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Paradebeispiel Büdingen




Wenn der Katastrophenfall einsetzt und die Sorge groß ist, wie am Schnellsten Hilfe herbeigeführt werden kann, muss das Zusammenspiel aller "Blaulichtkräfte" mit der Bundeswehr besonders gut funktionieren, um das Schlimmste zu verhindern.
Ein solcher Ernstfall trat Anfang 2003 in Büdingen ein: Nach schweren Regenfällen zwischen den Jahren und den ersten Tagen im Jahr 2003 war ein Hochwasser nur eine Frage der Zeit. Am Donnerstag, dem 2. Januar wurden bereits am Morgen die Durchgänge an der "Seemenbach", für Fußgänger von städtischen Angestellten gesperrt. Gegen Mittag war der ansonsten 40 Zentimeter flache, ruhig fließende Bach über die Ufer getreten. Die ersten Notrufe gingen dann ab 18 Uhr bei der Leitstelle Wetterau ein, die wiederum nach Alarmplan die Feuerwehr Büdingen alarmierte. Problematischer als die übergetretene Seemenbach war jedoch das Grundwasser und die durch die enormen Maßen an Wasser vollgelaufene Kanalisation. Selbst in nicht "Hochwassergefährdeten" Bereichen der Stadt standen ab 20 Uhr Strassen und Keller meterhoch unter Wasser.
Da die zahlreichen Einsatzstellen mit eigenem Personal und Material einfach nicht mehr abzuarbeiten waren, wurden nach und nach acht Büdinger Stadtteile, Feuerwehren aus der Gemeinde Altenstadt und der Gemeinde Glauburg alarmiert. Ohne langes Überlegen, boten auch die Reservisten der Bundeswehr ihre Hilfe an.
So entstand aus der Not das "Büdinger Modell", das bis heute als Paradebeispiel für Initiativen im Ernstfall dient. Der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Wolfgang Schneiderhan, war ganz besonders von dem Engagement der Reservistenkameradschaften Büdingen, Wetterau, Gründau, Nidda-Nidder, Hanau, Wenings, Büdingen und Gelnhausen begeistert. Er erteilte der RK Büdingen im Jahr 2004 den Auftrag zu erproben, wie die Erfahrungen aus Büdingen für die Einbindung von freiwilligen Reservisten in die Zivil-Militärische-Zusammenarbeit genutzt werden könnten.
Nach einem Jahr intensiver Überlegungen legten der 1. Vorsitzende der RK Büdingen, Volker Döpfer, und Kameraden dem Generalinspekteur ein Konzept vor, welches an das Verteidigungsministerium zur fachlichen Prüfung weitergeleitet wurde. Das Resultat kam im Frühjahr 2005: Die RK Büdingen erhielt den Auftrag, das Konzept unter dem Namen Modell Büdingen in die Praxis umzusetzen und zu üben. Seit Juni 2005 ist das in die Tat umgesetzt – mit dem Verteidigungsbezirkskommando 47 (VBK 47) in Gießen wird es von einer aktiven Bundeswehrdienststelle durchgeführt. Personal aus sieben weitern RKs verstärkt seither den Kompetenzzug, der wie ein Infanteriezug aufgebaut ist.
Die Rechtslage für Hilfeleistung im Innern ist klar vorgegeben: Artikel 35 des Grundgesetzes (GG) beinhaltet Einsatz von freiwilligen nicht beorderten Reservisten für subsidiäre Hilfseinsätze der Bundeswehr im Inneren unter Berücksichtigung der gesetzlichen Rahmenbedingungen. Was heißt das konkret? Reservisten sollen dort die aktive Truppe verstärken, wo sie nicht oder nur mit einer erheblichen Zeitverzögerung eingesetzt werden kann.
Die Vorteile eines "Kompetenzzuges" liegen auf der Hand: Er entlastet die Bundeswehr, ist schnell verfügbar, besitzt gute Ortskenntnisse und ist mit der Sprache der zivilen Rettungsorganisationen vertraut. Es sind besonders Reservistenkameradschaften, die ihre militärischen Fähigkeiten bei Bedarf schnell und geschlossen einbringen können.
Um die bereits in Artikel 35 GG vorgegebene Rechtslage zu untermauern, wurde Ende März vom Beauftragten für Reservistenangelegenheiten der Streitkräftebasis, Generalmajor Klaus Peter Treche, die Leitlinie für die Zusammenarbeit der Bundeswehr mit regionalen Initiativen herausgegeben. Diese schafft die Grundlage dafür, dass engagierte Reservisten bei Naturkatastrophen und schweren Unglücksfällen die aktive Truppe offiziell unterstützen dürfen, sobald von zivilen Behörden Hilfeleistung angefordert wird.
Grundsätzlich gilt: Die sieben Initiativen, die im Rahmen der Modellerprobung durchleuchtet werden, arbeiten immer eng mit dem Landeskommando zusammen – die Reservisten unterstehen im Einsatz immer der Führung aktiver Soldaten. Um direkt einsatzbereit zu sein, müssen die Reservisten über die besonders benötigten Fähigkeiten im Sanitätsdienst, Retten und Bergen, ABC und Pionierdienst verfügen.
Die RK Büdingen kann also durchaus als Paradebeispiel gesehen werden: Sie führt im Laufe des Jahres zwei Ausbildungsthemen durch und bietet Wiederholungsausbildungen an, um die Reservisten immer auf dem aktuellsten Stand der Ausbildung zu halten. Selbst- und Kameradenhilfe, Sanitätsausbildung/ Erste Hilfe, Checkpoint, Stressmanagement, ABC und Pionierausbildung stehen immer auf dem Programm.
Und so könnte es im Falle eines Einsatzes ablaufen: Die Initiative wird durch die berechtige Dienststelle (WBK/ LKdo) aktiviert. Der Reservist erhält die Info, wo er sich einzufinden und zu melden hat. Übungen unter realistischen Bedingungen haben gezeigt, dass circa 2-3 Stunden nach Aktivierung 60-70 Prozent des Zuges vor Ort einsatzbereit zur Verfügung standen.
Eine der wohl spannendsten Fragen ist, wie der Reservist zum aktiven Soldaten wird? Hier gibt es mehrere Möglichkeiten, doch scheint eine am Geeignetesten: Bei der zuständigen Dienststelle liegen Zuziehungen bereit, die dann durch Datum und Meldeort ergänzt und mittels Kurier an den Meldekopf gebracht werden.
Es gibt also einige Vorteile für die Bundeswehr, ein Kompetenzteam wie Büdingen einzusetzen: Es ist kostengünstig, äußerst effektiv, da die Reservisten über ein hohes Ausbildungsniveau verfügen, bietet ein neues Betätigungsfeld für engagierte freiwillige Reservisten und stärkt eine flächendeckendere Wahrnehmung von der Bundeswehr in der Gesellschaft.
Fragen an den 1. Vorsitzenden der RK Büdingen, Volker Döpfer:
Sind Initiativen wie das "Büdinger Modell" notwendig?

Aufgrund des Transformationsprozesses der Bundeswehr ist die Truppe aus der Fläche verschwunden. Dies hat unweigerlich zur Folge, dass bei einem Einsatz gem. Art. 35 GG die Zeitspanne – bis zum Eintreffen von aktiven Truppe vor Ort – zu einem Problem führen könnte.  Gerade der Faktor Zeit spielt aber zweifelsohne bei Katastrophen und schweren Unglücksfällen eine maßgebliche  Rolle. Nicht zu vergessen ist die Tatsache, dass die aktive Truppe jetzt schon mit den Auslandseinsätzen personell stark belastet ist. Wenn zusätzlich Einsätze im Inneren, bedingt durch den Klimawandel hinzukommen, wäre eine personelle Entlastung der Truppe sicherlich wünschenswert. Die Frage nach der Notwendigkeit beantwortet sich meiner Meinung nach deshalb von selbst.
Wie ist die Zusammenarbeit mit den zivilen Rettungsorganisationen?
Sehr gut. Nach anfänglichen Vorbehalten, die ich aber für natürlich halte, ist hier eine vertrauensvolle Zusammenarbeit entstanden. Man muss eine klare Trennlinie ziehen, dass es nicht darum geht, eine neue Rettungsorganisation aufzustellen. Bedauerlicherweise kam es am Anfang zu Verunsicherung bei der Führung der zivilen RO, die genau dieses vermuteten.
Rückblickend auf nunmehr vier Jahre Modellerprobung, was empfanden Sie als die größten Probleme?
Nun, da fallen mir eine Reihe von Dingen ein. Zuerst einmal verwechselte man uns mit dem jetzt eingeführten Modell des BeABW ZMZ. Es war wohl nicht allen klar, dass wir kein Konkurrenzmodell darstellten. Es dauerte daher sehr lange, bis das auch "der Letzte" begriffen hatte. Natürlich war es sehr ungewöhnlich, dass die Basis einen solchen Auftrag erhalten hatte und ich vermute mal, dass sich Einige übergangen fühlten. Auch wurde sehr viel geistiges Potenzial darauf verwendet, Gründe für eine Ablehnung des Modells zu finden. Das führte des Öfteren dazu, dass man das Modell für tot erklärt hat. Ich kann sehr gut verstehen, dass Neuerungen immer mit einer gewissen Skepsis betrachtet werden, das liegt nun mal in der Natur des Menschen. Unverständlich jedoch war die Tatsache, wie man einfache Dinge versucht hat, kompliziert zu machen.
Wie stellen Sie sich eine flächendeckende Umsetzung vor und wie lange würde dies dauern?
Eine flächendeckende bundesweite Umsetzung muss unter Führung der Bundeswehr (WBK + LKdo) in Zusammenarbeit mit dem VdRBw e.V., mit einheitlichen Ausbildungs- und Ausrüstungsstandards erfolgen. Ich glaube fest daran, dass wir genügend Kameraden für eine Mitarbeit in einem solchen Zug gewinnen könnten. Gerade für Mannschaftsdienstgrade ist es doch heute sehr schwer eine MOB Verplanung und somit eine militärische Heimat zu bekommen. Bei einer Mitarbeit in einem solchen Zug, sehe ich eine mögliche Alternative und ein neues Aufgabenspektrum für die gesamte freiwillige Reserve, zum Nutzen der Bundeswehr und der von einem Großschadenereignis betroffenen Personen.
Für die Rekrutierung, Aufstellung, Ausrüstung und Aufbau von Strukturen zwecks Ausbildung mit den zivilen Rettungsorganisationen vor Ort rechne ich mit einem Zeitbedarf von etwa einem Jahr. Wenn ich jetzt noch ein weiteres Jahr hinzurechne, welches für die ersten Ausbildungsabschnitte gebraucht würde, dann würden die Züge 2010 der Bundeswehr einsatzbereit und auch flächendeckend zur Verfügung stehen.
Sie haben drei Wünsche frei in Bezug auf die Modellerprobung! Was wären Ihre Anliegen?

  1. Dinge, die einfach sind, nicht kompliziert zu machen, sowie Unvoreingenommenheit.
  2. Geistig vorhandene Potenziale für eine positive Umsetzung einzusetzen.
  3. Nochmals drei Wünsche!

Vielen Dank für das Gespräch!

Text: Tanja Wirtz

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