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Mein Opa war kein Held, er war ein Mensch

Vor 75 Jahren ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Die Erinnerung an die Gräuel dieses Krieges bleibt wichtig, auch über dieses Gedenkjahr hinaus. Die Auseinandersetzung mit den Geschehnissen kann schmerzhaft sein – vor allem wenn es um die eigene Familie geht. loyal-Redakteur Benjamin Vorhölter, Jahrgang 1985, hat sich dem Geschehen gestellt. Sein Großvater war bei der Wehrmacht und hat an der Ostfront gekämpft. Doch was genau hat der Großvater erlebt? Warum hat er darüber schwer sprechen können? Versuch einer Annäherung.

Mit 19 Jahren fuhr der Opa von Redakteur Benjamin Vorhölter als Angehöriger der 329. Infanterie-Division im Jahr 1942 mit dem Zug an die Front, in den Kessel von Demjansk.

Foto: privat

Mein Opa wäre in diesem Jahr 97 geworden. Er hätte sicher 75 Jahre Frieden miterlebt. Ob er den 8. Mai oder den Volkstrauertag zum feierlichen Gedenken genutzt hätte, weiß ich nicht. Mein Opa wäre sicher in die Kirche gegangen. An einer Gedenkfeier hätte er wohl nicht teilgenommen. Das lag vermutlich daran, dass die Erinnerung schmerzhaft war. Sie hätte jede Menge Überwindung gekostet. Es hätte bedeutet, sich die Gräuel, das Leid, Elend und Erlebte immer und immer wieder vor Augen zu führen. Ich weiß nicht, ob mein Opa jemals einen Weg gefunden hat, mit dem, was er im Zweiten Weltkrieg erlebt hat, fertig zu werden. Vermutlich ja, vermutlich nicht. Er hat seine Erinnerungen in eine Schublade tief in seinem Inneren verschlossen. Dort sollten sie bleiben. Wenn er uns Enkeln etwas vom Zweiten Weltkrieg erzählt hat, handelten die Geschichten meist um grundlegende Bedürfnisse wie winterfeste Kleidung und Essen. Eine Erzählung handelte davon, wie er und seine Kameraden vor lauter Hunger einen Hund geschlachtet hatten.

Mein Opa arbeitete bei der Post. Seine Hoffnung, als Postbediensteter dem Krieg zu entkommen, währte nicht lange. Spätestens seit dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 brauchte die Wehrmacht buchstäblich jeden Mann. Opas Jugend war wie für so viele Jungen in seinem Alter vorbei. Mit 19 Jahren fuhr er als Angehöriger der 329. Infanterie-Division, nach ihrem Wehrkreis Hamm/Münster auch „Hammer-Division“ genannt, im Jahr 1942 mit dem Zug an die Front, in den Kessel von Demjansk. Nach mehreren Verwundungen und Lazarettaufenthalten schickte man ihn 1944 zurück an die Kurland-Front in Westlettland. Dort geriet er in russische Kriegsgefangenschaft. 1948 durfte er heimkehren. Mein Opa hat nicht viel über sein Leben als Soldat erzählt. Ich habe mich immer gefragt, was es bedeutet, im Krieg zu sein.

Als Kind war ich froh, dass Opa ihn überlebt hat. Heute versuche ich mehr über diese Zeit herauszufinden. Ich versuche zu ergründen, was mein Opa in Demjansk oder im Kurland-Kessel erlebt haben könnte. Eines weiß ich schon jetzt: Er wollte diesen Krieg nicht, trotzdem war er mit dabei. Er ist Opfer und Täter zugleich. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was es bedeutet, die eigene Jugend im Schützengraben und das eigene Leben für ein verbrecherisches Regime, das Millionen von Menschen auf dem Gewissen hat, hinzuhalten. Hatte Opa Schuldgefühle? Ich weiß es nicht. Fest steht, es lag häufig etwas Unausgesprochenes in seinen Erinnerungen an den Krieg. Er konnte nicht viel darüber reden. Vielleicht in der Hoffnung, dass das Unausgesprochene – wie seine Erinnerungen – tief begraben bleibt.

Im Zweiten Weltkrieg gab es keine Helden

Heute leben wir in einer Zeit, in der sich Menschen in die Öffentlichkeit stellen und das Nationalsozialistische Regime als „Vogelschiss“ in der Geschichte bezeichnen, in der immer noch Ideale von so genannten „wahren und tapferen Kämpfer“ hervorgehoben werden. Ich behaupte, diese Ideale hat es so nicht gegeben. Wenn mir mein Opa mit seinen wenigen Erzählungen eine Botschaft vermittelt hat, dann diese: Im Zweiten Weltkrieg gab es keine Helden. Es gibt nichts, worauf man stolz sein kann und muss. Im Gegenteil, es war eine Zeit, die unendliches Leid hervorbrachte. Das gilt insbesondere für die Zivilbevölkerung, aber auch für die Angehörigen der unterschiedlichen kämpfenden Verbände.

75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Krieges gibt es nur noch wenige Zeitzeugen, die aus erster Hand über den Wahnsinn berichten können. Da ich meinen Opa nicht mehr fragen kann, habe ich mich auf die Suche nach Büchern, Dokumenten und Akten zu den Geschehnissen bei den Schlachten um Demjansk und den Kurland-Kessel gemacht. Dabei bin ich auf ein Projekt des Deutschen Historischen Instituts Moskau in Zusammenarbeit mit der Archivagentur der Russischen Föderation, dem Präsidenten der Russischen Historischen Gesellschaft und Vorsitzenden der Staatsduma, Sergej Naryškin, sowie mit dem Zentralarchiv des russischen Verteidigungsministeriums (CAMO) gestoßen. Das DHI hat die im russischen Zentralarchiv gelagerten Kriegsakten, von der Roten Armee erbeutet, digitalisiert. Sie geben Einblick in alle wesentlichen Führungs-, Kommando- und Entscheidungsebenen der Wehrmacht, der Waffen-SS sowie in die Arbeit der Reichsministerien. Der Großteil des Materials ist den Geschehnissen an der Ostfront gewidmet. Diese Akten belegen die von deutschen Soldaten begangenen Grausamkeiten in den besetzten Gebieten der Ostfront.

Einem Befehl des Kommandierenden Generals des II. Armeekorps, der als Teil der Heeresgruppe Nord im Kurland-Kessel kämpfte, aus dem Jahr 1944 ist zu entnehmen, dass es verstärkt zu Plünderungen durch deutsche Soldaten gekommen war. Diese überfielen Höfe im Frontgebiet, stahlen Vieh, Futter, Schmuck und Wertgegenstände. Gebäude wurden abgebrannt. Offenbar kam es dabei auch zu Übergriffen auf die einheimische Bevölkerung. Ein Hinweis darauf gibt die Überschrift des Befehls: „Aufrechterhaltung der Disziplin und Manneszucht“. Eindeutig geht das nicht aus dem Dokument hervor. Was allerdings deutlich wird, ist, dass die Wehrmacht unterschiedlich mit Disziplinlosigkeiten umgegangen ist. Die Strafen bestanden bei Diebstahl auf Geld- bis hin zu Gefängnisstrafen. Härter bestraft wurde das unerlaubte Verlassen der Truppe, worauf die Todesstrafe stehen konnte. Eines zeigt das Dokument auch: Die Wehrmacht förderte den massenhaften Abtransport von Vieh, Lebensmitteln und Arbeitskräften, auch um die Versorgung der Truppe gewährleisten zu können. Die Plünderungen, die zum Teil nicht nur von einzelnen Soldaten, sondern auch von den dafür zuständigen Stellen der Wehrmacht begangen wurden, entsprachen der ideologisch propagierten Eroberung des Lebensraumes Ost.

Einblick in die kalte Bürokratie des Krieges

Die vom DHI digitalisierten Findbücher geben einen Einblick in die kalte Bürokratie des Krieges. Es lassen sich zahlreiche Befehle, Ausbildungsvorschriften, Handlungsanweisungen, Berichte über Feindbewegungen, Lagekarten und Vorschriften zur Lagerung von Material, Munition, Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände finden. Man stößt auf nationalsozialistische Propaganda, Durchhaltebefehle und -parolen und Hinweise auf Kriegsverbrechen.

Ein Befehl des Heeresarztes vom 30. April 1943 zum Umgang mit psychisch geschädigten Soldaten zeugt von dem menschenfeindlichen Verständnis, das auch in der von der nationalsozialistischen Ideologie durchsetzten Wehrmacht an der Tagesordnung war. Demnach drängte der Heeresarzt auf die „rechtzeitige Erfassung, richtige Behandlung und Verwendung von Soldaten mit seelisch-nervösen Störungen, insbesondere von Kriegsschüttlern, Soldaten mit psychogenen Lähmungen, […] kurz der ‚Kriegsneurotiker‘“. Allein der Begriff „Kriegsneurotiker“ markierte eine abwertende Haltung gegenüber Soldaten, die aus Angst um ihr Leben, aus Überforderung aufgrund von Stress und Schlafmangel oder aufgrund von traumatischen Erlebnissen seelisch und körperlich litten. Die so genannten „Kriegsneurotiker“ sollten auf keinen Fall „schlechte“ Moral in der kämpfenden Truppe verbreiten. Angst zu haben, passte nicht zur nationalsozialistischen Propaganda des kühnen Helden. Der Heeresarzt warnte vor einer „psychischen Infektion“, als handelte es sich bei seelischen Schäden um einen hochgefährlichen Virus. Diese Vorstellung entsprach den ideologischen Vorstellungen der nationalsozialistischen Rassenhygiene. Die Nationalsozialisten betrachteten seelisch kranke Menschen als minderwertig. Viele von ihnen, darunter auch Homosexuelle, Prostituierte, Alkoholiker, landeten im Konzentrationslager.

Vorgehensweise bei seelischen Verwundungen

Der Heeresarzt mahnte in seiner Handlungsanweisung davor, seelisch kranke Soldaten zu schnell ins rückwärtige Einsatzgebiet zu transportieren, da diese Praxis es für psychisch nicht absolut gefestigte Soldaten einfacher machen würde, sich dem Fronteinsatz zu entziehen. Empfohlen wurde eine Behandlung in einem Feldlazarett, um die betroffenen Soldaten so schnell wie möglich wieder an die Front schicken zu können. Die Anweisung des Arztes untersagte ausdrücklich, dass Soldaten mit schwerwiegenden Traumata zu weit ins rückwärtige Gebiet verlegt werden und verbot sogar, dass sie außer „in einzelnen behandlungsrefraktären Fällen“ zurück in die Heimat geschickt werden. So sollte verhindert werden, dass „Kriegsneurotiker“ Argumente für „Drückeberger“ lieferten, die einem Fronteinsatz entgehen wollten.

Bemerkenswert ist, was nicht in der Handlungsanweisung steht: nämlich die Fürsorge für den Soldaten als Individuum, die heutzutage Grundlage einer verantwortungsvollen Menschenführung ist. Soldaten, die enormen psychischen Stress ausgesetzt waren, Panikattacken und Zitteranfälle erlitten haben, waren häufig nicht mehr in der Lage, eine Waffe zu bedienen und konnten sich bei einem Angriff des Feindes nicht mehr verteidigen. Indem man versuchte, seelisch beeinträchtigte Soldaten so schnell wie möglich an die Front zu schicken, wird deutlich, wie wenig die Führung der Wehrmacht für den einzelnen Soldaten als Menschen übrighatte. Für Soldaten, die psychisch und physisch unter den Folgen des Krieges litten, gab es kaum Hoffnung auf Linderung. Im Zweifel blieben ihnen häufig Drogen wie Alkohol, Methamphetamin – (das als Panzerschokolade bekannte Pervitin) – oder wohl als einziger Ausweg der Tod im Schützengraben, ob gewollt oder nicht.

Schuld bleibt im Verborgenen

Ich kann mir unter diesen Aspekten sehr gut vorstellen, warum mein Opa nicht über den Krieg reden wollte. Er hat Glück gehabt, dass er die Hölle überstanden hat. Welche seelischen Schäden er davongetragen hat, wurde nie untersucht. Welche Schuld er auf sich nahm, bleibt im Verborgenen. Stattdessen lieferte er sich einen monatelangen Briefwechsel mit den Behörden, als es um seine Kriegsbeschädigtenrente ging. Das zuständige Versorgungsamt Münster verlangte Nachweise über seine Verwundungen während des Krieges. Offenbar waren die sichtbaren Narben von Schussverletzungen am Arm und im Bauch nicht genug. Wie er sich dabei gefühlt haben muss, ist schwer vorstellbar und wohlmöglich auch schwer erträglich. Mein Opa war kein Held, er war ein Mensch.

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