DAS MAGAZIN

Monatlich informieren wir unsere Mitglieder mit der loyal über sicherheitspolitische Themen. Ab sofort können Mitglieder auch im Bereich Magazin die darin aufgeführten Artikel lesen!

Mehr dazu
DER VERBAND

Der Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr (VdRBw) hat mehr als 115.000 Mitglieder. Wir vertreten die Reservisten in allen militärischen Angelegenheiten.

Mehr dazu

Rüstung: Warum sich einige Projekte so lange verzögern




Sie ziehen sich seit Jahren hin und scheinen von einer Vielzahl von Fehlern und Fehlkalkulationen begleitet, die Rüstungsprojekte der Bundeswehr: Vom Militärtransportflugzeug A 400 M, welches sich seit Jahren wegen vielfältiger technischer Probleme wie Getriebeschäden hinzieht, über fehlerhafte Verkabelung beim Hubschrauber "Tiger", bis hin zu giftigem Formaldehyd, welches im Maschinenraum des Korvettentyps K 130 austritt. Wie sind derartig viele und teilweise gravierende Fehler und Verzögerungen zu erklären? Wer hat sie zu verschulden? Und viel wichtiger: Wie kann man sie in Zukunft vermeiden?

Im Folgenden wird an dem Fallbeispiel des Militärtransporters A 400 M illustriert, wie Rüstungsprojekte durch eine Vielzahl von Faktoren, die sich zu einer Art Fehlerkette anordnen, in die Länge gezogen werden. Abschließend werden verschiedene Erklärungsversuche für die lange Dauer von Rüstungsprojekten dargelegt. Auch die Tagesschau hatte sich jüngst mit dem Thema Rüstung auseinandergesetzt.

Fallbeispiel: Die Pannenserie des A 400 M
Die Idee, ein leistungsfähigeres Militärtransportflugzeug bezüglich Reichweite, Geschwindigkeit und Ladekapazität durch internationale Zusammenarbeit zu entwickeln, reicht bereits zurück in die 1980er Jahre. Nach mehreren Zusammenschlüssen verschiedener Luftfahrtunternehmen wie Lockheed und Aeritalia wurde 1991 das EuroFlag-Konsortium gegründet und mit der Entwicklung eines entsprechenden Flugzeuges beauftragt. Bereits ein Jahr nach Vorstellung des ersten Modells wurde das Konsortium 1995 wieder aufgelöst und die weitere Fortführung des Projektes an Airbus übertragen. 2003 wurde schließlich ein Kaufvertrag über 180 Maschinen im Rahmen der europäischen Rüstungszusammenarbeit unterschrieben und 2008 der Prototyp vorgestellt.

Fast zeitgleich wurde jedoch bekannt, dass die internen Kosten für das Projekt etwa 1,4 Mrd. Euro höher liegen werden als ursprünglich geplant. Gründe sind finanzielle Fehlkalkulationen im Hinblick auf Kosten für verschiedene technische Anlagen, Geräte und Software. Zum Beispiel zeigen Computersimulationen, dass die Propeller des A 400 M bei einem Steilanflug anfangen können zu flattern, was die Flugstabilität gefährdet. Darüber hinaus berichtete die Financial Times Deutschland (FTD) im Januar 2009, dass Airbus wegen der finanziellen und technischen Probleme wie auch auf Grund der zeitlichen Verzögerungen die Realisierbarkeit des Projektes neu zu bewerten beabsichtige. Nach dem im Juli 2009 beschlossenem Festhalten an dem Projekt und dessen Refinanzierung im November 2010 mit 1,5 Mrd. Euro Mehrkosten für die Auftraggeber, wurde der Zeitplan neu überarbeitet und festgelegt – mit einer bisherigen Verzögerung von vier Jahren. Überdies reduzierten mehrere Länder ihre Bestellungen (z.B. Deutschland von 60 auf 53 Maschinen). Dennoch sind die technischen Probleme noch lange nicht gelöst, weswegen 2013/2014 vorerst eine technisch stark reduzierte Version ausgeliefert werden soll, welche dann bis 2018 hochgerüstet wird. Es ist geplant, 2014 die erste A 400 M an Deutschland zu übergeben und in Wunstorf bei Hannover zu stationieren – das nächste Problem steht jedoch bereits bevor: Wegen zu vieler Veränderungen und Umstellungen während der Planung des Militärtransporters stehen momentan noch keine ausreichend ausgebildeten Piloten zur Verfügung.

Dieses Beispiel veranschaulicht sehr deutlich das Zusammenspiel von technischen Problemen, steigenden Kosten und verzögerter Lieferung, welches bei so vielen Rüstungsprojekten aufzutreten scheint. Wie lässt sich dieses Phänomen erklären? Drei häufig vorgebrachte Erklärungsmodelle werden – in stark vereinfachter und zugespitzter Form – im Folgenden vorgestellt.

Erklärung I: Einfache Unfähigkeit
Fehler und Verzögerungen sind das Ergebnis von unsauberer Planung – zeitlich wie auch technisch. Der beauftragte Konzern hat nicht sorgfältig genug gearbeitet und geplant: Defekte hätten mit mehr Akribie vermieden werden können. Die Schuld für zeitliche Verzögerungen liegt daher einzig beim Produzenten.

Erklärung II: Der Auftraggeber ist nicht unschuldig
In den letzten Jahren kam es zu Neubewertungen früherer Entscheidungen seitens der europäischen Verteidigungsminister als Auftraggeber und zu Reduzierung der bestellten Mengen von Maschinen und Geräten. Dies kann als Folge von finanziellen Erwägungen oder auf Grund struktureller Veränderungen der Truppe wie in der Bundeswehrreform zu zusätzlichen Verzögerungen und Mehrkosten führen. Als Folge müssen Kaufpreise mühsam neu verhandelt werden, Zeit- und Abgabepläne neu ausgearbeitet und letztendlich Einigungen abermals erzielt werden. Dieser Prozess der dauerhaften Anpassung verbraucht aber zu viel Zeit, weswegen bereits gefasste Entschlüsse nicht geändert werden sollten – zusätzliche Kosten sind nicht nur Begleiterscheinungen von zeitlichen Verzögerungen, sondern werden vielmehr durch letztere hervorgerufen.

Erklärung III: Gut Ding will Weile haben
Sorgfalt beim Testen des Materials ist unerlässlich – dies nimmt notwendigerweise Zeit in Anspruch. Das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung (BWB) hat den Auftrag, den Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr zuverlässiges Material und Gerät zur Verfügung zu stellen. Daher sei, so der Behördenleiter Harald Stein, "die Einsatzrelevanz von Rüstungsprojekten und somit die Notwendigkeit, Fähigkeitslücken schnellstmöglich zu schließen", entscheidend . Auf Grund der besonderen technischen Komplexität militärischer Geräte benötige deren Entwicklung und sorgfältige Prüfung entsprechend viel Zeit. Insbesondere wegen der Verantwortung den im Einsatz befindlichen Soldatinnen und Soldaten gegenüber müssten manchmal lange Prüfdauern und verzögerte Einsatzfähigkeit in Kauf genommen werden. Dass das Material deshalb "stets über die Belastungsgrenze hinaus bis zum Versagen erprobt" werde, habe sich durch Zuverlässigkeit im Einsatz bewährt. Wenn man sage, der Auftrag des BWB sei "sicheres und zuverlässiges Material unter wirtschaftlichen Bedingungen in angemessener Zeit zu beschaffen" müsse der erste dieser drei Aspekte die Priorität bilden.

Schlussfolgerung
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es keine eindeutige Erklärung für die langsame Umsetzung der Rüstungsvorhaben der Bundeswehr gibt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Wahrheit irgendwo in der Schnittmenge zwischen Fehlern des produzierenden Konzerns, den politischen und militärischen Rahmenbedingungen und den Anforderung an das Material und Gerät seitens der Bundeswehr liegt. Es gilt jedoch auch zu beachten, dass die drei Erklärungsansätze durchaus Schnittpunkte und Wechselwirkungen haben. Zwei von diesen sind von besonderer Bedeutung:

1. Die Materialfehler und technischen Probleme auf Seiten des Produzenten sind nicht alleine auf schlechte Planung zurückzuführen. Die Komplexität und die hohen Anforderungen an das Material machen eine genaue und sichere Entwicklung und Umsetzung nahezu unmöglich. Gemäß des Prinzips "Trial-and-Error" sind Fehler unabdingbar, um militärische Ausrüstung zu verbessern, weshalb selbst die beste Vorausplanung nicht das perfekte Einsatzmaterial hervorbringen kann: Etwas Besseres als näherungsweise Verbesserung ist praktisch unmöglich. Da aber diese stetige Verbesserung der Soldatinnen und Soldaten wegen nahezu abgeschlossen sein sollte, bevor Material zum Einsatz gebracht wird, sind lange Entwicklungs- und Nachbesserungszeiten unumgänglich.

2. Weil Rüstungsvorhaben nicht mit privatwirtschaftlicher Geschwindigkeit durchgeführt werden können, ist ein permanenter Dialog zwischen den Vertragspartnern unumgänglich: Situationen und Einschätzungen ändern sich über längere Zeiträume, was gewisse Nachbesserungen und Anpassungen unumgänglich macht. Dies verlangsamt die Umsetzung von Rüstungsvorhaben zusätzlich.

Abschließend lässt sich daher festhalten, dass Rüstungsvorhaben notwendigerweise eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen – sofern man die Einsatzfähigkeit von technischem Material für die gewährleisten will. Qualitätsprüfung und -gewährleistung müssen auf Grund der Verantwortung der Truppe gegenüber sorgfältig und  ordentlich durchgeführt werden. Dies ist ein Prozess, der nur durch eine enge Abstimmung und Koordination zwischen den verschiedenen Vertragsparteien erreicht werden kann. Wenn es hierdurch gelingt, Fehler frühzeitig zu erkennen, so wird sich dies positiv auf Entwicklungszeit und Kosten auswirken. Die Umstände in den verschiedenen Rüstungsvorhaben der Bundeswehr sprechen dafür, dass hier noch ein großes Verbesserungspotenzial besteht.

Weiterführende Links

Financial Times Deutschland

Süddeutsche Zeitung

Hannoversche Allgemeine Zeitung

Spiegel Online

Europäische Sicherheit

(red)

Bild oben:
Prototyp des Airbus A 400 M.
(Foto: chris via flickr.com)

Bild Mitte:
Zweiter Prototyp des A 400 M.
Aufgenommen bei der Farnborough Airshow.
(Foto: MilborneOne/Creative Commons)

Bild unten:
Den Unterstützungshubschrauber "Tiger" stellte
der Luft- und Raumfahrtkonzern EADS der
Öffentlichkeit erstmals vor zehn Jahren vor.
(Foto: Bundeswehr/Mandt via flickr.com)

Verwandte Artikel
Gesellschaft

Welche Arbeitgeber werden Partner der Reserve 2023?

Seit 2016 vergeben das Verteidigungsministerium der Verteidigung und der Reservistenverband jährlich gemeinsam öffentlichkeitswirksam die Auszeichnung „Partner der Reserve“. Der Preis...

02.12.2022 Von Redaktion
Allgemein

Bundeswehr und Reserve - Newsblog KW 48

Was berichten die Medien in dieser Woche über die Bundeswehr und ihre Reserve? Welche Themen stehen auf der sicherheitspolitischen Agenda?...

02.12.2022 Von Sören Peters
Gesellschaft

Kreativer Adventskalender: Jeden Tag ein Gruß an unsere Soldaten

Gemeinsam durch den Advent grüßen – unter diesem Motto steht der Online-Adventskalender der Initiative „Solidarität mit unseren Soldaten und ihren...

01.12.2022 Von Sören Peters