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Die Bundeswehr braucht qualifizierten Nachwuchs. Mit der Aktion "Marine Live" in Kiel will die Marine schon zum zweiten Mal Interessierten einen authentischen Einblick in das Leben auf See geben. Sie reagiert damit auf den Wegfall der Wehrpflicht, denn das hautnahe Erleben ist unumgänglich: Für viele bringt so ein Schnupper-Tag auf See die Gewissheit zwischen Ja oder Nein zum Seemannsleben.

In der Fregatte riecht es nach Maschinenöl, im Hintergrund summen monoton Motor- und Elektrogeräusche. Enge Gänge aus Stahl durchziehen den schwimmenden 5000-Tonnen-Koloss wie ein Nervensystem. Wer sich durch dieses Labyrinth wagt, findet Toiletten ebenso wie Hochleistungscomputer, Chips und Schokoriegel in der Kantine, nebenan einen Torpedoraum. Einige Meter weiter strampelt ein Marine-Soldat im Fitnessraum auf dem Fahrrad. Draußen auf der Brücke hält ein anderer Wache. Ringsum: Das weite Wasser der Ostsee. Kein Land in Sicht.

Wie eine kleine Stadt
"Die Fregatte ist wie eine kleine Stadt", sagt Oberleutnant zur See Marvin Momberg, ein junger Presseoffizier von Anfang 30, zu den 44 Jugendlichen, die in diesen Mai-Tagen nach Kiel gekommen sind. Sie alle wollen auf der Fregatte "Bayern" das Leben auf See kennenlernen. Die Besatzung des Schiffes fährt dafür mehrere Stunden mit ihnen raus aufs offene Meer. "Das hautnahe Erleben ist unumgänglich. Und wenn es nur für einen Tag ist. Jeder soll wissen, worauf er sich einlässt", sagt Momberg, der die Veranstaltung organisiert hat. "Marine Live" nennt die Marine die Aktion, die nun schon zum zweiten Mal stattfindet.

Marine vereint Extreme
Einer der Teilnehmer: Niclas Buchmüller. Er ist 17, kommt aus der Nähe von Oranienburg und will eine Ausbildung in der Lager-Logistik machen. Er kann sich gut vorstellen, bei der Marine anzufangen: "Hier hat jeder seine Aufgaben, alles funktioniert nur gemeinsam. So einen Zusammenhalt wünsche ich mir." Dafür, so sagt er, würde er auch die Enge des Schiffes in Kauf nehmen. Die Marine vereint Extreme: Der endlosen Weite der Welt steht die Enge des Schiffes gegenüber, Fernweh und Freiheit muss der Seefahrer mit mangelnden persönlichen Rückzugsmöglichkeiten vereinbaren. Das zieht viele, andere schreckt es ab. Die, die sich darauf eingelassen haben, wollen die Eindrücke nicht missen. Hauptbootsmann Daniel Lessing (35), der als Karriereberater für die Jugendlichen mit an Bord ist, fährt seit 2000 zur See. "Ich war im Libanon, hab die Pyramiden in Ägypten gesehen, die Akropolis in Griechenland", schwärmt er. Besonders schön sei der Blick auf den aktiven Vulkan Stromboli in Süditalien. Wenn nachts das Glühen des Vulkans vom Meer aus zu sehen ist: "Das ist wunderschön."

Fregatte vs. U-Boot: Keiner ist im Vorteil
Der 25-jährige Lars Jonescheit wusste bereits vor seinem Besuch von "Marine Live", dass er zur Marine geht. Die Bewerbung ging gestern raus. "Ich komme aus Kiel, ich liebe die Seefahrt. Es ist ein tolles Gefühl, Wasser unter den Füßen zu haben und die Heimat auch mal hinter sich zu lassen", sagt er und schaut dabei Richtung Horizont. Kiel ist wieder zu sehen. Die Fregatte steuert den Hafen an. Die Jugendlichen haben alle wichtigen Räume einer Fregatte gesehen, die Besatzung hat sich Zeit genommen. Dabei wichen sie auch sensiblen Fragen nicht aus: Was, wenn es zum Duell mit dem erklärten Feind kommt? Die Fregatte wurde gebaut, um U-Boote zu jagen. "Beim Kampf Fregatte gegen U-Boot ist keiner im klaren Vorteil. Beide kann es treffen. Wenn die Besatzung ein U-Boot zu spät entdeckt, ist das fast schon die Versenkung", sagt einer der Marine-Soldaten. Auch wenn derzeit ein Kampf gegen ein feindliches U-Boot weniger vorstellbar ist: "Wer sich heute verpflichtet, muss mit allem rechnen."

Die Besatzung muss vollzählig sein
Fregattenkapitän Andreas Mückusch (36), Erster Offizier und stellvertretender Kommandant der "Bayern", ist zufrieden. Prüfend schaut er über die Rehling, als das Schiff im Hafen einläuft. "Marine Live ist eine Art kleiner Wehrpflicht-Ersatz", sagt er. "Wir konkurrieren stark mit den Unternehmen der freien Wirtschaft um qualifiziertes Personal. Deswegen müssen wir den jungen Leuten diesen Einblick geben – es gibt genug, für die das alles genau das Richtige ist." Einst haben Wehrpflichtige einen großen Teil der Besatzung auf den Marine-Einheiten ausgemacht. Allein auf einer Fregatte wie dieser gibt es bis zu 80 Mannschaftsdienstposten zu besetzen. Das muss auch ohne Wehrpflicht klappen, sonst kann das Schiff nicht auslaufen.

Reservisten sind wertvolle Ressource
Am Abend gibt es deftiges Essen. Alle greifen gierig zu. Der Leiter des Truppenbesuchszentrums, Kapitänleutnant Klaus-Uwe Haber, sitzt vor einem Tisch in der Ecke und beobachtet zufrieden die Teilnehmer. "Mitte der 1980er Jahre gab es noch etwa 200 Marine-Einheiten, heute sind es knapp 60", sagt der 50-Jährige. "Wir können auf den Wegfall der Wehrpflicht nur mit einem Umbau, nicht mit einem weiteren Abbau reagieren – die Posten müssen weiter besetzt werden." Für die Marine bedeutet das auch: Reservisten werden zunehmend wichtiger. "Die sind eine ausgesprochen wertvolle Ressource", sagt Haber.

"Marine Live" ist ein Erfolg
So sitzt denn auch ein beorderter Reservist in Habers Truppenbesuchszentrum. Armin Flieder ist 54 und seit 1978 bei der Marine, und hier will er auch bleiben. Er unterstützt die Marine bei der Nachwuchsgewinnung. Auch er ist, wie anscheinend jeder bei der Marine, viel rumgekommen. Besonders gefallen hat es ihm in Südamerika und der Karibik. Ob es für die künftigen Generationen dorthin geht, ist fraglich – heute bilden die Einsätze in Afrika den Schwerpunkt. Wer von den angereisten Jugendlichen schließlich dort landen wird, weiß heute noch niemand. Bis Ende Mai werden 500 bis 600 Teilnehmer bei "Marine Live" erwartet. In der Regel fahren die Teilnehmer mit einem der Minenjagdboote raus; die Fregatte war eine Ausnahme, da sie gerade ohnehin auf dem Weg nach Wilhelmshaven war. Klaus-Uwe Haber resümiert: "Zum ersten "Marine Live" kamen etwa 580 Teilnehmer, danach hatten wir 330 Bewerber, die ersten sind jetzt schon Soldaten." Solche Zahlen nennt man in der Regel: Erfolg.
 

Dennis Hallac

Bild oben:
Teilnehmer Niclas Buchmüller schaut
durch ein Fernglas der Fregatte BAYERN
(Foto: Dennis Hallac).

Bild zwei:
Die Teilnehmer von "Marine Live" laufen an der
Fregatte BAYERN vorbei. Das Schiff ist knapp 140 Meter lang
(Foto: Dennis Hallac).

Bild drei:
Teilnehmer von "Marine Live"
posieren vor der Bordkanone
(Foto: Dennis Hallac).

Bild unten:
Besatzungsmitglied Oberbootsmann Sebastian Werler
montiert das Bord-Maschinengewehr von der Lafette ab
(Foto: Dennis Hallac).

 

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