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„Ich verplemper hier nicht meine Zeit“




Mittwochmorgen im Dezember, 7.15 Uhr. Stockdunkel. Kalt. Nieselregen. Alles tropft: Der Himmel, die Fichten, die Kasernengebäude, die Fahrzeuge und die 15 Männer in Flecktarn. Es sind Reservisten, die sich zu Unteroffizieren ausbilden lassen. Männer aus allen Teilstreitkräften, unterschiedlichen Alters, mit verschiedenen, wenn auch vorläufigen Dienstgraden. Zum dritten Mal sind sie an der "Unteroffizierschule der Luftwaffe" (USLw) in Appen, aber nicht zum letzten Mal. Obwohl der Lehrgang am nächsten Tag beendet ist.

Die Ausbildung zum Unteroffizier der Reserve dauert circa vier Monate. Während dieser Zeit wechseln sich Fernausbildung und Präsenzausbildung ab. In der Fernausbildung erarbeiten sich die Lehrgangsteilnehmer den Ausbildungsstoff grundsätzlich selbst zuhause am Computer. Hierzu loggen sie sich auf einer Plattform im Internet ein, auf der sie ihre Lernmodule bearbeiten können. Darüber hinaus treffen sie sich als Gruppe mit ihrem Ausbilder, der zugleich auch ihr Teletutor ist, ein- bis zweimal in der Woche im sogenannten virtuellen Klassenzimmer. Dort werden sie über Kopfhörer und Mikrofon in verschiedenen Themen geschult. Zu Beginn, nach der Hälfte und am Ende der Ausbildung gibt es eine mehrtägige Präsenzphase an der USLw. Dort soll das in der Fernausbildung erarbeitete theoretische Wissen in die Praxis umgesetzt werden. Am vorletzten Tag des Lehrgangs stehen Kampfmittel- und Sportausbildung an. Den Rest des Tages verbringen die Reservisten damit, sich auf die Abschlussprüfung vorzubereiten. Allerdings muss nur einer – Stabsgefreiter Michael Schwundeck – diese bestehen, da die anderen Lehrgangsteilnehmer bereits einen vorläufigen Unteroffiziersdienstgrad haben und somit gemäß der aktuellen Soldatenlaufbahnverordnung nicht mehr geprüft werden dürfen.

Von Minen und Granaten
Die Gruppe marschiert in Formation zu ihrer ersten Station an diesem Tag: eine speziell für die Kampfmittelausbildung hergerichtete Halle. Geführt wird sie von einem der Teilnehmer selbst, denn genau das müssen diese lernen. Durch eine kleine Tür betritt man die Halle, in der ein sonderbarer Parcours angelegt ist: Ein mit Rindenmulch ausgelegter Rundweg führt an kleinen Bäumchen, Hügeln und einem Teich vorbei. Überall stecken Mörsergranaten und Minenschilder im Boden. In einem davon abgetrennten Bereich sind lange Tische aufgestellt, auf denen Handgranaten, Minen und andere Sprengkörper ausliegen. "Rund 160 Millionen Minen sind heute auf der Welt verteilt. Afghanistan ist mit sechs Millionen das meist verminte Land der Erde, Bosnien und Herzegowina das mit der höchsten Minendichte", sagt Christian Dähn zu Beginn seines Unterrichts. Der Oberfeldwebel ist Spezialist für Kampfmittelbeseitigung und jünger als viele der Teilnehmer. Trotzdem wirkt der 32-Jährige in mancher Hinsicht älter. Ruhig beobachtet er die Männer und wartet darauf, dass sie zur Ruhe kommen. Reihum dürfen die Teilnehmer einzelne Waffen in die Hand nehmen und näher betrachten, während Dähn Details über deren Technik verrät. Da gibt es Minen, die gänzlich aus Kunststoff sind und deshalb von Metalldetektoren nicht entdeckt werden können. Wie zum Beispiel die PPM-2, "die noch dazu wasserdicht ist und bei der NVA sehr beliebt war. Bis heute sind zwei kleine Flächen in Deutschland gesperrt, weil dort noch immer Minen vermutet werden", sagt Dähn. "Minen in der Erde sind wie Splitter in der Hand. Mit der Zeit arbeiten sie sich raus."

Kampfmittelerkennung
Bei der Ausbildung zur Kampfmittelerkennung geht es nicht um das Entschärfen oder Beseitigen von Minen oder dergleichen – das ist Aufgabe der Spezialisten. Was die angehenden Reserveunteroffiziere wissen müssen, ist, wie gefährlich die Sprengkörper sind. Deshalb benötigen sie Grundkenntnisse, um die Kampfmittel im Ernstfall erkennen und ihre Wirkung einschätzen zu können. "Minen funktionieren nicht, wie man es aus Filmen kennt. Dort steht man drauf, es macht Klick und dann darf man sich nicht mehr bewegen, bis sie entschärft worden ist. In Wirklichkeit steht man drauf und dann macht es Bumm", sagt Dähn. Die Teilnehmer nehmen es mit Humor. Dähn sagt auf Nachfrage nach dem Unterricht, das sei normal. Es solle ja auch keiner rausgehen und Angst vor dem Einsatz haben. Aber auf die leichte Schulter nimmt er es nicht. Die Scherze der Teilnehmer gewinnen ihm hin und wieder ein Lächeln ab, aber selbst dabei wirkt er ernst und nachdenklich.

"Nichts anfassen. Niemals anfassen."
Denn so faszinierend die Technik sein mag, so viel Erschreckendes steckt dahinter und Dähn erwähnt davon das ein oder andere: Zum Beispiel, dass eine Schützenabwehrmine für nur drei US-Dollar zu kaufen sei, das Räumen aber 1.000 US-Dollar koste. Seit 1997 hat sich Deutschland mit dem Ottawa-Abkommen dazu verpflichtet, solche Minen nicht mehr herzustellen, zu kaufen oder zu verkaufen und aktuelle Bestände zu vernichten. Die drei größten Hersteller – USA, Russland und China – haben das Abkommen allerdings nicht unterzeichnet. "Eine solche Mine mit der Fußspitze zu berühren, reicht völlig aus", sagt Dähn. Er zeigt eine weitere Mine, von der die meisten schon einmal gehört haben: eine kleine farbige Antipersonenmine, auch Schmetterlingsmine genannt. "Entgegen aller Behauptungen gibt es diese Minen nicht in rosa, sondern nur in schwarz, gelb, grün und braun. Aber es stimmt, dass die häufigsten Opfer Kinder sind, auch wenn die Minen nicht zu diesem Zweck konzipiert sind", sagt Dähn. Er reicht die Mine herum. Sie ist sehr leicht und sieht absolut ungefährlich aus: Wie ein seltsam geformtes Stück Plastik, das wohl viele aufheben würden, um sich einen Reim darauf zu machen, woher es kommt. Der darin enthaltene Sprengstoff ist flüssig und zündet selbst dann noch, wenn er schon teilweise ausgelaufen ist. Deshalb ist Dähns wichtigste Botschaft an die Gruppe: "Nichts anfassen. Niemals anfassen."

Fliegen lernen
Mittlerweile hat der Regen aufgehört. Allerdings tropft draußen noch immer alles und auch heller geworden ist es kaum. Zuflucht findet die Gruppe in der Turnhalle. Während es in der Halle mit den Kampfmitteln kälter war als draußen, ist es hier warm. Die Gruppe kann sich austoben, es erinnert ein bisschen an Schulzeiten: Erst müssen sich die Männer warmlaufen und einander dabei einen Ball zuwerfen. Dann fordert ihnen Diplomsportlehrer Holger Reetz auf blauen Gymnastikmatten alle Kräfte ab. Die Männer dehnen und strecken sich, ächzen und stöhnen. "Fliegen!", ruft Reetz und blickt reihum in die angestrengten Gesichter und auf die ausgestreckten hoch und runter schnellenden Arme, "Und halten!". Alle kommen zum Stillstand – dann müssen sie wieder fliegen. "Manche hier sind sehr fit. Nett sind immer alle, aber die Truppe hier ist richtig motiviert." Reetz ist nicht der erste, der das dieser Gruppe bescheinigt. Und es wird auch aus Äußerungen der Teilnehmer deutlich. Hauptfeldwebel der Reserve Holger Thien sagt dazu: "Ich verplemper hier doch nicht meine Zeit. Wir wollen hier alle bestehen und geben deshalb unser bestes."

Wie funktioniert der Lehrgang?
"Der Lehrgang kommt bei den Teilnehmern sehr gut an", sagt Oberstabsfeldwebel der Reserve Gerd Vösgen. Er ist für die Ausarbeitung des Konzepts zuständig. "Der Fernlehrgang wirkt entspannend auf das Verhältnis zum Arbeitgeber. Die merken, dass ihre Angestellten mit neuen Führungskompetenzen zurückkommen." Auch Stabsgefreiter Schwundeck sieht das so: "Der Lehrgang ist arbeitgeberfreundlich gestaltet, sonst hätte ich das nicht machen können. Ich bin gelernter Gas- und Wasserinstallateur und das Bundesamt für Personalmanagement hatte mich auf den Lehrgang geschickt. Meine Motivation war, dass ich zusätzlich was auf die Schulter bekomme", sagt er lachend. Der Lehrgang ist der erste für Unteroffiziere in Fernausbildung – bisher gab es den nur für Feldwebel. Die Mindestteilnehmerzahl ist zehn und der nächste Lehrgang ist bereits ausgebucht – mit Warteliste. Hauptmann Tobias Meßinger organisiert die Ausbildung und ist auch Teletutor für die Gruppen. Er bemüht sich, stets auf die Bedürfnisse der Teilnehmer einzugehen: Mit dem jetzigen Lehrgang hat Meßinger deshalb zwei Termine pro Woche vereinbart, damit jeder trotz hauptberuflicher Arbeit einmal teilnehmen kann. Manche würden sogar zu beiden Terminen im virtuellen Klassenzimmer erscheinen, sagt Meßinger. Und das obwohl die Teilnahme freiwillig ist. "Ein Kamerad kann sich keinen eigenen Computer leisten, der kriegt seine Aufgaben per E-Mail, damit er sie flexibler bearbeiten kann." Wem ein Headset oder eine Kamera fehlt, kann sich diese an der USLw ausleihen. Beide Ausrüstungsgegenstände sorgen während der Telekonferenzen immer wieder für Lacher: "Zum Beispiel wenn einer der Teilnehmer vergisst, sein Mikro auszustellen. Dann hört man manchmal die Ehefrau im Hintergrund rufen oder die Kinder, die fragen, was der Papa da gerade macht." Auch Meßingers Kinder finden es spannend, wenn ihr Vater mit dem PC redet. Seit 2014 ist der 40-Jährige auf dem Posten und im Prinzip für alles alleine zuständig. Er selbst hat sich in einem fünfmonatigen Fernlehrgang zum Teletutor ausbilden lassen. Dass die Arbeit ihm Spaß macht, sieht man ihm an, wenn er davon erzählt.

Prüfung bestanden
Stabsgefreiter Michael Schwundeck hat die Prüfung bestanden. "Sonst hätte meine Frau mir in den Hintern getreten, zumindest hat sie das angedroht." Bald wird er seine Ernennungsurkunde zum Unteroffizier der Reserve in Händen halten. Alle werden sich schon bald wieder in Appen sehen, um Feldwebel zu werden – vielleicht auch wieder im Regen bei typisch schleswig-holsteinischem Wetter.


 

(lima)

Bild oben: Bild: An der Unteroffiziersschule der Luftwaffe in Appen im Dezember (Foto: Livianne Smukalla).

2. Bild: Gemeinsam im Computerraum an der USLw. (Foto: Thomas Spengler).

3. Bild: Ausbilder Christian Dähn zeigt zwei Lehrgangsteilnehmern eine versteckte Mine (Foto: Detlef Struckhof).

4. Bild: Ausbilder Christian Dähn (Foto: Livianne Smukalla).

5. Bild: Zwei Lehrgangsteilnehmer untersuchen eine Granate (Foto: Detlef Struckhof).

6. Bild: Beim Sportunterricht (Foto: Detlef Struckhof).

7. Bild: Ausbilder und Teletutor Tobias Meßinger (Foto: Detlef Struckhof).

8. Bild: Bei der Prüfungsvorbereitung im Seminarraum (Foto: Deltef Struckhof).

9. Bild: In Formation durch die Marseille-Kaserne (Foto: Thomas Spengler).
 

Info:
Reservisten können sich zu den streitkräfteübergreifenden Unteroffiziers- und Feldwebellehrgängen melden. Dazu benötigen sie eine Beorderung. Wenn die gesundheitlichen Voraussetzungen erfüllt sind, kümmert sich das Bundesamt für Personalmanagement der Bundeswehr um alles weitere. Die Module müssen innerhalb von drei Kalenderjahren durchlaufen werden. Daran scheitert es gelegentlich, zum Beispiel weil Ausbildungsmodule ausfallen, der Arbeitgeber nicht mitspielt oder eine Erkrankung die Teilnahme verhindert, denn die Präsenzzeiten sind Pflicht. Eine Einstellung mit vorläufigem höherem Dienstgrad ist möglich. Das Alter ist nachrangig. In den aktuellen Lehrgängen sind die Reservisten zwischen 26 und 59 Jahre alt.
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