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Die Amerikaner lassen keinen Soldaten zurück




Soll man Tote ausgraben? Eigentlich gibt es auf diese Frage eine klare Antwort. Aber was ist, wenn mit einer Grabung eine als verschollen geltende Person gefunden werden kann? Nach Angaben des Deutschen Roten Kreuzes gelten mehr als 70 Jahre nach Kriegsende immer noch 1,3 Millionen Personen als vermisst. Das Interesse an ihrem Schicksal ist groß, auch auf der anderen Seite des Atlantiks. Die USA suchen seit 2010 wieder aktiv nach verschollenen US-Soldaten aus dem Krieg gegen das Hitler-Regime, und zwar mit einem enormen Aufwand.

Der Suchdienst des US-Verteidigungsministeriums, die Defense POW/MIA Accounting Agency (DPAA), verfügt über eine dreistellige Millionensumme für ihre Aufgabe. Die Abkürzungen POW und MIA stehen für Prisoners of War und Missing in Action, zu deutsch: Kriegsgefangene und vermisste Personen beziehungsweise Soldaten. Die Aufgabe der DPAA besteht darin, gefallene US-Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg, dem Koreakrieg, dem Vietnamkrieg, aus dem Golfkrieg und dem Kalten Krieg zu suchen, sie ausfindig zu machen und, wenn möglich, zurück in die Heimat zu bringen.

Wie die US-Behörde dabei vorgeht, zeigt das Beispiel eines Flugzeugwracks im Kreis Borken (Nordrhein-Westfalen). Auf einem Acker bei Reken graben Mitarbeiter der DPAA und US-Soldaten an einer Fundstelle. Sie suchen nach Teilen eines abgestürzten A-26 Invader Bombers und nach Überresten von einem gefallenen US-Soldaten. Dabei arbeiten sie eng mit den Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) zusammen. Die Fundstelle befindet sich nahe der Autobahn 31. Sie liegt am Rande eines Waldstückes. Dort hat die DPAA ein 16 Quadratmeter großes und 30 Zentimeter tiefes Viereck ausheben lassen. In dessen Mitte füllen US-Soldaten, in zivil gekleidet, Eimer mit Sand. Sie bringen diese zu mehreren Sieben. An diesen stehen ebenfalls Kameraden der U.S. Army und schütteln das Bodenmaterial durch. Eimer für Eimer sieben die Soldaten aus. Gleichzeitig markiert eine DPAA-Archäologin den Boden. Das Grabungsviereck soll erweitert werden. Der Bagger steht schon bereit.

In Europa gelten nach Angaben der DPAA noch 28 000 US-Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg als vermisst. Etwa 7000 bis 8000 davon können noch geborgen werden. Die meisten gefallenen Soldaten der U.S. Army haben bis 1951 Einheiten des damaligen Suchdienstes, Quartermaster Graves Registration Service, gesucht, identifiziert, geborgen und begraben. Fälle, die bis 1951 nicht abgeschlossen waren, wurden aufgeschoben, zum Beispiel weil die Stelle unerreichbar hinter dem Eisernen Vorhang lag. Während des Vietnamkrieges schuf das US-Verteidigungsministerium die DPAA. Sie sollte US-Soldaten in Kriegsgefangenschaft retten und tote Soldaten bergen. Seit der Aussöhnung mit Vietnam ist die Behörde sehr aktiv in dem asiatischen Staat. Betroffene und Angehörige von Verschollenen aus dem Korea-Krieg und dem Zweiten Weltkrieg fanden es jedoch ungerecht, dass auf diesen ehemaligen Schlachtfeldern nicht mehr gesucht wurde. Sie wandten sich an den Kongress. Dieser beschloss, ab 2010 die Suche in Europa und Korea wieder einzuführen. Dafür steht der DPAA ein Etat von jährlich 145 Millionen Dollar zur Verfügung.

Sechs bis sieben Wochen graben die US-Soldaten an der Fundstelle in Reken. In dieser Zeit verarbeiten sie 250 Tonnen an Bodenmaterial. Während der heißen Sommertage ist die Erde staubtrocken. Die Kameraden tragen ein Tuch als Mundschutz. Während sie den Sand durchsieben, tönt ein Michael-Jackson-Lied aus einer Lautsprecherbox. Die Arbeit ist monoton, die Stimmung trotzdem gut. "Es ist unsere Aufgabe, unsere Jungs zurückzubringen. Da packt jeder mit an", sagt Rengert Elburg, Casualty Resolution Officer der DPAA.

Intensive Recherche und technische Hilfe
Der Niederländer arbeitet im DPAA-Hauptquartier Europa mit Sitz in Bruchmühlbach-Miesau in der Pfalz. Er ist das entscheidende Bindeglied zwischen seiner Behörde und sämtlichen Stellen, die bei einem Grabungsvorhaben involviert werden müssen. Denn wie in Borken gibt es mehr als 70 Jahre nach Kriegsende keine einfachen Fundstellen mehr. Meist sind sie ohne eine intensive Recherche im Vorfeld und technische Hilfe nicht zu finden. Doch wie findet man nach mehr als 70 Jahren verschollene Soldaten?

Die erste Spur führt ins Archiv, genauer gesagt in die National Archives. Darin forschen Historiker der Defense POW/MIA Accounting Agency. Sie suchen in den Individual Deceased Personnel Files. Das sind Akten, die über jeden als vermisst geltenden Soldaten angelegt wurden. Sie enthalten zum Beispiel Informationen über den Ort, Datum und die Umstände des Todes. Ferner können sie medizinische Dokumente wie Röntgenaufnahmen oder sogar persönliche Briefe von Familienangehörigen enthalten. Die Historiker des DPAA sammeln Informationen und gehen Hinweisen nach. Dabei versuchen sie herauszufinden, ob die gesuchte Person noch auf dem Schlachtfeld liegen könnte oder aber als unbekannt begraben wurde. Für unbekannt Begrabene gebe es so genannte After Action Reports, erläutert Rengert Elburg. Wenn ein Private in seinem Deckungsloch begraben worden sei, wurde in einem solchen Report die Feldmarke markiert.

Wenn genug Informationen über eine vermisste Person zusammenkommen, schreiben die Historiker einen Untersuchungsvorschlag. Dieser wird geprüft. Falls die Kosten und der Aufwand für weiter Forschungen und eine mögliche Bergung vertretbar sind, kann das Projekt beginnen. Dann kommt ein Voruntersuchungsteam. Wenn die Fundstelle lokalisiert ist und der Aufwand für eine Bergung vertretbar erscheint, kann ein DPAA-Team mit der Grabung beginnen. Im Fall des abgestürzten Flugzeuges bei Reken sei es einfach gewesen, sagt Rengert Elburg. Hobbyforscher aus der Region haben die DPAA auf einen Absturz im März 1945 aufmerksam gemacht. US-Forscher fanden daraufhin Hinweise auf die Absturzstelle. Eine Einheit des Quartermasters Graves Registration Service war nach dem Krieg in Reken tätig. Zwei der drei US-Soldaten aus dem A-26 Bomber seien von den Deutschen bestattet und nach 1945 exhumiert und umgebettet worden. Damals sei der dritte Kamerad nicht mehr zu bergen gewesen, erläutert Elburg. Das liege daran, dass beim Aufprall des Flugzeugs dessen Bomben explodiert seien. Die Explosion habe die Maschine zerfetzt und die Teile über den Acker verstreut. Dementsprechend schwierig war es, mit den damaligen Methoden menschliche Überreste zu finden.

Das ist nun anders. Das DPAA-Team arbeitet mit den Sieben sorgfältig und präzise. Die Maschen der Siebe haben einen Durchmesser von sechs Millimeter. Sie fangen Steine, Äste, kleinste Flugzeugteile und gegebenenfalls knochenartige Überreste auf. Die US-Soldaten an den Sieben sortieren Steine und sämtliche Metallteilchen aus und legen diese in separate Eimer. Deren Inhalt schaut sich die DPAA-Archäologin an. Auf diese Weise findet das amerikanische Grabungsteam kleinste Gegenstände wie Teile von Patronenhülsen und die Datenplakette des Flugzeugs mit der Aufschrift A-26 B. Darüber hinaus finden die US-Amerikaner eine große Anzahl an Feuersteingeräten. Aussagekräftigster Fund sei eine sogenannte Pfeilschneide, sagt ein Sprecher der LWL-Archäologie. Die Objekte gehören nach seinen Angaben mehrheitlich in die Jungsteinzeit, (3400 bis 2850 vor Christus). Siedlungen seien in dieser Periode eher selten nachzuweisen. Die Feuersteingeräte in Reken weisen auf einen ausgedehnten Wohnplatz an dieser Stelle hin. Insofern handele es sich um eine bedeutende Fundstelle, die helfe, eine Lücke in der Überlieferung zu schließen. Die LWL-Archäologen loben die DPAA-Grabung in Reken und die vorbildliche und vertrauensvolle Zusammenarbeit. Alle Richtlinien und Auflagen im Hinblick auf Qualifikation der Mitarbeiter, Grabungsziel und -konzept sowie Dokumentation werden aus ihrer Sicht erfüllt.

Fundstücke gehen ins Labor auf Hawaii
Das DPAA-Team versiegelt jedes Flugzeugteil und bewahrt es in Boxen auf. Die Fundstücke werden im forensischen DPAA-Labor in Pearl Harbour untersucht. Wenn die US-Soldaten nun bei der Grabung in Reken menschliche Überreste finden, würden sie diese zusammen mit den übrigen Beweisstücken der Polizei übergeben. Die würde dann entscheiden, ob die Gerichtsmedizin oder Staatsanwaltschaft eingeschaltet wird, erläutert Rengert Elburg. "Es geht darum, auszuschließen, dass es sich um einen rezenten Todes- oder Kriminalfall handelt. Wenn die Gerichtsmedizin involviert ist, wird festgestellt, ob es sich tatsächlich um Knochen handelt, die bereits 75 Jahre im Boden gelegen haben." Ist alles Ordnung, würden weitere Untersuchungen im Labor auf Hawaii folgen. Dort könnte die DNA aus einem Knochenteil mit DNA-Proben, die von Angehörigen genommen wurden, verglichen werden. Somit ließe sich eine vermisste Person eindeutig identifizieren. Einfacher wäre es hingegen, wenn das DPAA-Team die Erkennungsmarke des gesuchten Soldaten finden würde. Die kleinen Metallplättchen sind oft ein begehrtes Sammelobjekt für Sondengänger oder gar Raubgräber. Illegale Sucherei hält auch die LWL-Archäologie für ein Problem. Zum einen werden militärhistorische Fundstellen durch diese Raubgräberei erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Zum anderen führe der mangelnde Sachverstand der illegalen Sondengänger dazu, dass auch ältere Befunde zerstört würden. Da die einschlägige Szene aber schon im Vorfeld jegliche Zusammenarbeit mit den Fachämtern verweigere, sei mit einer großen Dunkelziffer zu rechnen, teilt die LWL-Archäologie mit.

Rengert Elburg stimmt dem zu. Er hält aus einem weiteren Grund nichts von Militaria-Sammlern, die illegal auf der Suche sind: "Da werden Jungs ihrer Identität beraubt, nur wegen einer Erkennungsmarke." Zudem seien illegale Grabungen nach Militaria gefährlich. An vielen Stellen liege noch Munition wie Brandgeschosse, Granaten und Blindgänger im Boden. Die können explodieren, wenn sie angefasst werden.

Flugzeugwrack ist ein Bodendenkmal
Wer durch eine Ausgrabung nach Bodendenkmälern suchen oder solche aus einem Gewässer bergen will, benötigt eine Genehmigung. Das schreibt das Denkmalschutzgesetz des jeweiligen Bundeslandes so vor. Wer keine Genehmigung vorzuweisen hat, fachliche Standards nicht einhält oder sich nicht an die Auflagen hält, begehe eine Ordnungswidrigkeit, informiert der Landschaftsverband Westfalen-Lippe. Wer wissenschaftlich bedeutende Funde nicht meldet, begehe sogar unter Umständen eine Unterschlagung, da gemäß des so genannten Schatzregals solche Funde automatisch Landesbesitz werden. So etwas kann strafrechtlich geahndet werden. Was in Nordrhein-Westfalen ein Denkmal ist, schreibt das Denkmalschutzgesetz vor. "Es muss ein öffentliches Interesse an seiner Erhaltung geben, zum Beispiel weil es bedeutend für die Geschichte ist", sagt der Sprecher der LWL-Archäologie und fährt fort: "Eine zeitliche Beschränkung gibt das Denkmalschutzgesetz Nordrhein-Westfalen bewusst nicht vor. So ist bereits eine größere Anzahl von Objekten aus dem Zweiten Weltkrieg seit Jahren als Bodendenkmäler geschützt. Wenn auf einem solchen Objekt Munition liegt, gehört auch sie wie alle anderen archäologischen Funde mit zum Bodendenkmal. Es kommt dabei nicht darauf an, ob das Objekt in die Denkmalliste der Kommune eingetragen ist. Auch ein Flugzeug kann ein Denkmal sein. So ist beispielsweise ein Segelflugzeug in Herford als Denkmal geschützt."

Bei dem abgestürzten Flugzeug in Reken handelt es sich ebenfalls um ein Bodendenkmal. Damit das DPAA-Team die Teile des A-26 Bombers vorschriftsmäßig bergen kann, wendet sich Rengert Elburg zunächst an die Denkmalschutzbehörde, Polizei, Umweltbehörde, den Kampfmittelräumdienst, das Ordnungsamt und bei einer Grabung, die tiefer als zwei Meter gehen soll, an die Baubehörde. Zudem muss der Grundstückseigentümer einverstanden sein. Im Fall des abgestürzten Flugzeuges bei Reken hat das DPAA-Team die Erlaubnis des Grundstückeigentümers bekommen. Der Landwirt bekomme eine entsprechende Ernteausfallentschädigung, sagt Rengert Elburg. Genehmigen die Behörden die archäologische Ausgrabung unter bestimmten Auflagen, schaut sich ein DPAA-Team die Absturzstelle an. Es besteht aus einem Archäologen, zwei Historikern, einem Spezialisten des Kampfmittelräumdienstes, einem Sanitäter und Dolmetschern. Das Team erkundet die Absturzstelle. "Wo genau liegen die meisten Wrackteile? Wie tief liegen sie im Boden? Befindet sich noch gefährliche Munition dort? Wie sind die Bodenverhältnisse und wie tief kann man graben, bis man auf Grundwasser stößt? Das können relevante Fragen sein", sagt Elburg.

Dass sich der Einsatz seines Teams lohnt, zeigt sich spätestens am Ende des Ausgrabungsprojektes. Mit viel Glück kann das DPAA die Identität des gefallenen Crewmitglieds aus dem bei Reke abgestürzten US-Bomber feststellen. Dann bekommt der gefallene Kamerad ein Begräbnis mit militärischen Ehren in der Heimat. Seine Angehörigen bekommen nach all den Jahren endlich Gewissheit.

 

Text: Benjamin Vorhölter
Fotos: U.S. Army photo/Staff Sgt. Jamarius Fortson

 
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