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Im Land der Zäune: Eine Reise durch Israel

Wenn es um die Zugehörigkeit Jerusalems geht, macht sich die Heiligkeit schnell davon. Die Ansprüche auf allen Seiten sind hart, die Wut ist es auch. Wer sich in den vergangenen Monaten von der scheinbaren Ruhe im gelobten Land hat täuschen lassen, wurde vor kurzem vom amerikanischen Präsidenten daran erinnert, wie schnell der Nahost-Konflikt eskalieren kann. Keiner der 40 Reisenden, die im November in Tel Aviv landeten, konnte zu diesem Zeitpunkt von den kommenden Unruhen etwas ahnen. Womöglich aber am Ende der Reise.

Auf den Golanhöhen warnen Schilder auf Hebräisch, Arabisch und Englisch vor Minen.

(Foto: Nadja Klöpping)

israelkonfliktnahost

Man sieht weit von hier oben, bis nach Syrien. Felder, Stacheldraht, ein Panzer, das inzwischen leerstehende ehemalige Kommunikationszentrum der syrischen Armee, das weiße Gebäude mit den großen schwarzen Buchstaben U und N auf dem Dach, lange Zäune, arabische Dörfer am Horizont. 31 deutsche Reservisten stehen auf dem erloschenen Vulkan Bental, der Teil der Golanhöhen ist und blicken in die Ferne. Zwei militärische Beobachter der Vereinten Nationen (VN) beobachten von ihrem Ausguck die Grenzen und die dazwischenliegende Pufferzone. 1967, während des sogenannten Sechstagekrieges, wurde die ehemals syrische Bergkette von Israel besetzt und 1981 annektiert. Die Annektion ist international nicht anerkannt. Während der Blauhelmsoldat aus Irland durch das Doppelfernrohr schaut, erzählt sein neuseeländischer Kamerad der Reisegruppe aus Deutschland von ihrer Arbeit. Bental ist ein temporärer Beobachtungspunkt, sechs Stunden täglich stehen die Soldaten dort. Seit 1974 wird das Mandat der VN alle sechs Monate verlängert. Seither gebe es aber auch keine Aktivitäten mehr, sagt der Soldat aus Neuseeland.

Kurz darauf fährt die Gruppe mit dem Bus ins Tal. Silberner und rostiger Stacheldraht rollt sich über Zäune, dazwischen stecken rote Dreiecke und gelbe Schilder auf Hebräisch, Arabisch und Englisch: Achtung Minen. Einige Felder wurden geräumt. Trotzdem seien manche Flächen für Menschen zu gefährlich und würden darum nur von grasenden Kühen genutzt, erzählt der Reiseführer aus Sde Warburg, Ruben Bar Lev. Die Vorstellung explodierender Kühe bringt manche im Bus zum Schmunzeln. Aber die politische Situation in Israel nehmen alle ernst. Und die ist nicht gerade einfach.

Besuch beim israelischen Veteranenverband Tzevet

Aller Anfang ist schwer, auch bei dieser Reise. Denn was Dr. Wolfgang Ermes, Flottenarzt der Reserve, mithilfe von Freunden und Bekannten für die 40 Reisenden auf die Beine gestellt hat, ist sehr ungewöhnlich. Sein erster Programmpunkt ist ein Besuch beim israelischen Veteranenverband Tzevet. Dessen Vorsitzender, Generalmajor a.D. Dr. Baruch Levy, hat die gesamte Gruppe offiziell nach Israel eingeladen. Ein israelisches Verbandsmitglied, das nicht namentlich genannt werden will, schildert der Reisegruppe die sicherheitspolitische Situation in Israel. Dafür nutzt er vor allem ein Bild: Israel als Villa im Dschungel. Das Land sei die einzige Demokratie im Nahen Osten und eingekreist von mehrheitlich arabisch-muslimischen und fast ausschließlich feindlich gesinnten Nachbarländern. Die tagtägliche Bedrohung sei sehr real.

Wenig später fährt die Gruppe zu der nordöstlich von Tel Aviv gelegenen jüdischen Siedlung Alfe Menashe. Wenn in Europa von diesen umstrittenen Einrichtungen im Westjordanland gesprochen wird, entsteht im Kopf das Bild provisorisch erbauter Häuser und Anlagen. Alfe Menashe ist vieles, nur nicht provisorisch. Das Dorf ist sauber, grün, gepflegt, die Straßen und Häuser groß, fest und solide – den Bewohnern scheint es gut zu gehen. Es gibt Schulen, Bushaltestellen, ein Schwimmbad, ein Gemeindehaus und eine Baustelle nach der anderen. Von hier oben sieht man auf die arabische Stadt Qalqilya, am Horizont ragen die Hochhäuser Tel Avivs aus dem Dunst, hinter denen man das Mittelmeer erahnen kann. Auf dem Nachbarhügel liegt ein arabisches Dorf, davor die Mauer. Bürgermeister Schlomo Katan ist Mitglied im israelischen Veteranenverband und war vor 34 Jahren einer der ersten Bewohner der Siedlung. „Das Leben ist seit dem Zaun besser“, sagt er. „In Europa nennt man es Mauer, aber größtenteils ist es nur ein Zaun.“ Katan war beim Militär für Nachrichtenwesen zuständig und spricht daher Arabisch. „Ich habe auch arabische Freunde“, sagt er. Die Palästinenser lasse man hier in Frieden, selbst während der Unruhen habe die Armee niemanden ausgesperrt, damit alle zu ihren Olivenbäumen gehen und arbeiten konnten.

Ruben Bar Lev nennt die Mauer den „klugen Zaun“. Das Attribut bekommt er, weil er voll elektronisch ist. Bewegungen und Berührungen meldet er sofort. Und ob Zaun oder Mauer – auffällig ist er in beiden Versionen. Wie ein Fremdkörper wirkt er in der Landschaft, durchschneidet sie wie ein silbernes Messer. Manchmal ist es nicht eindeutig, ob man sich innerhalb oder außerhalb davon befindet. Zäunt er Israel ein oder die umliegenden Gebiete?

Alle sagen, man wolle in Frieden mit den anderen leben

Noch bedrohlicher wirkt die Grenze zum Gazastreifen im Süden Israels. Dort in der Negev-Wüste fährt der Bus nur ab und zu an einem Kibbuz vorbei. Viele dieser Lebensgemeinschaften entstanden schon vor der Verkündung der israelischen Unabhängigkeit 1948. Die dort lebenden Menschen teilten alles miteinander, auch die Erziehung der Kinder. Mittlerweile gibt es kaum noch Kibbuzim, die nach diesen sozialistischen Prinzipien funktionieren. Da sie von der Bewirtschaftung ihrer Felder abhängig sind, bleiben viele Bewohner trotz der Bedrohung durch die Terroristen der Hamas. In einem unterirdischen Bunker des Kibbuz Nahal Oz trifft die Gruppe einen Leutnant der Israel Defence Forces (IDF), einen Reservisten, der im Kibbuz lebt und den regionalen Sicherheitschef. Alle sagen, man wolle in Frieden mit den anderen leben. „Die Menschen dort leiden auch unter dem Terror“, sagt der junge Reservist. Er wirkt dabei ehrlich betroffen.

Etwa 680 Meter liegen zwischen den 420 jüdischen Bewohnern des Kibbuz und der arabischen Bevölkerung in Gaza. Bis 2001 kamen viele Araber zum Einkaufen und Arbeiten über die Grenze. Seit der zweiten Intifada drohen Raketen, Mörser, Scharfschützen und vor allem die Tunnel, die die Hamas gräbt. Man versuche dem mit Betonwänden entgegenzuwirken, sagt Sicherheitschef Eyal H. Diese würden teilweise bis zum Grundwasser tief in die Erde gezogen. Zum Schutz vor Raketen sind in der Region überall kleine Betonbunker verteilt. Die Schule in der nächstgelegenen Stadt Sderot wurde gleich Raketensicher gebaut. Trotzdem stehen im Pausenhof einige Bunker, bunt bemalt, zum Beispiel mit Spongebob Schwammkopf.

Auch das Militär ist in der Nähe stationiert, der Sicherheitschef begleitet den Reisebus an einen der Stützpunkte. Alles sieht ein bisschen provisorisch aus: Bauzäune, ein paar Container und eine Iron Dome Batterie, die erstaunlich klein wirkt. Den fünf Soldatinnen und Soldaten, die dort die Grenze und das Raketenabwehrsystem bewachen, bringt der Sicherheitschef Süßigkeiten mit. Sie wirken eher wie Kinder – zwei Mädchen und drei Jungen, die sich über einen kurzen Besuch in der Abgeschiedenheit freuen. Trotzdem haben sie im Ernstfall viel Verantwortung. Nach ihrer Warnung hat man in Sderot sieben Sekunden Zeit, um sich vor den Raketen in Sicherheit zu bringen. Im Kibbuz Nahal Oz nur drei.

Besuch und Kranzniederlegung in Yad Vashem

Die bemalten Bunker haben einige aus der Gruppe beeindruckt, viele haben selbst Kinder. Einer wird sogar von seinem erwachsenen Sohn auf der Reise begleitet, sieben Reservisten haben ihre Partnerinnen dabei. Für manche ist es die erste Reise nach Israel, andere waren schon mehrmals hier. Für alle aber hat der Besuch in Yad Vashem, der Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem eine besondere Bedeutung. Die Gruppe darf dort einen Kranz niederlegen, was in der Regel nur Staatsoberhäuptern und Diplomaten vorbehalten ist. Aus diesem Grund ärgern sich einige darüber, dass es aus organisatorischen Gründen mit der Uniformtrageerlaubnis nicht geklappt hat. „Ich hätte mich gefreut, in Uniform zu kommen. Man wird dann mehr als Gruppe und vor allem als Deutsche wahrgenommen“, sagt Heiko Kania, Stabshauptmann der Reserve.

Dennoch ist der Moment ein besonderer, vor allem weil die vorherige Führung durch das Museum zur Geschichte des Holocaust jedem Einzelnen das dunkle Kapitel deutscher und jüdischer Geschichte sehr nahe gebracht hat. Besonders die Halle der Namen wird wohl in Erinnerung bleiben, ein kreisrunder Saal, dessen Wände aus Regalen mit schwarzen Aktenordnern bestehen, in denen das hier ansässige Forschungsinstitut die Identitäten der rund sechs Millionen ermordeten Juden bewahrt. Etwa vier Millionen hätten sie bisher herausgefunden, sagt der Museumsführer aus den Niederlanden. Wie viele noch fehlen und ob man jemals alle ausfindig machen werde, wisse niemand.

„Vielleicht braucht eine verrückte Region einfach verrückte Führer“

Den schier unendlich vielen Namen Toter begegnet die Gruppe Stunden später auch in Latrun. Dort befindet sich die Gedenkstätte der Panzertruppe der israelischen Armee. Auch dort legen die Reservisten an der Tafel mit den Namen der seit Bestehen der IDF auf israelischer Seite gefallenen Soldaten einen Kranz nieder. In Latrun trifft die Gruppe auf den Knesset-Abgeordneten General a.D. Eyal Ben Reuven. Er ist Mitglied einer mitte-links Partei, die sich 2015 mit der Arbeiterpartei zur Fraktion „Zionistische Union“ zusammengeschlossen hat. Für diese ist er außerdem Mitglied im Sicherheitsausschuss. Seiner Meinung nach müsse Palästina von Israel getrennt werden, um einen jüdischen Staat sichern zu können. Die Mehrheitsverhältnisse würden sich sonst aufgrund der hohen Geburtenrate auf arabischer Seite bald umkehren. Zu diesem Zweck müsse Israel mit drei Kreisen sprechen: Erstens den Palästinensern beziehungsweise Mahmud Abbas, zweitens den regionalen Staaten, wobei vor allem der Iran als gemeinsame und einende Gefahr gesehen werden könnte, und drittens mit unterstützenden internationalen Akteuren, wobei der Abgeordnete Hoffnung in Donald Trump legt. „Vielleicht braucht eine verrückte Region einfach verrückte Führer“, sagt er. Ähnlich hatte sich schon der Bürgermeister von Alfe Menashe geäußert. Ob sie es heute noch so sagen würden?

…dann schießt Israel zurück

Auf den Golanhöhen sieht man jedoch, dass Israel sich nicht nur mit sich selbst beschäftigen kann. Der syrische Bürgerkrieg ist quasi um die Ecke. Laut Reiseleiter Bar Lev käme schon ab und zu etwas über die Grenze geflogen, wenn sich IS-Kämpfer und Al Nusra-Milizen gegenseitig bekämpften. Israel schieße dann zurück, sagt er, „denn wir spielen nicht mit.“ Ein weiteres großes Problem in Israel ist ebenfalls eng verwoben mit der Region: Wassermangel. Israel verbraucht mehr, als es hat. Wie Jordanien auch, bezieht das Land seinen Bedarf größtenteils aus dem Jordan. Mit Entsalzungs- und Kläranlagen versucht man, dem Wassermangel entgegenzuwirken – durchaus mit Erfolgen. Trotzdem sinkt der Grundwasserspiegel und auch das Tote Meer geht jährlich rund einen Meter zurück, weil aus dem Jordan kein Wasser nachkommt. Der Salzgehalt liegt darum mittlerweile bei über 30 Prozent, im Mittelmeer sind es weniger als vier Prozent. Auch die Reisegruppe aus Deutschland darf sich von den damit einhergehenden Effekten überzeugen:

Erstens geht man in so extrem salzigem Wasser nicht unter, sondern treibt einfach auf dem Rücken. Zweitens schmeckt sehr salziges Wasser in erster Linie bitter. Und drittens muss man auf den scharfkantigen Salzkrusten sehr vorsichtig laufen, um sich nicht zu verletzen. Vielleicht steht das Tote Meer damit sinnbildlich für Israel – schön, faszinierend und außergewöhnlich. Aber auch gefährlich, verwirrend und kompliziert.

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