die Bundeswehr entlässt ihn arbeitsunfähig, fühlt sich aber nicht verantwortlich. Die Bürokratie der Sozialbehörden überfordert ihn. Er hat keine Krankenkasse und bekommt kein Geld. Der stolze Fallschirmjäger wird zum Sozialfall. Ein Gerichtsvollzieher lässt die Wohnung räumen. Drechsler postet einen Hilfeschrei bei Facebook. Der Veteranenstammtisch, ein über das Internet organisierter Bund ehemaliger Einsatzsoldaten, hört ihn. Ein Kamerad nimmt Drechsler auf, andere spenden Schuhe, Kleidung, Zahnbürste und Duschgel. Immerhin kommt er nun auf andere Gedanken. Er beginnt mit Extremsport und trainiert für die "Strong Viking Runs". Viele Veteranen in Deutschland und anderen Ländern machen das. Diese Hindernisläufe führen durch Wälder, metertiefen Schlamm, durch Feuer und Eiswasser. Auf den Kilometern voller körperlicher Qualen kann Drechsler für ein paar Stunden die Seelenpein verdrängen. Es sind die Momente, in denen er fühlt, dass er noch lebt.

Ausgleich nach Soldatengesetz kommt "von vornherein nicht in Betracht"
Im September 2013, mehr als ein Jahr nachdem das Verfahren auf Wehrdienstbeschädigung eingeleitet worden ist, erhält Rechtsanwalt Brunnert einen Brief vom Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr. Das neu geschaffene Amt ist nun für den Fall von Michael Anders zuständig. Die Mitteilung ist niederschmetternd. Da die Erkrankung erst nach dem Wehrdienst diagnostiziert wurde, heißt es in dem Schreiben, komme ein Ausgleich nach Soldatengesetz "von vornherein nicht in Betracht". Nur wenn Anders während seiner Dienstzeit erkrankt wäre, hätte er Ansprüche geltend machen können. Man muss sich das vorstellen: Um zu einem Ergebnis zu kommen, das angeblich "von vornherein" klar war, benötigt die Bundeswehr mehr als ein Jahr.

Der Kranke soll zum Helfer kommen
Für Michael Anders bedeutet der Bescheid, dass die Bundeswehr ihre Verantwortung für ihn als Veteran ablehnt. Er fühlt sich verloren in einer Welt, in der er sich nicht auskennt. Seit seinem Ausscheiden aus den Streitkräften im Jahr 2000 hat sich vieles verändert. Es gibt Hunderte psychisch kranke Soldaten wie ihn, er weiß das nur nicht. Es gibt Veteranenverbände und Organisationen, die Betroffenen helfen. Es gibt einen PTBS-Beauftragten im Verteidigungsministerium, eine PTBS-Hotline, ein PTBS-Hilfsforum im Internet und ein Netzwerk der Hilfe. Doch Michael Anders kennt niemanden und die Bundeswehr-Bürokraten leiten seinen Fall auch nicht an eine der Hilfsstellen weiter. Sie teilen ihm lediglich mit, er könne sich, sofern gewünscht, bei den Anträgen von einem Sozialberater am nächsten Bundeswehrstandort helfen lassen. Der Kranke soll also zum Helfer kommen.

Steven Drechsler hat Glück. Ein Kamerad vermittelt ihn an eine Bundeswehrpsychologin. Sie behandelt ihn, obwohl sie es nicht darf. Denn Drechsler ist kein Soldat mehr und, der Diagnose der Koblenzer Ärzte zufolge, auch nicht traumatisiert. Ihre Diagnose fällt ganz anders aus als die in Koblenz: "Anzeichen einer Posttraumatischen Belastungsstörung". Die Ärztin verhilft ihm zu einem Termin am Bundeswehrkrankenhaus Hamburg. Drechsler erhält Geldspenden, damit er das Zugticket bezahlen kann. Der Arzt in Hamburg sagt: "Sie sind ja von einer Gefahrensituation in die nächste geraten." Drechsler denkt: "Endlich einer, der mich versteht." Doch der Arzt fährt fort: "Sie müssen sehen, am 1. Mai hat ein Taxifahrer in Hamburg auch kein anderes Leben." So erzählt es Drechsler. loyal ?hat das Verteidigungsministerium mit diesem Satz konfrontiert. In seiner Antwort verweist es auf die ärztliche Schweigepflicht, wonach solche Gespräche nur mit Einwilligung des Patienten öffentlich gemacht werden dürften. Gleichzeitig fühlte sich das Ministerium allerdings zu einer Ergänzung genötigt. Angesichts des "hohen fachlichen Niveaus des psychotherapeutischen Personals in der Bundeswehr" sei eine solche Aussage nicht vorstellbar, heißt es. So steht Aussage gegen Aussage. Eine Therapie aber bietet die Bundeswehr Drechsler nicht an. Nur ein Bett für die Nacht. Am nächsten Morgen soll er nach Hause fahren. Er müsse sich an einer zivilen Einrichtung behandeln lassen.

Das ganze Prozedere ist für ihn unerträglich demütigend
Michael Anders arbeitet jetzt als Fensterputzer für 450 Euro im Monat. Seine Lebenspartnerin sagt, er solle sich behandeln lassen, egal ob bei der Bundeswehr oder in einer zivilen Klinik. Er sagt, er habe demnächst Termine am Bundeswehrkrankenhaus Hamburg und bald auch einen Therapieplatz. Doch er lügt. Er hat keine "Termine", sondern nur einen Termin, und den auch nicht am Bundeswehrkrankenhaus, sondern bei einem vom Versorgungsamt bestellten Psychologen in Bielefeld. Die Ärztin soll ein psychiatrisches Gutachten erstellen, auf dessen Basis das Amt über den Versorgungsantrag entscheiden will. Sie soll herausfinden, ob Anders tatsächlich krank ist, weil er im Kosovo war, oder weil er ein Drogenproblem hat, das schon vor seiner Bundeswehrzeit bestand. Doch er schafft es nicht. Er geht nicht hin. Er hat das doch alles schon einmal den Ärzten in Gütersloh erzählt. Das ganze Prozedere ist für ihn unerträglich demütigend. Und zu Hause läuft es auch nicht. Jetzt schafft seine Partnerin das Geld ran, weil er nichts mehr auf die Reihe kriegt. So sieht er das. Allmählich verliert er die Hoffnung, dass alles doch wieder gut wird.

Achterbahnfahrt der Gefühle
Steven Drechsler empfindet das Gespräch mit dem Psychologen in Hamburg als Demütigung. Er ist hilflos und erzählt davon einem Facebook-Kameraden. Der heißt Bernhard Drescher. Drescher, ein ehemaliger Oberstleutnant, der sich im Bund Deutscher Veteranen engagiert, schreibt dem PTBS-Beauftragten im Verteidigungsministerium einen wütenden Brief. Ein paar Wochen später erhält Drechsler einen Anruf aus Berlin. Sie wollten ihm helfen, einen WDB-Antrag zu stellen, sagt der Oberstabsfeldwebel. Die Chancen stünden gut, dass er für einige Jahre wieder in die Bundeswehr eingestellt wird, um sich um seine Genesung zu kümmern. Es folgen Anträge, Gutachten, Befunde. Monate zermürbender Bürokratie. Immer wieder soll er irgendwelche Unterlagen herbeischaffen. Wenn er glaubt, es endlich geschafft zu haben, wollen die verschiedenen Dienststellen und Ämter wieder etwas Neues von ihm. Es ist wie bei Michael Anders: Er schwankt zwischen Hoffen und Bangen, erlebt eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Und am Ende verliert Drechsler dann doch die Hoffnung, dass er endlich mal wieder Glück hat. Gerade hat er eine neue Freundin. Sie trennen sich im Streit. Die Kameraden aus Lebach? Seit Monaten nichts mehr gehört. Düsterkeit im Kopf. Drechsler will nur noch seine Ruhe.

Am 23. März 2015 postet er spät abends eine Nachricht bei Facebook. "Kameraden, bitte seid mir nicht böse. Halte es nicht mehr aus. Denkt nicht schlecht von mir. Melde mich ab." Er packt sein kleines grünes Bundeswehrtaschenmesser ein und macht sich zu Fuß auf den Weg zum Bismarckturm. Es ist sein Lieblingsplatz in Hagen mit einem tollen Blick über die Stadt.

Michael Anders ist für den 8. Mai 2014 erneut zu einem Gutachten geladen. Doch er öffnet seine Post nicht mehr, reagiert nicht mehr auf E-Mails seines Anwalts. "Ich kann nicht mehr", sagt er eines Tages zu seiner Lebensgefährtin. Am 18. August 2014 geht er abends in den Keller. Er hat sich dort eine Wertstatt eingerichtet. Sie ist sein Zufluchtsort. Er hat schon ganze Nächte dort verbracht.

Sebastian Büscher ist ein Facebook-Freund von Steven Drechsler. Auch er arbeitet für den Bund Deutscher Veteranen und wohnt eine halbe Stunde Autofahrt von Hagen entfernt. Er liest die Nachricht, setzt sich in seinen Wagen und rast los. Unterwegs alarmiert er die Polizei: Drechsler wolle Selbstmord begehen. Als Büscher den Bismarckturm erreicht, hält sich dort schon ein Dutzend Polizisten bereit. Drechsler steht nahe am Hang, unter ihm die Lichter der Stadt. Büscher geht auf ihn zu, die Polizisten folgen mit etwas Abstand. Sie können nicht sehen, ob Drechsler noch das Messer in der Hand hat. Büscher geht um ihn herum und stellt sich vor ihn. Die Polizisten beleuchten mit Taschenlampen sein Gesicht. Büscher sagt: "Michi, ich bin es, Basti, erkennst du mich? Ich komme jetzt zu dir." Als er bei ihm ist, fällt Drechsler in seine Arme. Und weint. Das erste Mal seit Jahren. Das Messer hat er weggeworfen. Er wird in die Psychiatrie gebracht. Und lebt.

Michael Anders erscheint am nächsten Tag nicht zur Arbeit. Ein Kollege ruft die Lebensgefährtin im Büro an. Sie sagt, er sei am Abend in den Keller gegangen. Seitdem habe sie ihn nicht mehr gesehen. Der Kollege fährt zur Wohnung, geht in den Keller und findet dort Michael Anders. Sein lebloser Körper hängt an einem Abwasserrohr unter der Kellerdecke.

Text: Marco Seliger
Illustrationen: Sebastian Haslauer
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