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Preiswürdig: Die Geschichte der Einsatzfamilie Reinz




Zwei Jungen, Florian und Fabian Reinz, sitzen an einem prachtvoll dekorierten Tisch im Berliner Hotel Estrel. Um sie herum, Menschen in festlicher Abendgarderobe. Sie selbst in Blue Jeans mit hellblauen Hemden über der Hose. Mit wachen Augen beobachten sie die Szenerie.

Die Jungs sind zwei von rund 400 Gästen des Reservistenverbandes, die den 50. Geburtstag des Vereins feiern. Auch sie sind – wie alle anderen – geladen worden. Sie sind die einzigen Kinder. Der neunjährige Fabian hat einen blaukarierten Wollschal um seinen Hals gebunden. Der 14 Jahre alte Florian will Soldat werden, hat seine Haare noch schulterlang. An ihrer Seite sitzt links Mutter Elfi und rechts Vater Matthias. Der Hauptfeldwebel ist in seiner Heeresuniform mit goldener Schützenschnur erschienen. An seiner Ordensschnalle: die Einsatzmedaille der Bundeswehr in Bronze in der Ausführung Isaf.

Ein Jahr lang recherchiert
Die beiden Jungen ziehen alle Aufmerksamkeit auf sich. Sie sind zusammen mit ihrer Mutter eine Geschichte – eine journalistische Geschichte – eine ausgezeichnete journalistische Geschichte. Die Autorin Dagmar Rosenfeld von der Wochenzeitung Die Zeit hat mit ihrer Version der Geschichte um die Familie Reinz aus dem thüringischen Schönstedt den Goldenen Igel – den einzigen sicherheitspolitischen Medienpreis Deutschlands gewonnen. Die gerahmte Urkunde, das Preisgeld in Höhe von 2.000 Euro und ein Gutschein für einen Erlebnistag beim Heer wurden ihr am vergangenen Donnerstagabend in Berlin in Gegenwart von Bundespräsident Christian Wulff überreicht. Große Freude bei ihr und den anderen Preisträgern.

Ob die Jungen sich freuen, ist nicht zu erkennen. Sie erleben gespannt das Geschehen um sich herum. Ihre Mutter fällt der Autorin in den Arm. Die beiden sind sich vertraut. Denn Elfi Reinz hat viel mit Dagmar Rosenfeld gesprochen – ganz intim, zwölf Monate lang. Ehemann und Vater Matthias Reinz war sechs lange Monate in Afghanistan in einem Krieg. Elfi und die Kinder haben über ihre Erfahrungen und Gefühle berichtet, Rosenfeld hat sie niedergeschrieben auf Zeitungspapier in der Wochenzeitung Die Zeit. Ein Jahr nach dem Abflug Richtung Hindukusch, am 15. Juli 2010, erschien der mehrseitige Artikel. Er überzeugte die Jury des Goldenen Igels. Deshalb gewinnt Rosenfeld in der Kategorie Print.

Qualitätsjournalismus der hinter Küchentüren blickt
In der Geschichte über Familie Reinz kommen die Menschen zu Wort, die sonst niemand sieht, wenn es um die Einsätze der Bundeswehr in entfernten Ländern geht. Familie Reinz ist für die Leser zu einem Teil von ihnen geworden, denn sie haben betroffen und nachdenklich gemacht. Wer selbst in einem Einsatz war, weiß oft nicht, wie die Familie in der Heimat fühlt. In den wenigen Momenten der Kommunikation über Telefon oder E-Mail unterhalten sich Einsatzfamilien über Dinge, die keine Sorgen machen sollen. Jeder will den anderen schonen, und so gut es geht, aufmuntern. Erstmals lesen viele einsatzerfahrene Soldaten in der Zeitung Die Zeit, was wirklich passiert im vertrauten Heim. Da verschanzt sich der Ältere in seinem Zimmer, der Jüngere fragt: "Schießt der Papa auch auf Menschen?". Die Mutter weint einsam und leise hinter der Küchentür, damit sich die Kinder keine Sorgen machen.

Das ist Journalismus, wie ihn sich heute nur noch eine Qualitätszeitung leisten will. Solche Artikel finden in den kleineren Blättern selten statt, denn es ist nicht mehr sehr gefragt, über Monate hinweg zu recherchieren. Vielen Redaktionen ist das zu teuer, Journalisten für ein kleines Zeilenhonorar nicht lohnend genug. Deshalb beschränken sich Geschichten über Einsätze meist auf Meldungen zu Tod und Verwundung. Einzelne Feuergefechte, wie sie inzwischen an der Tagesordnung sind, finden in der Tagespresse gar nicht statt. Deshalb ist der Beitrag Rosenfelds so wichtig. Er zeigt, wie Menschen fühlen, die nicht im Vordergrund, aber im wahren Leben stehen. Deshalb ist der Medienpreis Goldener Igel so wichtig, weil er Journalisten und Redaktionen ermuntern soll, auch mal ausführlich über Soldaten und Reservisten zu berichten. Das Preisgeld und der Ruhm können dann Ersatz für entgangene Honorare sein.

Anerkennung für Soldatenfamilie
Bundespräsident Christian Wulff nahm sich am Donnerstagabend viel Zeit für die beiden Jungs und ihre Eltern. Er unterhielt sich lange mit ihnen. Auch andere Prominente des Verbandes und der Bundeswehr nahmen sich Zeit. Das gab der Mutter und ihren Söhnen Ehre und Anerkennung für das Geleistete. Denn eins haben sie nicht bekommen – nach sechs Monaten Kampf mit Sorgen, Traurigkeit und Hoffnung: die Einsatzmedaille der Bundeswehr in Bronze in der Ausführung Isaf.


Detlef Struckhof

Bild oben: Bundespräsident Christian Wulff (von links),
Hauptfeldwebel Matthias Reinz, Elfi Reinz,
Fabian und Florian Reinz mit Autorin
Dagmar Rosenfeld (Foto: Ralf Wittern)

Bild unten: Alle Preisträger des achten Goldenen Igels
mit Gerd Höfer (rechts), Präsident des Reservistenverbandes
(Foto: Ralf Wittern)

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