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Was ist traditionswürdig? Wer kann Leitfigur sein? Mit diesen Fragen ringt die Bundeswehr – und zeigt sich dabei oft verschämt, verdruckst und unsicher. Doch das müsste sie nicht sein, wie ein Workshop in Koblenz zeigt.

von Julia Egleder

Dies ist eine merkwürdige Geschichte. Eigentlich sollte es sie gar nicht geben. Genau genommen möchte die Bundeswehr nicht, dass Journalisten über dieses Thema tiefgehend berichten. Denn es ist heikel. Es geht um: Tradition. In anderen Ländern ist dieses Wort positiv besetzt, mit Stolz und Zugehörigkeit verbunden. Verteidigungsministerium und Bundeswehr sehen "Tradition" jedoch eher als Minenfeld, auf dem bei jedem Schritt und jedem Wort eine mediale Bombe hochgehen kann.

Diesen Eindruck bekommt, wer die Einladung zur Workshopserie zur Überarbeitung des Traditionserlasses liest: "Medienvertreter sind für den Hintergrund (Chatham-House-Regel) ohne Bild/Ton an beiden Tagen sowohl zu den Impulsvorträgen als auch zu den anschließenden Arbeitsgruppen eingeladen", heißt es darin. "Nur für den Hintergrund" bedeutet: keine Nennung von Namen. Keine Zitate. Unter solchen Umständen einen Artikel zu schreiben, ist schwierig. Den Diskutanten solle die Möglichkeit gegeben werden, ihre Meinung frei und ohne Angst vor Folgen auszusprechen, erklärt der zuständige Presseoffizier auf Nachfrage.  

Das passt nicht zu den Worten, die es dazu einige Monate zuvor gegeben hat. Da hatte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen die Workshops zur Überarbeitung des Traditionserlasses angekündigt. Ihr Ministerium sprach von einer möglichst breiten Debatte, an der Vertreter von Wissenschaft, Bundeswehr und, ja, auch der Medien beteiligt sein sollten. Sie alle sollten gemeinsam Antworten finden auf die zentrale Frage: Wer oder was ist traditionsstiftend für die Bundeswehr?

Doch offensichtlich hat die Berichterstattung über Franco A. und vermeintlich rechte Umtriebe in der Bundeswehr die Planer der Veranstaltungsreihe verunsichert. Da ist die Durchsuchung von Kasernen und der Fund Dutzender vermeintlich verherrlichender Gegenstände aus der Wehrmachtzeit. Und nicht wegzudiskutieren: Millionen deutscher Soldaten haben in zwei verheerenden und verbrecherischen Weltkriegen gekämpft.

Trotz der Einschränkungen bei der Berichterstattung entschloss sich die loyal-Redaktion, der Einladung zum zweiten Workshop der Serie zur Überarbeitung des Traditionserlasses zum Thema "Tradition und Identität" am Zentrum Innere Führung in Koblenz zu folgen.

loyal beteiligt sich als einziges Medium am Workshop
Der 11. September ist ein sonniger Tag. Das Zentrum Innere Führung befindet sich auf einem Hügel über der Stadt. Von hier hat man einen schönen Blick über das Rheintal. Der Presseoffizier wartet schon am Eingang. loyal ist das einzige Medium, das sich an diesem Workshop beteiligt. Das ist verwunderlich, haben doch viele Medien in den vergangenen Monaten über die Umbenennung von Kasernen und die Rolle der Wehrmacht für die Identität heutiger Soldaten berichtet. Das Thema ist also relevant. Doch wahrscheinlich haben die strengen Auflagen die Kollegen abgeschreckt.  

Die Eingangshalle des Zentrums Innere Führung ist lichtdurchflutet. Soldaten in Ausgehuniform scharen sich um Stehtische. Sie unterhalten sich und essen  Kartoffelsuppe. Eine bunte Mischung ist dieses Publikum nicht. Es sind mehrheitlich ältere, männliche Offiziere im Dienstgrad Hauptmann aufwärts, die sich hier versammelt haben. Sie wirken entspannt. Doch das täuscht. Ein Reserveoffizier sagt frei heraus, was er von der Veranstaltung hält. Nämlich nichts. Sie sei völlig unnötig und alles Wesentliche zu diesem Thema längst gesagt. Es bestehe kein Zweifel, erklärt er, dass das Grundgesetz die Basis des Traditionsverständnisses der Bundeswehr sein müsse, was denn auch sonst? Nur weil ein Verrückter wie Franco A. den Staat vernichten wollte, heiße das doch nicht, dass man schon wieder auf die Suche nach sich selbst gehen müsse.  

Er spricht vehement und überzeugend. Das wirft die Frage auf: Denken noch mehr Teilnehmer so? An einem Tisch stehen junge Männer um die 30 Jahre in Anzügen. Es sind Vertreter des Bundeswehrverbandes. Frage: Braucht die Bundeswehr überhaupt einen neuen Traditionserlass? Statt einer Antwort folgt betretenes Schweigen. "Fragen Sie doch dort mal, da ist die Frage besser aufgehoben", erklären sie dann und weisen auf eine Gruppe Soldaten.   

"Alten Traditionserlass auf die Höhe der Zeit bringen"
Doch um dies zu tun, ist es jetzt zu spät. Die Veranstaltung beginnt. Im Vortragssaal stehen Plakatwände, auf denen lächelnde Soldaten zu sehen sind. Unter ihren Fotos steht: "Für mich ist Innere Führung gelebte Kameradschaft". Oder: "Die Innere Führung ist der Grund, warum ich mich bei der Bundeswehr beworben habe". Ein hochrangiger General eröffnet im Namen der Verteidigungsministerin den zweitägigen Workshop. Er erklärt den Sinn der Veranstaltungsreihe. Es sei an der Zeit, den alten Traditionserlass aus dem Jahr 1982 zu überarbeiten, Unklarheiten zu beseitigen und das Schriftstück auf die Höhe der Zeit zu bringen. „Wir schreiben etwas Gutes fort“, sagt er.  

Dann fordert er die Teilnehmer auf, sich in den folgenden Arbeitsgruppen aktiv einzubringen und sagt, dass die Führung des Ministeriums sehr an ihren Ansichten interessiert sei. Denn wenn die Bundeswehr kein Wertefundament biete, dann suchten sich die Soldaten eben selbst Vorbilder. Und das wären im Zweifel solche, die die Bundeswehr nicht akzeptieren könne. Seine Vorgaben für den überarbeiteten Erlass: Die Würde des Einzelnen müsse zentral bleiben, genauso der Primat der Politik. Die alleinige Orientierung am Bild des professionellen Kämpfers, wie es junge Offiziere zuletzt auch in loyal vorgeschlagen haben, sei keine Lösung.  

Konkreter wird er nicht. Die Frage nach den Helden bleibt unbeantwortet: Wer könnte denn nun Vorbild für unsere Soldaten sein?

"Innere Führung und demokratisches Wertegebäude der Bundeswehr vorbildlich"
Darauf hat auch der nächste Redner keine Antwort. Es ist ein US-amerikanischer Professor, der eine Außenansicht liefern soll. Er findet, die Innere Führung und das demokratische Wertegebäude der Bundeswehr seien vorbildlich. Er meint aber auch, dass die deutschen Soldaten ruhig etwas selbstbewusster sein könnten. "Germany is a great country and you have great soldiers!", ruft er in den Saal. "Deutschland ist ein tolles Land und ihr habt tolle Soldaten!" Er meint es ehrlich und macht nach diesem Ausruf eine bedeutungsschwangere Pause. Doch: Niemand klatscht. Die Soldaten wirken eher irritiert.   

Der nachfolgende Sprecher, wieder ein deutscher General, traut sich auf unsicheres Terrain. Die deutschen Soldaten hätten im Zweiten Weltkrieg genauso tapfer und pflichtbewusst gekämpft wie die Soldaten anderer Nationen, sagt er. Und schiebt nach: Natürlich würde niemand die begangenen Verbrechen der Wehrmacht leugnen oder abstreiten. Vorbildlich seien nur die Widerständler vom 20. Juli 1944 gewesen. Damit wiederholt auch er nur Bekanntes.  

Wo sind sie denn nun, die Helden?
In der Bundeswehr werden nur drei Personengruppen als traditionsstiftend erachtet: die Soldaten und Generale aus den Befreiungskriegen gegen Napoleon, die preußischen Heeresreformer und die Gruppe um Claus Schenk Graf von Staufenberg, die am 20. Juli 1944 das Attentat auf Adolf Hitler plante. Doch damit belässt es der General nicht: Auch die Bundeswehr habe in ihrer Geschichte schon viel geleistet, das traditionswürdig sei. Die Wahrung des Friedens während des Kalten Kriegs zum Beispiel. Oder die Integration der Nationalen  Volksarmee (NVA) nach dem Fall der Mauer. Oder die Auslandseinsätze seit den 1990er Jahren.  

So richtig befriedigt das nicht. Es klingt sehr abstrakt. Wo bleiben die Helden? Die Vorbilder, an denen man sich orientieren kann?

[…]

Aufgrund der Länge des Textes hat sich die Redaktion dazu entschlossen, den Beitrag in zwei Teilen zu veröffentlichen. Teil 2 erscheint am kommenden Dienstag, 21. November. Mitglieder finden den vollständigen Beitrag bereits seit Anfang November in der gedruckten Ausgabe der loyal.

Edit (21. November 2017): Hier den zweiten Teil lesen
 

Bild oben:
Hauptfeldwebel Henry Lukács (l.) erhielt im Jahr 2009
das Ehrenkreuz der Bundeswehr für Tapferkeit.
Hauptfeldwebel Jan Hecht (r.) zeichnete sich bei seinem Einsatz
in Afghanistan ebenfalls durch Mut und Tapferkeit aus.
In der Mitte: Claus Philipp Maria Schenk Graf von Stauffenberg,
Chefplaner des Attentats auf Adolf Hitler. (Gestaltung: Ruwen Kopp)
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