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Gegen die „rosa Blase“ in Deutschland: Feo Aladags Film „Zwischen Welten“




Sie ist klein und von zierlicher Statur. Wenn Feo Aladag eine ihrer blonden Strähnen aus dem Gesicht streicht, wirkt sie fast mädchenhaft. Kaum zu glauben, dass die gebürtige Wienerin und Wahl-Berlinerin einen Film über die Bundeswehr in Afghanistan gedreht hat – in Afghanistan selbst. "Zwischen Welten" heißt ihr Werk, das derzeit in den Kinos läuft. Und: Sogar Reservisten spielen mit.

Wie war Ihre Verbindung zur Bundeswehr vor dem Film?

Feo Aladag: "Ich kannte vor Beginn der Arbeit an dem Film niemanden in meinem Umfeld, der gedient hatte. Ich kannte Zivildienstleistende, aber mit der Bundeswehr hatte ich vor dem Film keine Berührungspunkte. Aber: Ich empfand es als eine große Ungerechtigkeit und sehr unfair den Soldaten gegenüber, dass sie durch ihren Einsatz in Afghanistan von der Bevölkerung ignoriert oder sogar abgelehnt werden. Das Parlament hat damals diesen Einsatz beschlossen und wir haben ihn nicht wegdemonstriert. Damit verantworten wir Bürger ihn mit. Ich wollte einfach wissen, wie es sich für die Soldaten anfühlt, in den Einsatz zu gehen. Ich wollte nachvollziehen, wo stehen wir in unserem Selbstverständnis dem kämpfenden, deutschen Soldaten gegenüber? Jetzt, hier und heute, als Gesellschaft? Wie stehen wir dazu, dass die Bundeswehr in Einsätze geschickt wird, in denen die Soldaten schießen müssen, ihr Leben riskieren? Afghanistan ist ja nicht der erste Fall unserer Zeit, wir hatten eine ähnliche Debatte, als die Bundeswehr damals auf den Balkan geschickt wurde. Das sind Einsätze, die die Seele eines Soldaten beschädigen können, nach denen zumindest kein Mensch so zurückkommt, wie er vorher war. Ich stelle die Bundeswehr in diesem Film allerdings auch nicht auf ein Podest, es geht mir nicht um Verherrlichung und falschen Pathos und auch nicht um ein unreflektiertes "united we stand"."

Sie schreiben, dass Sie Ansprechpartner hatten und die Bundeswehr Sie logistisch unterstützt hat. Wie war die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr?

FA: "Sie war insgesamt sehr gut. Im Vorfeld war es klarerweise recht gesprächsintensiv mit dem Verteidigungsministerium (BMVg) und der Bundeswehr. Im Einsatz, also während der Dreharbeiten lief alles sehr konstruktiv und pragmatisch. Vor der ersten Arbeit am Drehbuch konnte ich dank der Unterstützung der Bundeswehr und des BMVg zu einer intensiven Recherchereise nach Kunduz reisen. Diese allererste Reise hat den Grundstein für Vieles gelegt. Ich war in meinen Inhalten vollkommen frei und konnte unabhängig agieren. Zu keinem Zeitpunkt gab es eine inhaltliche Einmischung oder gar Steuerung durch das BMVg oder die Bundeswehr. Ich bekam vom Ministerium keine Inhalte vorgegeben und konnte frei bestimmen. Das spricht schon sehr für unsere Demokratie. In welchem Land wäre ein Filmprojekt wie unseres ohne inhaltliche Einmischung seitens des Ministeriums möglich? Das spricht schon sehr für Deutschland."

Wie kam das Material für Ihr Drehbuch zusammen?

FA: "Durch erzählte und persönliche Erfahrungen und Erlebnisse, Recherchereisen, Begebenheiten. Ich hatte einen ganzen Pool an Eindrücken und habe dann insgesamt zwei Jahre lang am Drehbuch geschrieben. Das Drehbuch destilliert diese Erzählungen, Erlebnisse und Eindrücke, fokussiert sie, setzt sie dramaturgisch um. Es ist die Essenz all dessen, was ich an Material gesammelt habe. Einiges auch durch sehr persönliche Erfahrung: Ich hatte tatsächlich einmal erlebt, wie ein afghanischer Soldat zur Strafe vor seinen Truppenkameraden verprügelt wurde und wir konnten nicht eingreifen. Das Schlimmste war dann, wie er zurück zu seinem Platz in der ANA-Truppe (Afghan National Army) gehen musste, diese Scham, dieser Schmerz in seinem Ausdruck. Ich habe mir die Frage gestellt, wie ist das, wenn man sich nicht einmischt, wie fühlt man sich in diesem Moment des Danebenstehens und Nicht-Eingreifens? Was ist in einer solchen Situation richtig und was falsch? Es hat mir großen Respekt abgerungen, vor welchen Zerreißproben unsere Soldatinnen und Soldaten im Einsatz oft stehen und welchem Entscheidungsdruck sie vor Ort ausgesetzt sind."

Sprachbarreren und Sprachlosigkeit zwischen den Menschen scheinen eine große Rolle in "Zwischen Welten" zu spielen.

FA: "Bei meinen Aufenthalten in Afghanistan war die Sprachlosigkeit einer meiner größten Eindrücke. Es war überraschend für mich, wie wenig Interaktion es manchmal zwischen Soldaten und den Menschen vor Ort gab. Aus teilweise sehr nachvollziehbaren Gründen. Ich bin bei Patrouillen mitgegangen und habe mir immer die Frage gestellt, wo und wie weit lassen wir uns auf Menschen ein, wenn wir nicht wissen, ob sie eine potentielle Gefahr für uns bedeuten oder nicht. Ich habe Ängste auf beiden Seiten gesehen, genährt durch Sprachbarrieren. Aber auch das Bedürfnis aufeinander zuzugehen und die Neugierde auf das Gegenüber, die eben auf beiden Seiten auch spürbar ist. Die Übersetzer übersetzen nicht einfach nur, sie sind Brückenbauer zwischen den Menschen. Sie vermitteln Empathie und Verständnis füreinander. Nach der Aufführung des Films in Recklinghausen sind fünf Afghanen aus dem Publikum auf mich zugekommen. Sie waren nach Deutschland geflohen. Einer von ihnen war so gerührt, dass er sagte: "You did so much for us, what can we do for you?""

Wie sehen Sie diese Anti-Kriegshaltung in der Gesellschaft, dieses "Nie wieder", das grundsätzliche Ablehnen eines jeden Einsatzes?

FA: "Eine jede Haltung hat ihren Platz in der Gesellschaft. Auch das "Nie wieder" hat seinen Platz, seinen Ort und seine Zeit, in der es seine Richtigkeit hat. Nur: Es gibt nun mal Kriege und Konflikte auf der Welt. Und wir dürfen unsere Augen nicht davor verschließen. Das geht nicht. Wir müssen die Konflikte beim Namen nennen. Wenn man als Gesellschaft politische Entscheidungen mitgetragen hat, dann darf man vor den Konsequenzen nicht die Augen verschließen. Wir müssen uns damit auseinandersetzen und "Zwischen Welten" ist ein Angebot an den Zuschauer, sich mit dem Afghanistan-Einsatz auseinandersetzen."

Im Abspann danken Sie auch dem Reservistenverband und seinem Präsidenten Roderich Kiesewetter.

FA: "Ich hatte Herr Kiesewetter lange vor den Dreharbeiten kennengelernt und ihm von meiner Idee erzählt. Er hat sofort seine Unterstützung und die des Verbandes zugesagt. Leider haben wir die Komparsen nicht nach Afghanistan einfliegen können, also ist die Szene mit den Reservisten eine der wenigen, die in Deutschland gedreht wurde. Wir haben uns recht unkompliziert an den Verband gewendet und sie haben uns sofort Komparsen zugesagt. Die Reservisten haben einen großartigen Job gemacht! Wir hatten alle nicht damit gerechnet! (lacht) Für die Szene hatten wir ganze zwei Takes gebraucht und dann war sie im Kasten. Unsere Schauspieler waren ein bisschen nervös, weil sie in der Szene strippen mussten. Aber unsere Reservisten haben so tolle Stimmung gemacht, dass die Angst unserer Schauspieler wie weggeblasen war und sie richtig Spaß an der Szene hatten."

Wie hat Afghanistan Sie persönlich verändert?

FA: "Je mehr ich von diesem Land und vor allem von der Situation, in der sich diese Menschen befinden, gesehen habe, desto mehr habe ich gelernt, die Dinge in Relation zu sehen. Ich bin natürlich älter geworden, ich bin zwischenzeitlich Mutter geworden. Aber mir wurde klar, in was für einer "rosa Blase" wir hier in Deutschland leben und dass Dinge wie Freundschaft, Leiden, Opfer oder Einsatz in Afghanistan einen ganz anderen Stellenwert besitzen. Und ich habe einiges gelernt, was wir Filmer von der Bundeswehr übernehmen können: klare Ansagen, klares Kommando, wie kompetent sie organisiert ist. Ich finde, die Bundeswehr könnte glatt Workshops in der Filmbranche dazu anbieten, wie man effizient und klar im Team kommuniziert."

Welchen Satz würden Sie den Zuschauern von "Zwischen Welten" mitgeben?

FA: "Vergesst nicht die Menschen in Afghanistan. Und vergesst nicht die Menschen, die in Afghanistan im Einsatz waren. Schaut hin. Es ist wie mit dem "Kleinen Prinzen": Wenn man einmal hingeschaut hat, dann kann man nicht mehr einfach wegsehen, sich umdrehen und gehen. Man hat Verantwortung füreinander übernommen. Und die will gelebt werden."

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Aladag.

Das Interview führte Andelka Krizanovic

Der Film "Zwischen Welten" läuft derzeit bundesweit in den Kinos – in welchen, das zeigt der Kino-Finder auf Facebook oder im Internet.

Bild 1: Ausschnitt aus dem Filmplakat von "Zwischen Welten"
(Bild: Majestic).

Bild 2: Regisseurin Feo Aladag hat ihren Film "Zwischen Welten" auf
Originalschauplätzenin Afghanistan gedreht
(Bild: Wolfgang Ennenbach / Majestic).

Bild 3: Bundeswehrsoldat Jesper und sein afghanischer Dolmetscher Tarik
(Bild: Wolfgang Ennenbach / Majestic).

Bild 4: Bundeswehrsoldaten nach ihrer Landung in Afghanistan
(Bild: Wolfgang Ennenbach / Majestic).

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