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Der Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr (VdRBw) hat mehr als 115.000 Mitglieder. Wir vertreten die Reservisten in allen militärischen Angelegenheiten.

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Dienst für Deutschland – lohnt sich das?




Vor einem halben Jahr kam der Musterungsbescheid. Der Schüler Thomas hat sich informiert – und gegen den Dienst beim Bund entschieden. Er geht in Kürze ins Ausland und leistet Zivildienst. Die Wehrpflicht hält er nicht mehr für notwendig.
Thomas Meinung ist eine von vielen in einem facettenreichen Für und Wider zur Allgemeinen Wehrpflicht. Es gibt ihre Befürworter ebenso wie ihre eingefleischten Gegner. Das war – seit ihrer Einführung 1957 – schon immer so. Auch heute, im Herbst 2008, ist die Wehrpflicht im Gespräch: in Berlin findet ein Forum Wehrpflicht statt. Eine Diskussionsveranstaltung mit zahlreichen Experten, Wehrpflichtigen, Oberstufenschülern aus Berliner Schulen und Vertreter der Zentralstelle für Kriegsdienstverweigerer.
Der Reservistenverband hat gemeinsam mit dem BundeswehrVerband und dem Beirat für Fragen der Inneren Führung zum Forum Wehrpflicht geladen. "Die Diskussion aufleben lassen und das Bewusstsein in der Öffentlichkeit für die wichtige Frage um die Zukunft der Wehrpflicht stark machen", so Gerd Höfer, Stellvertreter des Präsidenten des Reservistenverbandes, sei das erklärte Ziel der Veranstalter. Rund 250 Besucher füllten den eindrucksvollen ehemaligen Kirchenbau in Friedrichshain – Reservisten, Soldaten vom Schützen bis zum Generalleutnant, und Schüler, die sich demnächst zwischen Wehrdienst oder Verweigerung entscheiden müssen. Sie alle beteiligten sich rege an der Diskussion. Ist die Wehrgerechtigkeit noch gerecht? Lohnt sich der Dienst für Deutschland? Warum hat der Wehrdienst vorrang vor dem Zivildienst? Was sollte getan werden, um den Wehrdienst besser auszugestalten?
Ein Plädoyer für die Wehrpflicht hielt Dr. Franz-Josef Jung, Bundesminister der Verteidigung. "Unsere Wehrpflichtigen verdienen hohe Anerkennung für ihren Dienst in der Bundeswehr und für unser Land", betont Dr. Jung. Er sei der festen Überzeugung, dass die Wehrpflicht gerade vor dem Hintergrund der neuen sicherheitspolitischen Herausforderungen auch zukünftig notwendig und sehr sinnvoll sei. Sie leiste einen unverzichtbaren Beitrag für die Sicherheitsvorsorge unseres Staates. Oberstes Ziel bleibe die uneingeschränkte Souveränität über das Territorium, und dies könnte unter den derzeitigen finanziellen Verhältnissen nur durch die Wehrpflicht aufrechterhalten bleiben. 60.000 Grundwehrdienstleistende würden für den Grundbetrieb im eigenen Land benötigt. Befreundete Nationen hätten seit der Abschaffung der Wehrpflicht in ihren Ländern mit Nachwuchsproblemen und mit Kostensteigerungen zu kämpfen. Über die Wehrpflicht komme die Gesamtbreite der Bevölkerung in die Bundeswehr; damit sei eine Wehrpflichtarmee auch die "intelligenteste Wehrform".
Einen Einblick in seine Erfahrungen mit Wehrpflichtigen als Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages gab Reinhold Robbe den Zuhörern. Robbe sprach sich dafür aus, die Wehrpflicht nicht abzuschaffen, sondern sie zu modernisieren. Einen kritischen Blick hingegen warf Winfried Nachtwei MdB auf die Allgemeine Wehrpflicht. Sie stellt, so der Sicherheitspolitische Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen, einen großen Einschnitt in das persönliche Leben dar, weshalb der Staat besonders vorsichtig damit umgehen muss.
In der folgenden Podiumsdiskussion stellten sich Gerd Höfer MdB, Oberst Bernhard Gertz, der Bundesvorsitzende des Deutschen BundeswehrVerbandes, der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Wolfgang Schneiderhan, Peter Tobiassen von der Zentralstelle für Kriegsdienstverweigerer und der Obergefreite der Reserve Tobias Schmelzer den Fragen des Moderators Rolf Clement vom Deutschlandfunk.
Gertz betonte vor allem, dass die Wehrpflichtigen eine Chance für die Armee darstellen, da sie ein breiteres Spektrum an Fähigkeiten, Wissen und Erfahrungen in die Bundeswehr einbrächten als eine Freiwilligenarmee. Tobias Schmelzer, der gerade frisch seinen Wehrdienst abgeleistet hat, forderte mehr Attraktivität und vor allem eine gesellschaftliche Würdigung für den Dienst bei der Bundeswehr.
Einen "Abenteuerurlaub mit Erfolgserlebnis" könne die Bundeswehr aber nicht versprechen, warnte General Schneiderhan und begründete auch die sicherheitspolitische Seite der Wehrpflicht. Nur mit Wehrpflichtigen können die Streitkräfte in einer Größenordnung aufgestellt werden, die für die Bündnisverpflichtungen, aber auch für die Bewältigung möglicher neuer, noch unbekannter Krisen notwendig sei. Der Umfang der Bundeswehr von rund 250.000 Soldaten sei bereits an der "Unterkante dessen, was vertretbar ist" und ohne Wehrpflichtige nicht machbar. "Ich darf die Bundeswehr nicht für Afghanistan optimieren. Wir müssen uns einstellen auf Bedrohungen, die wir noch gar nicht kennen." Die Verteidigungsfähigkeit, so argumentierte Gerd Höfer, sei der höchste Ausdruck der staatlichen Souveränität und müsse unter allen Umständen erhalten bleiben.
Abgeordnete des Deutschen Bundestages, die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses Ulrike Merten, Alice Greyer-Wieninger, Abteilungsleiterin der Wehrverwaltung, zahlreiche Stellvertreter der Inspekteure der Teilstreitkräfte und viele weitere hochkarätige Gäste nahmen an der Veranstaltung teil und diskutierten mit. Wie auch für den Schüler Thomas ist ein Dienst für die Gesellschaft kein erschreckender Gedanke für die Jugendlichen von heute, auch im Betrieb Bundeswehr nicht. Im Gegenteil, gibt es doch die Möglichkeit, seinem Land ein Stück zurückzugeben, so der fast einhellige Tenor der Schülerstatements. Aber besonders die Ausgestaltung der Wehrdienstzeit, eine sinnvolle Verwendung, gesellschaftliche Anerkennung und mehr Gerechtigkeit forderten sie ein.
Dies bleibt der Nachhall des Forums Wehrpflicht, einer überaus sinnvollen Veranstaltung, die in regelmäßigen Abständen wiederholt werden sollte: Dass es offenbar bei den jungen Bürgern nicht mehr die Unterscheidung der Menschheit in gute Verweigerer und böse Soldaten gibt, sondern dass sie ihrem Land etwas zurückgeben wollen, dass "Dienst" kein Unwort mehr ist. Das aber verpflichtet zum ständigen Nachdenken und Handeln für eine optimale Ausgestaltung der Wehrpflicht.
Wie stehen Sie zum dem Thema? Ziehen Sie mit dem "Forum Wehrpflicht" in das Forum des Reservistenverbandes um und diskutieren Sie mit! Unter "Aktuelles aus dem Verband" ist ein neues Themenfeld eigens dafür reserviert.

Text: Nina Kaiser

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