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„Erhebliche Defizite, um die wir uns kümmern müssen“




In einer vierteiligen Serie ließ das sicherheitspolitische Magazin "loyal" junge Offiziere zu Wort kommen. Sie kritisierten offen die innere Verfasstheit der Bundeswehr. Ist diese Kritik berechtigt? Ein Interview mit Generalmajor Jürgen Weigt, Kommandeur des Zentrums Innere Führung in Koblenz.

"loyal": Herr General, "loyal" hat sich vier Monate lang mit der inneren Verfasstheit der Bundeswehr beschäftigt. Die Artikel wurden von jungen Offizieren der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg geschrieben. Haben Sie die Beiträge gelesen?

Generalmajor Jürgen Weigt: Ja, natürlich, nicht nur weil es meine vermeintliche Pflicht als Kommandeur des Zentrums Innere Führung wäre, sondern weil es auch meinem beruflichen Verständnis entspricht, mich mit den Gedanken anderer Menschen über das Soldatsein auseinanderzusetzen.

"loyal": Die Gedanken der jungen Offiziere sind bei vielen aktiven oder ehemaligen Soldaten auf Kritik und Ablehnung, aber auch auf Lob und Zustimmung gestoßen. Wie ist es bei Ihnen?

Weigt: Es ist sehr begrüßenswert, dass sich junge Soldaten Gedanken über die Innere Führung machen und es ist mutig, sie auch zu äußern. Dass sie nicht nur Zustimmung ernten, ist nachvollziehbar, denn über einige Ausführungen und Meinungen muss man streiten, anderen muss man auch widersprechen.

"loyal": Ich möchte in diesem Interview im Einzelnen darauf gar nicht eingehen. Mich interessiert mehr, wo Sie sich als Kommandeur des Zentrums Innere Führung in der Diskussion über die innere Verfasstheit der Bundeswehr sehen?

Weigt: Ich sehe meine Aufgabe darin, in Diskussionen über Führungskultur und soldatisches Selbstverständnis die Inhalte der Konzeption Innere Führung als Unternehmensphilosophie der Bundeswehr deutlich zu machen. Die Debatte, die Sie in "loyal" mit den Beiträgen angestoßen haben, ist wichtig für unsere Streitkräfte, denn Sie haben damit ein Thema in eine breite Öffentlichkeit getragen, das sonst nur in Fachzirkeln behandelt wird.

"loyal": Wie steht es denn um die Führungskultur in der Bundeswehr?

Weigt: Diese Frage kann ich nicht pauschal beantworten, ich kann nur für den Bereich sprechen, den ich überschauen kann. Und da gilt: Es gibt viele Bereiche der Bundeswehr, in denen eine Führungskultur herrscht, hinter der ich voll stehen kann. Es gibt aber auch Bereiche mit erheblichen Defiziten, um die wir uns kümmern müssen.

"loyal": Mir fällt da ein Defizit ein: Courage. Einige der jungen Autoren stellen das Leitbild vom Staatsbürger in Uniform infrage und auch ich frage mich, wo denn der Soldat noch Staatsbürger in Uniform ist, wenn ich bei brisanten Themen nur noch die Vertreter des Deutschen Bundeswehrverbandes, aber nicht die der militärischen Führung höre.

Weigt: Der Staatsbürger in Uniform hat in erster Linie seinem Gewissen zu folgen. Wir nennen das gewissensgeleiteten Gehorsam. Das heißt: Ich kann mich nicht hinter einem Befehl verstecken, sondern ich trage die letzte Verantwortung für seine Ausführung. Auf Ihre Frage bezogen, bedeutet das: Jeder muss für sich entscheiden, wie er sich wozu äußert. Es gibt dafür keine allgemeingültigen Regeln. Vielmehr sollte man sich fragen, inwiefern man durch seine Erfahrung und Kompetenz zur Lösung eines Problems beitragen kann. Es gibt zu viele Menschen, die sich diese Frage nicht stellen und sich zu schnell zu gewissen Fragen äußern.

"loyal": Aber dem Staatsbürger in Uniform ist es grundsätzlich schon erlaubt, sich an einer öffentlichen Debatte zu beteiligen?

Weigt: Durchaus.

"loyal": Sie sind seit gut drei Jahrzehnten Soldat. Was unterscheidet den Staatsbürger in Uniform von vor 30 Jahren von dem heute?

Weigt: Im Prinzip nichts. Noch immer lebt der Soldat in einem demokratischen Land. Was sich geändert hat, das ist die Gesellschaft. Und auf solche Veränderungen zu reagieren, dazu ist die Konzeption Innere Führung flexibel genug. Sie muss den Soldaten nur richtig vermittelt werden und wenn ich mich mit einigen Gedanken der jungen Offiziere in den Artikeln befasse, dann bekomme ich Zweifel, ob das so passiert ist.

"loyal": Das mag sein, was beispielsweise an einem Beitrag über die Kameradschaft zu sehen ist. Demnach sei es mit der Kameradschaft in der Bundeswehr nicht so weit her. Was ist das eigentlich, Kameradschaft?

Weigt: Sie ist ein Band zwischen Soldaten, das aus dem Gefühl heraus entsteht, dass ich mich in Situationen befinde, in denen ich allein keine Möglichkeit habe, damit fertig zu werden. Es ist ein Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit, das mir nur eine Gemeinschaft Gleichgesinnter verschaffen kann, die sich in der gleichen Situation befinden. Kameradschaft ist der Kitt zwischen Soldaten, der für ihren Zusammenhalt vor allem in schwierigen Lagen sorgt.

"loyal": Wie erklären Sie sich dann, dass junge Soldaten den Eindruck äußern, mit der Kameradschaft in der Bundeswehr sei es heute nicht mehr so weit her?

Weigt: Auch darauf habe ich keine Patentantwort. Kameradschaft kann man nicht erzwingen. Die Organisation Bundeswehr kann sie weder befehlen noch irgendwie künstlich herstellen. Kameradschaft muss zwischen Menschen entstehen, die Organisation kann dafür nur die Voraussetzungen schaffen und Hilfe leisten. Wir müssen prüfen, ob wir alles tun, was dazu möglich ist.

"loyal": Nach heutigem Verständnis ist der Soldat ein normaler Arbeitnehmer. Kann Kameradschaft überhaupt noch entstehen, wenn der Soldatenberuf ein Beruf wie jeder andere ist?

Weigt: Es ist die Frage, nach wessen Verständnis das so ist: dem der Medien, des Verteidigungsministeriums, höherer Kommandobehörden oder dem in den Einheiten und Teileinheiten. Das muss man unterscheiden. Ich weiß, dass sich die Soldaten in der Keimzelle einer jeden Armee, also in der Gruppe, dem Zug, der Kompanie, sicher nicht als Arbeitnehmer betrachten. Da ist der Soldat noch Soldat.

"loyal": Und wie muss die Bundeswehr auf die Individualisierung weiter Teile unserer Gesellschaft, auf die Ich-Bezogenheit auch vieler junger Menschen reagieren?

Weigt: Jede Armee lebt in ihrer Zeit und in der Gesellschaft. Das Leitbild vom Staatsbürger in Uniform macht das deutlich. Wir Soldaten wollen uns keine Gesellschaft aussuchen und auch nicht außerhalb der Gesellschaft stehen. Wir sind allen gesellschaftlichen Strömungen unterworfen und wir müssen immer wieder überprüfen, inwiefern diese Strömungen unsere Führungskultur und das soldatische Selbstverständnis beeinflussen. Alles, was für die Auftragserfüllung akzeptabel ist, müssen wir integrieren. Wir können nur mit den Menschen arbeiten, die in unserer Gesellschaft leben. Und dabei entstehen Spannungen. Aber das kann die Bundeswehr aushalten, denn sie hat eine Philosophie, die ihr dabei hilft.

Das Interview führte Marco Seliger.


Symbolbild oben: Soldaten der Bundeswehr vertrauen seit
Jahrzehnten auf das Konzept der Inneren Führung
(Foto: Jana Neumann, Bundeswehr).

Bild unten: Generalmajor Jürgen Weigt ist Kommandeur des
Zentrums Innere Führung der Bundeswehr in Koblenz
(Archivfoto: Bundeswehr).

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