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Nach vier Monaten im Einsatz wird Gero Riedel von einem Kameraden die Frage gestellt, die ihn heute noch stolz macht: "Und du bist Reservist?" Er hat gelächelt und gesagt: "Ich bin Hauptmann der Reserve." Die verblüffte Reaktion: "Merkt man nicht." Woran man denn merke, dass jemand Reservist sei, erwiderte Riedel. "Die machen häufig Fehler und lehnen schwierige Aufgaben mit der Begründung ab, als Reservist seien sie darauf nicht vorbereitet worden", antwortete der Gegenüber. Riedel sagte: "Ja, solche Reservisten gibt es tatsächlich."

Der 44-Jährige – inzwischen Major – ist ein Musterbeispiel für einen Einsatzreservisten. Nach seiner Wehrdienstzeit bei den Fallschirmjägern hat ihn das Militär nicht mehr losgelassen, sagt er. Er schlug die Reservelaufbahn ein und leistete drei Auslandseinsätze. Seine Erfahrung: "Natürlich fragen sich die Berufssoldaten bei einem Reservisten zunächst, was er kann. Wenn er was kann, ist es in Ordnung. Wenn er nichts kann, war es ja klar. Ist ja nur ein Reservist!" Doch der Afghanistan-Einsatz habe geholfen, diese Vorurteile in der Truppe abzubauen. Die meisten Reservisten "haben einen guten Job gemacht".

Im Schnitt stellten Reservisten zehn Prozent eines jeden Kontingents
In den vergangenen fünf Jahren waren in Afghanistan 6.265 Reservisten im Einsatz. Im Schnitt stellten Reservisten zehn Prozent eines jeden Kontingents. Die meisten von ihnen waren in der Wehrverwaltung tätig. Nur ein kleiner Teil diente in der Truppe. Gero Riedel gehörte dazu. Und das kam so: In Deutschland leistete er regelmäßig Wehrdienst, etwa vier bis sechs Wochen pro Jahr. Dafür hielt er sich bewusst sportlich fit, besuchte Offizierlehrgänge und nahm an Schießübungen teil. Eines Tages fiel die Entscheidung für Afghanistan: "Ich wollte mitreden können, wissen, was wir dort genau tun", sagt der Familienvater. Knapp fünf Monate später leitete er eine Verbindungsstelle der Bundeswehr zu den afghanischen Sicherheitskräften in Kundus. Dazu musste er auch "rausfahren", das sichere Feldlager im Geländewagen oder Schützenpanzer verlassen. "Wenn du draußen bist, dann spielt es keine Rolle, ob man Reservist oder aktiver Soldat ist", erinnert er sich. "Wenn es knallt, dann knallt es. Da muss jeder genau wissen, was er zu tun hat, egal ob Reservist oder Berufssoldat."

"Da wird einem mulmig"
Ein Feuergefecht hat Riedel nicht mitmachen müssen. Doch brenzlig sei es schon geworden. "Einmal haben wir am Abend festgestellt, dass wir mehrmals über eine größere Sprengladung gefahren sind." Ein selbstgebauter Sprengsatz, ein sogenanntes IED (Improvised Explosive Device), hatte nicht gezündet. Viele Soldaten sind in Afghanistan durch IEDs gestorben. "Da wird einem mulmig", gibt Riedel zu. Erfahrungen wie diese verändern einen Menschen, auch ihn. Heute erschreckt Riedel, wenn eine Tür laut zuschlägt. Aber sonst sei alles in Ordnung, versichert er.

Wird der Afghanistan-Einsatz auch die Reservisten in Deutschland verändern, die nicht dort waren? Riedel muss eine Weile überlegen, bevor er antwortet. Dann sagt er: "Die Reservisten, die in Afghanistan waren, geben ihre Erfahrungen an andere Reservisten weiter." Das habe die Reserve bereits heute verändert. Nicht nur die aktive Truppe, auch die Reserve sei durch den Afghanistan-Einsatz erfahrener, professioneller geworden und nun besser auf kommende Aufgaben vorbereitet. Damit das so bleibt, so Riedel, sei es notwendig, die Reservisten in der Heimat intensiver auszubilden. "Damit der Übergang zu den diversen Aufgaben, auch im Ausland, flüssiger erfolgt. Und im Einsatz wirklich alles sitzt."

Qualifikation der Reservisten ist entscheidend für ihre Arbeit in der Bundeswehr
Tatsächlich ist die Qualifikation der Reservisten für ihre Arbeit in der Bundeswehr entscheidend. Wer in einen Auslandseinsatz will, muss zunächst mindestens die soldatischen Grundfertigkeiten mitbringen. Das heißt: Die Fähigkeit zum Gefecht, wie es Generalleutnant Hans-Werner Fritz ausdrückt. "An Reservisten werden die gleichen Ansprüche gestellt wie an Berufs- und Zeitsoldaten", sagt Fritz. Er ist Befehlshaber des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr und damit für die Planung und Durchführung der Auslandseinsätze verantwortlich. Doch über die Grundfertigkeiten hinaus zähle noch mehr: "Wir benötigen Personal mit den unterschiedlichsten Kenntnissen und Fähigkeiten." Und wenn Bedarf für einen konkreten Dienstposten besteht, so Fritz, dann werden mitunter Reservisten gezielt von der Bundeswehr angesprochen. "Menschen aus der Wirtschaft“ müsse man vor allem mit Abwechslung und anspruchsvollen Aufgaben locken. "Nur so können wir von ihrem Knowhow langfristig profitieren", sagt der General.

Reservisten wie er waren eher die Ausnahme
Einer dieser "Menschen aus der Wirtschaft" mit dem begehrten Knowhow ist Tilman Engel. "Grundsätzlich gibt es ja unterschiedliche Arten von Reservisten", sagt Engel. "Vor allem die ehemaligen Berufs- und Zeitsoldaten. Und dann diejenigen, die wie ich total von Außerhalb kommen." Reservisten wie er waren in Afghanistan eher die Ausnahme. Der 50-Jährige ist Politologe und weit herumgekommen in der Welt. Er war mehr als 20 Jahre im internationalen Sportgeschäft tätig, bei der US-Football-Liga und in Qatar als Direktor des Profi-Fußball-Verbands. Gerade seine Erfahrungen in der arabischen Welt machen ihn für die Bundeswehr interessant. Engel wollte sich einbringen, nach seinen Überzeugungen leben, also meldete er sich freiwillig für den Einsatz. In Afghanistan war er dann Leiter einer Wahlbeobachtergruppe im Regionalkommando Nord zur Zeit der Präsidentschaftswahl im Juni dieses Jahres. "In der Gruppe waren nur Berufssoldaten, Belgier, Kroaten, Ungarn, Deutsche." Dass Engel Reservist war, spielte anfangs schon eine Rolle. Dass er sich erst bewähren müsse, habe er erwartet.

"Am Ende zählt die fachliche Kompetenz. Und wenn du was drauf hast, akzeptieren sie dich auch als Chef", sagt Engel. Heute ist er mehr denn je überzeugt davon, "dass wir dort etwas Wichtiges und Richtiges tun." Gab es etwas, das ihn störte? "Ja, die Einsatzvorbereitung. Sie hat sich sehr gezogen, das war ein Hin und Her." Zwischen Mai und Dezember 2013 musste Engel Formulare einreichen, Tests bestehen und Lehrgänge besuchen, bis er dann, knapp zehn Monate später, nach Afghanistan flog. "Für jemanden, der beruflich nicht flexibel ist, ist das ein Ding der Unmöglichkeit", sagt Engel. Der zeitliche Aufwand, den er in die Vorbereitung investieren musste, sei für einen Berufstätigen einfach zu groß. Dass es auch anders geht, habe er in Gesprächen mit Reservisten aus anderen Ländern erfahren. Dort verlaufe der Übergang vom Zivilleben der einberufenen Soldaten in den Militäreinsatz reibungsloser.

Viele Hürden und administrativen Schwierigkeiten
Der Afghanistan-Einsatz hat gezeigt, dass Leute wie Tilman Engel einen wertvollen Dienst leisten können, weil sie Fachwissen einbringen, dass es in der Bundeswehr nicht gibt. Um so unverständlicher reagiert Engel auf die vielen Hürden und administrativen Schwierigkeiten, die vor dem Einsatz stehen. "Das muss zwingend einfacher werden", sagt er. "Dann werden auch mehr Ungediente einen Reservedienst leisten wollen."

Reservisten werden in komplexen Einsätzen gebraucht
Gero Riedel und Tilman Engel sind zwei Beispiele für Reservisten, die in den vergangenen 13 Jahren in Afghanistan gedient haben. Es sind spezielle Beispiele, doch Beispiele, die Schule machen werden. Sie zeigen, dass Reservisten auch in komplexen Einsätzen wie am Hindukusch gebraucht werden. Beide wissen, was es heißt, heute Soldat zu sein. Und sie haben ihre Schlüsse gezogen. Einer lautet: Reservisten müssten bereits in der Heimat intensiver ausgebildet werden, damit der Übergang vom Zivilberuf in den Einsatz im Bedarfsfall schneller erfolgen kann.

Generalleutnant Fritz, von 2010 bis 2011 Regionalkommandeur in Mazar-e-Sharif, zieht folgende Bilanz: "In den Auslandseinsätzen gibt es keinen Unterschied zwischen Reservisten und aktiven Soldaten. Dort zählt nur Leistung. Und da haben wir in Afghanistan sehr positive Erfahrungen gemacht."


Dennis Hallac

Bild oben:
Gero Riedel während seines Einsatzes in Afghanistan. "Wenn es
knallt, dann knallt es. Da muss jeder wissen, was er zu tun hat,
egal ob Reservist oder Berufssoldat", sagt er. (Foto: privat)

Zweites Bild:
Gero Riedel, Major der Reserve. (Foto: privat)

Drittes Bild:
Hauptmann der Reserve Tilman Engel hat als Direktor des
Profi-Fußball-Verbandes in Qatar gearbeitet. Er war ungedient,
als er als Reservist nach Afghanistan ging. Das Bild zeigt ihn beim
Besuch eines Waisenhauses in Mazar-e-Sharif. (Foto: privat)

Bild unten:
"Am Ende zählt die fachliche Kompetenz. Und wenn du was drauf
hast, akzeptieren sie dich", sagt Tilman Engel. (Foto: privat)

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