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Kameradschaft: Das Wertvollste an der Front




Sie ist mehr als ein Paragraph. Mehr als nur Teamgeist. Ich habe sie als Zugführer im Kampfeinsatz erlebt. Die Kameradschaft hat meine Soldaten und mich Situationen durchstehen lassen, an denen andere gescheitert wären.

Von Hauptfeldwebel Jan Hecht

Als ich im Jahr 2009 meinen Panzergrenadierzug auf den Einsatz in Afghanistan vorbereitete, war ich unsicher, wie ich die kurze Ausbildungszeit bestmöglich nutzen sollte. Ich fragte meinen Kompaniechef um Rat. Er führte uns in den Einsatz, der zugleich mein letzter sein sollte, und ich hatte volles Vertrauen in seine Meinung. Doch seine Antwort war ernüchternd: "Fachlich können Sie in der kurzen Zeit nicht mehr viel erreichen", sagte er. "Kümmern Sie sich besser um die Gemeinschaft. Das bringt unglaublich viel. Gehen Sie mit den Männern klettern, fordern Sie sich gemeinsam, haben Sie zusammen Spaß." So machten wir es, und mein Zug, der im Kern bereits seit drei Jahren bestand, rückte noch enger zusammen. Meine Gruppenführer und ich wurden nicht müde, die Männer auf das gemeinsame Ziel einzuschwören. Wir würden ungeachtet der schwierigen Rahmenbedingungen das Bestmögliche geben und zusammenstehen, egal, was uns erwartete.

Jeder Soldat fand seinen Platz, jeder hatte eine besondere Stärke, die er einbringen konnte. Unsere Schwächen wurden wie selbstverständlich untereinander ausgeglichen. So wie die einzelnen Finger einer Hand schwach, zur Faust geballt aber stark sein können, schlossen wir unsere Reihen. Ja, auf diese Weise schotteten wir uns in alle Richtungen nach außen stärker ab. Für unsere Zwecke aber taten wir das Richtige.

Im April 2009 flogen wir nach Masar-i-Scharif und stellten dort mit den üblichen vorbereitenden Maßnahmen die Einsatzbereitschaft her. Der Kommandeur unseres Verbands, der Quick Reaktion Force (QRF) 3, wies immer wieder auf die Bedeutung unseres Einsatzes und seine Intensität hin. Wir würden kämpfen müssen, sagte er, und es gebe für uns keine Garantie, diesen Auftrag unbeschadet zu überstehen. Dies war uns allen bewusst, und wir gingen den gefährlichen Einsatz gemeinsam an. Wir wussten: Unsere über lange Zeit gewachsene Kameradschaft würde in Afghanistan einer harten Prüfung unterzogen werden.

Alle blieben bei der Stange
Wenige Tage später fiel ein Soldat der Schutzkompanie Kundus in einem Hinterhalt. Soldaten unserer Heimatkompanie in Bad Salzungen wurden am selben Tag angesprengt und verwundet. Der Krieg, auch wenn er damals nur hinter vorgehaltener Hand so genannt wurde, war ganz nah. Jedem Soldaten wird in dieser Situation bewusst, dass es auch ihn treffen, dass er verwundet werden oder fallen kann. Für meinen Zug war es bald soweit. Als ich die Männer darüber informierte, dass wir die Kräfte in Kundus verstärken würden, hatte ich mit Sicherheit Soldaten vor mir, die daran zweifelten, ob sie tatsächlich in den Krieg ziehen wollten, jetzt wo es so konkret wurde. Vielleicht hatten sie sogar Sorge oder Angst um ihr Leben. Mir gegenüber äußerte das aber niemand. Jedem war klar, dass wir in Kundus gebraucht würden. Alle blieben bei der Stange.

Das Feldlager in Kundus war verhältnismäßig klein. Es lag auf einem Plateau mit Blick auf die Stadt und das grüne Tal des Kundus-Flusses. Unten wurden unsere Truppen beinahe täglich mit wechselnder Intensität angegriffen. Über jeden Angriff wurde das gesamte Lager über Funk informiert. "Blitzschlag! Angriff auf eigene Kräfte außerhalb des PRT", schallte es dann aus den Lautsprechern. Alle im Lager verfolgten die Ereignisse vor den Toren, boten ihre Unterstützung an und waren bereit, mit "rauszuverlegen".  Einen Unterschied zwischen Patrouillensoldaten und Lagersoldaten gab es damals nicht. Ging es nach "draußen", bekamen wir jegliche Unterstützung. Die Fahrzeuge wurden bis in die Nacht hinein instandgesetzt und gewartet, um sie am nächsten Morgen wieder einsatzbereit zu haben. Die Küche war jederzeit bereit, etwas Frisches zuzubereiten. Alle saßen in einem Boot. Das veränderte vieles. Auch die Kameradschaft.

Bis dahin unbekannter Grad der Kameradschaft
Ich habe das alles schon anders erlebt und kenne die Konflikte zwischen Soldaten, die ihren Dienst innerhalb des Feldlagers verrichten, und denen, die raus müssen. In Kundus war das anders. Im Zentrum eines gefährlichen Einsatzes habe ich einen bis dahin mir unbekannten Grad an Kameradschaft erlebt. Das galt auch für meinen Zug.

Wir führten unsere ersten Gefechte, und es tat gut zu sehen, dass wir ihnen gewachsen waren. Man ist in einer Gefechtssituation nur bedingt Herr der Lage. Es liegt nicht allein in unserer Hand, ob wir Verluste erleiden oder nicht. Was wir tun können, ist zu jeder Zeit unser Bestes zu geben, unseren Standards, unseren Drills zu folgen und uns gegenseitig zu unterstützen. Die Kameradschaft gewann mit jedem Gefecht an Bedeutung. Sie war nun unsere Lebensversicherung. Am 4. Juli sollte sich besonders deutlich zeigen, was sich hinter diesem oft und teilweise missbräuchlich benutzten Begriff verbirgt.

Wir mussten einem Spähtrupp zu Hilfe eilen, der vom Feind eingeschlossen worden war. Ihm drohte die Vernichtung. In der ersten Phase des langen und intensiven Gefechts warf sich eine Gruppe meines Zuges dem Feind entgegen und stoppte seinen Angriff. Dabei stellte sich der Gruppenführer (Hauptfeldwebel Daniel Seibert, später mit dem Ehrenkreuz der Bundeswehr für Tapferkeit geehrt, siehe loyal 4/2010; Anm. d.Red.) selbstlos einer Duellsituation mit dem Gegner und ermöglichte so, dass der Spähtrupp auf unsere Stellung ausweichen konnte. Es sind aber nicht nur herausragende Einzelleistungen, die Kameradschaft prägen. Es sind die kleinen Dinge, die jederzeit wie selbstverständlich geschehen. Als wir Stunden später auf dem Rückweg zur Polizeistation Chahar Darreh waren, gerieten wir entlang des gesamten Konvois in einen gut vorbereiteten Feuerüberfall. Uns blieb nichts weiter übrig, als das Feuer zu erwidern und uns dabei schnellstmöglich aus der Angriffszone zu bewegen. Unser Ziel war es, absitzen zu können und das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen.

Panzerfaustraketen zischten zwischen unseren Fahrzeugen hindurch, es hagelte Gewehrkugeln. Die Fahrer trieben die Autos auf den schmalen Wegen vorwärts, obwohl sie aufgrund der Staubentwicklung kaum etwas sehen konnten. Wäre ein Fahrzeug liegen geblieben, hätte das den sicheren Tod für seine Besatzung bedeutet. Die Fahrer hielten in diesem Augenblick im wahrsten Sinne des Wortes unser Leben in ihren Händen. Wir vertrauten ihnen, so wie sie uns vertrauten, wenn wir in anderen Situationen die Flanken der oft exponierten, weit sichtbaren Fahrzeuge abgesessen schützten. Noch immer unter schwerem feindlichem Feuer hatte das Turmmaschinengewehr meines Fahrzeugs eine Störung. Ohne zu zögern tauchte der Richtschütze über der Panzerung auf und behob die Störung. Er zog das Feuer auf sich, doch nur der Munitionskasten, an dem er arbeitete, wurde getroffen. Nichts auf dieser Welt war für uns in diesem Moment wichtiger als seine Handgriffe. Wir fühlten, er tat es für uns, für den Zug, er riskierte alles und schonte sich nicht.

Keiner der Soldaten erwartete später Dankbarkeit
Diese Beispiele, die sich in kurzer Zeit auf engstem Raum abspielten, zeigen, wie alles ineinandergreift. Keiner der Soldaten erwartete später Dankbarkeit. Sie leisteten wie selbstverständlich ihren großartigen Beitrag für eine gemeinsame Sache, für ein gemeinsames Ziel. Dennoch machten sich am Ende des Tages bei einzelnen Soldaten des Zuges Zweifel breit. Sie fragten sich, ob sie ihrem Auftrag weiter gewachsen seien. Wir redeten darüber, und es wäre ein Leichtes für sie gewesen, diese Frage mit "Nein" zu beantworten. Sie taten es nicht. Sie fuhren am folgenden Tag wieder raus. Sie wussten um ihren Platz im Zug, wussten, dass es auf sie ankommt, dass sie gebraucht wurden, dass ihre Kameraden sie brauchen. Fern der Heimat sind die Kameraden oft das einzig Wichtige, das wir haben.

Mein Stellvertreter konnte nicht weitermachen. Er brach zusammen. Sein Anblick war schockierend, als ich ihn im Lazarett besuchte. Weinend und zitternd erklärte er mir, dass er alles versuchte hätte, aber nun nach Hause fliegen müsse. Während seiner Behandlung im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg sollte sich herausstellen, dass der Gedanke, den Zug zu verlassen, eine der größten Belastungen für ihn war. Er wollte seine Kameraden nicht im Stich lassen.

Das Wir-Gefühl bildet den Schlüssel zum Erfolg des Zuges
Das Verhältnis zwischen Einsatzsoldaten ist ein ganz besonderes. Wer einmal erlebt hat, wie belastbar und tragfähig die Kameradschaft im Einsatz werden kann, gewinnt unerschütterliches Vertrauen in sich und seine Gruppe. Die Kameradschaft erzeugt eine ungeahnte Dynamik, sie treibt an. Die Einsatz- und Opferbereitschaft der anderen fordert den Einzelnen geradezu heraus, etwas Gleichartiges zurückzugeben. Das Wir-Gefühl bildet den Schlüssel zum Erfolg des Zuges. Es ist so wichtig wie die Kenntniss der Gefechtsarten und das Beherrschen von Ausrüstung und Handwaffen.

Treffen mit Einsatz-Kameraden etwas Besonderes
Nach dem Einsatz sind alle in ihre Familien, ihren Freundes- und Kollegenkreis zurückgekehrt. Ein Treffen mit den Kameraden aus dem Einsatz ist aber bis heute etwas Besonderes geblieben. Schnell wird im Detail über das Erlebte gesprochen, viel intensiver als mit den Eltern, dem Ehepartner oder mit Freunden. Das hat nichts mit Ausgrenzung zu tun. Es ist die Gewissheit, dass es Dinge gibt, die nur jemand uneingeschränkt verstehen kann, der sie selbst erlebt hat.

Am Ende des Films "Black Hawk Down" bringt das einer der Hauptcharaktere, Norm "Hoot" Gibbson, auf den Punkt: "Wenn ich nach Hause komme", sagt er, "und man fragt mich: "Hey, Hoot, warum machst du so etwas? Warum? Bist du ein Kriegsjunkie?" Dann werde ich schön die Schnauze halten. Und warum? Weil sie es nicht verstehen würden. Sie würden nicht verstehen, warum wir das tun. Sie würden nicht verstehen, dass es um einen Kameraden geht. So einfach ist das. Nur darum geht es."

Bild oben:
Hauptfeldwebel Jan Hecht arbeitet heute als Pressefeldwebel
im Joint Forces Command der Nato in Brunssum.
(Foto: Jonas Ratermann/loyal)

Symbolbild Mitte:
Fahrzeugkonvoi der Bundeswehr in Afghanistan.
(Foto: Bundeswehr/Bienert via flickr.com)

Bild unten:
Im Feldlager bespricht Hauptfeldwebel Jan Hecht (r.) mit
seinen Gruppenführern eine Patrouille. (Foto: Bundeswehr)

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