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Ausgedient: Eine Armee im Umbruch




Jahrzehntelang war das Konzept der Inneren Führung das grundlegende Wertegerüst der Bundeswehr. Die Soldaten sollten fest in der demokratischen Grundordnung verhaftet sein, sich als Staatsbürger mit den Werten und Zielen der deutschen Politik identifizieren. "Doch der Staatsbürger in Uniform ist ein Auslaufmodell", schreibt Jan-Philipp Birkoff. "Heute wird der Profi in Uniform benötigt. Für uns Offiziere heißt das: weg vom politisierten Soldaten, hin zum Experten für Kriegsführung." Ein Debattenbeitrag aus der aktuellen Loyal.

(Die Bundeswehr erklärt in einem Video ihr Konzept der Inneren Führung. Zum Video geht es hier.)

In der Militärgeschichte gab es wenig derart emotional und verbissen geführte Diskurse wie die um die Rolle der Menschen, die andere in den Krieg, den Sieg, den Tod oder – wie in Deutschland schmerzlich erlebt – in die Niederlage führten. Niemand wird so kontrovers betrachtet wie diejenigen, die eine scheinbar unnahbare, kollektiv verliehene Macht verkörpern, im Angesicht des Kampfes aber zum "primus inter pares", dem Ersten unter Gleichen werden. Und gemessen an dieser Kontroverse ist im Lauf der Geschichte ein Anspruch an den militärischen Führer erwachsen, der sich nicht im Geringsten mit zivilen Äquivalenten vergleichen lässt, eben weil alle Maßstäbe ziviler Ansprüche unter den Bedingungen des Kriegs auf ihren primitiven Ursprung zurückgedrängt werden.

Militärische Verluste werden nicht mehr akzeptiert
Als Ergebnis aus zwei Weltkriegen ist die deutsche Gesellschaft in weite geistige Distanz zu einer ideologischen Erhöhung von Patriotismus und Opferbereitschaft getreten. Wo die deutsche Gesellschaft früher die Verehrung des Opfers im Namen des Vaterlands als zentrale Quelle sozialen Zusammenhalts praktizierte, ist heutzutage eine sehr misstrauische Haltung gegenüber jedem kriegerischen Altruismus zu beobachten. Es findet eine Entzauberung des Helden an sich statt, welche auch eine fehlende Akzeptanz militärischer Verluste mit sich trägt.

Infolgedessen wird der Erfolg militärischer Operationen und jeder kriegerischen Handlung an sich an einem völlig neuen Standard gemessen. Aus dem fehlenden Bewusstsein für die Relationen von Verlusten, der generellen Furcht vor einem militärischen Scheitern in den Einsatzgebieten, speziell in Afghanistan, und der Tatsache, dass sich die mediale Aufmerksamkeit eben vor allem auf die tragische, die verlustreiche Komponente der Kampfeinsätze konzentriert, ist es nicht mehr möglich, den Tod von Soldaten als natürliches Risiko zu akzeptieren. Die politische Grundlage für Kampfeinsätze, in diesem Fall der demokratische Wille, sie zu führen, schwindet mit ihnen und stellt so die militärische Fähigkeit infrage, einen Konflikt erfolgreich zu beenden.

Doppelbelastung für die militärische Führung
Für den militärischen Führer kann eine solche Entwicklung eine einschneidende Erfahrung darstellen. Denn gefallene Soldaten werden auf ziviler Seite immer stärker als Symptome oder Signale eines Scheiterns aufgenommen, wodurch der Rückhalt für den Auftrag schwindet. Ein Teufelskreis entsteht: Durch Gefallene sinkt die politische Unterstützung, was wiederum die Kampfmoral der Truppe und damit ihre Kampfkraft schwächt. Mit schwindender Kampfkraft ist auch die Operationsfähigkeit vor allem im Angriff eingeschränkt. Dies führt unweigerlich zur Stärkung der Kampfkraft des Gegners, was wiederum die Gefahr von Verlusten erhöht.

Die Konsequenzen sind verheerend. Durch die Nichtakzeptanz von Verlusten wird dem militärischen Führer eine Last aufgelegt, die schwerer wiegt als jede Schutzweste, schwerer als jede Ausrüstung und schwerer als die Pflicht zur Tapferkeit. Denn wenn der Kampf mit dem Feind auch zum Überlebenskampf wird, muss man eine Doppelbelastung ertragen, welche meist zu Schäden an Geist und Körper führt.

Erfolg = Keine Tote
Der militärische Führer muss sich darauf einstellen, dass Eigenverluste in Zukunft politisch und gesellschaftlich nicht mehr toleriert werden, sondern, so irrational es auch sein mag, Erfolg an einer "Null-Tote"-Linie gemessen wird, während man immer noch einen klassischen militärischen Sieg über den möglicherweise asymmetrisch operierenden Feind erwartet. Es zählen nicht mehr die dem Feind zugefügten Verluste, sondern die verhinderten Eigenverluste. Daraus ergibt sich, dass in der postheroischen Gesellschaft bestimmte Aspekte der Kriegsführung, ja des Krieges selber, etwa der Angriff, nicht mehr akzeptiert werden.

Der militärische Führer hat künftig also das Überleben seiner Soldaten nicht als ein moralisches, sondern als ein realistisches Ziel zu verstehen. Was auf den ersten Blick keine wesentliche Neuerung darstellt, ist in Wirklichkeit gravierend. Denn dieser postheroische Zusatz zum eigentlichen Auftragskomplex wirkt sich auf Ausbildung und Lehre, auf Befehlssprache, Truppennähe und Menschenbild, auf Struktur und Hierarchie sowie Selbstverständnis aus. Mit anderen Worten: Es ist keine bloße Einschränkung mehr, kein wünschenswertes "Plus", sondern eine Prämisse des Handelns.

Kein politisierter Soldat, sondern ein professioneller
Das ist eine völlig neue Lage. Und sie erfordert einen neuen Führertypus in der Bundeswehr. Künftig brauchen wir den professionellen statt den politisierten Offizier. Er steht im Einklang mit der modernen Leistungsgesellschaft: der Beruf als Profession. Dies bedeutet, dass die Motivation für sein Handeln die Qualität seines Handelns selbst wird, und nicht mehr Vaterlandsliebe, die man jungen Soldaten nur schwer als Grund für einen Kampfeinsatz einimpfen kann, oder lebensferne Ausführungen über transnationale Verpflichtungen mit wirtschaftlichen Interessensüberschneidungen. Vielmehr soll der berufliche Stolz und das Bewusstsein, dass man seinen Dienst versieht, weil der Beruf zur Berufung gemacht wurde, die Basis für das soldatische Handeln sein. Beruflicher Ehrgeiz, der sich nicht aus einer Sehnsucht nach Karriere, sondern dem Willen zur beruflichen Perfektion, kurz Professionalität, speist, soll der Motor für dieses neue Bild vom Soldaten allgemein, vom militärischen Führer im Besonderen sein.

Während sich der "politisierte" militärische Führer mit allen Unzulänglichkeiten der pluralistischen Gesellschaft auseinandersetzen muss und deren Differenzen ungewollt auch in die Truppe trägt, kann sich der professionelle Führer völlig auf den zentralen Inhalt seines Berufs konzentrieren. Sein Handeln ist automatisch von mehr Sicherheit geprägt, weil er stets einen konstanten ethischen Schwerpunkt hat. Auf diese Weise kann er auch in seinem Handeln objektiver beurteilt werden, weil der Anspruch an ihn universell ist. Universell, weil er die unverrückbare Natur allen militärischen Handelns, die Natur des Kriegs, als Leitlinie betrachten kann. Wenn ich mein Handeln nicht an sozialer Akzeptanz, an persönlicher Eitelkeit oder selbstgefälligem Opportunismus ausrichte, sondern an dem brutal einfachen Satz der Effektivität, erreiche ich mein Ziel mit sehr viel höherer Wahrscheinlichkeit. Der militärische Zweck rechtfertigt meine geistigen Mittel. Dies führt mitnichten zu einer menschenverachtenden Haltung. Meine und die Erfahrung unzähliger anderer Kameraden in Vergangenheit und Gegenwart haben bewiesen, dass effektive Führung stets auch die Aspekte der Fürsorge und Truppennähe in sich trägt.

Einigkeit ist im Militär wichtiger als Diskurs
Der professionelle militärische Führer darf nie sein Handeln und Denken der Gefahr aussetzen, dass es sich nicht mehr am militärischen, sondern am politischen Zweck orientiert. Gerade Letzterer wird gleichzeitig gerne vorgeschoben, um schnell Karriere zu machen, also um persönlichen, finanziellen oder eitlen Ehrgeiz zu kaschieren. Der „Profi“ dagegen richtet sich nicht nach vorgeschobenen politischen oder egoistischen Gesichtspunkten, sondern nach dem Prinzip des kollektiven Gewinns. Seine Arbeit und sein Streben können sehr wohl positive Folgen für seine Karriere haben, dürfen aber niemals mit diesen begründet werden. Stattdessen sieht er den Gewinn für die gesamte Armee als Zweck seines Handelns und Denkens.

Während in der Zivilgesellschaft Diskurs und politische Differenzen die demokratische Kultur bereichern, wirken sie als Charakterzug eines militärischen Führers wie lähmendes Gift. Gerade Einsatzerfahrungen belegen, dass in Ausnahmesituationen unterstellte Soldaten vor allem auf die Sicherheit und Entschlossenheit des eingeteilten Führers angewiesen sind. Sicherheit, Entschlossenheit und die äußere Projektion innerer Einigkeit sind aber Attribute, die man in den seltensten Fällen auf eine pluralistisch-demokratische Gesellschaft anwenden kann. Diese gewinnt schließlich ihr Selbstverständnis aus der Möglichkeit, den oben genannten Diskurs zu führen. Diskurs bedeutet jedoch stets auch Unsicherheit über eine Entscheidung. Denn wären sich alle Beteiligten einig, welcher Weg zu gehen wäre, bräuchte es gar keinen Diskurs. Der militärische Führer kann sich den demokratischen Luxus dieser Unsicherheit allerdings nicht leisten. Er muss die vorher erwähnten Grundtugenden verkörpern und seinen Untergebenen die Ruhe und das Vertrauen schenken, die sie zur Erfüllung des Auftrags benötigen.

Vielfalt zerstört Einigkeit
Gleichzeitig bedeutet dies nicht, dass Diskurs und Streit völlig ausgeschlossen sind, ganz im Gegenteil. Gerade das Führerkorps einer Armee, speziell der Bundeswehr, muss in einem ständigen, durchaus kontrovers geführten geistigen Austausch stehen. Doch dafür braucht es ein homogenes Führerkorps, welches sich auch in unserer Zeit der postmodernen Aufklärung und ungeschönten Darstellung der Realität als solches zu erkennen vermag. Die Idee vom Führerkorps als "Spiegel der Gesellschaft" ist vielleicht als pluralistisches Gedankenspiel interessant, bringt jedoch auch von militärischer Perspektive aus nicht zu tolerierende Gefahren mit sich. Denn zu unserer Gesellschaft gehört heute mehr denn je Dekadenz, unkontrollierte Gewalt und Rücksichtslosigkeit. Zur postheroischen Gesellschaft gehören Defätisten, radikale Hedonisten und arrogante Selbstdarsteller. Sie alle vereinen in sich die Tatsache, dass sie völlig inkompatibel mit einer professionellen militärischen Führungskultur, vielleicht sogar mit dem soldatischen Wesen selbst sind.

Der "Spiegel der Gesellschaft", als der die Bundeswehr gern bezeichnet wurde, ist unvereinbar mit dem beschriebenen Selbstanspruch und führt nur zur Zerstörung von jedem Ansatz eigener Geschlossenheit. Die Anhänger dieser These rekrutieren sich vor allem aus der kollektiven Furcht vor einem "Staat im Staate", einer Gemeinschaft mit abweichenden Werten und Normen, welche sich bewusst von der Gesellschaft abgrenzt. Diese Furcht ist sowohl unbegründet als auch veraltet, da selbst moderne deutsche Konzerne und mittelständische Unternehmen ein eigenes, homogenes Berufsethos entwickeln und trotzdem nicht als schwerwiegende Gefahr für die Freiheitlich Demokratische Grundordnung betrachtet werden. Ähnlich wie sich Unternehmen mit einem hohen Qualitätsanspruch bewusst von egalisierenden gesellschaftlichen Tendenzen fernhalten, wird auch die Bundeswehr im Wesentlichen über ihre Leistungen definiert, nicht über ihre Bemühungen, sich selbst als unmilitärisch und zivilverträglich darzustellen.

Der Text entstammt dem Buch "Armee im Aufbruch", hrsg. v. Marcel Bohnert u.a., Miles-Verlag, Berlin, 2014, Preis: 19,90 Euro. Darin äußern junge Offiziere ihre Gedanken über die Werte der Bundeswehr und starten damit eine dringend benötigte Debatte über den inneren Zustand der Streitkräfte.

Zum Autor:
Jan-Philipp Birkhoff (24) ist Leutnant des Heeres. Er studiert Geschichtswissenschaften an der Universität der Bundeswehr in Hamburg und hat ein Auslandstrimester in Israel absolviert.

Symbolbild oben:
Ein Soldat schaut in die
untergehende Sonne
(Foto: Björn Wilke, Bundeswehr).

Symbolbild Mitte:
Der Ehrenhain aus Kundus
im Wald der Erinnerung (Potsdam):
Würdiges Gedenken
(Foto: Hannemann, Bundeswehr, flickr).

Symbolbild unten:
Der professionelle Soldat: Ein Fernspäher
funkt die Führung an, um weitere
Befehle zu erhalten
(Foto: Burow, Bundeswehr, flickr).

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