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Seine Geschichte macht Mut

Robert Müller geht mit seiner Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) offen um. Er hat ein Buch über seine Erfahrungen und Erlebnisse geschrieben. Mit seiner Geschichte möchte er denjenigen Kameradinnen und Kameraden, die ebenfalls psychisch unter den Erlebnissen ihrer Auslandseinsätze leiden, eine Stimme geben und ihnen Mut zusprechen. Man kann es schaffen, ein geordnetes Leben mit dieser Krankheit zu führen, auch wenn der Weg dahin schwer ist.

Robert Müller setzt sich ein für die bessere Versorgung von einsatzgeschädigten Kameradinnen und Kameraden.

Foto: privat

ptbsveteranen

Robert Müller kommt 1998 als Wehrpflichtiger zur Bundeswehr. Er dient bei den Fallschirmjägern, verpflichtet sich ein Jahr später als Wehrdienstleistender für weitere 23 Monate und geht mit seiner Einheit in den Kosovo. Müller bekommt aufgrund seiner Russisch-Kenntnisse eine besondere Aufgabe: Sprachmittler und Infanterist. Was als großes Abenteuer begann, endete in permanenter Anspannung und Stress. Robert Müller trifft auf irreguläre Kräfte, Kriegsverbrecher, auf Tod und Verwundung. „Ich habe viele Leichen gesehen, Gewalterfahrungen gemacht, im Minenfeld verlaufen und Kameraden haben ihren Oberschenkel verloren, weil sie auf eine Mine getreten sind“, schildert Robert Müller. 2002 gehört er dem Vorauskommando ISAF, den ersten Bodentruppen in Afghanistan, an. Er ist dort als Diensthundeführer und Infanterist eingesetzt. Nach wenigen Wochen passiert es: Raketenexplosion. Es ist eine alte russische Boden-Luftrakete. Der Sprengkopf explodiert nach unsachgemäßer Handhabung von Kameraden, die neben ihm sterben. Menschliches Versagen. Robert Müller wird ausgeflogen, operiert und bekommt ein halbes Jahr später die Diagnose PTBS.

Ohne Therapie noch einmal in den Einsatz

Müller mit Diensthund. (Foto: privat)

Damals gab es in der Bundeswehr noch kein Bewusstsein für den Umgang mit psychischen Wehrdienstbeschädigungen. Müller sitzt bei seinem Psychiater im Büro. Beide rauchen eine Zigarette. Der Arzt hielt es für richtig, dass der Einsatzsoldaten ohne Therapie noch einmal in den Einsatz geht. Robert Müller ist 2003 und 2005 ein zweites und drittes Mal in Afghanistan. Er bekommt es wieder mit IEDs zu tun. Die Tätigkeit ist retraumatisierend. „Ich bekam Zitteranfälle und habe gemerkt, dass ich nicht mehr funktioniere“, berichtet Müller. Er leidet unter Schlaflosigkeit, ist unkonzentriert, leicht aufbrausend, aggressiv. „Ich habe mir Möglichkeiten gesucht, mit den Schwierigkeiten, die ich nicht zuordnen konnte, umzugehen“, sagt Robert Müller. Er flüchtet sich von einem Extrem ins andere: exzessiver Sport, Bodybuilding mit Anabolika-Konsum und übermäßiger Alkoholgenuss. Albträume plagen Robert Müller. An vielen Tagen fühlt er sich antriebslos. „Ich bin morgens nicht aufgestanden. Zähneputzen, waschen – wozu? Ich habe mir kaum etwas zu Essen gemacht, abends vielleicht eine kalte Dose Ravioli“, erinnert sich der Einsatzsoldat.

An einem Tag sitzt er allein auf seinem Bett, in sich versunken. Die Flasche Whiskey ist schon halbleer. Der Hund saß neben Robert Müller und stupste ihn an. Der Diensthundeführer stößt ihn zur Seite. Der Hund blieb hartnäckig. Er versucht es immer wieder. Müller packt das Tier und will ihn gegen den Spind schleudern. Der Hund beißt ihn daraufhin in die Hand. „Er hat mir signalisiert: So etwas machst du nicht noch einmal!“, ist sich Müller sicher. Der ausgebildete Hundeführer kommt ins Grübeln und erkennt: Der Hund hat ihm gerade gezeigt, das mit ihm irgendetwas nicht stimmt. „Wir haben ja eine Art Zwei-Mann-Rudel gebildet. Ich als Alphatier und er als Bravo-Wolf. In der freien Natur ist es so, dass der Bravo-Wolf das unterlegene Tier das Alphatier nicht beißt oder infragestellt, außer das Alphatier ist alt oder krank. Das war für mich die Erkenntnis: Moment, so alt bin ich noch gar nicht. Meine Aggression ist Ausdruck der Erkrankung. Dann habe ich den Hund an mich herangezogen, ihn geknuddelt. Mein Diensthund hat mir die Augen geöffnet, dass mit mir etwas nicht stimmt.“, berichtet Robert Müller.

„Das habe ich nicht verstanden“

Er beginnt eine Therapie und stellt fest, mit seiner PTBS-Erkrankung ist er nicht der einzige. Kurz vor seiner Entlassung 2010 trifft Müller seinen besten Freund, der die Raketenexplosion in Afghanistan auch verletzt überlebt hat. Die Bundeswehr hatte diesen Kameraden 2006 ohne Therapie entlassen. Er lebt seitdem als Obdachloser, holt sich seine tägliche Ration an der Tafel. Robert Müller hat das Gefühl, dass die Bundeswehr damals die traumatisierten Kameradinnen und Kameraden im Stich lässt. Es gab kein Gesetz, das Einsatzgeschädigte in der Versorgung hilft, wenn sie aus der Bundeswehr ausgeschieden sind. Dann kam relativ schnell das Soldatenversorgungsgesetz. Dieses legte den Stichtag für die Bedürftigkeit auf den 1. Dezember 2002 und es gab eine zusätzliche Hürde. Man musste eine Wehrdienstbeschädigung (Grad der Behinderung) von 50 Prozent nachweisen können. „Das habe ich nicht verstanden, weil Soldaten schon vor dem 1. Dezember 2002 in Einsätzen verwundet wurden“, kommentiert Robert Müller.

Er fängt an, für eine bessere Versorgung von einsatzgeschädigten Kameradinnen und Kameraden zu kämpfen, veröffentlicht 2012 das Buch „Soldatenglück“. „Das war ein Schritt nach vorn. Vorher hat man sich geschämt, über das Thema zu reden. Ich wollte nicht der Psycho-Typ sein. Ich wollte aufklären und zeigen, dass es uns gibt und dass wir keine Versorgung bekommen“, erläutert Robert Müller. Er tritt im Fernsehen auf, unter anderem zusammen mit Thomas de Maizère in der Sendung „Günther Jauch“. Der damalige Verteidigungsminister gibt Müller recht und räumt Versäumnisse beim Thema Umgang mit PTBS belasteten Soldaten ein. Im gleichen Jahr kamen das Einsatzversorgungsverbesserungsgesetz und das Einsatzweiterverwendungsgesetz. Seitdem hat man als Einsatzgeschädigter Anspruch auf Weiterverwendung und somit Weiterversorgung durch die Bundeswehr. Es gibt keinen Stichtag mehr und der Grad der Behinderung wurde auf 30 Prozent heruntergesetzt. Robert Müller und Verbände wie der Bund Deutscher EinsatzVeteranen haben dazu beigetragen, dass sich Vieles verbessert hat. Es gibt einen PTBS-Beauftragten, eine Lotsenstelle, eine Art Koordinierungsstelle für Einsatzgeschädigte.

Lange und anstrengende Verfahren

Müller im Einsatz. (Foto: privat)

Zu verbessern gäbe es aus Robert Müllers Sicht trotzdem noch einiges, sei es bei der Prävention oder bei den Verfahren zur Feststellung einer Wehrdienstbeschädigung. Die behördlichen Prozesse sind nach wie vor langwierig und können eine zusätzliche Belastung für die Betroffenen sein. Wenn bei einem Soldaten eine PTBS diagnostiziert worden ist, muss ein zweites Gutachten von einem anderen Psychologen gestellt werden. Das heißt, der oder die Betroffene fährt in ein anderes Bundeswehrkrankenhaus und muss sich noch einmal testen lassen. „Das macht etwas mit dem Betroffenen. Nämlich, das Gefühl, man glaubt mir oder den eigenen Ärzten nicht“, erläutert Robert Müller. Allerdings müssen sich die Ärzte an die Verfahren halten. „Es braucht viel Zeit. Es ist nicht leicht, Termine zu finden. Viele Monate verstreichen und man kann nicht mit der Therapie anfangen, weil man noch in seinem Wehrdienstbeschädigungsverfahren steckt. Das Verfahren dauert oft mindestens zwei Jahre. Man kann sich nicht auf eine Therapie einlassen. Meine Forderung: Gib doch dem Versehrten eine vorläufige Anerkennung der Wehrdienstbeschädigung und die Therapie kann er sofort beginnen und es kann nebenherlaufen“, fordert Robert Müller.

Untersuchungen triggern Betroffene

Er kennt die Situation aus eigener Erfahrung. Die Untersuchungen triggern die Betroffenen. Das sei belastend und anstrengend. Diese Soldaten seien in der Regel nicht fahrtauglich. „Es kann vorkommen, dass man frustriert nach Hause fährt, weil man den Grad der Wehrdienstbeschädigung nicht genannt bekommt. In so einer Situation sind Suizidgedanken nicht fern“, weiß Robert Müller. Deshalb sei es wichtig, die Kameraden in diesem Verfahren zu begleiten und ganz nah bei ihnen zu sein.

Müller engagiert sich selbst als Lotse. Er gibt seine Erfahrungen weiter. Er sagt: „Die Therapie hat mir dazu verholfen, dass ich stark genug bin zu erkennen, wann es mir schlecht geht und was ich tun muss, dass es mir wieder besser geht. Ich empfinde es mittlerweile als Bereicherung, mein Leben so sensibel wahrzunehmen. Ich kann nun so etwas wie Schubladendenken weit wegpacken.“ Zu mehr Selbstreflektion verholfen hat ihn auch der Lehrgang Sporttherapie nach Einsatzschädigung. Dabei setzen sich die versehrten Lehrgangsteilnehmer ein persönliches Ziel, das sie erreichen wollen. Robert Müller hat seins vor Augen. Er möchte vom 3. bis 11. Oktober am Marathon de Sable teilnehmen und 280 Kilometer durch die Wüste laufen. Er bereitet sich auf den Ultra-Marathon vor. In der Sahara möchte Müller seinen mentalen Rucksack auspacken und mit vielem abschließen.

Psycho-Soziale Kameradenhilfe des Reservistenverbandes

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