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Der Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr (VdRBw) hat mehr als 115.000 Mitglieder. Wir vertreten die Reservisten in allen militärischen Angelegenheiten.

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PTBS: Wenn der Akku nicht nur leer, sondern kaputt ist




Bei der Bundeswehr hat sich in der Betreuung und Versorgung von an posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) Erkrankten viel getan. Beim 3. PTBS-Kongress in Hamburg wurde deutlich, dass Polizei und Bundeswehr andere "Blaulichtorganisationen" in diesen Dingen abgehängt haben. Zum Beispiel beim Zoll oder in der Justiz gibt es noch viel zu tun.

Hausdurchsuchungen und Festnahmen stehen beim Zollvollzugsdienst an der Tagesordnung. Dabei kommt es immer wieder zu nicht vorhersehbaren Situationen, die belastend sind. Peter Voth ist Zollamtsrat beim Zollfahndungsamt in Hamburg und berichtet von einem selbst erlebten Ereignis: "Wir gingen in eine Wohnung, um eine männliche Person zu verhaften. Der Mann lebte dort mit einer Frau und einem Mädchen zusammen. Wir sicherten die Zimmer – ich gelangte ins Kinderzimmer, ein schön eingerichtetes Feen-Zimmer. Dort lag ein kleines Mädchen im Bett. Sie trug einen Feen-Schlafanzug. Als sie mich mit Pistole sah, fing sie an zu weinen, bekam Angst, nässte sich vor meinen Augen ein. Alles was ich sagte, half nicht, denn ich war der Grund für ihre Angst, ich war für sie der Böse. Da ich selbst Kinder habe, hat mich dieser Einsatz hinterher sehr belastet."

Die Schuldfrage belastet mehr, als das Erlebte
Beim Zoll helfen sich die Kollegen nach solchen Erlebnissen mit Gesprächen selbst. "Wir haben keinen eigenen ärztlichen Dienst", sagt Voth, der Koordinator des Nachsorge-Einsatz-Teams-Zoll (Netz) für den Bereich Nord ist.  Mit seinen Netz-Ansprechpartnern versucht der Zoll seit einiger Zeit erste Anlaufstellen anzubieten, wenn es zu belastenden Situationen kommt. Und davon gibt es beim Zoll viele. Es kommt zum Schusswaffengebrauch – nicht oft, aber im Jahr 2015 einmal in Hamburg. Die Zöllner erleben Gewalt, es kommt zu Verkehrsunfällen im Einsatz mit Verletzten und Toten. Es gibt Selbsttötungen von Beamten, die mit privaten oder dienstlichen Schwierigkeiten nicht fertig werden. Beim jüngsten Terroranschlag in Brüssel waren in der U-Bahn drei Kollegen aus Hamburg betroffen. Sie hatten zwar Glück und wurden nicht verletzt, doch das Erlebte belastet sie sehr. Auch Zöllner in der Flüchtlingsaufnahme erleben täglich äußerst schwierige Situationen. Voth: "Die persönliche Schuldfrage, auch wenn es keine Schuld gibt, belastet die Kolleginnen und Kollegen mehr, als das tatsächlich Erlebte. Wir haben beim Zoll keine Sozialberatung wie die Bundeswehr. Bei uns gibt es nur Insellösungen in Form von Dienstvereinbarungen. Deshalb gibt es bei uns kein flächendeckendes Konzept." Immerhin gibt es beim Zoll inzwischen 44 sogenannte Peers, das sind ausgebildete Personen, die in Einsatzorganisationen erste Ansprechpartner nach belastenden Einsätzen sind. Eigentlich soll es beim Zoll 60 davon geben – für 39.000 Beschäftigte, davon 14.000 im Zollvollzugsdienst.

Vorhandene Hilfen und Projekte sinnvoll ergänzen
173 Teilnehmer hörten den zahlreichen Vorträgen an den beiden Kongresstagen zu. Sie kamen am Wochenende aus ganz Deutschland zum PTBS-Kongress der Landesgruppe im Polizeipräsidium Hamburg zusammen, um sich über PTBS auszutauschen. Vom Reservistenverband reiste als höchster Repräsentant der zuständige Vizepräsident Fabian Forster an. Sein Fazit: "Es ist für mich äußerst interessant und nützlich zu sehen, wie mit PTBS bei Polizei, Zoll und anderen Blaulichtorganisationen umgegangen wird. Vom Verband sind acht Landesbeauftragte für die psycho-soziale Kameradenhilfe nach Hamburg gekommen, um sich hier aktuell zu informieren und auszutauschen. Wir wollen uns vielleicht noch in diesem Jahr mit allen 16 Landesbeauftragten treffen, um zu beraten, wie wir sinnvoll ergänzen können.

Dabei wollen wir das Rad natürlich nicht neu erfinden. Unser Ziel muss es sein, PTBS-Betroffene zum Beispiel in den Reservistenkameradschaften zu erkennen, denn viele psychische Probleme treten oft erst nach Jahren auf. Dann sind viele Soldaten inzwischen Reservist."

Justiz hängt der Bundeswehr meilenweit hinterher
Eine Justizvollzugsbeamtin aus Berlin berichtete über den Gefängnisalltag. 17 Jahre lang ist sie im Vollzugsdienst tätig. 2015 kam es bei ihr zum Zusammenbruch. Jetzt ist sie krankgeschrieben. "Mein Akku fühlte sich nicht nur leer, sondern kaputt an", erzählt die Justizvollzugshauptsekretärin den Zuhörern. "Ich mache meine Arbeit gerne und der Vortrag soll keine Abrechnung mit meinem Dienstherrn sein". Es ginge ihr um das Aufzeigen von Lücken in der Betreuung der Vollzugsbeamten, denn wenn ein Häftling den sogenannten Knastkoller bekäme, bei dem die Wände auf einen zukommen, dann erhielten diese Hilfe von Psychologen. "Wir Beamten gehen nach unserem Dienst nach Hause, ruhen uns aus bis zum nächsten Dienstbeginn. Wir erfahren keine Hilfe, tauschen uns mit Kollegen aus. Dabei können jeden Tag Situationen eintreten, die uns an Leib und Seele verletzen", so die Berlinerin. Sie fragt: "Wer ist für uns da, wenn wir morgens beim Aufschließen einen ausgebluteten Gefangenen in der Zelle finden?" Die Beamtin ist mit einem einsatzerfahrenen Soldaten verheiratet. Daher weiß sie: "Bei der Bundeswehr wird professionell geholfen. Wir dagegen hängen diesbezüglich meilenweit hinterher."

Am Freitagabend Empfang mit Serenade
Organisiert wurde der PTBS-Kongress von der Landesgruppe Hamburg des Reservistenverbandes. Landesvorsitzender Oberstleutnant der Reserve Ramon-Stefan Schmidt hat diese Fachtagung ins Leben gerufen. Sie hat sich bundesweit als Plattform zum Austausch der sogenannten "Blaulichtorganisationen" etabliert. Das soll auch so bleiben. Vizepräsident Forster: "Hamburg ist zum richtigen Zeitpunkt vorangegangen. Für uns alle ist das hier ein Pflichttermin mit Leuchtturm-Charakter. Die Hamburger haben ein gutes Netzwerk gespannt. Das gilt es fortzuführen." Für den reibungslosen Ablauf lobte Landesvorsitzender Schmidt Hauptfeldwebel Christiane Müller, die mit der Landesgeschäftsstelle des Reservistenverbandes und dem Polizeipräsidium Hamburg einen gelungenen Kongress organisiert habe. Am Freitagabend gab es einen Empfang in der Polizeiakademie mit einer Serenade des Polizeiorchesters Hamburg unter Leitung von Dr. Kristine Kresge zu Ehren aller Einsatzkräfte.

Detlef Struckhof

Bild oben: 173 Teilnehmer hörten den Vortragenden
beim dritten PTBS-Kongress des Reservistenverbandes
im Polizeipräsidium Hamburg zu (Foto: Detlef Struckhof).

2. Bild: Peter Voth ist Zollamtsrat beim Zollfahndungsamt
in Hamburg. Er spricht beim dritten PTBS-Kongress
des Reservistenverbandes über die Betreuung von
Zöllnern nach belastenden Erfahrungen (Foto: Detlef Struckhof).

3. Bild: Teilnehmer beim dritten PTBS-Kongress des
Reservistenverbandes im Polizeipräsidium Hamburg
(Foto: Detlef Struckhof).

4. Bild: Fabian Forster ist Vizepräsident für Betreuung des
Reservistenverbandes. In seinen Zuständigkeitsbereich fällt
auch die psycho-soziale Kameradenhilfe (Foto: Detlef Struckhof).

5. Bild: Landesvorsitzender Oberstleutnant der Reserve Ramon-Stefan
Schmidt (rechts) würdigt den Organisationseinsatz von
Hauptfeldwebel Christiane Müller (Foto: Detlef Struckhof).

6. Bild: Das Polizeiorchester Hamburg unter Leitung von Dr. Kristine Kresge
spielte eine Serenade zu Ehren aller Einsatzkräfte in einer Halle
der Polizeiakademie (Foto: Karsten Bebensee).

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