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Mitbürger in Uniform




Die friedselige deutsche Gesellschaft hat ein gestörtes Verhältnis zu ihrer Armee. Doch angesichts immer neuer Gefallener und Verletzter wächst die Solidarität mit den Soldaten und ihren Angehörigen. Eine Reportage aus dem aktuellen Verbandsmagazin "Loyal" vom Dezember von Chefredakteur Marco Seliger.

Theo Zwanziger gehört jetzt auch dazu. Der Präsident des Deutschen Fußballbunds (DFB) zählt zu den Menschen, die sich offen zu den Soldaten dieses Landes bekennen. Die dankbar sind für den Dienst, den junge Männer und Frauen für die Bundesrepublik Deutschland leisten, und das zum Audruck bringen. Die eine Verantwortung der Gesellschaft für Menschen erkannt haben, die in ihrem Auftrag getötet oder verwundet werden. Die in Soldaten nicht den "Mörder in Uniform" sehen, nicht den Arbeitnehmer, der für seinen Job eine Gefahrenzulage erhält und selbst schuld ist, wenn er in den Krieg muss. Sondern den Menschen, der Verantwortung übernimmt und Teil der Gesellschaft ist, der auch sie angehören. Die Gemeinschaft, in der sich der Präsident des weltgrößten Sportverbands engagiert, wächst. Langsam zwar, aber stetig. Auch der Schauspieler Clemens Schick gehört ihr an, ein Pazifist, ein Gegner des Afghanistankriegs. Oder die Hoteliersfrau Katrin Gehrmann, die Unternehmerin Monica Melloh sowie die Bürgermeister Werner Borchers und Reinhard Aufdemkamp. Ein prominenter Sportfunktionär, ein Künstler, zwei Unternehmer, zwei Bürgermeister – sie sind Beispiele dafür, dass sich die Gesellschaft verändert, seitdem Bundeswehrsoldaten in Afghanistan sterben.

Der Krieg bricht über Selsingen herein, als die Menschen nach dem Karfreitagsspaziergang am Kaffeetisch sitzen. Über Radios, Fernseher und Internet dringen Nachrichten in ihre Wohnzimmer, die sie aus der friedlichen Stimmung jenes Feiertags in Aufruhr versetzen. Drei Soldaten aus Seedorf, einem Ortsteil von Selsingen, seien in einem Gefecht in Afghanistan gefallen, heißt es. Ein Offizier, ein Pfarrer und ein Arzt klingeln gegen Abend an der Tür der Familie Bruns in einer der beschaulichen Nebenstraßen der Gemeinde, und plötzlich ist das, was 5.500 Kilometer weit enfernt geschieht, mitten im Herzen des 3.500-Einwohner-Orts angekommen. "Auf einmal war der Krieg ganz nah", sagt Katrin Gehrmann, die ein Hotel in Selsingen betreibt. Es spricht sich schnell herum: Nils Bruns, Hauptfeldwebel, ist bei Isa Khel gefallen. Er lebte mit seiner Familie seit zwei Jahren in Selsingen. Er war einer aus dem Dorf. "Der ganze Ort zeigte sich erschüttert", erinnert sich Katrin Gehrmann, "alle hatten das Bedürfnis, über die Ereignisse zu reden". Beim Bäcker, im Einkaufsmarkt, auf den Straßen gibt es am nächsten Tag nur ein Thema: Drei junge Menschen sind im Krieg gefallen. Nils Bruns, Martin Augustyniak, Robert Hartert. Drei Seedorfer. Drei Selsinger. Drei von uns.

Werner Borchers hatte gehofft, ein solcher Tag möge ihnen erspart bleiben. Der hauptamtliche Bürgermeister der Samtgemeinde Selsingen trägt die gelbe Schleife am Jackett, ein Symbol für Solidarität und Unterstützung der Soldaten. Als sie die Truppen im Winter in Seedorf verabschiedeten, trugen einige Leute aus der Gemeinde ein Banner: "Wir wünschen Euch eine gesunde Heimkehr!" Seit dem Abmarsch hängen Aufkleber in den Schaufenstern vieler Geschäftsleute der Gemeinden rund um die Fallschirmjägerkaserne in Seedorf: "Wir wünschen Ihnen viel Soldatenglück und freuen uns auf ein Wiedersehen!" Borchers wusste, dass die Frauen und Männer in den Krieg ziehen und versuchte doch zu verdrängen, dass Kriege immer Opfer fordern. "Jeder hofft doch das Beste", sagt er. Nun ist es passiert und es scheint irgendwie unwirklich. Auf dem Dorf gibt es keinen anonymen Tod, die meisten kannten Nils Bruns zumindest flüchtig. Seine Tochter besucht den Kindergarten, die Familie hatte Nachbarn und Freunde in Selsingen. Der Bürgermeister lässt an jenem 2. April Halbmast flaggen und die Ortsschilder mit Trauerflor versehen. Geschäftsleute stellen Fotos der Gefallenen auf und legen Beileidsbekundungen dazu. Die Gemeinde stellt im Internet ein Kondolenzbuch ein. Selsingen trauert und das Land schaut zu.

Eine Woche später nimmt Angela Merkel an der Trauerfeier in der St. Lamberti Kirche teil. Die Veranstaltung gleicht einem Staatsakt. Die Selsinger stehen vor der Kirche, mischen sich unter Hunderte Fallschirmjäger, die unter ihren bordeauxroten Baretten versuchen, ihre Emotionen im Zaum zu halten. Die letzten Gefallenen beklagte die Gemeinde im Zweiten Weltkrieg. Sie gedenkt ihrer einmal im Jahr am Volkstrauertag, wenn sie am Kriegerdenkmal Kränze niederlegt. Die Bedeutung des Wortes "gefallen" war im Laufe von 65 Friedensjahren verblasst wie die Erinnerung an die Schrecken des Kriegs. "Nun führen wir wieder Krieg", sagt Rainer Aufdemkamp, der ehrenamtliche Bürgermeister von Selsingen. "Man muss es so sagen." Am Volkstrauertag im November hat er das genauso formuliert: "Es sind wieder Bürger unseres Orts gefallen. Wir wollen fortan ihr Andenken in Ehren halten." Borchers und Aufdemkamp erwägen, in der Nähe des Kriegerdenkmals einen Gedenkstein für die gefallenen Bundeswehrsoldaten aufzustellen. "Ich fürchte", sagt Werner Borchers, "wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass der Krieg und das Sterben von Soldaten wieder zu unserem Land gehören."

Einige Tage nach der Trauerfeier im April sitzen Bundeswehroffiziere, Gemeinde- und Kirchenvertreter zusammen, um die Zusammenarbeit zu bilanzieren. Als jemand mit ernster Miene in den Raum tritt und die Soldaten herausbittet, entfährt Bürgermeister Aufdemkamp der Ausruf: "Bitte, nicht schon wieder!". Es ist der 15. April, bei Baghlan sind vier weitere Soldaten gefallen. Diesmal stammen sie nicht aus Seedorf, doch erleichtern kann das niemanden im Raum. "Es ist doch egal, woher sie kommen", sagt Werner Borchers. "Sie sind für uns dort, und sie sind für uns gestorben." Im Ort stellen die Leute Fragen. Wofür lassen die Soldaten ihr Leben, wollen sie wissen. Sie strömen zu Hunderten in Informationsveranstaltungen, Gemeindesäle sind bis auf den letzten Platz gefüllt, wenn jemand zum Thema Afghanistan vorträgt. Sie diskutieren den Sinn, sie streiten über Für und Wider. Sie teilen sich in Gegner und Befürworter und sind doch in einem einer Meinung: "Unser Land darf nicht Soldaten in einen Krieg schicken, um sie anschließend mit Verwundung, Traumatisierung, mit ihren Problemen allein zu lassen." Auch Katrin Gehrmann hat eine der Veranstaltungen besucht. "Früher", sagt die Hoteliersfrau, "haben wir die Soldaten als Wirtschaftsfaktor betrachtet. Jetzt sehen wir sie anders. Sie sind Menschen wie wir. Sie gehören zu uns und wir kümmern uns um sie."

Wenn Soldaten im Krieg sterben, berichten die Medien darüber. Politiker äußern sich in dem Moment bestürzt, um sich doch bald wieder ihrem Tagesgeschäft zu widmen. Zu einer Debatte in Politik und Volk über den Sinn des Todes von bisher 44 Männern in Afghanistan haben Gefallene und die Schlagzeilen darüber bislang nicht geführt. Die Bürger nehmen wenig Anteil daran, dass ihr Land Soldaten in einen Krieg schickt, in dem Tod und Sterben, Kämpfen und Töten zum Alltag gehören. Diejenigen, die sich interessieren, sind meist diejenigen, die eine Kriegsbeteiligung ablehnen. Sie stehen für große Teile einer Gesellschaft, die aufgrund der Vergangenheit Deutschlands als aggressiver und militaristischer Staat eine tiefe Abneigung gegen den Einsatz von Soldaten in einem bewaffneten Konflikt entwickelt hat. 70 Prozent der Deutschen sind gegen den Afghanistankrieg, den sie für eine schmutzige Angelegenheit und für nicht gewinnbar halten.

Die Gesellschaft entzieht sich der Komplexität heutiger Sicherheitspolitik. Sie ignoriert, dass die Bundeswehr mit ihren Einsätzen den Preis für das gesamte Land zahlt, von den Verbündeten vor zwanzig Jahren die volle außenpolitische Souveränität zurückerhalten zu haben. Doch weil sich der Krieg weit entfernt von den eigenen Grenzen abspielt, empfinden die wenigsten Bürger unmittelbare Betroffenheit. Umso größer ist der Schrecken, wenn der Krieg plötzlich ganz nah kommt und in den Kirchen mit Landesfahnen umwickelte Holzsärge aufgebahrt werden. Dann beginnen die Menschen zu überlegen, ob das Sterben gerechtfertigt ist, das im Auftrag des Staates – in ihrem Namen – geschieht.

Clemens Schick stellt sich seit einigen Jahren nicht nur diese Frage. Mit Krieg und Tod beschäftigt sich der Schauspieler seit geraumer Zeit, auch weil es sein Beruf von ihm erfordert. In Salzburg verkörperte er den Tod in Hugo von Hofmannsthals "Jedermann", in "Enemy at the gates" mimte er einen deutschen Unteroffizier im Kessel von Stalingrad und in "Casino Royale" spielte er den schweigsamen Kratt, Handlanger von Bond-Gegner LeChiffre. Gerade beendet sind die Aufnahmen zu einem Film, in dem er einen serbischen Söldner darstellt, der in Thailand Auftragsmorde erledigt. Er imitiert gewalttätige Figuren und lehnt doch die Gewalt ab. Ein Pazifist, der glaubte, aus seiner Arbeit den Krieg bereits zu kennen. Dann reiste Schick im Herbst 2008 nach Afghanistan. Heute sagt er: "Ich kannte nur die Bilder des Kriegs."

In einem Artikel hatte er die Klage deutscher Soldaten gelesen, das Land beschäftige sich kaum damit, was in Afghanistan geschieht. Der Staat schicke Frauen und Männer in den Krieg und seine Bevölkerung kümmere sich nicht weiter darum. Das widerstrebte ihm. "Ich habe überlegt, was ich als Schauspieler dagegen tun kann", erinnert sich Schick. Dem damaligen Wehrbeauftragten Reinhold Robbe bot er an, mit seinem Solostück "Windows" in Kunduz, Mazar-i-Sharif und Kabul aufzutreten. Robbe setzte sich für ihn ein, schließlich, so wusste der Wehrbeauftragte aus eigener Erfahrung, könnten die Soldaten Ablenkung vom Einsatzalltag gebrauchen. Für Schick war das nur ein Aspekt. Es ging ihm auch um eine künstlerische Konfrontation mit den Soldaten, um die Auseinandersetzung mit ihnen und ihrer Arbeit. Mit dem eigenem Erleben wollte er dann seinem heimischem Publikum begegnen, um eine Auseinandersetzung mit dem Afghanistankrieg zu provozieren. Schließlich gehe es bei den Bundeswehrsoldaten um "Menschen, die aufgrund einer demokratisch legitimierten Entscheidung ihr Leben riskieren".

Er sollte das erhoffte Material bekommen. Kaum in Kabul angekommen, brach Hektik aus. Auf der ursprünglich geplanten Route habe es einen Bombenanschlag gegeben, hieß es, sie müssten sich beeilen, um nicht auf der Ausweichstrecke in einen gefährlichen Stau zu geraten. Die Soldaten seiner Eskorte ins Feldlager drängten zum sofortigen Aufbruch. In Kunduz verlegten sie den Auftritt, der im Freien stattfinden sollze, in ein Gebäude mit meterdicken Wänden, weil Raketenangriffe auf das Feldlager drohten. "Meist bin ich vor Vorstellungen aufgeregt", sagt Schick. "Aber da war ich durch den Gedanken abgelenkt, ob ich überhaupt die Vorstellung vor einem Raketeneinschlag beenden kann." Seine Bilder vom Krieg passten hier nicht. Er sah die Uniformen mit den aufgenähten Blutgruppen und ihm wurde klar, "wie nah das alles an der Blutkonserve ist". Es war kein Film, es war real. "Weil man das ahnt, weiß, spürt, dass da Leute sterben, ist Angst da", sagt er. Schick fragt sich vor jeder der drei Aufführungem im Einsatzgebiet, wie ihn Soldaten, die täglich mit dem Tod konfrontiert sind, annehmen. "Woher weiß ich, dass die nicht sagen, verpiss dich mit deinem Theater, wir wollen unsere Ruhe haben?"

Das Solostück "Windows" öffnet ein Fenster in die Seelenkammern von Microsoft-Gründer Bill Gates: die Angst vor Bodenlosigkeit, die den Kontrollwahn nährt, die narzisstischen Phantasien, die der Welt ihr Maß aufdrücken, die Sucht nach Sicherheit, die erst ruht, wenn sie den Globus erobert hat, die Furcht vor Auflösung und Nähe, die sich elektronisch panzert. Schick geht dabei auf eine furiose und riskante Entdeckungsreise, die von der Geburt in die Utopie einer berechenbaren Welt, von der Ohnmacht in den Größenwahn, von der Ordnungswut ins Chaos führt. In Afghanistan hat er Sequenzen in sein Stück eingebaut, in denen er den Soldaten offen sagt, dass er nicht bei ihnen sei, um Mitleid zu bekunden. "Aber dass Sie hier sind, ist demokratisch legitimiert", sagt er. "Auch ich wähle den Bundestag, da gibt es einen Zusammenhang, den ich nicht ignorieren möchte." Also provoziert er das uniformierte Publikum, sucht die Konfrontation. Er erklärt, er wisse nicht, ob es richtig sei, Soldaten nach Afghanistan zu schicken – um am Ende zu erfahren, dass es genau diese Fragen sind, die auch Soldaten beschäftigen. "Die wollen keine Beifallklatscher, die wollen die Diskussion und Auseinandersetzung über den Sinn ihres Einsatzes. Das hat mich ehrlich überrascht", sagt Schick.

Auf einer Vorstellung in Berlin einige Wochen später berichtet er von seiner Reise. "Das war komisch in Afghanistan. Alle hatten Camouflage an. Ich habe viele schöne Menschen gesehen, attraktive Menschen. Zurück in Berlin, zurück im Kulturbetrieb hörte ich es wieder, das Klagen der Leute: Ich habe so viele Probleme. Mir geht’s so schlecht!“ Er blickte ins Publikum, in überraschte, irritierte, ratlose Gesichter. Es bringt Leute offenbar durcheinander, wenn sich jemand wie Schick für den Afghanistaneinsatz interessiert. Und es verwundert sie geradezu, wenn ein ernsthafter, erfolgreicher Künstler und bekennender Pazifist sagt, dass es so viele Gründe für einen sofortigen Abzug gebe wie er auch  Gründe für einen Verbleib nennen könne. Doch der Schauspieler aus Berlin agitiert nicht in seinen Vorstellungen, das überlässt er den Politikern. "Sie unterschätzen die Gesellschaft", sagt er. "Die Menschen werden den Sinn eines verdammt komplexen und komplizierten Einsatzes nur dann verstehen, wenn ihn die Politiker plausibel machen können. Wenn sie das nicht können, dann haben wir in Afghanistan nichts verloren." Es ist dieses Gefühl der Verantwortung für Menschen, die "Bestandteil unserer Gesellschaft sind und für dieses Land den Kopf hinhalten", das den Schauspieler seit seiner Afghanistanreise bewegt. Plötzlich interessiert er sich für die Bundeswehr und er sagt einen Satz, den selbst der eloquente Verteidigungsminister so noch nicht formuliert hat: "Neben der Integration von Migranten muss Deutschland genauso die Rolle seiner Soldaten debattieren. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Diskussion nur in irgendwelchen politischen Hinterzimmern geführt wird."

Krieg, das war für Deutschland lange Geschichte, tausendfach beschrieben, mit Ritualen bewältigt. Der Sinn der Bundeswehr bestand dreieinhalb Jahrzehnte lang darin, durch ihre pure Existenz zu verhindern, dass sie kämpfen muss. Darin ließ es sich gut einrichten, für Soldaten, Politiker, Bürger. Die Bundeswehr war eine Verwaltungsarmee. Später, nach der Wende, wurde sie Armee des Friedens genannt und wird von ignoranten Politikern und desinteressierten Bürgern noch als solche bezeichnet, als sie in Afghanistan längst Krieg führte. Die Soldaten indes haben am eigenen Leib erfahren, dass sich ihr Beruf gewandelt hat. Ihre Arbeit dreht sich nicht mehr nur um Brunnenbau, Krankenhäuser und Mädchenschulen, sondern um Hinterhalte und Gefechte, um Sprengfallen und Raketenbeschuss. Die Politiker haben inzwischen reagiert: mit einer Tapferkeitsmedaille, mit einem Ehrenmal, und seit kurzem gibt es auch ein Gefechtsabzeichen.

Der Krieg verändert die Armee und ihre Angehörigen – und damit die Gesellschaft. "Sie beginnt zu erkennen, dass nicht nur die Politiker, sondern auch die Bürger für ihre Soldaten verantwortlich sind", sagt der ehemalige Wehrbeauftragte Reinhold Robbe. Er gehört zu denjenigen, die dazu beitragen, dass sich dieser Wandel vollzieht. Robbe moderiert den Runden Tisch "Solidarität mit Soldaten". Darin haben sich 40 Institutionen, Organisationen und Selbsthilfegruppen zusammengeschlossen, die sich außerhalb der Bundeswehr um Soldaten kümmern. Der Reservistenverband gehört dazu, auch der Bundeswehrverband oder die Frank-Eggen-Stiftung "Angriff auf die Seele". Sie wollen mit ihrer Arbeit "ein ehrliches menschliches Interesse" der Bürger an den Soldaten und ihren Familien wecken, "unabhängig von einer politischen Bewertung der Einsätze". Sie wollen, dass der Soldat in Deutschland nicht nur als Staatsbürger, sondern als Mitbürger in Uniform gilt.

Am 9. Februar 2011 tritt die deutsche Fußballnationalmannschaft in Dortmund gegen Italien an. Nur ein Testspiel, und dennoch wird das Interesse an der Partie unter den Soldaten auch in den deutschen Einsatzgebieten groß sein. In der Bundeswehr dient eine Vielzahl aktiver Fußballer. Seit einige von ihnen in Afghanistan gefallen sind oder verwundet wurden, hat sich auch das Verhältnis von Theo Zwanziger zu den Soldaten verändert. Der Deutsche Fußballbund habe eine Verantwortung für Angehörige der Streitkräfte, zumal wenn sie Mitglied in unserem Verband seien, äußerte der DFB-Präsident in einem Gespräch mit Reinhold Robbe Ende Oktober in Berlin. In Dortmund wird der DFB erstmals Angehörige von gefallenen und verwundeten Soldaten zu einem Länderspiel der Nationalmannschaft einladen, wie Zwanziger versprochen hat.

Für Reinhold Robbe bildet das Engagement des Deutschen Fußballbunds für die Bundeswehrsoldaten nur den Beginn seiner Werbeversuche unter bedeutenden gesellschaftlichen Gruppen. So will er beim Deutschen Gewerkschaftsbund, beim Bundesverband der Deutschen Industrie und bei der Akademie der Künste um Unterstützung bitten. Auf diese Weise soll eine Bewegung entstehen, für die beispielsweise auch Monica Melloh aus Oldenburg steht. Sie gründete vor drei Jahren das "Gelbe Netzwerk der Solidarität", als dessen äußeres Zeichen sich die gelbe Schleife etabliert hat. Nach dem Karfreitagsgefecht schnellte der Absatz der von Melloh verkauften Schleife kurzzeitig in die Höhe. "Wir kamen mit dem Versand kaum nach", sagt sie. Mit der Zahl der gefallenen Soldaten, so scheint es, wächst paradoxerweise nicht nur die Ablehnung des Afghanistaneinsatzes in der Bevölkerung, sondern zugleich auch die Aufmerksamkeit für die Soldaten – und deren Angehörige. Denen stellen sich inzwischen Fragen, mit denen sich in Deutschland zuletzt die jungen Mütter der Weltkriegsgeneration beschäftigen mussten. "Schon komisch", sagt Carmen Bruns, die Witwe des am Karfreitag gestorbenen Hauptfeldwebels Nils Bruns, "wenn man daran denkt, seinem Kind irgendwann mal sagen zu müssen, Dein Vater ist im Krieg gefallen“.


Bild 1 und 6: Soldaten und Bürger verfolgten die
Trauerfeier für die gefallenen Fallschirmjäger vom
2. April 2010 vor der Kirche in Selsingen. Das Gotteshaus
war an jenem Tag zu klein für die Trauergemeinde.
Darum verfolgten Hunderte den Gottesdienst
auf einer Leinwand
(Foto: Bundeswehr, Tobias Reese)

2. Bild: Theo Zwanziger unterstützt die Arbeit
des Runden Tischs "Solidarität mit Soldaten".
Der DFB-Präsident gab Reinhold Robbe (rechts),
ehemaliger Wehrbeauftragter, die Zusage,
künftig für Länderspiele der Nationalmannschaft
bis zu 150 Freikarten für verwundete Soldaten und
ihre Angehörigen bereitzustellen
(Foto: Bundeswehr, Bangert)

3. Bild: Jürgen Borchers (links) führt als hauptamtlicher
Bürgermeister die Verwaltungsgeschäfte der Samtgemeinde
Selsingen. Rainer Aufdemkamp steht Selsingen als
ehrenamtliches Ortsoberhaupt vor. Beide sind
der Bundeswehr tief verbunden
(Foto: Marco Seliger)

4. Bild: An der Eingangstür zu ihrem Hotel in
Selsingen hat Katrin Gehrmann wie viele Geschäftsleute
in den Nachbargemeinden des Standorts Seedorf
einen Aufkleber angebracht, mit dem sie ihre Verbundenheit
zu den Truppen im Einsatz demonstriert
(Foto: Marco Seliger)

5. Bild: Die Gelbe Schleife des Reservistenverbandes –
sie wird Anfang 2011 an die Geschäftsstellen ausgeliefert
(Foto: Eckhard Schwabe)

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