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Flüchtlings-Massenansturm: Registrierung war unmöglich




Teilnehmer des deutsch-amerikanischen Reserveoffiziersaustauschprogramms hören spannenden Vortrag eines Augenzeugens des Jahres 2015 in Brühl.

Von Detlef Struckhof

Ein Jahr nach dem Beginn des Massenansturms von Flüchtlingen auf Europa sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel: "Der Flüchtlingszuzug nach Deutschland war vorübergehend außer Kontrolle geraten. Wir haben, weiß Gott, nicht alles richtig gemacht." Dieses nachträgliche Eingeständnis relativiert ihren vielzitierten Satz aus dem Jahr 2015: "Wir schaffen das!". Was im Herbst vergangenen Jahres alles geschafft wurde und was nicht, berichtet Hans Zschippig vor Reserveoffizieren des deutsch-amerikanischen Reserveoffiziersaustauschprogramms der Bundeswehr in Brühl.

Es ist am 17. September 2016 auf den Tag ein Jahr her, dass Hans Zschippig den Auftrag erhielt, bis November 2015 in der Flüchtlingshilfe tätig zu werden. In Brühl sagt er den rund 40 anwesenden Zuhörern: "Ich hatte keine Ahnung, was mein Auftrag ist. Aus den Medien wusste ich, dass der Hauptbahnhof in München vollgelaufen war", berichtet der damalige Oberst der Bundeswehr mit Dienstort Ulm. Quasi über Nacht wurde der ausgebildete Jagdflieger stellvertretender Leiter der Flüchtlingskoordinierungsstelle in München. "Ich bekam einen zwei Monate gültigen Fahrauftrag für mein Bundeswehrfahrzeug, fuhr los und kam zur Koordinierungsstelle Bayerns für das Oktoberfest. Diese war auch für die Probleme der Asylsuchenden zuständig. Das Land Bayern ist seinerzeit auf den Flüchtlingen sitzengeblieben. Bayern war an der Grenze der Belastbarkeit, denn die Weiterverteilung nach dem sogenannten Königsteiner Schlüssel funktionierte nicht. Deshalb wurde alles zu einer Bundesaufgabe, deshalb konnten Soldaten zur Unterstützungsleistung im Inneren angefordert werden."

50 Prozent Schwund bei den Flüchtlingen
In einem spannenden Vortrag schildert der heutige Pensionär seine Zeit in der Flüchtlingskoordination. "Teilweise mussten wir in Minuten entscheiden. Da halfen uns klare Lagebilder, die wir stabsmäßig erstellten und fortführten. Das können Soldaten. Da waren wir genau richtig." Besondere Herausforderung war die Verhinderung von humanitären Notlagen. Als im Oktober der erste Frost kam und viele Flüchtlinge ungeeignet bekleidet – zum Beispiel barfuß – waren. So wurde ein schneller Weitertransport mit Bussen und Zügen notwendig. "Wenn die Anlaufstellen voll waren, wurden die Menschen in Züge und Busse gesteckt und zu freien Anlaufstellen gebracht. Da war eine vollständige Erstregistrierung durch die Bundespolizei nicht möglich. Denn mit dem geordneten Verfahren in den sogenannten Bearbeitungsstraßen konnten pro Tag 600 Personen registriert werden. Doch es kamen bis zu 10.000 pro Tag". Außerdem sei es "zu etwa 50 Prozent Schwund gekommen", da sich viele Flüchtlinge ein Taxi nahmen und eigenständig weiterfuhren.

Spezialisten wurden gebraucht
Der Reservistenverband hatte im September vergangenen Jahres dazu aufgerufen, sich für die Flüchtlingshilfe zu melden – wir berichteten. Und es gab tatsächlich unzählige Meldungen aus dem ganzen Bundesgebiet. Einer, der sich meldete, war Oberfeldarzt der Reserve Dr. Jan Savarino aus Füssen. Der Notarzt und Isaf-Veteran sagt: "Ich meldete mich, hatte die Erlaubnis meines Arbeitgebers für vier Wochen. Doch das war der Bundeswehr zu kurz. Ich wurde lapidar abgewiesen. Über Beziehungen zum Bundeswehrkrankenhaus in Ulm gelang es mir dann doch im Dezember für zwei Wochen in Freilassing zu helfen. Mein Einsatz dort wurde dankend aufgenommen." Zschippig sagt: "Ich hätte mehr Reservisten brauchen können – aber nicht für zwei bis drei Wochen. Jeden Dienstposten bei uns musste ich mit vier Mann besetzen, um einen 24-stündigen Schichtdienst an sieben Tagen die Woche organisieren zu können." Doch für seinen Stab brauchte er auch Spezialisten. "Welcher Reservist hat Erfahrungen in der Busdisposition? Soldaten haben da keine Ausbildung oder Erfahrung. Nur jemand, der das zivilberuflich macht. Und solche Leute werden von ihren Arbeitgebern selbst gebraucht und nicht fortgelassen – schon gar nicht über Wochen."

Autauschprogramm für Offiziere
Zschippigs Vortrag mit anschließender Fragestunde war ein Programmteil der jährlich stattfindenden Reunion des deutsch-amerikanischen Reserveoffiziersaustauschprogrammes, welches im Jahr 1985 von den damaligen Verteidigungsministern Manfred Wörner (Deutschland) und Caspar Williard Weinberger (USA) im sogenannten Memorandum of Understanding ins Leben gerufen worden ist. Seitdem haben rund 640 deutsche Reserveoffiziere vom Hauptmann bis zum Oberstleutnant daran teilgenommen. Sie fahren auf Kosten der Bundeswehr drei Wochen in die USA und werden auf echten Dienstposten eingesetzt. "Es handelt sich um eine herausgehobene Möglichkeit für Reserveoffiziere, die Streitkräfte des Partners USA und die internationale militärische Zusammenarbeit aktiv vor Ort kennenzulernen. Gespür für Land und Leute zu entwickeln, ist ebenfalls ein Resultat", sagt Dr. Bodo Kubartz. Er ist der Pressereferent des Reunion-Organisationsteams des deutsch-amerikanischen Offiziersaustausches. "Die äußerst positive Wahrnehmung von Soldaten in der US-amerikanischen Öffentlichkeit wird von Austauschteilnehmern jährlich wiederkehrend besonders hervorgehoben", ergänzt der Oberstleutnant der Reserve. Zum zwölften Mal trafen sich ehemalige Teilnehmer zu einer hochwertigen sicherheitspolitischen Veranstaltung. Sie kommen dabei für Reise- und Referentenkosten selber auf.

Landesgruppe Bayern unterstützt
Dass die Reservisten an dem Wochenende wenigstens Uniform tragen können, verdanken sie der Unterstützung des Landesvorsitzenden des Reservistenverbandes aus Bayern. Oberstleutnant der Reserve Prof. Friedwart Lender war 2005 selbst Teilnehmer des Austauschprogramms. Er sagt: "Die Bundeswehr organisiert das wirklich gute Austauschprogramm, schickt die Teilnehmer für viel Geld nach Amerika. Danach ist alles vorbei. Doch wir finden, damit sollte es nicht zu Ende sein. Ein Netzwerk unter den US-erfahrenen Stabsoffizieren ist wichtig. Wir werben dafür, dass sich das Kompetenzzentrum für Reservistenangelegenheiten der Bundeswehr künftig mehr um die ehemaligen Teilnehmer kümmert und das hochwertige sicherheitspolitische Seminar künftig zu einer Dienstlichen Veranstaltung macht."

Bunter Mix interessanter Kameraden
Neben Referent Hans Zschippig trugen unter anderen auch Prof. Dr. James Bindenagel, US-Botschafter a.D., über die Rolle der USA in einer Welt voller Konflikte sowie Brigadegeneral a.D. Dr. Klaus Wittmann zum Thema Russland und der Westen vor. Die Teilnehmer erlebten ein kurzweiliges Wochenende. Hauke Disselbeck war dabei. Der Oberstleutnant der Reserve sagt: "Hier treffe ich einen bunten Mix interessanter Kameraden, die so an anderer Stelle nur bedingt aufeinandertreffen. Mein Austausch im Jahr 2007 in die USA war für mich eine spannende Erfahrung. Ich konnte in dreieinhalb Wochen die USA und insbesondere ihr Militär intensiver kennenlernen. Das hat mir militärisch wie auch zivil weitergeholfen."

 

Archivbild oben: Flüchtlinge im Oktober 2015 in
der Kaserne Feldkirchen (Foto: Thomas Trutschel,
Bundeswehr, photothek, flickr).

2. Bild: Oberst a. D. Hans Zschippig spricht
über seine spannende Zeit als stellvertretender
Leiter der Flüchtlingskoordinierungsstelle
in München im Herbst 2015 (Foto: Detlef Struckhof).

3. Bild: : Oberst a. D. Hans Zschippig beantwortet nach
seinem Vortrag über seine Zeit als stellvertretender Leiter
der Flüchtlingskoordinierungsstelle in München Fragen
der Zuhörer (Foto: Detlef Struckhof).

4. Bild: Teilnehmer der 12. Reunion des
deutsch-amerikanischen Reserveoffiziersaustauschprogrammes
in Brühl (Foto: Detlef Struckhof).

5. Bild: Oberstleutnant der Reserve Prof. Friedwart Lender
nimmt sich als Vorsitzender der Landesgruppe Bayern
des Reservistenverbandes der Reunion des deutsch-amerikanischen
Reserveoffiziersaustauschprogramms an (Foto: Detlef Struckhof).

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