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Kampfmittelbeseitiger: Das Leben hängt an einem Draht




Peter Kotschura lernte bei der Bundeswehr, Bomben zu entschärfen. Der gefährliche Job wird für den Reservisten zur Lebensaufgabe – trotz einer tragischen Explosion. Ein Beitrag aus der "loyal"-Ausgabe 12/2013 von Antonio Lagator.

"Achtung! Betreten verboten!" steht auf den Schildern, die Polizisten im Sommer 1990 nahe Wetzlar aufstellen. Die Strömung der Dill, ein kleiner Fluss unweit der mittelhessischen Stadt, hat nach Jahrzehnten eine 500 Kilogramm schwere amerikanische Fliegerbombe freigespült. Die Altlast aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs muss entschärft werden. Das Gebiet wird abgeriegelt. Dann klettern drei Kampfmittelbeseitiger in Gummistiefeln und überdimensionierten Gummihosen ins Flussbett. Einer von ihnen ist Peter Kotschura. Seine beiden Kollegen knien vor der Bombe, als Kotschura ihnen eine Ausziehpresse reicht. Das Werkzeug soll den Zünder von der Sprengladung trennen. Routinearbeit. Doch als sich Peter Kotschura gerade in Deckung begibt, kracht es. Die Explosion der 500-Kilogramm-Bombe wirft ihn zu Boden. Der Chef des Kampfmittelräumdienstes Hessen und sein Stellvertreter sind auf der Stelle tot. Kotschura kommt mit Verletzungen davon. Seitdem trägt er ein Hörgerät. Warum die Bombe im Sommer 1990 explodierte, hat der damals 41 Jahre alte Kampfmittelräumer nie herausfinden können. Aber er erfährt in den kommenden Monaten etwas über sich selbst. Auch ein tragisches Ereignis, das zum Tod zweier Kollegen geführt hat, kann ihm die Leidenschaft für seinen Beruf nicht nehmen.

Noch etwa 100.000 Bomben und Luftminen unentdeckt
Als Bombenentschärfer zu arbeiten ist grundsätzlich lebensgefährlich. Doch in Deutschland werden solche Leute noch auf Jahrzehnte hin benötigt. Im Erdreich von Flensburg bis Garmisch schlummern noch etwa 100.000 Bomben und Luftminen aus dem Zweiten Weltkrieg. Ihre Zündsysteme sind inzwischen 70 Jahre alt und brüchig. Die Gefahr von Selbstdetonationen steigt Jahr für Jahr. Darum sind Kampfmittelexperten wie Kotschura sehr gefragt. In den Fokus geraten sie vor allem, wenn spektakuläre Entschärfungsaktionen für Aufsehen sorgen, zuletzt in Dortmund.

Zu wenig Bombenräumer
Anfang November wurde eine 1,8 Tonnen schwere Luftmine aus einem Industriegebiet geborgen, 30.000 Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen. Die Kampfmittelbeseitiger erledigten ihre Arbeit ohne Zwischenfall, am Nachmittag war die Gefahr gebannt. Doch gute Nachrichten wie diese täuschen darüber hinweg, dass es zu wenige Bombenräumer in Deutschland gibt, um die explosiven Überreste des Krieges und damit die im Boden schlummernde Gefahr in absehbarer Zeit aus dem Weg zu schaffen. Bei gleichbleibender Räumgeschwindigkeit, so schätzen Experten, kann es noch bis zu 50 Jahre dauern, bis alle Bomben der US-amerikanischen und britischen Luftflotten entschärft worden sind.
 
Immer gefasst auf Bombenfunde
Es ist Herbst 2013. Peter Kotschura stapft über einen brachliegenden Acker nahe Fulda, er ist mittlerweile 64 Jahre alt. Kalter Wind weht über das Land, die Sonne scheint klar. Mit Fähnchen hat er das zweieinhalb Hektar große Feld in rechteckige Bereiche unterteilt. Hier soll demnächst ein Baugebiet entstehen. Kotschura hält einen Sensor in den Händen und arbeitet sich Schritt für Schritt vor. Am unteren Ende der Tragestange sitzt ein ovaler Magnet, mit dem sich Metalle orten lassen. Plötzlich schlägt die Anzeige aus. "Eine Anomalie", sagt Kotschura und winkt einen Kollegen mit einem Bagger heran. Vorsichtig gräbt er mit der Schaufel einen halben Meter tief in den Boden, immer darauf gefasst, auf explosive Munitions- oder Bombenreste stoßen zu können. Doch der Bagger legt nur verrostete Drähte und Teile eines Pflugs frei. Keine Gefahr. Entwarnung.

Immer in Kontakt mit der Bundeswehr
Die Karriere als Kampfmittelbeseitiger beginnt für Peter Kotschura vor über 40 Jahren in der Bundeswehr. Als Soldat begeistert sich der gebürtige Hesse für Spreng- und Waffentechnik. Er verpflichtet sich als Zeitsoldat und bleibt für 13 Jahre. Nach Verwendungen als Panzeraufklärer und bei den Panzergrenadieren wird er schließlich an der Technischen Schule des Heeres in Aachen in seinem Traumberuf ausgebildet. Er wird Kampfmittelbeseitiger. Die Begeisterung für sein Handwerk und die Verbundenheit zu den Streitkräften bleiben für Kotschura nach dem Ende seiner aktiven Soldatenzeit prägend. Als nunmehr zivil beschäftigter Kampfmittelbeseitiger identifiziert, hebt und räumt er die Sprengkörper der Vergangenheit. Die Bundeswehr bleibt für ihn ein wichtiger Ansprechpartner. Als Reservist nimmt er regelmäßig an Wehrübungen teil, bis der Mobilmachungsposten des heutigen Oberfeldwebels der Reserve 2011 aufgelöst wird. Parallel dazu besucht Kotschura immer wieder Bundeswehrlehrgänge, bei denen er sich mit den aktiven Soldaten über die neuesten Entwicklungen im Bereich der Waffen- und Sprengtechnik austauscht.

Vier Monate in Angola
Als seine Kollegen der Bombe in Wetzlar zum Opfer fallen, sieht es zunächst so aus, als ob Kotschura den Beruf des Kampfmittelbeseitigers an den Nagel hängen müsste. 1998 wird er arbeitslos, weil das Land Hessen den Vertrag mit der Firma, bei der er beschäftigt ist, kündigt. Doch Kotschura kann sich ein Leben ohne sein Handwerk nicht vorstellen. Dem Tipp eines befreundeten Feuerwerkers folgend ergreift er noch im selben Jahr die Möglichkeit, wieder einzusteigen. Er fliegt im Auftrag einer Hilfsorganisation für vier Monate zum Minenräumen nach Angola. Dort findet sich Kotschura in einer neuen Rolle wieder. Mitten in dem von jahrzehntelangen Kämpfen gezeichneten Staat in Südwestafrika leitet er eine Gruppe frisch angelernter angolanischer Kampfmittelräumer. Das Team befreit Straßen und Brücken von heimtückischen Sprengfallen. Die Angolaner legen die Minen frei, Kotschura entschärft sie.

Sprengfallen erschweren Arbeit
Die Räumung läuft anders ab, als es der Kampfmittelbeseitiger aus Deutschland gewöhnt ist. Auf Magnetsensoren wie auf dem Acker bei Fulda muss er verzichten. Zu groß ist die Gefahr, dass sich der Teleskoparm beim Schwenken in einem Stolperdraht verfängt und eine Sprengfalle auslöst. Stattdessen arbeitet Kotschura meist kniend oder kriechend. Bei der mühseligen Tätigkeit in der Hitze muss das Team zudem stets die Straßenseiten im Blick halten. Dort hat die Vegetation Stolperdrähte und Sprengfallen überwuchert.

Brenzlige Situationen
Um an die Minen heranzukommen, verwenden die Kampfmittelbeseitiger in Kotschuras Team bis zu 70 Zentimeter lange Stecknadeln. Da die Minenzünder meistens mittig an den Sprengkörpern angebracht sind, stechen sie die Nadeln schräg in Richtung Mine. Kotschura überwacht stets mit Argusaugen, dass sich die Männer strikt an die Sicherheitsvorkehrungen halten. Dennoch kommt es immer wieder zu brenzligen Situationen. Einmal stößt das Team auf eine Mine, deren Sicherungsstift schon fast herausgelöst ist. Die geringste Berührung würde reichen, die Sprengladung zu aktivieren. "Ich hab dann einfach den Schlagbolzen festgehalten und den Sicherungsstift wieder in die Sprengladung gedrückt", erklärt Kotschura trocken. Während seines viermonatigen Einsatzes konnten er und sein Entschärferteam zahlreichen Menschen eine Existenzgrundlage zurückgeben. Neben den für den lebenswichtigen Warentransport freigeräumten Straßen und Brücken hatten Kotschura und sein Team auch zahlreiche Äcker durchkämmt, die im Krieg vermint worden waren. Dafür sind die Angolaner dem Helfer aus Deutschland bis heute dankbar.

Keine Bombenfunde – Baugebiet kann kommen
Auf dem Feld bei Fulda geht der Arbeitstag von Peter Kotschura zu Ende. Bomben hat er keine gefunden. Das Baugebiet kann kommen. Eigentlich könnte der 64 Jahre alte Oberfeldwebel d. R. aus Romrod in Rente gehen. Stattdessen hat er sich gerade selbstständig gemacht. Nun springt er ein, wenn die Kollegen aus seiner alten Firma überlastet sind. Ein Leben ohne seinen gefährlichen Beruf kann sich Kotschura nicht vorstellen. Und in Deutschland warten noch 100.000 unentschärfte Bomben.

Bild oben: Szene einer Bombensuche: Reservist Peter Kotschura
kontrolliert mit einem Kollegen einen Acker bei Fulda.
Dort soll ein Baugebiet entstehen (Foto: Antonio Lagator, loyal).

2. Bild: Der Suchdurchgang wird auf dem Computer ausgewertet.
Rote Flächen auf der Computerkarte weisen auf Spuren von
leitfähigen Gegenständen hin (Foto: Antonio Lagator, loyal).

3. Bild: Mit einem Magnetsensor untersucht Peter Kotschura
die Fundstelle genauer (Foto: Antonio Lagator, loyal).

4. Bild: Gefunden wird ein verrosteter
Metallsplitter – keine Bombe
(Foto: Antonio Lagator, loyal).

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