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Sicherheitspolitische Arbeit

DWT-Tagung über Wirkung und Schutz

Auslandseinsätze der Bundeswehr wie in Afghanistan bestimmten lange Zeit die Strukturen der Streitkräfte und rückten den Schutz von Soldatinnen und Soldaten in den Mittelpunkt. Mit der Refokussierung auf die Landes- und Bündnisverteidigung nimmt der Aspekt der Wirkung, wie die Entwicklung autonomer Waffensysteme, wieder an Bedeutung zu. Parallel zeigen hybride Bedrohungen wie Drohnenangriffe und Desinformationskampagnen die enge Verbindung von Wirkung und Schutz auf. Die Vielfältigkeit und Relevanz des Themas für die zukünftige Sicherheit stellten Fachleute auf einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik mbH (DWT) vor.

(Symbolbild: Gerd Altmann via pixabay.com)

Kriege an den Außengrenzen Europas, gesellschaftliche Debatten um Flucht und Pandemie, neue Technologien und die Folgen des Klimawandels zeigen die Komplexität aktueller Konflikte auf, wie Generalmajor Wolfgang Gäbelein, Amtschef des Planungsamtes der Bundeswehr, darlegte. Neben dem „gläsernen Gefechtsfeld“, auf dem neue Flugkörper eingesetzt und Angriffe auf kritische Infrastrukturen durchgeführt werden, stellen hybride Bedrohungen eine große Herausforderung dar. Da der Westen aufgrund zu geringer Haushaltsmittel für die Verteidigung und ethischer Debatten zu neuen Technologien wie Kampfdrohnen seinen technischen Vorsprung verlieren könnte, seien Konzepte zum Sicherstellen disruptiver Technologien notwendig. Digitalisierung und künstliche Intelligenz bieten neue Möglichkeiten und erzielen schnelle Wirkung, müssen aber wie neue Schutzsysteme permanent weiterentwickelt werden. Gleichzeitig sei eine Dezentralisierung notwendig, um große Flächenziele auf dem Gefechtsfeld zu vermeiden. Um schließlich Wirkungsüberlegenheit und Durchsetzungsfähigkeit zu erlangen, müssen schnelle und ausreichende Entwicklungen vorangetrieben und dabei Verluste hingenommen werden.

Einen Einblick in die Resilienzforschung gab Prof. Stefan Hiermaier, Institutsleiter des Fraunhofer Ernst Mach Instituts (EMI). Resilienz als eine Schlüsseleigenschaft erfolgreicher Streitkräfte beinhalte die komplexe Vernetzung von Soldatinnen und Soldaten mit Führungs-, Wirk- und Schutzsystemen. Um dies zu erreichen, seien Übungen, Simulationen und Monitoring erforderlich. Mit dem Resilienz-Zyklus können wichtige Maßnahmen vor, während und nach einer Disruption erfasst werden. Dieses Konzept setze sich aus den fünf Phasen Prepare (Vorbereiten), Prevent (Vorsorgen), Protect (Schützen), Respond (Reagieren) und Recover (Regenerieren) zusammen. Die ersten drei Phasen zielen auf die Widerstandsfähigkeit ab, während sich die anderen beiden auf die Regenerationsfähigkeit fokussieren. Mit der stetigen Wiederholung des Kreislaufes werde ein System immer besser und könne durch die Fähigkeit des Lernens und Anpassens resilient gegenüber Bedrohungen werden.

Oberst Guido Schulte vom Kommando Cyber- und Informationsraum referierte über die Veränderung der Ausrichtung der Bundeswehr, die aufgrund der Entwicklung hin zu hybriden und asymmetrischen Kriegen, den Bedrohungen im Cyberraum und dem Überfluss an Informationen in einer digital vernetzten Welt notwendig sei. Angriffe im Cyber- und Informationsraum werden nicht nur durch Kriminelle, sondern auch – und zunehmend – von staatlichen und staatsnahen Organisationen durchgeführt. Die Komplexität der Systeme nehme zu, aber gut ausgebildetes Fachpersonal zur Verteidigung sei Mangelware. Da die Bundeswehr zudem in vielfältiger Weise von kritischen Infrastrukturen abhängig sei, müsse dringend Resilienz geschaffen werden. Neben dem stetigen Üben stellen unter anderem die Nachwuchsbildung im Rahmen des Cyber-Studiengangs, das Netzwerk der Cyber-Reserve und die Bildung des Cyber Innovation Hubs wichtige Bausteine dar.

Blick auf die Bühne im GOP Varieté-Theater Bonn (Foto: Julius Vellenzer).

Die Einordnung und den Schutz vor hybriden Bedrohungen veranschaulichte Hans Peter Stuch vom Fraunhofer-Institut für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie (FKIE). Diese werden inzwischen in einem größeren Kontext betrachtet und inhaltlich in sieben Domänen unterteilt: Geography, Politics, Military, Economy, Social, Information und Infrastruture. Hybride Bedrohungen stellen meist eine Kombination aus physischen Kräften, (Des-)informationskampagnen und Cyberangriffen dar, die in den verschiedenen Domänen auf verschiedenen Zeitlinien stattfinden. Daher sei es notwendig, alle Domänen gleichzeitig zu betrachten. Zur Erkennung hybrider Bedrohungen für urbane Operationen entwickelt das FKIE einen Demonstrator, der Sensoren von vier Domänen integriert: Lokalisierung von Drohnen und ihrer Signale (Military), Social Media Analysis und Sprachaufklärung (Social), Beschaffung von Informationen zu Cyber-Angriffen (Information) sowie Smart City und Vernetzungen (Infrastructure). Mithilfe des Demonstrators können Lagedarstellungen erstellt und Entscheidungen unterstützt werden, die in oder mit bestehenden Führungs- und Planungssystemen integriert werden können.

Die politischen und rechtlichen Aspekte autonomer Waffensysteme waren Thema des Vortrags von Anja Dahlmann, Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Im Rahmen der „Convention on Certain Conventional Weapons“ (CCW) werden auf internationaler Ebene seit einigen Jahren Gespräche über eine Regulierung autonomer Waffensysteme und dem Gebot der menschlichen Kontrolle geführt. Länder wie die Vereinigten Staaten und Russland betonen den Nutzen und die zahlreichen Anwendungsmöglichkeiten Künstlicher Intelligenz für den militärischen Bereich. Befürworter einer multinationalen Regulierung wie Deutschland, Brasilien oder die Schweiz verweisen auf das humanitäre Völkerrecht und die Destabilisierung durch einen neuen Rüstungswettlauf, der ein hohes Bedrohungspotenzial nach sich ziehen könne. Da eine internationale Einigung bislang fehle, schreite die technologische Entwicklung und ihre Nutzung weiter voran.

Forschungstrends zum Schutz gegen künftige kinetische Wirkmittel präsentierte Dr. Matthias Wickert vom EMI. Der Schutz für schwer gepanzerte Militärfahrzeuge müsse bereits heute so konzipiert werden, dass auch in naher Zukunft kinetische Wirkmittel wie hypersonorische Flugkörper, deren Flugbahnen schwierig zu prognostizieren und zu erkennen seien, abgewehrt werden können. Auch die kollektive Lernfähigkeit miteinander vernetzter Roboter stelle eine große Herausforderung dar. Die digitale Lernkurve vernetzter automatisierter Systeme erfordere die Fähigkeit zur sehr schnellen Anpassungsreaktion für den Schutz. Mithilfe flexibler wissenschaftlicher Instrumente wie spezialisierten Versuchsanlagen und prognosefähigen Simulationsmodellen können grundlegende Schutzmechanismen für die Weiterentwicklung kinetischer Wirkmittel untersucht werden.

Die von Bernd Kögel, Geschäftsführer der Studiengesellschaft der DWT, geleitete Tagung „Wirkung und Schutz #neu“ fand am 20. und 21.September 2021 im GOP Varieté-Theater in Bonn statt. An der Corona-gerecht durchgeführten Veranstaltung nahmen 134 Zuhörende und Referierende aus den Bereichen Bundeswehr und Verteidigung, Rüstungsindustrie, Forschung und Medien teil.


Dieser Text stammt aus dem Sicherheitspolitischen Newsletter des Sachgebietes Sicherheitspolitische Arbeit. Diesen können Sie hier abonnieren.

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