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Die Reserve

Reunion: Parforceritt durch die geopolitische Lage




Generalleutnant Markus Laubenthal bei seinem Vortrag im vollen Hörsaal in Wiesbaden.

Foto: privat

Teilnehmer der 18. Reunion vor dem Headquarter der U.S. Army in Europa.

Foto: privat

Reunionsicherheitspolitik

Im Hauptquartier der U.S. Army in Europa kamen die Teilnehmer der 18. Reunion des Deutsch-Amerikanischen Reserveoffiziersaustausches zusammen – erstmals seit 2019. Und die Freude über das Wiedersehen von Angesicht zu Angesicht war allen anzusehen. „It’s good to meet face to face again – finally“, so die einhellige Meinung der 48 Gäste in Wiesbaden. Dem ehrenamtlichen Organisationsteam um Oberst d.R. Mirko Appel und Oberst d.R. Thilo Krökel war es eine Herzensangelegenheit, hochkarätige Referenten und ehemalige Austauschteilnehmer des Bundeswehr-Hochwertprogramms bei den amerikanischen Freunden zusammenzubringen. Wie in den Vorjahren unterlag das Programm der strikten Maßgabe, spezifische An- und Einsichten sicherheits- und verteidigungspolitischer Expertise von Top-Referenten zu liefern. Wie findet Verteidigung realiter statt, wo und wie wird Sicherheit aktuell und zukünftig bedroht?

Eric A. Boyar (COL), Director Army Reserve Engagement Cell Europe & Africa, und sein Stellvertreter Jeremy L. Fiesel (LTC) begrüßten die deutschen Gäste in der amerikanischen Liegenschaft herzlich und gaben anschließend einen aktuellen Einblick in Struktur, Organisation und Einsatzmöglichkeiten der Army Reserve als einem Teil der gesamten US-Reserve. Nicht neu waren dabei die akzentuierten Benefits amerikanischer Reservisten im Dienst, die im Vergleich zur deutschen Reserve einige finanzielle und organisatorische Unterschiede aufweisen.

Jörg Migende, Head of Corporate Public Affairs der BayWa AG aus München, lieferte ein facettenreiches geopolitisches Bild der globalen Landwirtschaft. Die BayWa ist ein Mischkonzern mit den Kerngeschäftsfeldern Energie, Agrar und Bau. Der Agrarwissenschaftler hob hervor, dass weltweit alle nutzbaren Agrarflächen bereits in Nutzung seien. Produktivitätssteigerungen seien nur durch technologischen Fortschritt und Innovation machbar. Maßgabe für die erforderlichen Steigerungen: die wachsende Weltbevölkerung. Lokal und regional könne es durch die Ungleichgewichte zwischen Herstellung und Bedarf von landwirtschaftlichen Produkten zu Friktionen kommen – Veränderungen im Zuge globalen Umweltwandels seien dabei nur eine Möglichkeit, sicherheitspolitische Aspekte von „food security“ zu beleuchten. So sei von besonderer Bedeutung, dass China als globaler Haupteinkäufer Ungleichgewichte verschärfe. Im Falle von Weizen und Mais aus der Ukraine etwa – im Vergleich zum Vorjahr belaufen sich die Produktionsmengen 2022 nur auf 40 Prozent – entstünden erhebliche regionale Disparitäten der Bedarfsdeckung, die Preissteigerungen und demzufolge Versorgungsengpässe in Afrika, Asien und Mittelamerika bedingten.

Vortrag des stellvertretenden Generalinspekteurs

Erster Höhepunkt war das eindrucksvolle Lagebild Russland/Ukraine und die Auswirkungen auf Deutschland. Dazu trug Generalleutnant Markus Laubenthal vor, er ist Stellvertreter des Generalinspekteurs der Bundeswehr und Beauftragter für Reservistenangelegenheiten. Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine und den folgenden politischen Reaktionen werde das Ziel, die modernste Truppe Europas zeitnah aufzubauen, eine organisatorische Herausforderung, der man sich stelle. Laubenthal zeigte anschaulich die jüngsten Entwicklungen in der Bündnisverteidigung sowie die angestoßenen Veränderungen in der Bundeswehr. Beispielsweise seien bis 2025 sechs Heimatschutzregimenter vorgesehen, die im Verteidigungsfall binnen 48 „on the road“ zu sein hätten. Dieser Heimatschutz solle nach dem 3F-Prinzip („Funken, Feuern, Fahren“) aufgestellt sein – Ausrüstung, Feuerkraft und Fuhrpark seien also notwendige Grundvoraussetzungen. „Wir brauchen mehr Geschwindigkeit und Agilität in der Umsetzung“, mahnte Laubenthal.

In der Reserve sei, ähnlich dem amerikanischen „Guard-Modell“, an den Registern ‚Zusagen der Arbeitgeber, Freiwilligkeit und Planungssicherheit‘ zu ziehen. Auch technologisch – Stichwort: Heranziehung per App – werde sich Einiges tun. Laubenthals Resümee: „Wir wollen die Truppe zügig weiterentwickeln. Die Finanzmittellage und das aktuell positive Stimmungsbild in der Gesellschaft gegenüber der Bundeswehr sind förderlich.“

Dr. Nikolaus Scholik, Senior Advisor am Austria Insitut für Europa- und Sicherheitspolitik (AEIS) aus Wien, beleuchtete in seiner Analyse die strategische Interessenlage der USA im indopazifischen Raum. Er beschrieb mit dem Neo-Isolationismus, selektiven Engagement, kooperativer Sicherheit und Primacy vier Handlungsoptionen; letztere stelle die derzeitig präferierte Strategie global dar, deren Bestandteile (Ziele, Interessen, Prinzipien und notwendige Anpassungen) er abbildete. Der Experte hob auf die unterschiedlichen Ansätze der Strategien von USA und China im indopazifischen Raum ab und nannte zwei grundsätzliche Zukunftsoptionen: einen kooperativen Kurs („Chinamerika“) versus einen konfrontativen Kurs („China gegen Amerika“). Der Wake-up-Call dabei: Nicht schweigend könne das politische Deutschland in Zukunft weiter agieren wie bisher. Die politische Vergangenheit dürfe nicht mehr als Entschuldigung für Entscheidungen des Handlungsverzichts herhalten.

Aktuelle Herausforderungen der Bundeswehr im Fokus

Generalleutnant Martin Schelleis, Inspekteur Streitkräftebasis, gab in seinem zweiten Reunion-Gastvortrag nach 2017 einen Überblick über aktuelle Herausforderungen der Bundeswehr. Landes- und Bündnisverteidigung nähmen einen besonderen Stellenwert ein. Der General widmete sich der Amtshilfe in unterschiedlichen Themenfeldern: Er umriss die Funktionen des neuen Territorialen Führungskommandos (TerrFüKdoBw) beim Heimat- und Katastrophenschutz – einem an Relevanz und Bedeutung gewinnenden Feld, da es im Zuge von Cyberoperationen in zunehmender Häufigkeit zu massiven Sicherheitsproblemen kommen könne. Die Amtshilfe der Bundeswehr in der Pandemie bezifferte er auf 20 Millionen Arbeitsstunden. Die im Anschluss erfolgte Schwachstellenanalyse brachte wichtige Lerneffekte für die Zukunft wie die notwendige Stärkung kritischer Infrastruktur, die Erhöhung der Krisenbereitschaft aller Behörden sowie die Stärkung ziviler Ressourcen und Organisationen. Schelleis plädierte abschließend für einen Gesellschaftsdienst zur Resilienzstärkung, Möglichkeiten der Ausgestaltung eines solchen Dienstes ließ er offen. „Es macht aus vielen Gründen Sinn, die Bundeswehr wieder mehr in die Mitte der Gesellschaft zu bringen“, lautete sein Credo.

Der Vortrag von Oberstleutnant Tilman Engel, Projektleiter Kooperation Bundeswehr mit Wirtschaft und Arbeitgebern im Landeskommando Hessen, beleuchtete die Reserve in einem 360-Grad-Ansatz. Der Marketingprofi mit Hintergrundwissen aus dem Sportmanagement pointierte mit der Redewendung „know your customer“ – und fokussierte so auf die Frage, um wen es sich eigentlich bei „der Reservistin/dem Reservisten“ handelt. An einer gewissenhaften Situationsanalyse und Datenaufbereitung der Reserve sei viel gelegen. So sei es notwendig, neue Rekrutierungswege zu suchen, da lediglich zehn Prozent aller Reservisten circa 85 Prozent aller Dienstleistungen abdeckten – und immer mehr erfahrene Kameradinnen und Kameraden altersbedingt nicht mehr zur Verfügung stünden.

Wie gehen die USA und China miteinander um?

Einen neuerlichen Vortrag brachte der Börsenexperte und als „Mr. Dax“ bekannte Dirk Müller. Mehrfach hat der Wirtschaftsfachmann im Rahmen der Reunion über Szenarien der Zukunft gesprochen und begutachtete nun die aktuelle wirtschaftliche Situation und Lageentwicklung Chinas. Er skizzierte den chinesischen Masterplan, ab 2050 Weltmacht sein zu wollen; folgend beschrieb er die wirtschaftlichen Konfliktlagen zwischen den USA und dem Machtzentrum im Osten im Jetzt sowie potenzielle militärische Konflikte der Zukunft. Den Vergleich mit Japan der 1980er Jahre nutzte Müller als Exkurs, um überspitzt zu fragen, ob die USA China nun ‚den Stecker ziehen würden‘ – denn diese Chance bestehe. Reale Effekte der Gegenwart: Zumindest kurz- und mittelfristig seien globale Lieferketten des Handels gestört und Wohlstandsverluste in Europa offenbar.

Vizeadmiral a.D. Kay-Achim Schönbach, ehemaliger Inspekteur der Marine, gab den Teilnehmern einen Einblick in die maritime Relevanz der Streitkräfte Deutschlands. Im Mittelpunkt stand dabei die Fahrt der Fregatte Bayern durch das Südchinesische Meer. Insgesamt sei das dortige Engagement auf eine geringe Resonanz in Deutschland selbst wie auch in der Welt gestoßen; hiesig habe eher das Spannungsthema ‚Taiwan‘ den Diskurs dominiert. Schönbach wies auf den erhöhten Personalbedarf vor allem junger Soldatinnen und Soldaten der Marine hin und plädierte für eine erhöhte maritime Sicherheitsvorsorge.

Am Puls der Zeit: Energiesicherheit

Den Abschluss des Parforceritts durch internationale Themenblöcke bildete der Vortrag des Spezialisten im Krisenmanagement, Stefan Spiegelsperger. Dieser sagte, das Risiko von Blackouts in Deutschland werde deutlich unterschätzt. Dazu erläuterte er anfangs die Verlaufsstufen eines Blackouts und die Folgen für Sicherheit, öffentliches Leben und die Versorgung der Bevölkerung. Der Spezialist nannte den Begriff des „Redispatches“ (die kurzfristige Veränderung der Lastaufteilung und Kraftwerkseinsatzplanung zwischen Kraftwerken) als Gradmesser für die Wahrscheinlichkeit eines Blackouts. Von drei bis sechs Redispatches pro Jahr im Jahr 2002 zu 9.134 Redispatches von Neujahr bis Ende August 2022 sei das Risiko von Energieausfällen deutlich angestiegen.

Mittlerweile sei die Infrastruktur sehr anfällig für Hackerangriffe, Terroranschläge wie auch menschliches Versagen. Pointiert bemerkte er: „Ein Blackout mit Ansage ist schon für 10 Euro machbar.“ Der Ausstieg aus Atom und Kohle sei durch Erdgas erkauft worden, was aktuell ein zentrales Problem darstelle. Je nach Verlauf des anstehenden Winters könnten 50 bis 60 Prozent des Gasbedarfes fehlen. So sei persönliche Vorsorge durchaus in Betracht zu ziehen.

Nächste Reunion im Herbst 2023 in Ramstein

Die Reunion hat sich als wichtiges sicherheits- und verteidigungspolitisches Forum etabliert. Die Reputation und Relevanz wurden durch die persönliche, teils wiederholte Teilnahme ranghöchster Vortragender aus Streitkräften, Wirtschaft und angewandter Forschung erneut verdeutlicht. Mirko Appel und Thilo Krökel resümierten unisono: „Die 18. Reunion konnte nach erforderlicher Corona-Pause wieder in Präsenz stattfinden. Das Format, geknüpfte Kontakte zu pflegen und im Austausch mit erstklassigen Referenten hochaktuelle Themenfelder zu sichten und zu diskutieren, hat sich abermals bewiesen. Der transatlantische Fokus genießt dabei für uns immer eine besondere Rolle.“ Mit Blick auf die 19. Reunion im Herbst 2023 schlossen beide: „Wir bedanken uns herzlich bei unseren amerikanischen Partnern in Wiesbaden und blicken froh und zuversichtlich nach Ramstein.“

Für das Organisationsteam der Reunion
Dr. Bodo Kubartz (per Mitschrift von Carsten Wagner)

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