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Dillmanns Wurzeln bleiben im Verband




Heute ist Weihnachten – für zahlreiche Menschen überall auf der Welt ein besonderes Fest. Wie jedes Jahr wird auch Markus Dillmann Weihnachten im Kreis der Familie verbringen, obwohl sich für ihn vieles geändert hat. An Ostern dieses Jahres hat der 49-Jährige entschieden, seine Ämter im Reservistenverband niederzulegen, um Theologie und Philosophie zu studieren.

Für Dillmann ist Weihnachten in erster Linie ein Fest des Friedens und der Familie. Tief beeindruckt ist er vom sogenannten Weihnachtswunder von 1914, als die Soldaten des Ersten Weltkrieges an der französisch-deutschen Front aus ihren Schützengräben kamen, um gemeinsam Fußball zu spielen. "Das ist ein sehr gutes Beispiel, wie man selbst im Krieg Frieden erleben und Gott nahe sein kann." Soldaten, Frieden und Gott spielen in Dillmanns Leben eine wichtige Rolle. "Die Kirche steht für den Frieden. Und Soldaten setzen in einem Einsatz ihr Leben für diesen Staat und unsere Gesellschaft auf's Spiel. Eigentlich wollen Soldaten den Frieden dauerhaft, weil sie die ersten sind, die den Krieg zu spüren bekommen und selbst Opfer werden können."

25 Jahre lang war Dillmann an vorderer Front im Reservistenverband tätig. Dabei nutzte ihm mehr als einmal seine Statur: stattliche zwei Meter und über 120 Kilogramm. Bedrohlich wirkt er allerdings nicht – eher wie ein gutmütiger Bär. Höflich, aber herzlich begrüßt er sein Gegenüber und wirkt auf Anhieb sympathisch. Trotzdem gibt es keinen Zweifel daran, dass er sich durchsetzen kann. Dillmann kann von einer Vorstandswahl in seiner Kreisgruppe berichten, bei der sich die Mitglieder untereinander Schläge androhten. Wenn sich aber einer wie Dillmann dazwischen stellt, wagt das keiner. Nun hat er seine Ämter im Verband niedergelegt, um Theologie und Philosophie zu studieren.

Das Studium ist Teil seiner Ausbildung zum Priester. Seit September ist Dillmann deshalb regelmäßig in Lantershofen. Das Dorf liegt in der rheinland-pfälzischen Gemeinde Grafschaft. Wenn überhaupt, kennt man es wegen St. Lambert. Das interdiözesane Studienhaus ist einzigartig in Deutschland, denn es bietet auch älteren Männern – auch ohne Abitur – die Möglichkeit, Priester zu werden. Laut des derzeitigen Hausleiters, dem sogenannten Regens, sind "die meisten Studenten in St. Lambert um die 30 und leben schon länger mit dem Gedanken, den Weg in das geistliche Leben einzuschlagen". Die Minderheit entschließt sich erst in ihrer zweiten Lebenshälfte dazu. Auslöser ist meist ein "einschneidendes Erlebnis, das sie dazu veranlasst, Gott zu erfahren", so Regens Dr. Volker Malburg. Es gibt auch einen Fachbegriff dafür: Bekehrungserlebnis.

Auch bei Dillmann gab es das. Obwohl er in einer katholischen Familie aufwuchs und Glaube und Kirche jeher eine wichtige Rolle in seinem Leben gespielt haben, "hatte ich mich von Christus entfernt". Aufgrund seiner Arbeit als Manager in einem großen Verlagshaus und zuvor in der Elektronindustrie fehlte dem heute 49-Jährigen zunehmend die Zeit, seinen Glauben aktiv zu leben. Immer seltener ging er zur Messe, immer seltener kam er zum Beten. "Das ist das einzige, was ich an meinem bisherigen Leben bereue", sagt Dillmann ernst. Diese Feststellung ist ihm wichtig. Denn er weiß, dass viele seine Entscheidung nicht nachvollziehen können. "Das hier hat nichts mit Midlife-Crisis zu tun." Er sagt, die Meinung der Leute sei für ihn diesbezüglich uninteressant. Man glaubt ihm das auch.

Seine Familie hat ihn unterstützt, auch wenn sie an Ostern dieses Jahres von der Nachricht überrascht wurde. Besonders seinem elf Jahre alten Neffen fällt die Trennung schwer. Dillmann schaut etwas bedrückt, als er von seinem Patenkind erzählt. Die räumliche Distanz zur Familie ist das einzige, das ihm an der neuen Situation schwer zu fallen scheint. Denn vor seinem Einzug ins Priesterseminar trennte ihn nur eine Gartenlänge von der Familie seines Bruders. Jetzt sind es rund 100 Kilometer. Auch bedrückt ihn, dass er sich nicht um seinen Vater kümmern kann, der seit dem Tod der Mutter im Februar 2014 alleine ist. Ihr Ableben hat Dillmann tief bewegt. "Sie war mit sich und dem Herrn vollkommen im Reinen."

Dieses Erlebnis bedeutete für den Oberstleutnant der Reserve den sofortigen Bruch mit seinem bisherigen Leben. Er geht zur Beichte, er betet wieder. Dann beschließt er auch, sich Schritt für Schritt aus der Verbandsarbeit zurückzuziehen: zunächst als Vorsitzender der Kreisgruppe Rheingau-Hessen-Nassau, dann als Vorsitzender der Reservistenkameradschaft Limburg und schließlich als Erster Stellvertretender Landesvorsitzender von Hessen. Auch sein Engagement als beorderter Reservist in der Bundeswehr gibt er auf. Eigentlich wollte er mal den Spitzendienstgrad für Reservisten erreichen. Nach Auflösung des Nachschubbataillons 462 in Diez, in dem er gespiegelt den Dienstposten des Bataillonskommandeurs bekleidete, sollte er beim Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung Oberst der Reserve werden. "Heute bedeutet mir diese in Aussicht gestellte Verwendung nichts mehr." Schließlich gibt Dillmann auch seinen Job auf. Seit September dieses Jahres ist er in St. Lambert, Kontakt hat er zu vielen Zurückgelassenen nicht mehr. "Meine erste Priorität ist es jetzt, meinen Weg zum Herrn zu finden. Ich muss nicht zwangsläufig Priester werden, ich möchte mich leiten lassen."

Seine Heeresuniform der Logistiktruppe wollte er zunächst nie wieder anziehen. Für Dillmann hat das etwas Symbolisches: Das bisherige Leben ablegen. Das bedeute nicht, dass sein Vorleben schlecht war. Aber der radikale Bruch sei wichtig: "Man muss altes zurücklassen." Sein Regens bestätigt das – und beschwichtigt gleichzeitig: "Ob Herr Dillmann seine Uniform tatsächlich nie wieder anzieht, wird man sehen." Für Malburg ist Nähe zur Bundeswehr durchaus vereinbar mit dem Priestertum. Daher sieht er auch in der Militärseelsorge ein wichtiges Feld. Ob es für Dillmann später in Frage kommt, lässt dieser offen. Dillmann sagt: "Meine eigene Person steht nicht im Mittelpunkt. Die Frage ist: Wo braucht mich die Kirche und wohin führt mich meine Berufung?"

Apropos Berufung: Wie verhält es sich mit der Rolle der Frau in der katholischen Kirche? Jetzt wirkt Dillmann zum ersten und einzigen Mal etwas unsicher. Er, der sich in der Bundeswehr und im Reservistenverband für die Einbindung von Frauen engagiert hat, scheint diesbezüglich die Entwicklung der katholischen Kirche abzuwarten. Immerhin lässt Papst Franziskus derzeit ein Diakonat für Frauen prüfen. Für Dillmann waren Frauen in den Streitkräften von Anfang an "das Salz in der Suppe". Bundeswehr und Reservistenverband sind ein Spiegelbild der Gesellschaft und passen sich daher den Veränderungen an – wenn auch zeitlich verzögert. "Der Reservistenverband hinkt den Veränderungen in der Bundeswehr immer ein bisschen hinterher, weil er aus dessen Kaffeesatz Nachwuchs generiert", sagt er.

Bei der Kirche ist das anders. Sie müsse wichtige Traditionen präsent halten, die sonst keine andere Gruppe in der Gesellschaft mehr vertrete, so der Regens. Im Gegensatz zu Dillmann lässt er sich von dem kritischen Thema nicht beirren – wahrscheinlich kennt er solche Einwände gut. "Die Frau hat in der Kirche keine reduzierte Rolle. Zum allgemeinen Priestertum sind alle berufen und die Gottesmutter ist in der katholischen Kirche eine sehr wichtige Person." Andererseits werde die Kirche von Christus geleitet und könne nur aufgrund der Aussagen der Heiligen Schrift geführt werden. "Gott hat sich in der Menschwerdung für ein Geschlecht entschieden, das darf man nicht unterschätzen." Dillmann nickt zustimmend.

"Auch ich hatte schon mal eine Freundin. Nur geheiratet habe ich nie". Dillmann hat sich ganz bewusst gegen eine Familiengründung entschieden. Er findet, dass ein Ehemann für seine Familie und seine Kinder da sein muss, und dies eine große Verantwortung darstelle. Und das wäre neben seiner beruflichen Arbeit sowie seiner Tätigkeiten in Bundeswehr und Reservistenverband nicht möglich gewesen. Familie rein als Statussymbol oder eine Lebensgemeinschaft auf Zeit – davon hält Dillmann gar nichts. Er schmunzelt: "Stattdessen sagte man mir nach, ich wäre mit der Bundeswehr verheiratet". Und zumindest diese Ehe stellt nun für eine mögliche Priesterlaufbahn kein Problem dar.

Überhaupt meint Dillmann, dass ihn die Bundeswehr auf seine neue Ausbildung gar nicht schlecht vorbereitet habe: Das frühe Aufstehen, Ordnung und Disziplin, strukturiertes Arbeiten, aber auch das Unterordnen kenne er bereits: "Wer führen will, muss auch bereit sein, sich führen zu lassen." Seit drei Monaten ist er nun schon im Seminar und scheint sich sehr wohl zu fühlen. Allerdings hat er damit erst einen winzigen Bruchteil seiner Ausbildungszeit hinter sich. Diese dauert insgesamt etwa sieben Jahre: vier Jahre Studium in Lantershofen und anschließend die praktische Ausbildung im Bistum. Außerdem müssen die Priesterschüler von einem geringen Ausbildungsgehalt leben. Wer in seinem früheren Leben gut verdient hat, muss sich daran erst einmal gewöhnen. Im Studienhaus wohnen die Studenten zu acht in Wohngruppen zusammen. Jeder hat sein eigenes Zimmer mit Bad, der Rest wird geteilt. Dillmann: "Ein echtes Studentenleben!" Im Gegensatz zu den meisten anderen ist er jedoch am Wochenende häufig zuhause, um sich um seinen Vater zu kümmern. Auch für die Feiertage ist er dort.

Ganz im Sinne der weihnachtlichen Botschaft, wünscht Dillmann auch dem Verband mehr Frieden. Dass Kameradschaft dort immer wieder mal eine leere Floskel sei, mache ihn traurig. Auch dass es so schwierig sei, engagierte Leute zu finden, die sich dem Verband und seinen Mitgliedern widmen. "Heutzutage geht der generelle Trend dahin zu fragen, was habe ich davon? Das sieht man zunehmend auch im Verband." Der Zuhörer merkt ihm an, wie wichtig dem Reservisten weiterhin der Verband ist. Denn Dillmann hinterlässt ein bestelltes Haus. Aus 78 Mitgliedern formte er in Limburg eine der größten Reservistenkameradschaften Deutschlands. Heute haben dort mehr als 360 Frauen und Männer Kameraden gefunden. Sie stehen füreinander ein. Ganz nach dem Vorbild Markus Dillmanns. Die goldene Ehrennadel des Reservistenverbandes trägt er weiterhin an sich. In der Hosentasche. Ob er Mitglied bleiben werde? "Natürlich! Das wäre ja sonst Verrat an meinen Wurzeln."


(lima)

Bild oben: Dillmann mit seiner RK in Israel
(Foto: Archivfoto RK Limburg).

2. Bild: Dillmann im Studienhaus
St. Lambert in Lantershofen
(Foto: Detlef Struckhof).

3. Bild: Dillmann kann auch ernst
(Foto: Detlef Struckhof).

4. Bild: Dillmann in der Uniform
der Nachschubtruppe
(Foto: Archivfoto RK Limburg).

5. Bild: Dillmann in der Kapelle in St. Lambert
(Foto: Detlef Struckhof).

6. Bild: Dillmann (vordere Reihe, Mitte)
im Kreise seiner Kameraden auf einem Panzer
(Foto: Archivfoto RK Limburg).

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