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Sicherheitspolitische Arbeit

Die Erde brennt – doch wie sehr heizt der Klimawandel globale Konflikte an?

Die ökologischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen des Klimawandels nehmen heutzutage viel Platz im öffentlichen Diskurs ein. Die sicherheitspolitischen Folgen der Erderwärmung werden dort jedoch nur selten erwähnt. „Klimapolitik ist vorbeugende Sicherheitspolitik“, stellte der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für globale Umweltveränderungen schon 2007 fest. Seither hat sich die Lage noch verschärft – allerdings lassen entschiedenes Handeln und weitsichtige Entscheidungen bis heute auf sich warten. Wie kann es sein, dass ein Faktor von so zentraler Bedeutung nur am Rande vieler Diskussionen erwähnt wird?

(Foto: Silvia De Giovanni via pixabay.com)

fluchtklimawandelkonflikte

Wer an Klimawandel denkt, denkt wahrscheinlich an Autoabgase, Kohlekraftwerke und Solaranlagen. Sicherheitspolitik verbindet man erst mit diesem Thema, wenn man den Kontext von Krisen und Umweltfolgen betrachtet. Ob der Klimawandel für einzelne Konflikte die Hauptursache darstellt, ist bisher umstritten. Unstrittig ist allerdings seine maßgebliche Rolle als Risikomultiplikator. Der Klimawandel spielt seit vielen Jahrzehnten schon eine immer dramatischere Rolle, wenn es darum geht, die Ursachen lokaler Konflikte und der Veränderung der Lebensbedingungen vor Ort zu finden. Eine Vielzahl an Studien hat bereits festgestellt, dass immer mehr Konflikte um Ressourcen oder aufgrund regionaler Spannungen in Gebieten entstehen, die stark von klimatischen Veränderungen betroffen sind wie beispielsweise in Mali oder dem Sudan.

Auswirkungen des Klimawandels

Einige der Folgen sind jetzt schon erkennbar, andere sind bisher nur prognostiziert. Dabei treten je nach geografischer Lage, klimatischen Bedingungen, der örtlichen Bevölkerungsdichte und des Technologiegrades unterschiedliche Folgen von unterschiedlicher Intensität und Häufigkeit auf. Viele afrikanische Staaten sind schon heute von immer heißeren Sommern und ausbleibendem Regen betroffen, was für die lokale Bevölkerung unmittelbar zu Hungersnöten und Mangelernährung führt. Auf anderen Kontinenten führt der Anstieg des Meeresspiegels durch das Schmelzen der Eispole zu Überflutungen und dem Absinken ganzer Landstriche, wie in den Niederlanden oder auf Inselarchipeln im pazifischen Ozean. Klimabedingte Stürme entstehen oft auch in Industriestaaten wie den USA oder zerstören Armenviertel mit Tsunamis wie 2008 auf Haiti. Insbesondere touristisch erschlossene und eng besiedelte Küstengebiete werden von auftretenden Überflutungen hart getroffen und die jüngste Hochwasserkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz mit über 100 Toten wird als direkte Folge der Erderwärmung angesehen.

Doch nicht nur zu viel – auch zu wenig Wasser fordert immer mehr Menschenleben. Der Anstieg der Jahresdurchschnittstemperatur verändert in vielen Ländern die grundlegenden klimatischen Bedingungen für Pflanzen und Tiere. Vor allem Bauern in ländlichen und teils ärmlichen Verhältnissen haben selten die Möglichkeit, die Bedingungen für ihre Nutzpflanzen selbst zu verbessern. Fehlt das nötige Kleingeld oder sind alternative Möglichkeiten zur Produktion von Nahrungsmittel nicht umsetzbar, können diese Temperaturanstiege zu flächendeckenden Hungersnöten führen. Die fortschreitende Austrocknung des Bodens und das Aussterben einheimischer Nutzpflanzen ermöglichen nicht einmal extrem angepassten Pflanzen das Tragen von Früchten unter diesen klimatischen Bedingungen. Zudem erhöht die Hitze das Risiko von gigantischen Flächenbränden über fruchtbaren Flächen und ganzen Siedlungen.

Die neuen klimatischen Bedingungen verändern zudem den Lebensraum vieler Tiere. Während immer mehr Tierarten durch die zunehmende, immer öfter klimatisch bedingte, Zerstörung ihres natürlichen Lebensraumes vom Aussterben bedroht sind, profitieren landwirtschaftliche Schädlinge. Durch den klimabedingten Rückgang an natürlichen Feinden, vermehren sich beispielsweise Heuschrecken um ein Vielfaches und zerstören fruchtbare Gebiete in einem enormen Ausmaß. Die Folge: Viele Landstriche sind nicht mehr kultivierbar. Dass Extremwetterereignisse zu einem Anstieg der Armut führen und damit das Risiko bewaffneter Konflikte erhöhen, ist schon lange nichts Neues mehr. Seit vielen Jahrzehnten ist bekannt, welche Faktoren den Nährboden für fragile politische Systeme und aufstrebende lokale Milizen und Warlords ebnen.

Ressourcenknappheit

Viele Industriestaaten versuchen, bereits bestehende Produktionsprozesse nachhaltiger zu gestalten, doch manche Ressourcen sind unersetzbar und stellen damit eine Schlüsselrolle im weltweiten Handel dar. Ob seltene Erden und Erze für Computerchips und Batterien oder Millionen Tonnen an Öl und Gas – je geringer die verfügbare Menge und je höher die Nachfrage der Industrienationen, desto härter erfolgen die Ressourcenwettläufe entlang globaler Lieferketten. China fördert derzeit fast 90 Prozent der benötigten seltenen Erden für die Industrie- und Rüstungsproduktion. Laser, Kampfflugzeuge, Munition, Satellitenkommunikation und U-Boote – militärisches Gerät ist besonders davon abhängig. Es ist kein Geheimnis, dass China dieses Machtpotential durch mögliche Ausfuhrbeschränkungen in vollem Umfange bewusst ist. Selbst der Ausbau an Förderalternativen überall auf der Welt wird die Abhängigkeit Deutschlands und Europas von einzelnen Staaten mit Schlüsselvorkommen an seltenen Ressourcen nicht vollends beheben können.

 

Die fortschreitende Austrocknung fruchtbarer Böden führt schon heute zu immer größeren Herausforderungen bei der Bekämpfung des weltweiten Hungers (Foto: VistaIreland via pixabay.com)

Folgen des Klimawandels

Zwar haben nicht alle Folgen in direkter Konsequenz explizit sicherheitspolitische Bedeutung, der (indirekte) Einfluss des Klimawandels auf sicherheitspolitisch relevante Ereignisse und Entwicklungen ist jedoch enorm. Eine zentrale Folge des Klimawandels sind regionale und globale Massenfluchten. Sowohl innerstaatliche Binnenmigration als auch globale Flüchtlingsströme werden durch die Zerstörung der Lebensbedingungen der Bevölkerungen in vielen Regionen forciert – mit weitreichenden Folgen. Massenmigration erkennt man aus sicherheitspolitischer Sicht schon lange als Unsicherheitstreiber. Schon wenige tausend Flüchtlinge können insbesondere strukturell ohnehin schwächere und politisch instabilere Länder kurzfristig vor ungeahnte technische, kulturelle, organisatorische und finanzielle Herausforderungen stellen. Kulturelle Unterschiede, ethnische Differenzen und wirtschaftliche Schwäche führen zu einem gesellschaftlichen Konflikt und oft zu menschenrechtlichen Katastrophen. Solche Umstände fördern eine Radikalisierung innerhalb frustrierter und perspektivlosen Teilen der Bevölkerung und Flüchtenden. Armut und fehlende Bildung machen anfällig für die Vereinnahmung von extremistischen Gruppierungen und sorgen für einen Anstieg an Kriminalität und Gewalt bis hin zu Terroranschlägen. Je weniger der Staat in der Lage ist, für die Bevölkerung und Flüchtlinge zu sorgen und die Sicherheit aller zu gewährleisten, desto größer werden die Destabilisierungsfaktoren. Ein Teufelskreis mit geringen Chancen, diesen aus eigener Kraft zu durchbrechen.

Klimakriege

Eine zentrale Erkenntnis ist die nachgewiesene Korrelation zwischen der Vulnerabilität zum Klimawandel und der Fragilität von Staaten. Der Dafur-Konflikt wird von vielen Wissenschaftlern als der erste „Klima-Krieg“ bezeichnet. In den 1980er Jahren führten ein kontinuierlicher Temperaturanstieg zusammen mit immer längeren Dürreperioden, der Errosion landwirtschaftlicher Flächen und dem Rückgang der Regenfälle um rund 30 Prozent zu einer Massenmigration der nördlichen Landesbevölkerung in den wasserreicheren Süden des Landes. Diese Wanderbewegung führte über Verteilungskämpfe von Land und Boden bis zu bewaffneten Plünderungen ganzer Dörfer zu einem Nord-Süd-Konflikt und ist in Kombination mit bereits bestehenden ethnischen und politischen Unruhen ein Grund für die ausbrechende Gewalt, die die Region bis heute begleitet und seit den 1980er Jahren politische Rebellionen und überregionale Konflikte antreibt.

Militärische Risiken

Viele westliche Thinktanks und Armeen haben bereits versucht, Prognosen über mögliche militärische Folgen des Klimawandels zu erstellen und mögliche Handlungsalternativen zu begründen. Die Gefahr überschwemmter Inseln und Atolle wurde vom US Militär als Risiko identifiziert, da die Anzahl von Inseln mit militärisch nutzbaren Flugbasen oder Radarstationen drastisch reduziert werden könnte. Auf der anderen Seite führt immer schneller schmelzendes Eis in der Arktis zu neuen Möglichkeiten, um arktische Militärbasen einzurichten – wovon allerdings primär Russland profitieren würde. Durch die geografische Lage ist es nicht nur einfacher, erste Schritte Richtung Nordpol zu unternehmen,im russischen Murmansk zeichnet sich zudem die Perspektive des ersten dauerhaft eisfreien Hafens des Landes mit Zugang zum Atlantik ab. Dies würde Russland neue Möglichkeiten bei der Seekriegsführung ermöglichen und hätte damit weiten Einfluss auf Russlands internationaler Operabilität. Dem US-Militär nach sind zwei Drittel aller militärischen Anlagen der USA außerhalb des amerikanischen Kontinents durch den Klimwandel bedroht.

Die tendenziell zunehmende Ressourcenknappheit bei der Produktion konventioneller Treibstoffe führen zu weiteren Problemen. Wenn der Nachschub an Treibstoffen nicht mehr sichergestellt werden kann, ist die Mobilität und Funktionalität ganzer Truppenteile in Gefahr. Ein langfrisitges logistisches Ziel ist daher die Unabhängigkeit militärischer Waffensysteme von konventionellen Treibstoffen nachhaltig einzuführen. Diese ist durch die Entwicklung alternativer Antriebe unter Einbezug militärischer Anforderungen zu erreichen. Selbst der NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg forderte jüngst ein eindeutiges Bekenntnis der einzelnen Mitgliedsstaaten zur Reduzierung der Emissionen in den Streitkräften. Er prägt damit den Begriff einer „Green Defense“, also einer umfassenden Betrachtung militärischer Prozesse und Einheiten unter Nachhaltigkeitsaspekten.

Am Ende geht es um Konfliktprävention

Um dem Klimawandel zu entgegnen, bestehen zwei Ansätze: Prävention und Resilienz. Prävention stellt dabei vor allem eine gesellschaftliche und politische Aufgabe dar. Es gilt die Treiber des Klimawandels zu erkennen und mit klugen, gesellschaftlich akzeptierten Maßnahmen die CO2-Emissionen zu senken und den nationalen Impact auf die Umwelt zu minimieren. Die Bundeswehr ist hier auch gefragt, vor allem indem alte Beschaffungsprozesse auf den Prüfstand gestellt werden und nachhaltige Kriterien bei der Instandhaltung und dem Einkauf von Panzern, Stiefeln und weiterer Ausstattung größere Beachtung finden.

Aus der militärischen Perspektive spielt jedoch die Resilienz eine noch entscheidendere Rolle. Um den nationalen und internationalen Aufgaben der Bundeswehr gerecht zu werden, gilt es sämtliche Einsatzorte auf mögliche Klimarisiken zu prüfen und entsprechende Gegenmaßnahmen einzuleiten. Auch die einzelnen Einheiten müssen zukünftig in der Lage sein, in ihrer ganzen Breite mit klimabedingten Extremwetterlagen umgehen zu können  – bei gleichzeitiger Sicherstellung der Einsatzfähigkeit.

Die Herausforderungen für militärische, gesellschaftliche und politische Akteure sind gigantisch. Es gilt, die ökologischen Probleme zu erkennen und breite Maßnahmen umzusetzen, um die Erhöhung der Erdtemperatur aufzuhalten. Gleichzeitig müssen jedoch sicherheitspolitische Perspektiven auf bestehende oder drohende Konflikte fokussiert werden und es müssen konkrete Handlungen durch die Streitkräfte erfolgen, um militärische Risiken einzuschätzen und darauf frühzeitig zu reagieren. Es kommt jetzt auf weitsichtiges und verantwortungsvolles Handeln an, um auf mögliche humanitäre und Naturkatastrophen sowie militärisch veränderte Einsatzszenarien vorbereitet zu sein. Am Ende kann nur ein ganzheitlicher Ansatz unter Einbeziehung aller Akteure den Umschwung erreichen, der es ermöglicht, die globale Erderwärmung aufzuhalten. Dies liegt zutiefst im sicherheitspolitischen Interesse der Bundesrepublik Deutschland.

 

Autor:

Julian Bajo befindet sich seit 2018 in der Ausbildung zum Reserveoffizier der Fallschirmjägertruppe und engagiert sich seit 2020 auch im Bundesverband für Sicherheit an Hochschulen. Nach einem Bachelor in International Management, folgt nun der Master im Bereich Angewandte Nachhaltigkeit.

 

Literaturtipps:

  • Lahl, Kersten; Varwick, Johannes (2021): Sicherheitspolitik verstehen. Handlungsfelder, Kontroversen und Lösungsansätze. 2. Aufl. Frankfurt: Wochenschau Verlag
  • Detges et al. (2020): 10 Insights on climate impacts and peace. A summary of what we know. Hg. v. adelphi research. Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung
  • World Meteorological Organization (2020): State of the Climate in Africa. 2019. Genf (1253). Online verfügbar unter https://library.wmo.int/doc_num.php?explnum_id=10421, zuletzt geprüft am 29.06.2021
  • Silander, Daniel; Wallace, Donald (2019): Climate Change, Policy and Security. State and human impacts: Routledger
  • Ionesco, Dina; Mokhnacheva, Daria; Gemenne, François (2017): Atlas der Umweltmigration. 1. Aufl. München: oekom verlag

Dieser Text stammt aus dem Sicherheitspolitischen Newsletter des Sachgebietes Sicherheitspolitische Arbeit. Diesen können Sie hier abonnieren.

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